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Russland : Gott hilft manchmal, Wodka immer

Als lehre die Geschichte nichts: das große Lenin-Denkmal vor dem Rathaus aus UdSSR-Zeiten im Herzen von Jekaterinburg. Bild: picture-alliance / dpa/epa

Sie wurde von Zaren erbaut und von Zarenblut befleckt. Sie ist raubtierkapitalistisch und realsozialistisch, kampfeslustig und melancholisch, sündhaft und gottesfürchtig. Das alles ist Jekaterinburg: eine wunderbar paradoxe Stadt, ein russischer Schicksalsort.

          Vater Maxim hat einen schwarzen Gürtel in Karate, einen Vizeeuropameistertitel im Schwergewicht und zwei Pranken zum Bärenerwürgen, doch er liebt den Frieden auf Erden und wünscht ihn allen Menschen. Er liebt auch seine Frau und seine fünf Kinder und seine Abertausende Schäfchen und natürlich Gott, den Allmächtigen, und von allen spricht er so zärtlich, als habe ausnahmslos jeder einen Ehrenplatz in seinem Herzen, als wolle er am liebsten mit jedem einen Wodka auf die Liebe trinken. Aber die Gottlosen, die liebt er nicht, und wehe, sie kommen ihm in die Quere. Dann schüttelt Vater Maxim, dieser fünfunddreißigjährige Hundertfünfunddreißigkilokoloss mit Knopfaugen, Pferdeschwanz, Rauschebart und Falstaff-Wampe im höllenschwarzen Priesterrock, blitzschnell all seine Sanftmut ab, als sei er eine Schmeißfliege, und lässt seine Stimme zum Donnergrollen anschwellen. Sodom und Gomorrha sei die westliche Welt, des Teufels seien ihre Sünder und geistige Mörder ihre Kirchen, schon allein deswegen, weil sie die Homosexualität nicht verdammten und sogar schwule Priester duldeten – Herr im Himmel, was lässt du geschehen, hast du uns verlassen?, rumort es aus Vater Maxim, der mit flehender Wut den Blick zu seinem Gebieter hebt und sich rasch dreimal bekreuzigt, als sei ihm Satanas ganz dicht auf den Fersen. Und dann, als habe ihn Gott erhört und ihm besänftigend seine himmlische Hand aufs Haupt gelegt, beruhigt sich Vater Maxim genauso schnell und lächelt jetzt wieder so versonnen wie ein Cherubin aus der Superschwergewichtsklasse.

          Jakob Strobel y Serra

          stellvertretender Leiter des Feuilletons.

          In Jekaterinburg kennen alle Vater Maxim, den Popen der Kathedrale auf dem heiligen Blut, der so viele Widersprüche in sich vereint wie sein Heimatland und erst recht seine Heimatstadt. Kaum irgendwo sonst wird Russlands Schicksalslaunenhaftigkeit so sichtbar wie in seiner drittgrößten Stadt, dieser riesengroßen Geschichtströdeltruhe, in die alle Epochen ihre Hinterlassenschaften hineingeworfen haben wie Spielzeug aus Überdruss. Jekaterinburg ist ein anarchisches Durcheinander aus alten, verrunzelten Holzhäuschen mit verschwenderischem Schnitzwerk und einer Patina schwermütig wie bei Gogol, strahlenden Palästen aus Zaren-Zeiten von fast schwebender Klarheit, stalinistischem Klassizismusplüsch in Zitronengelb und Pfirsichrot mit Stuckschmuck wie aus Baisér, wurmstichigen Plattenbauten voller Rostbeulen und Schimmelflecken, Luxusappartements und Hochhäusern aus Glas und Stahl im Universalgeschmack der Globalisierung – verspottet in ihrer modischen Vergänglichkeit von der zeitlosen Schönheit Dutzender Gebäude im Bauhausstil, einem Stadion in Form eines Schiffes, einem Postamt in Form eines Traktors, denn Stalin war nicht nur ein begeisterter Zuckerbäcker, sondern auch ein Freund des fortschrittlichen Minimalismus.

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