17.10.2010 · Das goldene Zeitaltalter der Atlantikschiffahrt ist lange vorbei, doch mit der neuen „Queen Elizabeth“ sticht ein weiteres Hotel in See. Im Innern des Ozeanriesen wird klar: Den Profit bringt nicht die Erste Klasse.
Von Brigitte SchererEngland ist ein glückliches Land. So viel Begeisterung, so viel Stolz bei der Taufe dieses Kreuzfahrtschiffs vorigen Montag auf den Namen „Queen Elizabeth“. Was alles lässt dieser Name wieder lebendig werden: das mächtige Empire; die Seemacht England; die Transatlantik-Liner, die hier vom Ozeankai in Southampton in die Neue Welt ablegten - auch die „Titanic“ war hier vor achtundneunzig Jahren zu ihrer unheilvollen Jungfernreise nach New York ausgelaufen.
Zweimal trug ein Flaggschiff der Reederei Cunard schon den Namen „Queen Elizabeth“. Das erste Schiff, 1938 getauft, war Star der Atlantikroute, schon damals war die heutige Königin bei der Taufe zugegen; das zweite, die „Queen Elizabeth 2“, die bis vor kurzem über die Meere fuhr, wurde von der jungen Königin im Jahr 1967 getauft. Sie diente im Falklandkrieg zeitweise als Truppentransporter - ein kaum vorstellbarer Nebenjob für ein heutiges Kreuzfahrtschiff. Die beiden „Queens“ repräsentierten immer auch ihr Land - mit dem gleichen Nationalstolz wie später die Luftlinien, als der Staat sie noch als „Flag Carrier“ unterstützte.
Da waren die Ozeanriesen schon Fossilien. 1958 bewältigten zum ersten Mal mehr Passagiere per Flugzeug den Weg über den Nordatlantik, es war das Ende des goldenen Zeitalters der Atlantikschiffahrt. Die italienischen Zwillinge „Michelangelo“ und „Raffaelo“ verschwanden. Die elegante „France“ wurde verkauft und vom Flaggschiff Frankreichs zum schwimmenden Freizeitpark mit Namen „Norway“ umgerüstet. Nur die „Queen Elizabeth 2“ fuhr noch weiter, nun soll sie in Dubai zum Hotelschiff umgebaut werden.
Ein britisches Disneyland
Wer Ende der siebziger Jahre mit der „Queen Elizabeth 2“ von Southampton nach New York übersetzte, gab sich dem alten Großbritannien mit Vorsatz hin, vor allem einem Service wie aus der Feudalzeit, der schon im „Boat Train“ am Bahnhof Waterloo begann. Schon damals fuhren vor allem amerikanische Kunden über die Meere, die den englischen High Tea und den Händedruck des Kapitäns wie ein britisches Disneyland erlebten.
Der Taufe der neuen „Queen Elizabeth“ fieberte ganz Southampton entgegen, denn die „Naming Ceremony“ nimmt die Queen selbst vor. Im „Powder Room“ des „Grand Harbour“-Hotels, das sich auf Vor- und Nach-Kreuzfahrt-Packages spezialisiert hat, tragen aufgeregte Frauen letztes Make-up auf. Früher, sagt eine Dame in Spitzenmini und Stilettos, war man bei royalen Ereignissen nur mit Handschuhen und Hut zugelassen. Aber die Zeiten ändern sich. Und wie sollte man auch den großen Hut im Billigflieger transportieren? Jetzt müssen zwei Federchen und der Paillettenschal reichen, das passt auch ins Handgepäck.
Wie zu einem mittelalterlichen Turnier ist die Arena für die Taufgäste am neuen Ozeanterminal von Southampton aufgebaut. Der rote Teppich, das Spalier der Cunard-Uniformen in Schwarz und Weiß und Gold. Die rotberockte irische Garde paradiert vor blauen Plastikplanen mit der königlichen Krone, eine frische Brise spielt in den weichen Haaren ihrer Bärenfellmützen. Lordbischof, Chor, Dudelsackspieler im Kilt, das ganze Tableau. Das Publikum schmettert „God Save the Queen“. Dann rollt ein brombeerfarbener Rolls-Royce herein. Es entsteigt eine kleine alte Dame in Türkis, die Königin. Sie spricht die alte Taufformel, sie lässt, wie es Tradition ist bei Cunard, eine Flasche weißen Baron de Rothschild am Bug zerschellen. Just unter der Leinwand mit ihrem Bild als strahlende junge Frau im Jahr 1967, wie sie, von ihrem Prinzgemahl begleitet, dem Vorgängerschiff ihren Namen gibt.
