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Seoul : Stadt der zersprungenen Zeit

  • -Aktualisiert am

Was war, was kommen wird, überlagert sich in Seoul. Manchmal schwebt es auch, wie die Kessel vor den Fenstern einer Bar in Gangnam. Bild: Dagmar Schwelle/laif

Glitzerstadt, Boomtown, Trendsetter Ostasiens: Zwei Tage in Seoul, wo Liebesbatterien und Garküchendampf Erinnerungen an die Zukunft wecken

          An der Station „Dongdaemun History and Culture Park“ auf der U-Bahn-Linie 2 in Seoul gibt es weder History noch Culture noch Park. Die U-Bahn spuckt mich auf einer riesigen Kreuzung aus, kein Grün, nirgends, gesichtslose Hochhäuser, eine dicke Baustelle. Hinter den Holzzäunen entsteht, begreife ich schließlich, ein Bau von Zaha Hadid, das wird irgendwann der „History and Culture Park“.

          Erster Tag, gerade angekommen. Müde, verloren in Seoul. Dongdaemun klang wie ein guter Einstieg in diese riesige Stadt. Es ist sehr kalt, obwohl die Frühlingssonne an diesem Nachmittag scheint. Wenn man nicht weiß, wo man ist, kann man sich immerhin nicht verlaufen. Ich gehe in ein Gassengewirr hinein, das hinter den Hochhäusern an der Kreuzung beginnt. Grober, staubiger Beton auf dem Boden, die Geschäfte rechts und links eher Verschläge als Verkaufsräume. Wellblech und Plastik überdachen die Passagen, es ist düster. In einigen Gassen haben Händler ihre Waren vor sich auf dem Boden ausgebreitet, Schuhe für acht Euro, Gemüse, Aquarien, Hühner, ein merkwürdiger Mix. Die Verkäufer hocken so rum und rauchen, ein alter Mann schiebt bucklig einen mit Paletten vollbeladenen Karren vor sich her.

          Das ist also Seoul, die vielgerühmte Glitzerstadt, Boomtown, Trendsetter Ostasiens.

          Das Werbe-Seoul

          Mein Bild der Stadt ändert sich schon in den nächsten Stunden, und natürlich ist der erste Eindruck schwachsinnig. So, wie als Berlin-Tourist als Erstes planlos in einen tristen Neuköllner Kiez zu fahren und danach wie ein Bürgermeister zu denken: Neukölln ist überall. Zugleich ist Dongdaemun die beste erste Station, die ich hätte erwischen können. Denn ja, auf der Kreuzung entsteht ein Bau von Zaha Hadid, ultraschick, durchdesignt. Das ist das Werbe-Seoul. Aber die Wahrheit ist auch, dass die Amerikaner, als sie am Ende des Koreakriegs 1953 die nicht zuletzt durch die eigenen Bomber verursachten Schäden überblickten, zu dem Schluss kamen, Südkorea sei ein Fass ohne Boden. Egal, wie viel Geld man hineinkippe, kurz- und mittelfristig ohne Hoffnung auf Erholung. Absolute Dritte Welt. Dann setzte in den späten sechziger Jahren das rasende koreanische Wirtschaftswunder ein, das diese Einschätzung heute so falsch erscheinen lässt. Es verwandelte Samsung von einem Fischkonserven-Business zum globalen Mega-Touchscreen-Konzern. Die bescheideneren Gegenden, die ärmeren Einwohner von Seoul hat der Boom noch nicht sichtbar erreicht. Und so ist die Gegenwart in dieser Stadt nicht jene haarfeine Linie, die der Sekundenzeiger zwischen Vergangenheit und Zukunft zieht, sie ist in dieser Stadt eher eine Überlagerung all dessen, was war und noch kommen wird. Je länger man in Seoul bleibt, desto intensiver wird dieser Eindruck vermischter Zeiten, desto mehr entwickelt die Stadt dadurch eine rauschhafte Qualität. Alles fliegt durcheinander.

          Da ist zum Beispiel dieser Mann, der sein uraltes Motorrad auf dem Trottoir parkt, eine winzige Maschine, auf der er kaum Platz findet, weil sie begraben wird unter einem Berg aus kunstvoll geschichteten und festgebundenen Pappkartons. Aus Pappe sind auch die Manschetten, die er mit Isolierband um die Griffe des Motorrads geklebt hat, so dass seine nackten Hände nicht im Fahrtwind frieren. Die Haare des Mannes sind ergraut, sein Gesicht braungebrannt und wettergegerbt, er trägt Gummistiefel, eine löcherige Hose und eine zugestaubte Jacke aus grobem Stoff. An den Lenker des Motorrads hat er mit Draht ein kleines Küchenradio gebunden, aus dem ein altmodischer koreanischer Schlager scheppert, ein Song noch aus der Zeit der Diktatur, mit einem Text, der damals Eindeutigkeiten an der Zensur vorbeischmuggelte: „Meine Liebesbatterie wird leer“, singt die Frau, „sie ist zu lange nicht geladen worden, lad sie wieder auf.“ Der Mann pfeift durch die Löcher zwischen den Zähnen, steigt ab und trägt seine Ladung in ein Geschäft.

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