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Pilgerfest Kumbha Mela Was ist schon der Mensch

02.04.2004 ·  Der nackte Mann ist grau und starr wie Stein. Er hockt in einem Bretterverschlag und hält gleich hof, bekleidet nur mit einem Blumenkranz und einer zweiten Haut aus Asche. Ein Besuch beim indischen Pilgerfest Kumbha Mela.

Von Jakob Strobel y Serra
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Der nackte Mann ist grau und starr wie Stein. Doch er lebt. Er hockt in einem Bretterverschlag und hält gleich hof, mit nichts anderem bekleidet als einem Blumenkranz aus Tagetes und einer zweiten Haut aus Asche. Sie bedeckt seinen alterslosen Körper, seinen wuchernden Bart, die zu Seilen geflochtenen Haare und die zu Krallen verwachsenen Zehen. So verlangt es die Askese von den Naga Sadhus, den hochverehrten nackten heiligen Männern Indiens.

Eine Menschentraube hat sich jetzt vor dem Verschlag gebildet. Zögernd löst sich einer nach dem anderen aus der stummen Menge, um vor dem Sadhu in den Staub zu sinken, sich segnen zu lassen und das aschgraue Stirnmal mit einer Spende zu vergelten. Ab und zu hält der heilige Mann inne, gibt seiner Entourage ein Zeichen, bekommt einen riesenhaften Joint, nimmt einen epischen Zug und schaut in die Menge. Es ist ein Blick aus seltsam reglosen Augen, die von der Welt abgewandt und wie nach innen gewendet sind wie bei einem Geblendeten. Für die Außenstehenden aber sind diese Augen Gucklöcher in eine schwindelerregende Tiefe, genauso verstörend wie die Asche, die dem Sadhu alles Menschliche, alles Irdische raubt. Er wirkt wie eine fahle Erscheinung jenseits des Lebens, weißgrau und totenblaß, Asche, die wieder zu Asche geworden ist. Und wer ihn sieht, ahnt, daß er hier, in Haridwar am Ganges während der Kumbha Mela, einer fernen Welt ganz nah ist, in der das Jetzt nichts zählt, weil alles Geist sein wird.

Sonne, Mond und Saturn

Immer dann, wenn Sonne, Mond, Saturn und Jupiter in einer bestimmten Konstellation zueinander stehen, feiern Millionen von Hindus die Kumbha Mela, das "Fest des Nektartopfes", um sich und ihre Vorfahren bis zur achtundachtzigsten Generation von allen Sünden reinzuwaschen. Das geschieht alle drei Jahre an vier wechselnden Orten, weil es die Legende so will. Sie sagt, daß in der Zeit vor den Zeiten die Dämonen und die Halbgötter beschlossen, gemeinsam den Nektar der Unsterblichkeit aus der Milch des Urozeans zu schlagen. Zuerst entstand dabei ein Gift, das Shiwa trank, um die Welt zu retten, doch er verschüttete ein paar Tropfen, die von den Schlangen und Skorpionen aufgeleckt wurden. Nach tausend Jahren war der Nektar Amrita endlich gewonnen, um den sofort ein schrecklicher Kampf begann. Vier Schlachten wurden geschlagen, bei denen vier Mal Amrita auf die Erde fiel, und erst als den Halbgöttern die vier Gestirne zu Hilfe kamen, gelang es Garuda, dem Sohn des allmächtigen Indra, den Topf in Sicherheit zu bringen. Seine Flucht dauerte zwölf göttliche Tage, die zwölf irdischen Jahren entsprechen, und deswegen kommen die Menschen während des Zwölfjahreszyklus viermal in Haridwar, Ujain, Nasik und Allahabad zusammen, also dort, wo einst der Nektar die Erde berührte.

Als vor drei Jahren die Sterne ganz besonders günstig standen und sich der zwölfte Zwölfjahreszyklus erfüllte, pilgerten siebzig Millionen Hindus nach Allahabad am Zusammenfluß der heiligen Ströme Ganges und Yamuna mit dem mythischen Seraswati - es war die größte Menschenversammlung aller Zeiten. Die Kumbha Mela dieses Jahres ist für indische Verhältnisse eine intime Veranstaltung: Bis zum Abschluß der drei Festmonate Ende April wird mit fünfzehn Millionen Pilgern gerechnet, die in Haridwar ihre Sünden und ihr Schicksal den eisigen Fluten des Ganges überantworten wollen. Genau hier, an diesem mythenschweren Ort im Süden des Bundesstaates Uttaranchal, steigt der noch gletscherkalte Ganges vom Götterthron des Himalaja in die Ebene hinab, um auf seiner langen Reise bis zum Golf von Bengalen Hunderte Millionen Menschen zu ernähren. Und schon hier strotzt er vor Kraft, ein breiter, ungestümer Strom, der die Senffelder mit ihren rapsgelben Blüten verschwenderisch tränkt und den Basmati behutsam wässert, den duftenden Reis, der nirgendwo besser gedeiht als mit göttlichem Segen am Fuß der indischen Siebentausender. Noch ist der Ganges unbeschwert, frei von den Lasten, die ihm weiter flußabwärts, in Uttar Pradesh, Bihar oder Westbengalen, der Überlebenskampf der Menschenmassen aufbürdet. Noch spielt er mit bukolischen Bildern, mit Orangenhainen im Morgennebel, Affenfamilien in Bananenstauden, Wasserbüffeln, die Karren voller Schulkinder ziehen, Kuhfladen, die Frauen in safranfarbenen Saris zu artistischen Pyramiden auftürmen.

