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Mittwoch, 19. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Reise nach Natal Weihnachten in Weihnachten

 ·  Ein besinnlicher Strandurlaub im Dezember? Womöglich gar am Heiligen Abend? Kaum ein Ort eignet sich besser dafür als Natal im nordöstlichen Zipfel Brasiliens.

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© Norbert Franchini Natal hat viel Sand zu bieten, auch am schönsten Strand in Ponta Negra. Im Hintergrund liegt die höchste Düne der Stadt, der „Morro do Careca“, eines der Wahrzeichen von Natal.

Der Stern weist den Weg. Wer unter seinem Schweif hindurch fährt und dabei das freundlich lächelnde und sich huldvoll verneigende Triumvirat einfach rechts liegen lässt, erreicht wenig später „Weihnachten„. Der Weg nach Natal wäre aber auch ohne die überlebensgroßen Gestalten und ihren in Stahlbeton gegossenen „Stern von Bethlehem“ kurz vor der Stadtgrenze kaum zu verfehlen: Natal liegt nämlich fast am äußersten nordöstlichen Zipfel Brasiliens, und damit gut 2500 Kilometer von der Hauptstadt Brasília entfernt, was der Strecke zwischen Frankfurt und Moskau entspricht. Nur Touros, 90 Kilometer nördlich von Natal, kommt auf dem südamerikanischen Festland dem afrikanischen und europäischen Kontinent noch ein wenig näher. (In Zeitzonen gerechnet trennen uns gerade einmal vier Stunden vom Norden Brasiliens.)

Die ersten interkontinentalen Besucher des neuzeitlichen Reichs der Heiligen Drei Könige kamen auf Schiffen und übers Meer. Unter ihnen war Anfang des 16. Jahrhunderts sogar Amerigo Vespucci, nach dem später die gesamte „Neue Welt“ benannt wurde. Fast 100 Jahre lang blieben die Ureinwohner danach noch wieder unter sich, nur einige französische Piraten nutzten den heimeligen Ort am Horn Südamerikas als Stützpunkt und trieben zugleich regen Handel mit dem Volk der Tupi an der Mündung des Potengi-Flusses. Erst Ende des
16. Jahrhunderts eroberten die Portugiesen schließlich auch diesen Küstenabschnitt, der ihnen vermeintlich längst zustand.

Die längste Schrägseilbrücke Südamerikas als neues Wahrzeichen

Sogleich begann Jerônimo de Albuquerque Maranhão unter dem Kommando von Manuel de Mascarenhas Homem und im Auftrag von Gouverneur Francisco de Sousa am 6. Januar 1598 mit dem Bau einer Festung. Die Namen der handelnden Personen sind an dieser Stelle nicht weiter von Belang, das Datum ist es aber schon. Genauso wie der 25. Dezember 1599: Der Weihnachtstag gilt als das offizielle Gründungsdatum jener kleinen Siedlung, die sich anfangs großspurig „Stadt der Könige„ („Cidade dos Reis„), später „Cidade do Natal“ nannte. Beide Namen erklären sich natürlich nur durch die zwei besonderen Daten in der Geschichte der Stadt, denn Natal selbst blieb über viele Jahrzehnte nicht mehr als ein kleiner Marktflecken.

Noch 1810 zählte der Engländer Henry Koster gerade mal 600 Einwohner, zudem drei Kirchen und ein Gefängnis. Nach weiteren 100 Jahren des Dahindämmerns wurde die Stadt 1916 schlagartig ins 20. Jahrhundert katapultiert: Die Brücke „Ponte de Igapó“ verband „Weihnachten“ plötzlich mit dem Norden des Landes und damit irgendwie auch mit dem Rest der Welt.

Inzwischen erhebt sich über den Potengi eine erst fünf Jahre alte gigantische Stahlkonstruktion: Auch die „Ponte Newton Navarro“, eine der längsten Schrägseilbrücken Südamerikas, gehört mittlerweile zu den Wahrzeichen Natals. Eigentlich soll die Brücke die Stadt mit dem noch zu bauenden neuen internationalen Flughafen „São Gonçalo do Amarante“ verbinden. Spätestens im für das Land so wichtigen Jahr 2014 sollen im Norden der Stadt die ersten Flugzeuge starten und landen. Derzeit aber ist an eine fristgerechte Fertigstellung auch dieses Großprojekts nicht zu denken, dazu später mehr.

Der kahlköpfige Berg ist inzwischen gesperrt

„Natal feliz!“ sagt der Brasilianer, was zwar auch mit „glückliches Natal“ übersetzt werden kann. Im Portugiesischen wird „Feliz Natal!“ aber fast ausschließlich als Segenswunsch in der Adventszeit verwendet und bedeutet nichts anderes als „frohe Weihnachten“. Nun ist das brasilianische Natal zwar eine stolze Stadt der Weihnacht, und es gibt auch einschlägige Geschäfte, die ganzjährig Christbaumkugeln und anderen Tand verkaufen, doch im jeweils neuen Jahr verschwinden die Lichterketten an den Palmen und Gummibäumen genauso wie die zahllosen roten Weihnachtsmann-Zipfelmützen, die sich die Einwohner im Dezember gerne überziehen – trotz der sommerlichen Temperaturen von gut 30 Grad.

