17.01.2007 · Wenn der Schnee uns nicht findet, dann suchen wir eben den Schnee: amerikanische Skigebiete wie Vail sind so gut gebucht wie noch nie. Das schneesichere Resort im Bundesstaat Colorado ist sogar an der Börse notiert.
Von Andreas LestiOben über dem Tal von Vail, an der Mittelstation namens Mid Vail auf über 3000 Metern, pfeift am späten Nachmittag ein eisiger Wind über die Tannen und schleudert winzige Eiskristalle auf die Skibrillengläser. Als würde jemand eine graue Wolldecke über die Hügellandschaft Colorados ziehen, verdunkelt sich innerhalb weniger Minuten der Himmel, die Temperatur sackt in den Keller und dann beginnt es in dichten Flocken zu schneien - fünf Zentimeter - und zu schneien - zehn Zentimeter - und zu schneien - fünfzehn Zentimeter Neuschnee.
Was man in den Alpen seit zwei Monaten schmerzlich vermisst, das passiert in Colorado mit beeindruckender Regelmäßigkeit und oft pünktlich zum Sonnenuntergang: Schneefall. Und vielleicht beobachteten auch Earl Eaton und sein österreichischer Freund Pete Seibert vor genau 50 Jahren, wie sich unter der Last der Schneemassen allmählich die Tannenzweige senkten, als sie in Mid Vail den Entschluss fassten, diese Gegend in ein riesiges Skigebiet zu verwandeln.
An der Wall Street notiert
Es war eine guter Entschluss: Heute sind die Vail Resorts ein erfolgreiches, Wall-Street-notiertes Unternehmen, das mit den Orten Vail, Beaver Creek, Breckenridge und Keystone als beliebtestes und größtes Wintersportgebiet Amerikas gilt: mit 100 Liftanlagen und 600 Pistenkilometern. Logischerweise besitzen sie die Internetadresse www.snow.com - weil hier fast immer perfekter Pulverschnee liegt. Und wenn man in diesem traurigen Alpenwinter zum Vergleich auf die Seite www.schnee.de klickt und dort statt weißen Bergbildern die unscharfen Kinderfotos der Familie Schnee aus Nürnberg betrachtet, dann kann man irgendwie verstehen, warum das mit dem Skifahren in Amerika zurzeit besser funktioniert.
Das denken sich in dieser Saison offenbar viele Skifahrer und Snowboarder. Der in den Alpen bislang kaum vorhandene Winter trieb die Buchungen der Skiurlaube in Nordamerika deutlich in die Höhe. Ein Plus zwischen zehn und 40 Prozent registrierten die Reiseanbieter bei Skireisen nach US-Amerika und Kanada in dieser Saison. Soviel wie noch nie. Vor allem die spontanen Buchungen für Nordamerika schnellen derzeit in die Höhe, bestätigten deutsche Anbieter wie Canusa, Stumboeck und Wingert. Weil Skiresorts wie die Vail Resorts nicht nur Extremskifahrer, sondern auch ganz normale Skiurlauber ansprechen, machten diese mittlerweile den Hauptanteil der Buchungen aus. Und vermutlich tragen all die neuen Gäste durch die Transatlantikflüge zum Klimawandel bei, der sie zu Hause um den Schnee gebracht hat.
Powerday voll Pulverschnee
Im Gegensatz zur Familie Schnee aus Nürnberg stellt sich auf snow.com die Familie Vail Resorts aus Colorado vor: zwei sportliche Eltern (Vail mit den Orten Vail Village und Lionshead) und drei sehr ungleiche Kinder; der älteste, punkrockhörende Sohn Breckenridge, der zweite, viel ruhigere Sohn Keystone und die jüngste und verwöhnte Tochter Beaver Creek. Eine Familie, deren Gemeinsamkeit aus nicht viel mehr bestehen als den Heizanlagen, die unter den Fußgängerzonen verlaufen und den Blizzards, die über die Berge fegen. Man könnte die Vail Resorts aber auch mit der Sportlichkeit St. Antons (Vail), der Noblesse von St. Moritz (Beaver Creek), der Schrillheit Ischlgs (Breckenridge) und der Stille von Serfaus (Keystone) vergleichen. Nur eben, dass in Colorado auch im Winter 2007 jeder schneestürmenden Nacht ein weißglitzernder Tag folgt.
Das ist dann ein "powderday" wie die Amerikaner sagen, mit zwanzig Zentimeter frischem Pulverschnee und Sonnenschein, der in den Augen schmerzt. Wer an einem solchen Tag morgens vom Vail Village in den so genannten Back Bowls auf der baumfreien Rückseite des Skigebietes fährt und durch eine der sieben "Schüsseln" gleitet, wo keine Pistenraupen den Schnee platt walzen, dessen Ski schweben über einen weißen Teppich, und nur die Spitzen tauchen gelegentlich auf. Der Schnee flockt über die Knie auf die Oberschenkel, in den Augenwinkeln zerstäubt er in der klaren Luft. Im "Orient Express", einem der Lifte in den Back Bowls, erzählt dann sogar ein Einheimischer, dass er oft nicht wisse, woher der ganze Schnee kommt. "Da geht man abends um elf ins Bett und es ist sternenklar. Und am nächsten Morgen geht man um acht aus dem Haus und die Sonne scheint - und trotzdem haben wir zwanzig Zentimeter Neuschnee." Er schüttelt den Kopf und es wirkt, als müsste er sich für diese paradiesischen Zustände vor einem deutschen Gast rechtfertigen.
