Der inhaltslose Bestseller mit dem Titel „Runzel-Ich“ scheint ein internationaler Erfolg zu sein. Jedenfalls liegt er dutzendfach auch auf den Strandliegen von Kombo-St. Mary, dem berüchtigten „Afrika-Grill“ in Gambia. Und das Credo des Buches - alt werden und dennoch Spaß haben - wird hier wörtlich genommen: Scharen von jungen, gutgebauten Männern dienen sich hier erheblich älteren, alleinreisenden weißen Frauen an. Grauschopf neben Rastafari-Mähne ist ein gängiger Anblick in den Bars, Restaurants und an den Stränden des Grills, über den sich schon lange niemand mehr wundert.
„Bumster“, Schnorrer, werden die muskulösen Jungs genannt, und sie tauchen überall dort auf, wo es Touristen gibt. Meist sind sie eine Plage, da sie sich ungefragt und mit großer Penetranz als Reiseführer, Besorger von Einkäufen oder Unterhändler an Souvenirständen anbiedern. In vielen Fällen jedoch sind ihre Dienste sehr wohl erwünscht und die Begegnungen mit ihnen der einzige Zweck einer Reise an die Küste Gambias - Prostitution also, doch fällt dieses Wort nicht. Das mag zum einen daran liegen, dass die jungen Männer keine direkte Entlohnung für Sex erhalten. Die Frauen zahlen in der Regel nur das Hotel und die gemeinsamen Essen, kaufen Kleidung, Sonnenbrillen und andere Dinge, die auf der Wunschliste der Herren stehen. Sie finanzieren ein Leben, zu dem die jungen Casanovas auf anderem Wege keinen Zugang haben. Zum anderen widerstrebt offenbar allen Beteiligten die Vorstellung von Männern als reinen Sexobjekten und Frauen als sexuellen Ausbeuterinnen, als skrupellosen Nutznießerin von Armut und Hoffnung.
Bitterer Schmerz der Zurückweisung
Früher waren die „Bumster“ Jungs aus der Stadt, inzwischen versuchen sich auch die Männer in der ländlichen Gegend am Flirten mit eindeutigem Unterton. Für sie geht es um weit mehr als nur um den Luxus, in die Welt der Weißen einzudringen. Jede neue Frau kann die Erfüllung von Hoffnungen und Träumen bedeuten. Der junge Robert, Zimmerjunge im Hotel Ocean Beach, dessen besondere Methode es ist, die alleinreisenden Damen abends vor ihrer Zimmertür abzufangen und ihnen eine Massage und andere Einschlafhilfen anzubieten, hat für seinen Lebenstraum eine geographische Bezeichnung: Europa. Dabei ist es ihm egal, ob ihn eine weiße Frau heiratet oder nur ein Ticket kauft und ihm hilft, die Barrieren des Schengen-Raumes zu überwinden.
So deutlich allerdings sagt Robert es nicht. Im „Bumster“-Slang ist in solchen Fällen von „wahrer Liebe“ die Rede, ein Begriff, mit dem sich die Herzen der Frauen offenbar rühren lassen. Allein die Suche nach echten Gefühlen, sagt Robert, treibe ihn in die Arme der weißen Frauen. Bitter aber sei der Schmerz der Zurückweisung, wenn die weiße Frau, nachdem er ihr zwei Wochen lang jeden Wunsch von den Augen abgelesen, sie gewärmt und verwöhnt habe, ohne ihn nach Europa zurückfliege, ihm zwar Geld da lasse, aber nicht genug, um eine Reise nach Deutschland zu finanzieren. Dass ein Schengen-Visum noch kein glückliches Leben garantiert, ahnt Robert nicht einmal. Was er in einem Monat verdient, geben die Weißen an einem Abend im Speisesaal aus, das allein ist sein Maßstab. Heimweh, sagt er, würde er sicherlich haben, und vor dem Schnee fürchte er sich auch, denn andere, die in Europa gewesen seien, hätten ihm erzählt, dass Schnee weh tue.
Bloßen Bettelei allerorten
Obwohl Robert als Alleinverdiener für eine elfköpfige Großfamilie sorgen muss, die in einem Dorf im Osten von Gambia lebt, hat er schon 2000 Dollar gespart - nicht von seinem Lohn, sondern von dem, was die weißen Frauen ihm zustecken. Wie viel das pro Kundin sei? Die Frage macht Robert verlegen. Je ausgeruhter er sei, je älter die Frauen seien, desto mehr bleibe zurück, sagt er schließlich, manchmal 200 Euro. Noch 1000 Euro, und er kann sich ein Visum kaufen.
