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Picasso in den Pyrenäen Warum kam er, warum flüchtete er?

18.07.2007 ·  1906 verbrachte Pablo Picasso zusammen mit seiner damaligen Geliebten Fernande Olivier einen kurzen, glücklichen Sommer im Pyrenäendorf Gósol. Doch dann reiste das Liebespaar überstürzt ab. Warum, blieb ihr Geheimnis - bis jetzt.

Von Johannes Winter
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Die Haken der Garderobe waren aus Wildschweinfüßen. Während wir auf die Vorspeise warteten, wanderte der Blick über eine bunte Sammlung aus Gemsgeweihen und Gebirgstieren in Öl. Das Gasthaus in Gósol führte die heimische Fauna aber auch auf seiner Speisekarte. Was die Köchin auftischte, ließ uns innehalten. Den Teller bedeckte ein Mosaik aus Fleisch - brauner Schinken, roter Chorizo und schwarze Butifarra, Paprika- und Blutwurst, nicht zu vergessen ihre weiße Schwester, ein Klassiker der spanischen Pyrenäen, genauer gesagt, der katalanischen Küche, wie Núria Lagé beifügte.

Wir verstanden, dass dazu Rotwein fließen musste, und wurden gewahr, wie die vier am Nachbartisch ihm zusprachen. Ihr gemeinsames Trinkgefäß war ein gläserner „porrón“, aus dessen spitzem Schnabel sich vor aller Augen ein dünner Strahl in ihre geöffneten Münder ergoss, zum Vergnügen der Fremden, die die Fertigkeit erstaunte, mit der je nach Laune der Abstand des Gefäßes von den Lippen vergrößert wurde.

Auf Anraten des Arztes in die Berge

Die nächste Begegnung mit Núria Lagé sollte sich am andern Morgen im Rathaus ergeben, jenseits des Dorfplatzes, auf dessen Granitplatten ein Rondell aus Bänken und Bäumen errichtet war. Den Mittelpunkt, ja geradezu den Nabel des Ortes bildete eine Skulptur bäuerlicher Anmutung. Wir sahen uns einer schwarzen Frauengestalt gegenüber, die vom Haar bis zu den Füßen eingehüllt war in die heimische Tracht. Auf dem Kopf trug sie zwei Brote - wir hatten den Sesamschlüssel für Gósol vor Augen. Zu unserer Überraschung hatte die Köchin einen Hauptberuf. Sie war nicht nur zuständig für Geschmacksfragen.

Sie war auch öffentliche Angestellte, und in ihr Ressort fielen Steuer- und Grundstücksangelegenheiten. Mehr noch, in ihrem Büro gab sie uns Auskunft in kulturellen Dingen: Auf dem Brunnensockel stehe die Nachbildung des berühmten Gemäldes „Frau mit Broten“ von Pablo Picasso. Vor hundert Jahren hatte der Maler, einem dringenden Rat seines Arztes folgend und begleitet von seiner Liebsten Fernande Olivier, in den Pyrenäen einen knappen Sommer verbracht. Das Bild sei in Gósol entstanden und trage Fernandes Gesicht.

Ein Beutel voll Geld

In den blauweißen Himmel ragte das Massiv der Pedraforca, der Steingabel. Mit seiner Kerbe in der Mitte mochte der doppelte Felsgipfel an einen hohlen Zahn erinnern, an die Höcker eines Dromedars oder an ein Sofakissen mit Schlag. Dass er ein Dorado für Kletterer und Wanderer war, lag nahe. Doch unser Interesse galt Gósol, einem abgeschiedenen Weiler, der tausendfünfhundert Meter hoch am Fuß der schneebedeckten Sierra de Cadí liegt, auf der Rückseite der Pedraforca. Und es galt den Spuren des gerade fünfundzwanzigjährigen Malers, den die Welt noch nicht, die Boheme des Montmartre oder der Barceloneser Ramblas aber wohl kannte, als er im Sommer 1906 nach Gósol heraufkam, unter dem Hemd einen Beutel voll Geld, das erste ordentliche Honorar, das er mit seinen Bildern verdient hatte. Gegen Abend öffnete sich der Himmel und ließ uns ein ungeahntes Lichtspiel schauen. Ein letzter Sonnenstrahl streifte über die Flanken des Doppelgipfels und verzierte die Felswände mit einem farbigen Bogen, dass uns die Augen übergingen.

Am nächsten Morgen hingen Wolken im Tal, sie verhüllten das Dorf. Die Häuser waren ergraut, als gäbe es keine andere Farbe. Aus grauen Wolken fiel ein Regen, der wie ein Vorhang die Berge verdeckte. Die „Sala de Picasso“ war nicht leicht zu finden. Den Ausstellungsraum hatte Begonya Montraveta in ihrer Obhut. Er war bestückt mit Fotos und Plakaten, Postkarten und Reproduktionen, um Picassos Schaffen in jenem Sommer zu dokumentieren, vorneweg und devotionaliengleich die „Frau mit Broten“. Auch der „porrón“ hatte es Picasso angetan. Er nahm ihn auf in seine Bilder, sei es in ein Stillleben mit Brot und Flasche, sei es als Accessoire eines Sitzenden, dem er das Gefäß phallisch zur Seite gab. Begonya Montraveta, die Wächterin über Bilder und Legenden, wusste, dass der Abgebildete Josep Fondevila war, der betagte Quartiergeber des Paares aus Paris, ein glatzköpfiger Mann, der Fernande Olivier wie ein „Barbar aus dem Norden“ vorgekommen war. Picasso schenkte ihm nicht nur seine künstlerische Zuneigung, indem er seine harten Züge in fortschreitend abstrakten Skizzen und Porträts verewigte. Nach Joseps Vorbild, so Begonya, habe sich der Künstler auch den Schädel rasieren lassen.