Wer beißt sich schneller durch?
Natürlich liegt die Schneesicherheit auch an der Höhenlage Colorados. Während die meisten Pisten der Alpen unter 3000 Meter Höhe verlaufen, fangen sie in Amerika auf diesem Niveau erst an. In Breckenridge bringt seit einem Jahr der "New Imperial Express Superchair" die Wintersportler sogar bis auf 3914 Meter - das ist höher als jede Gondel in den Alpen. Doch wer hier schroffes, alpines Gelände wie etwa im Wallis erwartet, der wird enttäuscht. Dicht unterhalb des "Peak 8" eröffnet sich der Blick in die über 4000 Meter hohen Rocky Mountains. Er erinnert eher an ein deutsches Mittelgebirge - ein Mittelgebirge mit viel Schnee. Und wenn man dort oben im eisigen Wind steht, der über den Grat auf die verlassenen Pisten ins Tal hinunter weht und die Skifahrer-Nasen zu weißen Eiszapfen schockgefriert, der versteht auch, warum der Ort hier meistens Breckenfridge genannt wird.
Breckenridge ist nicht nur der kälteste, sondern auch der älteste und schrulligste der vier Orte. Das liegt an den Snowboardern und Freeskiern, die dem riesigen Funpark durch den Himmel von Colorado segeln und von MTV gesponsorte Grunge-Bands nach Breckenridge locken. Aber es liegt auch am Ort Breckenridge, der sich auf Zugspitzenhöhe unterhalb der Pisten ausdehnt. Breckenridge ist schon 1861 von Goldgräber gründet worden und die Häuser im viktorianischen Stil erinnert noch an diese Zeit. Doch damit auch die Touristen diesen "historischen Charme" nicht übersehen, fährt sicherheitshalber ein Pferdegespann mit weißer Kutsche auf der Hauptstraße auf und ab. Dabei sind es eher die verschrobenen Bewohner, die an den Goldrausch erinnern: Im Salon trifft man sich noch heute, um ein Whisky oder auch zwei zu trinken und denkt sich nach dem dritten die abwegigsten Dinge aus. Vor ein paar Jahren kam einer auf die Idee, sich durch die Bar zu beißen, und forderte ein wohl auch nicht mehr ganz zurechnungsfähiges Mädchen zum "Wer-beißt-sich-schneller-durch-die-Bar-Wettbewerb" heraus. Das Mädchen willigte ein und zum Entsetzen des Herausforderers gewann es. In der Bar zeugen ein kleiner und ein großer Bissabdruck davon.
Beaver Creek: Ganz ohne Bissabdrücke
So etwas würde man in Beaver Creek niemals tun. Beaver Creek, das ist das glatte Gegenteil von Breckenridge. Hier gibt es keinen Salon, und schon gar keine Bissabdrücke in den Bars. Beaver Creek ist gerade mal 27 Jahre alt und ein einziges, am Computer entworfenes Glitzermeer. Perfekt in den Talkessel hineingebaut und in Einklang mit der Natur gebracht. Auch das Skigebiet hat man damals genau konzipiert und die Breite der Pistenschneißen am Wildwechsel festgemacht. Hier hier findet die Weltcup-Abfahrt statt, die fast so steil wie die Streif in Kitzbühel ist, hier will man gesehen werden und hier wohnt man im Ritz-Carlton, das seit 2002 im Ortsteil Bachelor Gulch steht - erbaut aus viel Stein und Holz, mit einem riesigen Kaminzimmer und einem dampfenden Swimmingpool, der direkt an der Skipiste abschließt.
Und weil die Vail Resorts nicht ohne ein Gegenbild zum Glamour und Luxus in Beaver Creek auskommt, gibt es da noch den Ort Keystone. Der besteht aus Ferienwohnungen, und wer hier Urlaub macht, der will vor allem seine Ruhe haben, will nach einem Skitag auf verlassenen Pisten abends das künstliche Kaminfeuer aufdrehen, will aus dem Fenster in die Nacht von Keystone starren und nach einer Weile feststellen, dass über dem flutlichthellen Ort nur der dichte Schneesturm tobt.
Nur etwas für dekadente Anfänger
Jan Plaß (yoann)
- 19.01.2007, 10:20 Uhr
mehr Details bitte
Simon Pein (shampaign)
- 19.01.2007, 14:51 Uhr