Nicht die Erste Klasse bringt das Geld - sondern die Masse
Fast vergisst man darüber das Objekt der Aufregung, das soeben getaufte Schiffsgebirge mit dem eckigen Hochhaushinterteil da, wo die Vorgängerin eine Kaskade hinabschwingender Decks aufbot. Die neue Königin der Meere ist im Plattformprinzip erbaut. Sie besitzt den gleichen Rumpf wie etliche andere Kreuzfahrtschiffe, nur anders dekoriert. Die ausgemusterte „Queen“ war keine Schönheit, hatte aber Charakter. Dicke Teppiche, schwere Vorhänge und Wandtäfelungen vermittelten den Eindruck solider Würde.
Die neue „Queen“ dagegen ist aufgeputzt wie zum Debütantinnenball. Poliertes Holz, geätztes Glas, Ledersessel, gemusterte Teppiche und überall Schnörkel in Braun und Beige. Eigentlich sind die Sessel gemütlich und die Restaurants elegant. Aber es fehlt an Deckenhöhe, an dekorationsfreien Flächen zum Erholen der Augen, an Farbe. Durch ihr Übermaß wirkt die teure Innenausstattung aufgesetzt. Der Luxus der vorigen „Queen“ war die Verschwendung an Platz. Wandschränke und Schubkästen in Hülle und Fülle, in den kleinsten Kabinen der Ersten Klasse noch Kleiderkammern mit fünfzig Bügeln. Abends waren Smoking oder Dinnerjacket Pflicht. Das ist jetzt anders. Den überraschend dezent ausstaffierten Kabinen der neuen „Queen“ mangelt es an Stauraum, aber man zieht sich ja auch nicht mehr so oft um.
Schon bevor man im kleinen Marinemuseum von Southampton die Silhouetten der neuen und der alten „Queens“ gesehen hat, ist klar: Es geht heute nicht mehr um Linienführung, es geht ums Ausnutzen jedes Zentimeters. Wie im Flugzeug ist Platz das Wertvollste an Bord eines Kreuzfahrtschiffs. Wie im Flugzeug nämlich bringt nicht die Erste Klasse das Geld, sondern die Masse. Seit Wochen locken in den Schaufenstern von Southampton Angebote für eine Reise mit der neuen „Queen“, der Preis beginnt bei 499 Pfund für fünf Übernachtungen mit Vollpension.
Der Beherrscher der Ozeane
Zur Tauffeier an Bord aber kann Cunard die Gegenwart noch einmal für einen Moment verscheuchen. Formvollendet der Champagnerempfang im Queen's Room des neuen Schiffs. Galauniformen mit Orden, Black Tie, Abendkleid. Ein leibhaftiger Admiral der britischen Marine bringt einen Toast auf die Königin aus - „Bitte aufstehen, hipp, hipp, hurra“, bevor er die guten alten Beziehungen der Reederei Cunard zur britischen Seestreitmacht feiert, als säße da nicht Micky Arison aus Miami unübersehbar mit am Tisch.
Arison ist der Beherrscher der Ozeane, der moderne König der Meere: Boss des Kreuzfahrtimperiums Carnival, mit 96 Schiffen Weltmarktführer weit vor allen anderen. Längst ist die Reederei Cunard Teil des Carnival-Portfolios, wenn mit drei Schiffen auch nur ein kleiner, so doch ein feiner Splitter des Unternehmens. Obwohl der Kreuzfahrtmarkt in atemraubender Weise boomt, können nur Große im Milliardenspiel um immer neue, immer spektakulärere Schiffe noch mithalten.
