22.12.2006 · Singapur feiert mit dem neunmillionsten Besucher gerade einen Rekord. Trotzdem hängt der Metropole noch immer das Image einer langweiligen Nutzstadt mit rigiden Vorschriften an. Das soll sich nun ändern.
Von Brigitte SchererSingapur will leuchten. Zur Weihnachtszeit schaltet der Staatspräsident selbst die Lichterketten über Tannenbäumen, Nußknackern, Nikoläusen und Rauschgoldengeln in der Innenstadt an, und New York, der Champion der Weihnachtsdekoration, muß sich von diesem Moment an verstecken. Dann schimmern Paradiesvögel und schneebestäubte Sterne in den grünen Baumwipfeln der Orchard Road, während über dem Eingang des chinesischen Kaufhauses Rentiere vierspännig den Schlitten ziehen.
Staunend steht der Besucher in der Tropenhitze vor einem grün und rot beleuchteten Lebkuchenhaus in Übergröße sowie dem turmhohen Christbaum mit Hunderten von Teddybären zwischen den Tannenzweigen. Er sieht, wie zierliche Chinesinnen ihrem Kind im Shoppingcenter ein mit weißem Pelz umrandetes Kleidchen aus rotem Samt anprobieren, samt dazugehörigem Mützchen im Santa-Claus-Design. Auch in den volkstümlichen Fischrestaurants am Strand der Ostküste gehört die rote Nikolausmütze zu den roten T-Shirts der Bedienung zur Weihnachtsuniform. Zum Frühstück im Hotel wird "Stille Nacht" zu Gehör gebracht und beim Shopping "White Christmas".
Markenzeichen Wasser und Grün
Wir befinden uns im Epizentrum einer tropischen Weihnacht, die glitzert wie kein anderes Christfest auf dem Planeten. Allein in die Dekoration der Einkaufsstraßen wurden diesmal hundertfünfundzwanzigtausend Arbeitsstunden investiert. Selbst der Flughafen schmückte sich stimmungsvoll mit blausilbernen Weihnachtskugeln, die in diesen Tagen in Trauben von der Decke der Ankunftshalle hängen. Weihnachten ist die jahreszeitlich korrekte Station auf dem Weg zu dem großen Ziel Singapurs, sich von der in Wirtschafts- und Finanzkreisen geachteten, aber als kalt geltenden Nutzstadt mit ihren rigiden Ordnungsprinzipien in eine begehrte Schöne zu verwandeln: eine richtige Metropole, so kosmopolitisch und glamourös wie London, New York oder Paris.
London mit seinem Big Ben, New York mit der Freiheitsstatue, Paris und der Eiffelturm: Das sind die Bilder, bei denen sich Fun Siew Leng, die Direktorin für Stadtplanung in Diensten der mächtigen "Urban Redevelopment Authority", bei ihrer Power-Point-Präsentation in Rage redet: "Und welches Wahrzeichen haben wir? Was sind wirklich unsere Vorzüge?" Dabei geht es der Stadtplanerin nicht um ein "Landmark"-Gebäude, wie es etwa das Burj als Arab in Dubai ist - denn so etwas könne man in Singapur ohnedies nicht planen, die privaten Investoren entschieden nach ihrem Geschmack. Der zarten jungen Frau im knappen schwarzen Schneiderkostüm geht es um mehr: um Selbstverständnis, oder, praktisch ausgedrückt, um die natürlichen Ressourcen, die bisher übersehen worden sind, nämlich Wasser und Grün.
Apartmenthaus in Form einer Hand
Ausgerechnet Wasser und Grün als "unique selling point" der Betonstadt Singapur? An den Haaren herbeigezogen ist das nicht. Schließlich ist Singapur eine Insel am Äquator, auch wenn man das früher nie wahrgenommen hat. Und das Grün sprießt im feuchten Monsunklima, so man es denn läßt. Schon breitet Frau Leng das Panorama eines Singapur der Zukunft aus, das dem Besucher den Atem stocken läßt und doch in drei Jahren bewohnbar sein soll: eine Stadt der Fußgänger, durch die sich wie mäandernde Flussläufe schattige, grüne Wege von Park zu Park ziehen.
Schon jetzt sind grüne Lungen in der Größe des New Yorker Central Parks auf neu gewonnenem Land rund um den Meeresarm der Marina Bay entstanden, der zur Lagune geschlossen und mit kühnen Fußgängerbrücken zur City hin verbunden wird. In den Parks Kunstwerke, um sie herum Kunstgalerien, Museen, ein Casino. Und weiter: eine Wissenschaftsstadt am alten Raffles Hotel, neue Ferienresorts an den aufgeschütteten Stränden, Vergnügungsparks und Hochwege für Fußgänger über Dschungel und Straßen auf der Insel Sentosa. Und von überall der Blick aufs Wasser und die neuen Schaustücke der Architektur. Ein Collier an Attraktionen, sagt Frau Leng, mit schwimmendem Stadion und einem Apartmenthaus in Form einer geöffneten Hand. Ein Hochhaus in Segelform bietet luxuriöse Eigentumswohnungen, gerade hat der Verkauf begonnen, es werden Spitzenpreise erwartet. Der spektakulärste Schmuckstein aber ist der fußballfeldgroße Wolkenkratzergarten, der wie ein Bügelbrett über den schmalen Dächern dreier Hochhäuser liegt, die sich wiederum nach unten aufklappen wie ein auf den Kopf gestelltes Buch.
