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Sardinien Smaragdener ist das Wasser nirgendwo

27.06.2007 ·  Zwischen Teufelstöter und Wildschweinjagd zeigt sich Sardinien von seiner lyrischen Seite. Nacktbaden, idyllische Cafés und und Wildpferde mit verlorenem Blick lassen Felix Römer schwärmen.

Von Felix Römer
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Meine liebe Wiener Freundin, wenn Du wüsstest, wie schön es auf Sardinien ist - vor allem jetzt, wenn die Zitronen blühen! Und schon wieder ohne Dich. Wochenlang habe ich diese Insel von meinem Sofa aus bereist, mit Landkarte und einem alten Baedeker aus dem Jahre 1926, wie ich das so gerne mache, wenn man vor lauter Trübsinn den Berliner Winter nicht mehr aushält. Ich hatte schon wieder so eine Sehnsucht nach dem Meer und stellte mir all die schönen Strände vor, wo sich im Sommer die Schönen und Reichen tummeln, und habe mir im Geiste schon manchen Wildschweinbraten auf der Zunge zergehen lassen, um ihn mit einem kräftigen Schluck vom roten Cannonau hinunterzuspülen.

Meine Liebe, schon lange nicht mehr hat mich meine Phantasie so kläglich im Stich gelassen. Es war nämlich alles noch viel schöner. Eine Stunde nach meiner Ankunft war ich auch schon im Wasser, in dem noch kühlen, aber herrlich erfrischenden. Und natürlich gleich an der Costa Smeralda, denn ich wollte wissen, ob diese Küste auch ihren Namen verdient. Glaub mir, sie heißt zu Recht so, und smaragdener ist das Wasser nirgendwo. Ich bin einen schmalen Schotterweg entlanggefahren, Richtung Cala Liscia (das darfst du jetzt wirklich niemandem weitersagen!), von dem Du an die schönsten Strände hinabspazieren kannst. Wäre vor ein paar Wochen ein Strandmacher zu mir nach Hause gekommen, um mich nach meinem Idealstrand zu fragen, ich hätte ihn so beschrieben, wie ich ihn hier vorgefunden habe.

Ein offenes Café findest du überall

Kleine, leicht oval geschwungene Buchten mit einem feinkörnigen, in zartrötlichen Farben leuchtenden Sand. Herrlich knorrige, vom Wind gekrümmte Pinien schützen Dich gegen die Sonne, und zwischen Ginster, Wacholder und kleinen Lorbeerbäumen kannst Du Dein Mittagsschläfchen halten. Und wo im Sommer sicher nicht nur die Sarden wie die Sardinen liegen, ist jetzt niemand. Ich kam mir schon wie Robinson Felix Caruso vor, als ich, meiner Kleider entledigt, ein Nacktbad genoss und dann zum Trocknen im Sand immer auf und ab lief, und vor lauter Glück einfach immer singen musste.

Jetzt höre ich Dich schon fragen, wo ich dann meinen Kaffee getrunken habe, wenn sich noch bis in den Frühsommer hinein Fuchs und Hase gute Nacht sagen. Meine Liebe, ein offenes Café findest du überall, selbst in den kleinsten Dörfern. Nimm das in Porto Cervo. Im Hochsommer liegen dort die teuersten Yachten der Welt. Jetzt kannst du die Boote an einer Hand abzählen. Nach meinem Sonnenbad habe ich den Kaffee im berühmten „Il Portico“, auf der Piazzetta mit feinem Meerblick, getrunken. Ein Platz, wo sich zur Hochsaison eine Nobelboutique neben die andere reiht. Die Hauptkundschaft in den meisten Cafés an der Küste sind in der Vorsaison Bauarbeiter.

Wie Neapel, nur kleiner, steiler und ohne Camorra

Denn gebaut wird vor allem jetzt, damit die gestressten Multimillionäre im Sommer vom Hämmern und Sägen nicht nervöser werden, als sie eh schon sind . . . Allein der täglichen Spektakel der sardischen Bauarbeiter wegen hat sich die Reise schon gelohnt. Bei denen könntest auch Du Dir Deine Melancholie in kürzester Zeit fortlachen. Stell Dir ein Lokal vor, wo sich ein Dutzend alter und junger lavoratori zum Feierabend dem Po-und-Schenkelklatscher-Spiel hingeben. Ja, Du hast richtig gehört. Einer schleicht sich mit Unschuldsmiene an den anderen heran, um dann plötzlich mit offener Handfläche ganz fest auf den Po oder die Oberschenkel des vor ihm Stehenden zu klatschen. Treffer. Das alles unter großem Gejohle und Gelächter der anderen.