Wie jede größere Reparatur, jeder Markteinbruch, jeder Poker um Verträge kleine Unternehmen erschüttert, sehen wir in Deutschland: Insolvenz des Kreuzfahrtveranstalters „Delphin“, Verkauf der „Deutschland“, und noch immer kein neuer Großsegler für „Seacloud Cruises“, weil die Werft des Neubaus pleiteging. Sogar der Reisekonzern Tui wagte sein Comeback als Kreuzfahrtveranstalter nur zusammen mit dem starken Partner Royal Caribbean. Aida Cruises, der deutsche Shootingstar und Marktbeherrscher, wächst unter den Fittichen der Muttergesellschaft Carnival so rasant. Unter den zahlreichen Marken seines Imperiums ist Aida die Lieblingsfirma von Micky Arison, nämlich die profitabelste von allen.
Die Kreuzfahrt als Massenphänomen
Was der mächtige Carnival-Boss mit der neuen „Queen“ vorhat, brachte Cunard-Präsident Peter Shanks auf den Punkt: In aller Höflichkeit Amerikanern, Deutschen und Russen das Geld aus den Taschen zu locken. Cunard besitze den ältesten Namen und die jüngste Flotte, drei „Queens“ mit Namen „Elizabeth“, „Victoria“ und „Mary“. Mit ihnen soll ein neues Zeitalter der Oceanliner beginnen, ein Zeitalter der Nostalgie. Mit der „Queen Mary 2“ klappte das bislang vorzüglich. 16.000 Deutsche waren in diesem Jahr an Bord. Jetzt soll die „Queen Elizabeth“ auf dem deutschen Kreuzfahrtmarkt ebenso erfolgreich ernten. Zum ersten Mal beginnt die Weltreise einer „Queen“ in Hamburg.
Es wird schwer, zu wiederholen, was der „Queen Mary 2“ so fabelhaft gelang. Sie ist ein besonderes Kaliber. Mit ihrem gewaltigen Ausmaß von hundertfünfzigtausend Bruttoregistertonnen ist sie fast doppelt so groß wie die „Queen Elizabeth“. Drei Stockwerke hoch ist das Hauptrestaurant der „Mary 2“, und spektakulär dazu. Die kleinen Grills für die Bewohner der Suiten präsentieren sich im Gegensatz zur „Elizabeth“ in schlichter Eleganz. Außer ein paar wild gemusterten Teppichen auf den öffentlichen Plätzen wirkt alles gediegen und modern zugleich. Meisterhaft wird an Bord der „Mary 2“ der Mythos der Atlantikliner präsentiert, wie ein Mantra des Marketings. Auch „Elizabeth“ soll die Familiensaga aus dem Hochadel der britischen Atlantikschifffahrt rekapitulieren: mit Büchern und Fotos, mit Filmen und Videos, im Buchladen und der Bibliothek. Ob man sie ihr ebenso abnehmen wird wie ihrer großen Schwester „Mary“?
An der strahlenden Zukunft der Kreuzfahrt insgesamt jedoch gibt es kaum Zweifel. Schon wieder ein zweistelliges deutsches Wachstum in diesem Jahr. 1,2 Millionen Deutsche zog es aufs Wasser, knapp die Hälfte verbrachte den Urlaub auf einem Schiff der Aida-Flotte. Und Aida Cruises wuchs wieder mal doppelt so schnell wie der Markt. Michael Thamm, Aida-Präsident und Sprecher des Deutschen Reiseverbands beim Thema Schifffahrt, sieht ein neues Zeitalter: nach Pauschal- und Fernreise jetzt die Kreuzfahrt als Massenphänomen. Kreuzfahrten haben keine Kunden, Kreuzfahrten haben Fans, geht die Rede in Tourismuskreisen. Kein Schiff biete, was es noch nicht im Hotel gegeben habe, bemerkte dazu Tui-Vorstand Karl Pojer, ein Hotelfachmann. Das zeigt: Die Konkurrenz an Land ist alarmiert.
Die Paläste des Meeres um die Jahrhundertwende verkörperten den Triumph über Naturgewalten. Der Kreuzfahrer heute sucht Multitasking: auf hoher See alles wie an Land, unterwegs sein und gleichzeitig wie zu Hause - aber bitte mit Meerblick.
Die "neue Queen Elizabeth" !?
K. Peter Luecke (microplan2002)
- 18.10.2010, 22:14 Uhr
Mit der Queen Mary 2 dachte ich:
Johann Schulz-Gebeltzig (johannsg)
- 20.10.2010, 18:04 Uhr