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Schiffe versenken Die letzte Schlacht des Commodore Dewey

30.09.2010 ·  Die „USS Olympia“ in Philadelphia ist das älteste stählerne Kriegsschiff der Welt und ein einzigartiges Zeugnis für Amerikas Aufstieg zur Weltmacht. Doch jetzt droht ihr der Untergang - aus dem profansten Grund: Es fehlt Geld für den Unterhalt.

Von Roland D. Gerste
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Zwei Messingplatten, in der Größe und Form menschlicher Füße, die Schrift längst abgewetzt, weil im Laufe der Jahrzehnte Abertausende von Besuchern sich auf die Markierung am Rand des Oberdecks stellten, quasi in die Fußstapfen der Geschichte: An genau diesem Punkt stand ein Mann und wurde Zeuge einer der schicksalsschwersten Wendemarken in der Geschichte seines Landes: Commodore George Dewey verfolgte von hier aus die Ereignisse in der Bucht von Manila am 1.Mai 1898. Die von ihm befehligte Schwadron besiegte innerhalb weniger Stunden die feindliche Marine im kurzen Spanisch-Amerikanischen Krieg von 1898 vor der Hauptstadt der Philippinen. Dewey mochte allenfalls geahnt haben, dass mit seinem Erfolg aus den bis dahin im internationalen Mächtekonzert kaum präsenten, für die Kabinette in Europa nach wie vor etwas abgelegenen Vereinigten Staaten plötzlich eine Weltmacht wurde. Und noch signifikanter war, dass die Amerikaner, die sich seit der Entstehung ihres Landes aus einer Revolte gegen das britische Mutterland als Vorkämpfer des Antikolonialismus verstanden hatten, plötzlich selbst zu Kolonialherren wurden.

Als Ergebnis von Deweys Sieg und ähnlich schnellen Erfolgen in Kuba verschwanden die letzten Reste des spanischen Weltreiches. Die Philippinen, Guam und Puerto Rico kamen unter amerikanische Oberhoheit, und auch auf Kuba gab man von nun an den Ton an. Noch heute sind Puerto Rico und die kubanische Enklave Guantánamo als Konsequenz des Krieges von 1898 amerikanisches Territorium.

Ein Schiff als Riff?

In Commodore Deweys Fußstapfen werden die Besucher indes nicht mehr allzu lange treten können. Die Markierung befindet sich auf seinem Flaggschiff, dem Kreuzer "USSOlympia", dem bedeutendsten historischen Artefakt aus dem folgenreichen, aber im Bewusstsein der Öffentlichkeit weithin vergessenen Krieg von 1898. Die "Olympia" liegt seit mehr als einem halben Jahrhundert als schwimmendes Museum auf dem Delaware River in Philadelphia, seit 1996 ist sie Teil des Independence Seaport Museum. An diesem, einem der größten maritimen Museen der Vereinigten Staaten, nagen erkennbar der Zahn der Zeit und der Biss der Krise. Nicht nur die Buchstaben an der Außenfassade legen davon im Zustand des Vergilbens Zeugnis ab. Gravierender noch ist, dass die Mittel zum Unterhalt der "Olympia" längst versiegt sind. Der Zustand des Schiffes, äußerlich in seiner hellbraun-weißen Bemalung pittoresk anzuschauen, ist heute kein Sinnbild des Aufstieges zur globalen Macht, sondern eher eine Parabel von Verfall und Niedergang.

Dieses älteste noch schwimmende, stählerne Kriegsschiff der Welt nimmt an seinem Liegeplatz Wasser auf, durch seine Decks frisst sich der Rost. Zehn Millionen Dollar würde eine fachgerechte Restaurierung kosten. Alle zwanzig Jahre, so sagen Schiffskonservatoren, gehört ein historisches Fahrzeug zur Überholung ins Trockendock - bei der "Olympia" geschah dies zuletzt 1945. Wenn nicht ein Wunder geschieht, wird das schwimmende Museum am 22. November für Besucher geschlossen. Zu den derzeit angestellten Überlegungen gehört auch, dieses stählerne Zeugnis amerikanischer Geschichte als künstliches Riff im Meer zu versenken.

Ein Schiff als Museum!

Es sei das Grundproblem praktisch aller Museen in Nordamerika, dass allein aus Eintrittsgeldern der Betrieb kaum noch aufrechterhalten werden kann. In Pennsylvania, das die Wirtschaftskrise mit voller Wucht getroffen hat, ist es schwierig, Sponsoren zu finden, vor allem solche, die Millionen spenden. Dass es möglich war, die "Olympia" trotzdem so lange der Öffentlichkeit zugänglich zu machen, ist zahlreichen kleineren Sponsoren und vielen freiwilligen Helfern zu verdanken. Wer heute das Schiff betritt, wird auf detailgetreu restaurierte Mannschafts- und Offiziersquartiere stoßen, sieht Exponate, die den Verlauf des Krieges ohne schwülstigen Patriotismus erläutern. Und man kann über die Decks wandern, die eine Intimität ausstrahlen, wie sie auf jenen Kolossen in den Seefahrtsmuseen mit Schwerpunkt auf dem zwanzigsten Jahrhundert niemals aufkommt: auf Flugzeugträgern wie der "USS Yorktown" in Charleston und der "USS Midway" in San Diego; oder auf Schlachtschiffen wie der "USS New Jersey", die in Sichtweite der "Olympia" liegt, auf der anderen Seite des Delaware River in dem Staat, der dem Schiff den Namen gab und der, leicht unwillig, für den Unterhalt aufkommt.

Diesen Rettungsanker eines fürsorglichen Paten hat Deweys Flaggschiff nicht. Denn die "Olympia" trägt den Namen der Hauptstadt des Bundesstaates Washington, knapp viertausend Kilometer entfernt an der Pazifikküste gelegen, an der man wenig Sinn für den Schiffsveteranen in Philadelphia hat. Es scheint, als offenbare sich hier eine Kehrseite der uneingeschränkten Führungsposition zur See, die Amerika spätestens seit dem Zweiten Weltkrieg ausübt: Kaum eine Stadt oder ein Bundesstaat will momentan einen weiteren, einst für Steuermillionen erbauten Giganten haben und unterhalten. Der 2007 außer Dienst gestellte Flugzeugträger "USS John F. Kennedy" zum Beispiel soll, wie jüngst bekanntwurde, in Portland in Maine vor Anker gehen und dort zum Museum werden - ein Projekt, das in der Stadt auf wenig Gegenliebe stößt. Den Achtzigtausend-Tonnen-Giganten wünscht man sich überall hin, nur nicht an Portlands Uferpromenade, für die sei der Koloss einfach zu groß, heißt es. Und ein anderer Flugzeugträger, die "USS Oriskany", ist schon als künstliches Riff im Golf von Mexiko versenkt worden. Vielleicht bekommt er bald die "Olympia" als Nachbarn.

Information: Independence Seaport Museum, Penn's Landing, Philadelphia, Telefon: 001/215/ 4138655, www.phillyseaport.org. Täglich geöffnet von 10 bis 17 Uhr. Eintritt: Erwachsene 12 Dollar, Senioren 10 Dollar, Kinder 7 Dollar. Zu dem Museumskomplex gehört neben der „USS Olympia“ noch das aus dem Zweiten Weltkrieg erhaltene U-Boot „USS Becuna“, das von Menschen mit Platzangst eher von außen besichtigt werden sollte. Nicht zu dem Museum gehört das direkt hinter der „Olympia“ liegende, aus dem Jahr 1904 stammende Segelschiff „Moshulu“, das als Restaurant und Bar genutzt wird.

Quelle: F.A.Z.
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