Götter, Beton und Bronze

Doch dann, als hätten die Götter einen der Ihren wie eine Lanze in den Erdboden gerammt, taucht Shiwa auf, als sieben Stockwerke hohe Statue aus Beton mit Bronzeguß, als lächelnder Koloß von Haridwar. Er wacht über ein riesiges Terrain aus Zeltstädten mit Wellblechblenden, aus staubigen Parkplätzen und festgestampften Freiflächen, auf denen die Armen unter den Pilgern, also fast alle, unter Plastikplanen hausen. Um den Ansturm zu bewältigen und die Menschen vor dem Zerquetschen zu schützen, hat man vom Ganges einen schmalen Kanal abgezweigt, ihn mit zwei Ghats eingefaßt und davor ein fußballfeldgroßes Labyrinth aus schweren Holzbalken in der Art von Viehgattern errichtet. Es nimmt die anstürmenden Massen auf, bremst sie ab, führt sie langsam im Zickzack in Richtung Fluß und schließlich über drei mit orangefarbenem Rostschutz gestrichene Brücken zu den Badeplätzen.

Das Gatter wird nur dann gebraucht, wenn fünf oder zehn Millionen Menschen gleichzeitig zum Ganges drängen. Heute sind es viel weniger, vielleicht fünfzigtausend oder hunderttausend oder zweihunderttausend, keiner weiß das so genau, und es ist auch egal, weil Indien immer vor Menschen wimmelt und weil sie aus allem einen Tumult machen - auch aus dem Ghat Har ki Pauri, den "Fußstapfen Gottes", die Vishnu hier hinterlassen hat, einem der heiligsten Orte des Hinduismus, dessen Heiligkeit eine profane Maske trägt: Der Badeplatz besteht aus zwei Dutzend einfachen Marmor- und Sandsteinstufen, einem "Main Temple Vishnu Feet", der ein Kabuff ist, klein wie ein Wasserhäuschen und mit Plastik-Götterstatuen vollgestopft, einer Handvoll weiterer schmuckloser, weißgelb gestrichener Tempel mit bröckelndem Verputz und einem Haupttempel, bei dem kein Putz bröckelt, weil er noch nicht einmal einen hat. Es ist ein taubenkotverdreckter Rohbau, auf dessen Simsen Zementsäcke herumliegen und aus dessen Stupa verrostende Armierungen ragen. Fertig sein wird das Gotteshaus, so hört man, "maybe next time". Und überall quetschen sich Verkaufsstände zwischen die Pilger, die Blumenopfer mit orangefarbenen Tagetes, Kokosnüsse - die traditionelle Opfergabe für Shiwa - oder glücksbringende Armbändchen im Angebot haben.

Überhaupt wird man bei der Kumbha Mela schnell sein Geld los, denn umsonst gibt es nichts außer dem Sündenerlaß im Ganges. Eine Tika, das hinduistische Stirnmal, zu empfangen, Ganges-Wasser löffelweise zu trinken, Sesamkörner in ein heiliges Feuer aus geklärter Butter zu werfen, Milch über den Shiwa-Lingam, den stilisierten Penis des Gottes, zu kippen - das alles kostet eine kleine Spende. Wer sich noch nicht freigebig gezeigt hat, wird von Kohorten von Spendensammlern dazu aufgefordert, die mit imposanten Quittungsblocks nach ihren Opfern unter den Pilgern Ausschau halten. Und einen irdischen statt himmlischen Lohn suchen die jungen Burschen, die, bewaffnet mit langen Stangen und einer Glasscheibe als Taucherbrillenersatz, zwischen den Badenden im Ganges nach hineingeworfenen Münzen stochern.

