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Portugal : Zechende Klosterbrüder, frivole Kirchgänger und ein erschütterter Dichterfürst

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Das Gesicht Lissabons: Manchmal schmücken die bemalten Kacheln ganze Häuserfassaden. Bild: AFP

König ManuelI. lernte auf einer Reise nach Andalusien 1498 die kachelgeschmückten Paläste der Mauren kennen und bestellte gleich zehntausend Fliesen. Seither ist Lissabon ohne seine Azulejos unvorstellbar. Doch die Stadt geht sträflich mit ihrem Erbe um.

          Besser kann man sich nicht auf Lissabon einstimmen als vor diesem monumentalen Gemälde: Mehr als tausend kobaltblau bemalte Kacheln vereinen sich zum dreiundzwanzig Meter langen "Grande Panorama de Lisboa". Vor drei Jahrhunderten ist es entstanden und zeigt die portugiesische Hauptstadt, wie sie vor dem verheerenden Erdbeben von 1755 aussah. Die sieben Hügel der Stadt, die Kirchen, Paläste und Wohnhäuser sowie vierzehn Kilometer des Tejo-Ufers sind darauf wiedergegeben. Nirgendwo sonst findet man eine so detailgetreue Darstellung des alten Lissabon - ein fragiles historisches Dokument, das die Zerstörung wie durch ein Wunder überlebt hat. Die Perspektiven innerhalb des Bildes wechseln, die Proportionen stimmen nicht immer, aber die markanten landschaftlichen Strukturen und die wenigen, vom Erdbeben verschonten Bauwerke sind deutlich zu erkennen. Lissabon, das ist offensichtlich, hat sich mit dem Wiederaufbau grundlegend verändert. Und doch hat es in seinem Kern bis heute viel von jenem bürgerlich-feudalen, bisweilen fast dörflich anmutenden Charme bewahrt, den das Kachelpanorama so akribisch und liebenswert, wenn auch etwas dilettantisch illustriert.

          Das Bild ist eines der Schmuckstücke im Museu Nacional do Azulejo, das die Entstehung und die Geschichte der Kachelmalerei dokumentiert. Die verschachtelten Räume des ehemaligen Klosters Madre de Deus beherbergen erlesene Exemplare portugiesischer Kachelkunst, und man könnte sich tagelang in diesem Labyrinth verlieren, um die manchmal alltäglichen, manchmal geheimnisvollen Bildergeschichten zu entziffern. Lebensart, Kultur, Denkweisen, Religion und Mythen eines halben Jahrtausends sind hier dekorativ in Szene gesetzt - mit menschlichen Figuren, Tieren, Blumen und geometrischen Ornamenten, mit ländlichen Idyllen, bürgerlichem Leben, höfischen Zeremonien, Jagdszenen und Schlachtengemälden, mit biblischen Geschichten, antiker und mittelalterlicher Mythologie sowie didaktischen Anweisungen zur Geometrie und Astronomie. Ausgestellt sind einzelne Raritäten aus der Frühzeit der Kachelkunst, perfekt komponierte Kachelmuster aus allen Epochen, Wandgemälde und Treppenaufgänge aus Klöstern und Kirchen, Zimmer- und Küchenschmuck aus Adelspalästen und schließlich auch Werke zeitgenössischer Künstler wie Maria Helena Viera da Silva, Maria Keil, Querubim Lapa und Eduardo Nery. Es ist eine hinreißende Sammlung blauweißer und bunter Fliesenmosaike.

          Siegeszug dank Fayence-Technik

          Die Liebe der Portugiesen zu den Azulejos begann mit einer Reise. Als König ManuelI. im Jahr 1498 Kastilien und Andalusien besuchte, entzückten ihn die fliesengeschmückten Paläste der Mauren so sehr, dass er gleich mehr als zehntausend Kacheln bestellte, um damit seinen Sommerpalast in Sintra bis in den letzten Winkel hinein zu dekorieren. Das war der Anfang einer Obsession, die im Laufe der Jahrhunderte zunächst den Adel und die Geistlichkeit, später auch das Bürgertum erfasste. Wurden zunächst nur Innenräume ausgeschmückt, so griff das Azulejo-Fieber nach und nach auf Gartenanlagen und die Fassaden von Kirchen, Palästen und Wohnhäusern über. Die Fliesenmalerei wurde zur Kunst im öffentlichen Raum, Lissabon eine verschwenderisch dekorierte Stadt.

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