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Reiseberichte Einmal um den Blog

23.10.2006 ·  Blogger gelten als Aufklärer des Internets, niemandem außer der eigenen Wahrheit verpflichtet. Reisefirmen machen sich den Ruf der Szene zunutze, indem sie Bloggern deren Reiseberichte bezahlen. Und plötzlich trieft das Lob nur so aus dem Bildschirm.

Von Philip Kuhn
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Früher hätte man so einen Satz auf keine Postkarte geschrieben: "Ich bin in Hanoi und schwitze wie ein Schwein", klagt "Alex Brown" auf "travelblog.org", wo Reisende von unterwegs berichten. Hier oder bei "travelblog.ch" finden sich hunderter solcher Einträge. Dabei wollen die Reiseblog-Betreiber meist kein Geschäft machen. Bei "travelblog.org" zum Beispiel darf jeder schreiben, ein paar Anzeigen decken die monatlichen Kosten.

Zahlen müssen die Blogger auch bei "travelblogs.com" nichts. Allerdings will man hier nur Beiträge von "hoher Qualität, die unsere literarisch gebildeten Leser ansprechen", heißt es auf der Website. Veröffentlicht werde nur, was den Lektoren gefalle. Denn diesen Betreibern geht es darum, ein Geschäft zu machen: mit Texten, die zu den Anzeigen passen. Was nach der Auswahl übrig bleibt, klingt nach Katalogen: So wird laut Bloggerin "Eve" in New York "die Sonne zu einem orangenen Ball, der sich langsam hinter den Hochhäusern senkt." Und in Bergamo, schreibt "Lisa", sind die "Straßen still und glänzt die Stadt wie Sonnenlicht auf dem Meer."

Die Grenze zur Werbung verwischt

Auch beim deutschen "reise-weblog.de" schreiben nur Ausgewählte - und werden im Gegenzug an den Anzeigeneinnahmen beteiligt. Wie unscharf dabei zwischen Werbung und redaktionellem Inhalt getrennt wird, kann man zum Beispiel bei "Wolfgang" nachlesen. Der war kürzlich in Dubai und findet, daß die TUI dort ein tolles Hotel im Angebot hat. Ein anderer empfiehlt "Kärnten - Natur pur" und erwähnt nebenbei, daß HLX ab sofort günstig dorthin fliegt: "Sie müssen nur noch buchen."

HLX hat als wohl bislang einziges deutsches Reiseunternehmen erkannt, daß sich die Authentizität von Reiseweblogs für Werbung eignet. Seit etwa einem halben Jahr können die HLX-Kunden auf der Website des Billigfliegers von ihren Erlebnissen in Catania, Paris oder Bilbao schreiben. Ziel des sogenannten "Urlaubsblogs" sei es, die Seite bekannter zu machen und die Identifikation der Kunden mit dem Unternehmen zu erhöhen, sagt HLX-Pressesprecher Herbert Euler. "Bei uns sollen sich die Kunden aufgehoben fühlen."

Es klingt wie im Katalog

Beim Konkurrenten Germanwings hat man die Idee eines Blogs schnell wieder verworfen. Man wolle die Seite hochwertig halten, erklärt der Pressesprecher Matthias Burkart, und nicht ungeprüft Inhalte übernehmen. Außerdem unterscheide sich die Kundschaft beider Billigflieger: Bei Germanwings gebe es mehr Business-Reisende und für die sei ein Blog uninteressant.

Daß HLX ungeprüft Texte übernimmt, ist angesichts einiger im "Urlaubsblog" veröffentlichter Beiträge aber zweifelhaft. Manche Geschichten klingen nämlich wieder nach Katalog: "Wer in seinen Ferien faul am Strand liegen und sich die Sonne auf den Pelz brennen lassen will, für den ist Valencia genau der richtige Ferienort. Herrliche Badestrände bis zum Abwinken", schreibt "Naddel69", laut Selbstauskunft "Zahnarzthelferin in Hannover" mit der Lieblingsbeschäftigung "einkaufen". Die meisten HLX-Blogger aber wollen Bilder zeigen: "Tali77" hat in Paris den Eiffelturm, Sacre Coeur und den Louvre, "Davidibastide" in Marseille einen verrosteteten Citroen 2CV und ein Poster von Zinedine Zidane fotografiert.

Beste Grüße, Dein Sohn

Wie lustig hingegen Reisegeschichten jenseits geschäftlicher Interessen klingen können, ist bei "Simon Says" auf "travelblog.org" nachzulesen. Der erzählt, wie er in Kasachstan eine Art Gewissensprüfung ablegen muß, bevor er an einer Bar bestellen darf: "Der Barkeeper fragt mich, ob ich Lehrer, Tourist oder Terrorist sei oder sonstige Probleme mit der Polizei habe. Ich habe gesagt, ich bin katholisch und komme aus Irland." Und beim Schweizer Blogger "Sam", der auf "travelblog.ch" über seine Erlebnisse in Kirgisien schreibt, lernt man, daß ein Reiseblog eben doch wie eine Postkarte klingen kann: "Liebe Mutter, ich ernähre mich ausgewogen. Bloß rauche ich zuviel, weil es manchmal verdammt sozial ist, das Rauchen. Beste Grüße, Dein Sohn."

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 22. Oktober 2006
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