Habe ich Dir schon erzählt, dass ich mich in Cagliari verliebt habe. Glaub mir, hier war ich nicht zum letztenmal. Stell Dir Neapel vor, nur kleiner, steiler und ohne Camorra, und nicht wie Rom auf sieben, sondern auf zehn Hügeln. Was für eine Landschaft! Auf der einen Seite die endlosen Salzlagunen, auf der anderen drachenschuppige Hügel, die ganz nah ans Meer rücken. Ich weiß auch schon, wenn Du das nächste Mal mitkommst, was ich mehr als alles hoffe, wo wir nächtigen werden. Im „Aurora“, einem liebevoll renovierten Palazzo, wo wir gut und günstig schlafen können und Du Dich nur zwischen den Zimmern mit freigelegtem alten Mauerwerk in Form von Halb- oder Vollmond entscheiden musst.

Auf die Melancholiker dieser Welt anstoßen

Leider war das Vollmondzimmer schon besetzt, dafür habe ich im Halbmondzimmer einen schmalen Balkon mit gusseisernem Gitter und alles luftig und zur Piazza hinaus. Gegenüber liegt die Markthalle. Da muss ich Dir am Morgen den Pferdefleischhauer zeigen. Wie der die Filets runterschneidet! So dünn und zart, von einem Pferdeoberschenkel, dessen Größe mich zum Staunen brachte. Und kein Gramm Fett dran. Was soll ich Dir sagen, am selben Tag zur Mittagszeit - nach der Besichtigung von Kathedrale und Torre dell'Elefante (keine Details bitte, ich bin kein Baedeker) - bin ich hungrig wie ein Wolf in mein Bistro gegangen. Ausgerechnet heute gab's als Tagesgericht - richtig geraten - cavallo.

Also habe ich auf Zuraten des vertrauenerweckenden Kellners ein Pferdesteak bestellt. Meine Liebe, denk nicht schlecht von mir. Zum erstenmal in meinem Leben habe ich so ein Pferdesteak gegessen. Aber ich habe nicht vor Lust gewiehert. Das Pferd schmeckte nämlich wie ein Rind. Ein zähes aber. Die nächsten Tage habe ich wieder Nudeln gegessen. Stell Dir vor, im „Caf Antico“, im ältesten Café Cagliaris und einem der ältesten Italiens überhaupt, traf ich auf eine sardische Ausgabe von unserem Herrn Hawelka. Im Unterschied zu seinem berühmten Wiener Kollegen hat dieser statt eines weißen ein rosa Tuch bei sich, das er bei wenig Betrieb, wie zum Zeichen seiner Kellnerwürde, über der Schulter trägt. Bei ihm habe ich den ersten Cannonau meines Lebens bestellt und auf Dich und alle anderen Melancholiker dieser Welt angestoßen. Jung war er und tiefrot, und ich schmeckte Erdbeeren und Himbeeren heraus. Cannonau! Gibt es einen schöneren Namen für einen Wein? Und er trinkt sich genauso gut, wie der alte Kellner ihn beim Einschenken ausgesprochen hat.

Kleinwüchsige Wildpferde mit verlorenem Blick

Warum sind seine Gäste nur so entspannt? Weil er selber, so reime ich es mir zusammen, in seinem drahtigen Körper immer in Hochspannung ist. Denn im Nebenraum, einem holzgetäfeltem Extrastüberl, servierte nämlich ein jüngerer, ein rundlicher, ein langsamer Kellner, und ich bilde mir ein, seine Gäste waren im Vergleich zu uns, auf der überdachten Veranda, tatsächlich nervöser und fahriger; kurz: einfach nicht so glücklich. Da hatte ich aber schon das dritte Glas Cannonau getrunken. Und wie Du mich kennst, habe ich in diesem Caf, wo schon Grazia Deledda und D. H. Lawrence saßen, in Deleddas Roman „Canne al Vento“, „Schilf im Wind“ gelesen, wofür sie 1926 den Nobelpreis für Literatur bekommen hat.

Endgültig abgewöhnt habe ich mir das Pferdefleischessen übrigens, als ich für einen Tag in die Giari di Gesturi hinausgefahren bin. Ein höchst bemerkenswertes Naturreservat, das wie ein riesengroßer Basalttisch auf einer Vulkanebene thront. Dort hatte ich das Glück, die kleinwüchsigen Wildpferde zu sehen, die Cavallini della Giara. In knietiefen Wassertümpeln stehen sie vor Dir mit verloren wirkendem Blick. Glaub mir, danach lässt Du Dir von keinem Kellner der Welt mehr ein Pferd servieren; weder ein kleines wildes noch ein großes, gezähmtes.