„Al Fresco“ heißt das Zauberwort
Wenn man der Stadtplanerin Leng zuhört, wie sie von den jungen Architekten Singapurs schwärmt, die aus alten Shop-Häusern in Chinatown Kleinodien zeitgenössischen Wohnens machen, dann ist die Frage, ob Singapur glamourös und aufregend, kosmopolitisch und liebenswert sein könnte, schon beantwortet. So ansteckend ist diese Begeisterung, daß man sich sofort aufmacht zu den Orten, an denen eine junge Generation der Schönheit zur Macht zu verhelfen sucht, sogar inmitten des alten Betons wie bei der Kaufhaus-Trutzburg Isetan. Ihre Mauern wurden geöffnet, verglast, mit Rolltreppen und Restaurants draußen ans Straßenleben angeschlossen und abends im Lichtdesign effektvoll inszeniert. Vierzig Millionen Singapur-Dollar steckt der Stadtstaat in den nächsten zwei, drei Jahren allein in die weitere Verschönerung der Orchard Road, der in die Jahre gekommenen Einkaufsmeile.
"Al Fresco" heißt im Singapur von heute das Zauberwort. Statt in eiskalten Räumen unter künstlicher Beleuchtung sitzt man unter Bäumen und leichten Dächern draußen, ob am Ufer des Singapore River auf der Terrasse des grandios zum Fullerton-Hotel umgebauten Postgebäudes oder im Garten der ehemaligen Klosterschule, die jetzt ein Gesamtkunstwerk aus Restaurants ist. Beides sind Zentren jenes urbanen Lebensgefühls, nach dem sich Besucher und mehr noch Einheimische von jeher in Singapur sehnten. Hier, am Clarke Quay, ist Singapur tatsächlich die erträumte Synthese von Vergangenheit und Moderne gelungen.
Wie einst im Rivercafé
An vielen Stellen wirkt die Stadt plötzlich kosmopolitisch wie New York. Das elitäre Hotel "New Majestic" in Chinatown könnte auch im East Village stehen mit seiner Lobby-Decke im rohen Shabby Chic, den italienischen Design-Klassikern und der modernen chinesischen Kunst. Der deutsche Laden mit deutschen Spitzenweinen und einem echtem, von Ikea herbeigeschafften Tannenbaum stünde Greenwich Village gut an. Im "Indochine" am Singapore River fühlt man sich wie einst im "Rivercafe" in Brooklyn mit seiner atemraubenden Aussicht auf die illuminierten Wolkenkratzer des Bankenviertels.
Und das soeben nach drei Jahren Umbauzeit wiedereröffnete Nationalmuseum ist New Yorker Museumsgeist pur: cool, lässig und familienfreundlich mit interaktiven Kunstwerken für Kinder und Erwachsene. Im geblümten Sommerkleid mit pinkfarbenem Designertäschchen, den Kinderbuggy mit Sohnemann schiebend, denn es ist Sonntag, führt Museumssprecherin Huziah Yusof diesen ersten Ausstellungort des digitalen Zeitalters vor: kein einziges Schild, statt dessen einen Touchscreen hinter jedem einzelnen Bild.
Die Instant Queen wird kosmopolitisch
Am Image Singapurs änderte das bislang wenig. Bis heute dient internationalen Berichterstattern das - inzwischen überholte - Kaugummiverbot als Symbol des Stadtstaats, dessen Demokratieverständnis zahlreiche paternalistische Vorschriften einschließt. Dafür genießen Singapurs Einwohner den höchsten Wohlstand von ganz Südostasien, Tropenkrankheiten sind ausgerottet, aus der Leitung fließt entkeimtes Trinkwasser. Viereinhalb Millionen Menschen leben hier, befreit von der alten Geißel der Tropen, der Malaria. Man sitzt in der schwülfeuchten Nacht in Erwartung der Moskitos, aber nichts sirrt und summt. Soll man sich darüber erregen, daß stehendes Wasser im Untersetzer des Blumentopfs mit Strafe belegt ist?
Erst ein Vierteljahrhundert nach der Unabhängigkeit von England, Anfang der neunziger Jahre, wurde die Frage nach dem Geist der Stadt gestellt. Singapur war keine Metropole mit asiatischem Charme und westlichem Komfort, sondern eine Instant Queen, die langweiligste Stadt der Welt. Alles war begradigt, entzerrt, abgegrenzt, eingefaßt, alles groß und weit voneinander entfernt. Wie monströse Termitenburgen dräuten die von Tageslicht und Tropenhitze abgeschotteten Betonzentren für die täglichen Bedürfnisse des Lebens aus Grüngürteln und Autobahnringen, Zentren zum Einkaufen und Wohnen, zum Tagen, Arbeiten und Vergnügen.
Schluß mit Schuhschachteldesign
Bis Anfang der achtziger Jahre verdankte Singapur sein Stadtbild der Abrißbirne, die rigoros Platz schaffte für eine Hochhausarchitektur mit Eigentumswohnungen für die Bevölkerung, freilich im Schuhschachteldesign. Selbst die Shoppingmalls boten nur nüchternes U-Bahnhof-Ambiente. Auch die alten Lagerhallen und Geschäftshäuser am Singapore River riß man im damaligen Modernisierungsrausch ab.
Doch wer als Besucher das Singapur von heute nach fünfzehn Jahren zum ersten Mal wiedersieht, staunt überrascht. Und fast glaubt man sogar, der Wunsch vieler junger Singapurer von damals, ihre Stadt müsse sie mitreißen, herausfordern, müsse sich für sie herausputzen, sei schon in Erfüllung gegangen.