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Sextourismus Schwarzer Mann, weiße Frau

Die Bekanntschaften zwischen jungen Einheimischen und älteren Urlauberinnen aus Europa bezeichnet in Gambia niemand als Prostitution. Denn auf beiden Seiten geht es um Sehnsüchte - nach ein wenig Liebe und nach einem anderen Leben.

© picture-alliance/ dpa/dpaweb Vergrößern Das Prinzip von Geben und Nehmen: Zärtlichkeiten am Strand

Der inhaltslose Bestseller mit dem Titel „Runzel-Ich“ scheint ein internationaler Erfolg zu sein. Jedenfalls liegt er dutzendfach auch auf den Strandliegen von Kombo-St. Mary, dem berüchtigten „Afrika-Grill“ in Gambia. Und das Credo des Buches - alt werden und dennoch Spaß haben - wird hier wörtlich genommen: Scharen von jungen, gutgebauten Männern dienen sich hier erheblich älteren, alleinreisenden weißen Frauen an. Grauschopf neben Rastafari-Mähne ist ein gängiger Anblick in den Bars, Restaurants und an den Stränden des Grills, über den sich schon lange niemand mehr wundert.

„Bumster“, Schnorrer, werden die muskulösen Jungs genannt, und sie tauchen überall dort auf, wo es Touristen gibt. Meist sind sie eine Plage, da sie sich ungefragt und mit großer Penetranz als Reiseführer, Besorger von Einkäufen oder Unterhändler an Souvenirständen anbiedern. In vielen Fällen jedoch sind ihre Dienste sehr wohl erwünscht und die Begegnungen mit ihnen der einzige Zweck einer Reise an die Küste Gambias - Prostitution also, doch fällt dieses Wort nicht. Das mag zum einen daran liegen, dass die jungen Männer keine direkte Entlohnung für Sex erhalten. Die Frauen zahlen in der Regel nur das Hotel und die gemeinsamen Essen, kaufen Kleidung, Sonnenbrillen und andere Dinge, die auf der Wunschliste der Herren stehen. Sie finanzieren ein Leben, zu dem die jungen Casanovas auf anderem Wege keinen Zugang haben. Zum anderen widerstrebt offenbar allen Beteiligten die Vorstellung von Männern als reinen Sexobjekten und Frauen als sexuellen Ausbeuterinnen, als skrupellosen Nutznießerin von Armut und Hoffnung.

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Bitterer Schmerz der Zurückweisung

Früher waren die „Bumster“ Jungs aus der Stadt, inzwischen versuchen sich auch die Männer in der ländlichen Gegend am Flirten mit eindeutigem Unterton. Für sie geht es um weit mehr als nur um den Luxus, in die Welt der Weißen einzudringen. Jede neue Frau kann die Erfüllung von Hoffnungen und Träumen bedeuten. Der junge Robert, Zimmerjunge im Hotel Ocean Beach, dessen besondere Methode es ist, die alleinreisenden Damen abends vor ihrer Zimmertür abzufangen und ihnen eine Massage und andere Einschlafhilfen anzubieten, hat für seinen Lebenstraum eine geographische Bezeichnung: Europa. Dabei ist es ihm egal, ob ihn eine weiße Frau heiratet oder nur ein Ticket kauft und ihm hilft, die Barrieren des Schengen-Raumes zu überwinden.

Gambia © F.A.Z. Vergrößern

So deutlich allerdings sagt Robert es nicht. Im „Bumster“-Slang ist in solchen Fällen von „wahrer Liebe“ die Rede, ein Begriff, mit dem sich die Herzen der Frauen offenbar rühren lassen. Allein die Suche nach echten Gefühlen, sagt Robert, treibe ihn in die Arme der weißen Frauen. Bitter aber sei der Schmerz der Zurückweisung, wenn die weiße Frau, nachdem er ihr zwei Wochen lang jeden Wunsch von den Augen abgelesen, sie gewärmt und verwöhnt habe, ohne ihn nach Europa zurückfliege, ihm zwar Geld da lasse, aber nicht genug, um eine Reise nach Deutschland zu finanzieren. Dass ein Schengen-Visum noch kein glückliches Leben garantiert, ahnt Robert nicht einmal. Was er in einem Monat verdient, geben die Weißen an einem Abend im Speisesaal aus, das allein ist sein Maßstab. Heimweh, sagt er, würde er sicherlich haben, und vor dem Schnee fürchte er sich auch, denn andere, die in Europa gewesen seien, hätten ihm erzählt, dass Schnee weh tue.

Bloßen Bettelei allerorten

Obwohl Robert als Alleinverdiener für eine elfköpfige Großfamilie sorgen muss, die in einem Dorf im Osten von Gambia lebt, hat er schon 2000 Dollar gespart - nicht von seinem Lohn, sondern von dem, was die weißen Frauen ihm zustecken. Wie viel das pro Kundin sei? Die Frage macht Robert verlegen. Je ausgeruhter er sei, je älter die Frauen seien, desto mehr bleibe zurück, sagt er schließlich, manchmal 200 Euro. Noch 1000 Euro, und er kann sich ein Visum kaufen.

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Veröffentlicht: 18.06.2007, 06:05 Uhr