Schnauben und Seufzen

Auf dem Weg zu den Wildpferden hatte ich ein hübsches Erlebnis in der Dorfkirche von Tuili. Ich betrete das Gotteshaus, schlage ein Kreuzzeichen und höre auf einmal ein Lachen. In einer Kapelle entdecke ich fünf Schulkinder mit ihrer Lehrerin beim Religionsunterricht. Sie sitzen vor einem selten schönen, spätgotischen Retabel des Meisters von Castelsardo. So wie der Erzengel Michael mit dem Teufel kämpft, so musste ich mit dem Lachen kämpfen, und je näher ich dem Teufelstöter in den roten Schuhen kam, umso mehr glucksten die Schüler. Mit dem rechten Fuß steht er stolz und siegessicher auf der grünen Brust des Teufels, kurz davor, ihm seine Lanze in das Maul zu rammen. Wie ich die langen, grünen Brustwarzen des Teufels bemerkte, wo aus der linken Warze grüne Haare sprießen, schaue ich zu der Klasse, und ich sage Dir, ein lauteres und herzlicheres Lachen gab's in einer Kirche schon lange nicht mehr. Vergelt's Gott, sage ich nur. Wäre mein Italienisch besser gewesen, am liebsten hätte ich mich zu ihnen gesetzt und dem Unterricht bis zum Ende gelauscht.

Aber dieser Tag sollte noch einige andere Überraschungen für mich vorrätig haben. Nach Teufelstöter und Wildpferden bekomme ich auch noch Wildschweine zu sehen, mitten auf einer steil abfallenden Serpentinenstraße. Ich also aus dem Auto raus bei laufendem Motor und angezogener Handbremse, schnappe den Fotoapparat, schaue durch den Sucher und sehe das Schwein nur noch laufen. Ich also dem Schwein hinterher. Die Straße hinab. So ein Schnauben und Seufzen habe ich lange nicht gehört. Von dem Schwein wohlgemerkt. Denn es schien um sein Leben zu rennen, dabei wollte ich es doch nur fotografieren. Immer wieder drohte das Schwein auf der glatten Fahrbahn auszurutschen, ja, wie ein Eisläufer kam mir das Schwein bald vor, weil sein Hinterteil auf der leicht abschüssigen Straße die Vorderbeine schon überholen wollten. Ich dachte, gleich bricht es mir auf offener Straße zusammen. Aber nicht das Schwein gab auf, sondern ich. Und als gäbe es keine besseren Kletterer im Tierreich, ließ sich mein Schwein elegant einen Abhang hinunter.

Für einen Augenblick keine Angst vor dem Altern

Nach dieser Verfolgungsjagd bekam ich einen Bärenhunger, es ging ja schon gegen Abend zu, also machte ich Rast in einem kleinen Berggasthof. Und weil die sardische Mama nur ein Gericht hatte, aß ich eben, was auf dem Tisch kam. Und was kam? Richtig! Wildschweingulasch. Mit Oliven und Lorbeerblättern. Noch jetzt läuft mir das Wasser im Mund zusammen, wenn ich dran denke. Ja, wer so viel läuft! Oh, du zartschmeckendes Rennschwein Du! In der Ecke sitzt die sardische Mama mit ihrem Mann vor dem Fernseher, und sie rätseln leidenschaftlich bei einer Rateshow mit. Meine Liebe, für einen Augenblick hatte ich keine Angst vor dem Altern, und nach dem dritten Cannonau wanke ich leicht, aber beschwingt die Holztreppe hoch in mein Zimmer. Ein heller Mond steht am Himmel. Die Luft ist bergfrisch, und es ist still, und die Stille hatte etwas Ewiges. Beglückt schlafe ich ein, ich sehe die Pferde im knietiefen Wasser stehen, das Wildschein im Schweinewald den Hang hinuntertanzen und höre Dein Wildschweinherz höher schlagen.

Fahren wir morgen nach Nuoro? Schauen uns das Geburtshaus von Grazia Deledda an, oder willst Du lieber mit mir auf einer Nuraghen-Festung herumkraxeln, von denen es unzählige auf der Insel gibt? Wir können auch hinunter zur Costa Rel und dort ein Bad nehmen. Meine Liebe, bis Ende Mai gehört die Insel uns beinahe allein. Also komm! Ich will nicht mehr wie die Italiener sagen: Sono io, also ich bin ich. Nein, ich möchte alle Sarden sagen hören: Una bella coppia, was für ein schönes Paar . . .

Quelle: F.A.Z., 21.06.2007, Nr. 141 / Seite R9
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