Home
http://www.faz.net/-gxj-77wgh
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER

Portland, Stadt der Hipster Bart, aber herzlich

Von Hippies und Hipstern: Wir fahren nach Portland in Oregon, wo das alte Amerika auf eine junge Subkultur trifft.

© picture alliance/AP Vergrößern Wohin wir auch gehen, ob nach Berlin-Neukölln oder Williamsburg, New York - wir sind immer schon da. Gefangen in einer Endlosschleife von Abgrenzungsversuchen. Auf der Hawthorne Bridge in Portland

Wir fahren nach Portland, in die Stadt der Hipster, weil wir nicht anders können. Wir sind relativ jung, verdienen relativ wenig Geld, hören relativ coole Musik, sind oft dagegen (Turbokapitalismus), hin und wieder dafür (Bio-Essen, Homo-Ehe). Prinzipiell sind wir aber unentschieden. Besser: Wir sind uns der Ambivalenzen gesellschaftlicher Modernisierung bewusst. Dass wir zum Beispiel irgendwo hinziehen, weil es billig ist, und dann ist es teuer, weil das Viertel angesagt ist. Wegen uns.

Man nennt uns Hipster, wir selbst würden uns nie so bezeichnen. Hipster, das sind die anderen. Also Leute wie wir. Und das ist genau unser Problem: In welches Viertel wir auch gehen, ob Berlin-Neukölln oder Williamsburg, New York - wir sind immer schon da. Gefangen in einer Endlosschleife von Abgrenzungsversuchen.

Also auf nach Portland. Dort versteht man uns wenigstens. Portland liegt im nordwestlichen Teil der Vereinigten Staaten, in Oregon. Die Stadt hat 500.000 Einwohner, bei guter Sicht blickt man auf den schneebedeckten Mount Hood, der Pazifik ist nicht weit und der nächste Biosupermarkt um die Ecke. Das muss man den Hippies lassen, die in den Siebzigern aus San Francisco kamen, weil es ihnen da zu voll wurde mit ihresgleichen auf LSD und auch zu teuer.

Auch der Comiczeichner Craig Thompson wird uns später von einem Tross erzählen, der auf der Suche ist - und sei es nur nach billigem Wohnraum. Wir sind mit Thompson verabredet, in der Division Street auf der anderen Seite des Flusses. Deshalb steigen wir in der Innenstadt mit ihren mittelhohen Hochhäusern in einen Bus. Die Straßen sind numeriert und im Schachbrett angeordnet. Sind sie nicht numeriert, heißen sie „Lovejoy“ oder „Flanders“, wie die beiden besonders religiösen Figuren aus den „Simpsons“. Der Erfinder, Matt Groening, stammt aus Portland. Wieder ein Pluspunkt: Wir lieben Zitate und Referenzen.

Und dann klingelt ein iPhone

Der Bus überquert den Willamette River. Auf der anderen Seite erstreckt sich wilder Osten, Hipster-Gefilde, steht im Lonely Planet. Als niemand hinguckt, hieven wir uns die tonnenschwere Sonnenbrille ins Gesicht. Wir wollen nicht eitel rüberkommen. Der Bus hält an der Division Street, wir sehen Holzhäuser mit Veranda und Vorgarten in Reihe, amerikanische Vorstadt. Aber es ist anders als in den Kulissenstädten amerikanischer Filme, wo hinter dem nagelscherenbeschnittenen Rasen der Wahnsinn zu Hause ist. An der Division Street sind vielmehr Bars, die lokal gebrautes Bier anbieten, es gibt mehr als 50 Mikrobrauereien in Portland. Und die Vintage-Shops verkaufen nicht bloß Teile aus den zwanziger, sechziger und achtziger Jahren, sondern schon Blousons und Riesenshirts aus den Neunzigern.

23741462 © Eva Berendsen Vergrößern Craig Thompson zeichnet

Im Café „Stumptown“ fragen wir uns, welcher von den vielen Rauschebärten wohl der von Craig Thompson ist, die kreative Klasse findet Bärte gerade gut. Doch ein glattrasiertes Gesicht kommt auf uns zu, stellt sich als Craig vor und führt uns an den Tresen, wo ein Mann mit bunt tätowierten Unterarmen Kaffee in einem gläsernen Dekanter zubereitet. Eine fast vergessene Methode, grummelt der Kaffeetyp durch das Dickicht seines Bartes und sieht zu, wie braunes Gebräu durch einen Riesenfilter tropft. „Ein Typ aus Deutschland hat das in den zwanziger Jahren erfunden.“ Kommt sofort in unser kleines schwarzes Notizbuch. Craig Thompson wählt trotzdem Cappuccino.

1 | 2 | 3 | 4 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Nadine Angerer Die Weltfrauenfußball-Vorkämpferin

Nadine Angerer fordert für die WM 2015 bessere Kunstrasenfelder – und will das gemeinsam mit anderen prominenten Spielerinnen notfalls vor Gericht durchsetzen. Die Weltfußballerin hat bei ihrem Auslandsaufenthalt in Portland an Persönlichkeit gewonnen. Mehr

11.08.2014, 09:12 Uhr | Sport
Kampagne in Washington Polizei fühlt sich von Twitter behindert

Nach Amokläufen oder Anschlägen gibt es in den sozialen Netzwerken schnell viele Informationen. Für Ermittler kann das zum Problem werden. Deshalb richtet sich die Polizei von Washington mit einer Bitte an die Bevölkerung: Erst nachdenken, dann twittern. Mehr

15.08.2014, 17:45 Uhr | Gesellschaft
Vorbild „Vice-Magazin“ Die Ironie macht alle gleich

Das Magazin „Vice“ berichtet über Greueltaten in Syrien wie über die Folgen einer Alkohol-Diät – immer in demselben Duktus. Daran nimmt sich die hiesige Bloggerszene ein Beispiel. Muss das sein? Mehr

20.08.2014, 07:45 Uhr | Feuilleton