„Gib mir, was aus deinem Herzen kommt“ ist ein „Bumster“-Satz, der zum Standardrepertoire gehört, und jenen, die nichts geben, Herzlosigkeit unterstellt. Wie sehr der Appell ans Gewissen inzwischen der bloßen Bettelei gewichen ist, erfährt man in Gambia allerorten. Kein Dorf, in dem die Kinder Touristen nicht in schönstem Englisch für ein angebliches Schulprojekt begeistern wollen oder für ihr Lebensziel, sportlich, gesund und gebildet zu sein. Gebettelt wird um Bücher, um Fußbälle, um E-Mail-Adressen zum Zwecke des „kulturellen Austauschs“. Lehnt man ab, wird empört gefragt, ob man zu jenen gehöre, die die Rückständigkeit des afrikanischen Kontinents befürworteten. Da braucht ein Musiker eine neue Trommel, und wer sie verweigert, beteiligt sich an der Zerstörung der westafrikanischen Traditionen. Ein junger Mann möchte Medizin studieren, und dass die Weißen ihm nicht helfen, nachdem er ihnen enthusiastisch seinen Wunsch dargelegt hat, Menschenleben zu retten, ist ganz schnell ein Zeichen von Mitleidlosigkeit gegenüber dem Sterben in Afrika.
Enttäuschungen auf dem deutschen Markt
Natürlich ist auch das Sexgewerbe auf Verdrehungen gegründet. Ich möchte deine Freundschaft heißt: Ich biete dir meine Dienste an. Um die Ablehnung dieses Freundschaftsansinnens unmöglich zu machen, werden zum Beispiel ahnungslose Strandspaziergängerinnen ungefragt von einem hübschen Mann begleitet, der die Schönheit des Sonnenuntergangs preist - als sähe man diese nicht selber - und die Frauen mit Kleinigkeiten beschenkt. Eine Muschel, die aufgehoben, eine billige Kette, die aus der Tasche gezogen wird. Die Ablehnung dieser Geschenke ist ein kultureller Fauxpas, die Annahme eine zugeschnappte „Bumster“-Falle. „Möchtest du sehen, wo ich wohne“ ist dann die Einleitung dafür, dass es nun zur Sache gehen kann.
Diskret schauen die meisten anderen Gäste beiseite, wenn weiße Endvierzigerinnen - das ist das Durchschnittsalter der Begleitung suchenden Frauen - abends oder zum Frühstück mit ihrem schwarzen Begleiter im Speisesaal erscheinen. Nur mancher männliche Tourist, dessen äußere Erscheinung weit hinter der Attraktivität des gutgebauten „Bumster“ zurücksteht, lässt sich zu Bemerkungen hinreißen, gerne auch rassistischer Natur. Dass die weißen Frauen sich einen „Neger“ nehmen, weil der „öfter kann“ und „besser ausgestattet ist“, wird eher angenommen, als dass es sich um Frauen handelt, die auf dem deutschen Markt der Partnersuche mit hohem Anspruch wenig Chancen oder viele Enttäuschungen hinter sich haben - und nun in einer Bettenburg in Gambia finden, was ihnen ansonsten versagt bleibt.
Falsche Versprechen und echte Abschiedsküsse
Was sich nachts im Hotel verbindet, sieht tagsüber allerdings oft wie eine peinliche Qual aus. Eine Frau, die sich beim Essen oder am Strand mit ihrem Begleiter unterhält, sieht man selten. Meist sitzen sich die Paare schweigend gegenüber, gefangen in Sprachlosigkeit, getrennt durch kulturelle Gräben, die sich auch durch körperliche Nähe offenbar nicht überbrücken lassen. Warum es beiden Seiten an Neugier auf das Leben des jeweiligen anderen fehlt, wenn man denn schon zusammen die Zeit verbringt, bleibt dem Beobachter unverständlich.
An Mahnungen für beide Seiten fehlt es nicht. Die meisten Reiseführer über Gambia warnen nicht nur vor Aids und anderen ansteckenden Geschlechtskrankheiten, die man sich bei der Lustbefriedigung im Urlaub zuziehen kann. Sie warnen auch vor weitergehenden Hoffnungen. Manche weiße Frau hat ihrem Liebhaber eine Europapassage spendiert, nur um in Deutschland festzustellen, dass der junge Schöne sehr wohl ihr Alter, ihre Runzeln sieht und sich schon bald auf und davon macht. Andererseits hat so manche Reisende dem Mann an ihrer Seite das Blaue vom Himmel versprochen, und noch lange nachdem sie abgeflogen war, wartete er vergeblich auf das Ticket in die goldene Welt. Die meisten Beziehungen enden aber am Flughafen von Banjul, entweder für immer oder bis zum nächsten Jahr. Meist gibt es, unter den feixenden Blicken der anderen Pauschalurlauber in der überfüllten Abflughalle, noch ein paar Abschiedsküsse, sogar Tränen. Und manches Paar geht so schweigsam und fremd auseinander, wie es auch die gemeinsame Zeit verbracht hat.
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