Natal ist auf Sand gebaut. Seit langem schon ist das Wahrzeichen eine 107 Meter hohe Düne am Strand von Ponta Negra, einem südlich vom Zentrum gelegenen Stadtteil. Noch vor einigen Jahren durfte der „Morro do Careca“, der kahlköpfige Berg, bestiegen und sogar mit einem der vor allem lauten Strandfahrzeuge, „Buggy“ genannt, befahren werden. Doch der Schaden für das fragile Natur-Monument war zu groß, die Stadt sperrte das Gebiet.

Umweltschutz nach Jahren der Abholzung

Natal legt wert auf den Umweltschutz. Eine weitere Besonderheit ist der „Parque das Dunas“, der Dünen-Park, ein 1172 Hektar großes Areal, das zu den ältesten Naturschutzgebieten des Landes gehört. In dem zugleich zweitgrößten Stadtpark Brasiliens finden sich auch noch Reste des atlantischen Regenwaldes (“Mata Atlântica“), der einst (und zwar größtenteils bis weit ins 20. Jahrhundert hinein) über die gesamte brasilianische Ostküste bis hinab in den Süden nach Argentinien und Paraguay reichte. Von den einmal 1,3 Millionen Quadratkilometern Regenwald in Brasilien, das entspricht 15 Prozent der Landesfläche, sind höchstens 95.000 übrig geblieben.

Noch in den neunziger Jahren wurden 5000 Quadratkilometer abgeholzt und damit eine größere Fläche als damals im gesamten Amazonas-Gebiet, um Platz besonders für Zuckerrohr-Plantagen zu schaffen. Im Norden des Landes ist kaum etwas übrig von dem atlantischen Tropenwald, der alleine 23.000 verschiedene Pflanzenarten beherbergt, von denen 40 Prozent nirgendwo sonst existieren. Nicht anders sieht es bei den gut 2200 Tierarten aus – vor allem Vögel, Amphibien, Fische, aber auch Säugetiere. Umso bedeutender ist der Schutz der verbliebenen Flächen gerade auch in einer Stadt wie Natal.

Mindestens 14,6 Grad Celsius

Die Hauptstadt des brasilianischen Bundesstaates Rio Grande do Norte ist trotz aller Sanddünen eine erstaunlich grüne Stadt. Während im Hinterland die Bauern in diesem Frühsommer ihre Kühe notschlachten müssen, weil sie vor lauter Dürre kein Futter mehr finden, gibt es an der Küste noch genügend Regen, fast immer in Form kurzer, heftiger Schauer. Zudem sorgt ein steter Wind vom Atlantik her für ein vergleichsweise angenehmes Klima. Und für eine besonders gute Luft: Eine Studie der amerikanischen Raumfahrtbehörde Nasa will festgestellt haben, dass Natal die sauberste in ganz Nord- und Südamerika hat. Dank der lauen Brise steigen die Temperaturen selten über die 34-Grad-Marke, die niedrigste jemals gemessene Temperatur betrug am 3. Juni 1973, also mitten im Winter, 14,6 Grad Celsius.

Überhaupt ist der Himmel über Natal der blaueste in ganz Brasilien, nirgendwo sonst scheint das Meer grüner, ist das Wasser wärmer, der Sand weißer, die Dünen höher und die Brise, die ständig vom Ozean herüberweht, erfrischender. Trotzdem ist Vorsicht geboten: Die Sonne brennt unweit des Äquators unerbittlich – in Natal mindestens 300 Tage im Jahr. Wie erbarmungslos die Sonne ist, erkennt man schnell an den Touristen, die zum ersten Mal in die Stadt und an ihre Strände kommen. Trotz aller Warnungen lassen sie sich von der nicht allzu hohen Lufttemperatur täuschen und färben sich meist innerhalb weniger Stunden glühend rot.

Grüne Stadt - grüne Politik

Eine Stadt, die sich dem Naturschutz verschreibt, musste auch in anderer Hinsicht grün werden – als erste in Brasilien. Micarla de Sousa von der Partei der Grünen wurde am 1. Januar 2009 Bürgermeisterin von Natal. Der Journalistin half bei ihrer Wahl, dass sie zum einen die Tochter eines ehemaligen Senators ist, zum anderen die Frau eines der Eigentümer des Fernsehsenders TV Ponta Negra, an dem sie selbst ebenfalls beteiligt ist. Doch in nur drei Jahren verspielte die Grünen-Politikerin jegliches Ansehen und wurde laut Umfragen in Natal zum unbeliebtesten Stadtoberhaupt aller Zeiten. Die Einwohner gingen schon 2011 auf die Straßen und protestierten gegen ihr Verbleiben im Amt. Da sie sich zudem an Geldern für das Gesundheitssystem der Stadt bereichert hatte, wurde die Zweiundvierzigjährige wegen Betrugs Ende Oktober vom höchsten Gericht im Staate Rio Grande do Norte abgelöst.