Andacht, Ernst und keine Dogmen

Niemand stört sich daran, daß die Jungen das Gottesgeld aus dem Wasser fischen, während die Gläubigen ihr Bad nehmen, immerhin ein tiefernstes Ritual, das über das nächste Leben entscheidet. Doch Ernst und Andacht, Würde und Stille bedingen einander in Indien nicht. Statt dessen geht es an den Ghats von Haridwar fast wie in einem Freibad während der Sommerferien zu. Die Pilger folgen bei ihrer Waschung keiner strengen Choreographie, sondern machen, was sie wollen, was völlig legitim ist, denn der Hinduismus kennt keine Dogmen.

Sie hüpfen, tauchen, planschen und kreischen, spritzen sich gegenseitig naß oder feuern sich lautstark an. Zeternde Mütter zerren widerspenstige Töchter ins Wasser, stolze Väter halten strahlend ihre Söhne in die Höhe, als hätten diese gerade schwimmen gelernt. Greise bilden einen Kreis und plaudern, als hockten sie im Whirlpool, andere Pilger fotografieren sich selbst oder telefonieren mobil. Und aus den Lautsprechern scheppert unablässig eine Stimme, die gleichermaßen religiöse Verse rezitiert und Sicherheitshinweise gibt oder nach den Eltern verlorengegangener Kinder sucht.

Wenn dann auch noch das Aufsichtspersonal, das in Schwimmwesten am Ufer patrouilliert, mit seinen Trillerpfeifen besonders Übermütige zur Räson bringt, glaubt man sich endgültig nicht mehr beim wichtigsten Pilgerfest Nordindiens. Und erst recht nicht beim Höhepunkt des Tages, einer Prozession mit Musikkapellen und Motivwagen. Dabei ziehen unter großem Getöse Blechbläser, die in albernen Phantasieuniformen im Stil schwarzafrikanischer Diktatoren stecken, durch die überfüllten Straßen, begleitet von Lautsprecherwagen mit knatternden Generatoren und Traktoren mit Anhängern, auf denen Pappmaché-Gottheiten oder ein am ganzen Körper neonblau angemalter Sadhu zu sehen sind, der den gifttrinkenden Shiwa aus der Legende symbolisiert. Doch der heilige Mann erinnert eher an die blauen Flaschen des Gins Bombay Saphire, so wie das ganze Spektakel an Karneval am Ganges denken läßt.

Plötzlich aber sieht man, als zerfalle die Wirklichkeit in ihre spirituellen Elementarteile, als seien Tropfen des Götternektars auf Haridwar gefallen, wie leicht man sich von der eigenen Wahrnehmung in die Irre führen läßt: Man sieht, wenige Schritte vom karnevalesk lärmenden Troß entfernt, einen Betenden, der schon am Morgen im eisigen Wasser stand und immer wieder, unerklärlicherweise ohne zu frieren, wie in Trance seine Hände zum Himmel erhebt - und jetzt erst bemerkt man auf seinem erschöpften Gesicht das elysische Lächeln, das nur von einem Menschen stammen kann, der vor Glauben glüht und sich in diesem Augenblick einen Lebenstraum erfüllt. Jetzt sieht man die Sadhus, die ihre Tage nur ein paar Kilometer weiter in Himalaja-Höhlen bei Wasser und Geist als Wiedergänger des heiligen Antonius verbringen, um durch Entsagung der Tyrannei der Seelenwanderung zu entgehen - und nun begreift man, was Octavio Paz meinte, als er schrieb, daß diese Männer in einem Zwischenreich zwischen Erde und Himmel, in einer ewigen Gegenwart leben und ohne Gedanken denken. Und dann sieht man das tiefernste Strahlen junger Männer in kurzen Hosen, ohne Schuhe, ohne Hemd, die hundert Kilometer aus ihrem Dorf nach Haridwar gerannt sind, die ganze Strecke im Laufschritt, weil es ihr Gelübde so verlangt, um das Wasser des Ganges in einer vorgegebenen Frist nach Hause zu bringen, ohne daß es auch nur ein einziges Mal ruht und den Boden berührt. Das sind die Momente, in denen man begreift, wie nutzlos die Blaupausen des mitgebrachten Denkens in Indien sind.