Nun sind Korruption und Selbstbereicherung zwar noch immer gang und gebe unter brasilianischen Politikern. In Natal aber hatte zugleich die Misswirtschaft der Bürgermeisterin derart negative Folgen, dass sie sich überall in der Stadt auswirkte. Straßen wurden nicht mehr repariert, Müll nicht mehr regelmäßig abtransportiert, selbst das 2008 mit Stolz eröffnete Bauwerk im Stadtpark ist nicht mehr als eine leer stehende Hülle. Dabei stammt der markante Entwurf vom berühmtesten Architekten des Landes, Oscar Niemeyer, der zwischen 1957 und 1964 Brasiliens neue Hauptstadt gestaltet hatte.

„Natal ist größer als seine vielen Löcher.“

Auch der 64 Hektar große Park drum herum, benannt nach dem ehemaligen Erzbischof der Stadt, Nivaldo Monte, besteht vor allem aus Sanddünen und dient vornehmlich als Grundwasserreservoir. Niemeyers 30 Meter hohes Gebäude sollte als Aussichtspunkt mit einem Restaurant und einer Ausstellung über die Stadtgeschichte und ihre Bemühungen in Sachen Umweltschutz Besucher anlocken, doch fehlt spätestens seit 2011 das Geld für seine Vollendung. Die ist nun ebenfalls für 2014 geplant – das wäre gerade noch rechtzeitig zur Fußball-Weltmeisterschaft in Brasilien.

Die Fast-Millionen-Metropole Natal ist einer der Austragungsorte des sport-lichen Großereignisses. Und die Stadt ist besonders stolz darauf, auch wenn ihre Bürger derzeit mit Hohn und Spott auf die vielen Baustellen blicken. Trotzdem geben sich die meisten zuversichtlich und halten es mit dem vielzitierten Satz des Journalisten Albimar Furtado: „Natal ist größer als seine vielen Löcher.“ Allen Unkenrufen zum Trotz scheint zumindest das Stadion noch rechtzeitig fertig zu werden.

Für die neue „Arena das Dunas“ für 45.000 Zuschauer musste Platz geschaffen werden. So wurde nicht nur das 40 Jahre alte Machadão-Stadion abgerissen, auch der „Carnatal“, dessen Route entlang des Stadions führte, musste verlegt werden. Zu der ganz und gar unweihnachtlichen Veranstaltung Anfang Dezember kommen jedes Jahr eine Million Menschen. Laut Guinness-Buch der Rekorde ist das vor allem musikalische Treiben der größte Straßen-Karneval der Welt, der außerhalb der eigentlich närrischen Saison stattfindet. Beim „Carnatal“ schlängeln sich, fast wie früher bei der deutschen Love Parade, Wagen durch die Straßen. Auf den Wagen treten Brasiliens berühmteste Sänger und Musikgruppen auf, unter ihnen Ivete Sangalo oder Chiclete com Banana.

„Potiguares“ – die Garnelenesser

Natal plant sogar eine U-Bahn bis 2014. Und auch das alte Hotel „Internacional dos Reis Magos“ unweit der ebenfalls nach den Heiligen Drei Königen benannten Festung, das seit 1995 leer steht, soll rechtzeitig zur WM seine Türen wieder öffnen. Die einst noble Herberge, 1965 als erstes größeres Hotel überhaupt in der Stadt mit großem Spektakel eingeführt, gilt als Symbol für den gesamten Tourismus in Rio Grande do Norte. Es ist durchaus eine Erfolgsgeschichte, auch wenn der Bundesstaat noch immer weniger als ein Prozent zum brasilianischen Fremdenverkehr beiträgt. Gut zwei Millionen Touristen zieht es dabei alleine nach Natal, die zu den sichersten Städten Brasiliens zählt mit dem geringsten sozialen Ungleichgewicht. Weniger als zehn Prozent ihrer Einwohner leben unter der Armutsgrenze.

In Natal – vor allem Ponta Negra – und seiner näheren Umgebung, etwa im Süden rund um das einstige Hippie-Paradies Pipa, finden sich einige der schönsten Strände Brasiliens. Und auch eine der Haupternährungsquellen der Menschen in Rio Grande do Norte, die ihnen sogar ihren Namen gibt. In großen Becken werden die Meeresfrüchtchen (“Camarão“) gezogen, die man in Natal in schier ungezählten Variationen mit diversen Saucen und für wenig Geld essen kann. Ihnen verdankt sich bis heute der Name für die Menschen am Potengi-Fluss, der von den Ureinwohnern der Region, den Tupi, stammt: „Potiguares“ – die Garnelenesser.

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Jahrgang 1967, Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

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