Geist, Gewißheit und Gestalt

Die Kumbha Mela verweigert sich allen vertrauten Kategorien. Nirgendwo sonst auf der Welt wird so radikal wie hier auf die Ästhetisierung und Inszenierung von Religion verzichtet. Nirgendwo sonst zählt das Äußere so wenig und das Innere so viel. In Haridwar ist Glaube Geist und Gewißheit, nicht Gestalt. Die Bauruine des Tempelrohbaus regt niemanden auf, denn drinnen ist er ja schon halbwegs fertiggestellt und gibt Shiwa ein würdiges Zuhause. Warum soll man sich über schimmelnden Beton an göttlichen Fußstapfen oder die häßlichen Stromleitungen über dem heiligen Wasser echauffieren, wenn gleichzeitig der Glaube eine solche innere Kraft besitzt, daß er ebenso die Asketen aus den Wäldern wie die neue selbstbewußte Mittelklasse der Boomtowns zur Kumbha Mela treibt? Was sollen Eitelkeiten, wenn das höchste Ziel des Lebens die Befreiung von ihnen ist? Was ist schon die vergängliche Häßlichkeit Haridwars in einer Welt, die für die Hindus weder Anfang noch Ende hat, einer Welt, die zweitausendeinhundertneunzig Erdenjahre lang existieren wird? Was ist schon ein Mensch?

Die Menschen, die keine Menschen mehr sein wollen, die heiligen nackten Männer, genießen am Ende des Pilgertages das Privileg des Logenplatzes. Bei Einbruch der Dunkelheit versammeln sich alle noch einmal zur Arati-Zeremonie an den Ghats, um die "Maata Ganga", die Mutter Ganges, zu ehren. Auch der Sadhu aus dem Bretterverschlag steht jetzt am Wasser, auf einem Bein, mit einem Dreizack in der einen Hand und einer Trommel in der anderen, ein steinerner Neptun, der den Takt der göttlichen Lobpreisung schlägt. Die Pilger singen, spenden, klatschen im Rhythmus des Sadhu und werfen Blumengestecke mit einer Flamme aus geklärter Butter in die Fluten des gurgelnden Ganges, der das Licht fortträgt und alle Sünden. Doch etwas bleibt zurück für das Leben.

Anreise: Unter anderem Lufthansa und Air India bieten Direktflüge von Frankfurt nach Neu-Delhi an. Von dort aus erreicht man in vier bis fünf Stunden mit dem Shatabdi Express Haridwar. Mit dem Auto dauert die Fahrt sieben bis acht Stunden. Für die Einreise nach Indien ist ein Visum nötig, das bei der Botschaft in Berlin (Tiergartenstraße 17, 10785 Berlin, Telefon: 030/ 257950, Internet: www.indianembassy.de) oder den Konsulaten in Frankfurt, Hamburg und München beantragt werden kann.

Unterkunft: Die mit Abstand komfortabelste Unterkunft in der Region ist das Luxushotel Ananda, das zu den besten Wellness Resorts des Landes gehört und eine Vielzahl von traditionellen indischen Behandlungsmethoden anbietet. Es liegt in tausend Meter Höhe in den Ausläufern des Himalaja, etwa eine Autostunde von Haridwar entfernt: Ananda - The Palace Estate, Narendra Nagar, Theri-Garhwal, Uttaranchal 249175, Indien, Telefon: 0091/1378/227500, Internet: www.anandaspa.com.

Information: Uttaranchal Tourism, c/o TMGI, Im Hoppenkamp 3a, 51429 Bergisch Gladbach, Telefon: 02204/ 48020, Internet: www.tourism-marketing.de und www.uttaranchaltourism.gov.in.

Anreise: Unter anderem Lufthansa und Air India bieten Direktflüge von Frankfurt nach Neu-Delhi an. Von dort ]aus erreicht man in vier bis fünf Stunden mit dem Shatabdi Express Haridwar. Mit dem Auto dauert die Fahrt sieben bis acht Stunden. Für die Einreise nach Indien ist ein Visum nötig, das bei der Botschaft in Berlin (Tiergartenstraße 17, 10785 Berlin, Telefon: 030/ 257950, Internet: www.indianembassy.de) oder den Konsulaten in Frankfurt, Hamburg und München beantragt werden kann.


Unterkunft: Die mit Abstand komfortabelste Unterkunft in der Region ist das Luxushotel Ananda, das zu den besten Wellness Resorts des Landes gehört und eine Vielzahl von traditionellen indischen Behandlungsmethoden anbietet. Es liegt in tausend Meter Höhe in den Ausläufern des Himalaja, etwa eine Autostunde von Haridwar entfernt: Ananda - The Palace Estate, Narendra Nagar, Theri-Garhwal, Uttaranchal 249175, Indien, Telefon: 0091/1378/227500, Internet: www.anandaspa.com.


Information: Uttaranchal Tourism, c/o TMGI, Im Hoppenkamp 3a, 51429 Bergisch Gladbach, Telefon: 02204/ 48020, Internet: www.tourism-marketing.de und www.uttaranchaltourism.gov.in.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 01.04.2004, Nr. 78 / Seite R1
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Jahrgang 1966, Redakteur im „Reiseblatt“.

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