Eine Drossel für die Geliebte

Es sei ratsam, ließ sie uns wissen, einen Blick in die Pension Cal Tampanada am Dorfplatz zu werfen, die zwar außer Betrieb, aber äußerlich noch intakt sei. Vor allem der schmale Balkon im ersten Stock, hinter dem sich das Zimmer der beiden Reisenden befand, sei es gewesen, den Fernande gleichsam als Bühne nutzte. Hingebungsvoll habe sie sich mit ihrem Haar beschäftigt, das sie, ihrer Gewohnheit gemäß, auch im Dorf unter prächtigen Hüten trug. Fernande war angetan von den „liebenswürdigen und aufmerksamen Wirtsleuten“, deren Kost, da sie meist aus Bohnen mit Wurst bestand, ihr etwas einseitig vorkam. Umso größer war ihre Freude, wenn der Speisezettel um eine Drossel oder ein Rebhuhn bereichert wurde, kleine Geschenke der Jäger, die auf die Gunst der schönen Pariserin zielen mochten. Vielleicht waren sie das Entree des Publikums, das sich zuweilen unter Fernandes Balkon einfand, Männer aus dem Dorf, im Haupterwerb Bauern, die ihren Alltag gerne mit einer Prise Gafferei würzten - was Picasso, den legendär Eifersüchtigen, nicht erfreute, sondern erzürnte.

Es schien indes, als habe der Maler in Gósol nicht nur Fernande Augen gemacht. Als Künstler widmete er sich ihr ohnehin - „Fernande auf dem Maulesel“, „Fernande mit Mantilla“, „Akt mit inein- andergepressten Händen“, „La toilette“ -, doch hatte es ihm auch eine junge Gosolanerin mit weißem Kopftuch angetan, der er einen ähnlich hoheitsvollen und maskenhaften Ausdruck gab wie der Brotträgerin. Die Dorfgesellschaft war überschaubar, jeder musste den Weg über den Platz nehmen und kam daher am Fenster der Pension vorüber. Und irgendwann hatte Picasso auch den Blick für das verschachtelte Gebilde der hügelan steigenden Häuser. Der Kosmos ockerfarbener Dächer wurde für ihn zur „Ansicht von Gósol“, eine vorkubistische Studie. Mehr lag ihm Fernande am Herzen, und irgendwann war es an der Zeit, ihr eine Plastik zu widmen. Holz gab es genug, so begann er, der zu experimentieren liebte, sich im Schnitzen zu versuchen. Das Werk aus Buchsbaum wurde zur berühmten Figur „Bois de Gósol“.

Opium, Safran, Alkohol, Lorbeer

Wir kehrten in die „Sala de Picasso“ zurück. Es galt, einen Schatz in Augenschein zu nehmen. Unscheinbar lag Picassos Skizzen- und Notizheft bereit, das „Carnet Catalan“. Auf einem winzigen Tisch unter dem Bild der Brotträgerin fand sich eine numerierte Ausgabe des „Katalanischen Hefts“, herausgegeben von Heinz Berggruen, dem Pariser Kunsthändler und Freund. Darin waren Materialien gesammelt, Stricheleien und Worte, mit denen der Maler so spontan wie flüchtig seine Eingebungen festgehalten hatte. Mit Kohlestift notierte er Farben und immer wieder Farben, eine Skala, als sei er in ein chromatisches Fest geraten: „Goldocker, ockerfarbenes Getreide, sienabraunes Pferd, Rosa, Veroneser Grün, Smaragdgrün, Zinnoberrot, Karminrot, blauer Himmel, kobaltblauer Himmel, schwarzer Himmel, blauer See, preußischblau.“ Vernarrt war Picasso, der seine Briefe mit „Pau von Gósol“ unterschrieb, der katalanischen Version seines Vornamens Pablo, geradezu in Hände. Er suchte nach ihrem Ausdruck, übte sich an Falten, ging ihrer Sprache nach, doch er skizzierte sie nicht bei der Arbeit, sondern beim Tanz. Sein Blick richtete sich darauf, wie Paare sich berührend begegneten.

Barg Picassos Heft ein Geheimnis? Vielleicht die kurze Liste ganz am Ende, in der es, als hätte der Maler seiner Pariser Gewohnheit gemäß einen Einkaufszettel angelegt, kurz und knapp hieß: „Opium, Safran, Alkohol, Lorbeer“? Nein, beiläufig hatte er bloß die Formel für Laudanum notiert, mit Opium versetzten Wein, die „Milch des Paradieses“, die Droge, die schon Goethe geschätzt hatte. Mehr nicht, das Heft schwieg sich aus, auch über die wichtigste Nebenbeschäftigung der Männer des Dorfes, den Schmuggel. Jemand verriet uns mehr. Der Schreiner José Tomás war sich gewiss, dass dem Maler dieser Teil des dörflichen Alltags nicht verborgen geblieben sein konnte. Picassos wichtigste Vertraute, der Wirt Josep Fondevila, der Schäfer Jaime Camps, Spitzname „El Tinent“, den er als zwergenhafte Karikatur abbildete, oder der Schmied Joan Cardona - sie alle waren nicht nur im Nebenberuf Schmuggler und Wilderer. Sie seien, sagte Tomás, auch des Malers Partner beim Kartenspiel gewesen. Tomás war sich sicher: Ohne Zweifel hätten sie, die dem Alter aktiver Konterbandisten längst entwachsen waren, den neugierigen Städter darin eingeweiht, wie mühevoll es war, für ihre Familien ein paar zusätzliche Einkünfte zu erwirtschaften.

Eine überstürzte Abreise

Nicht weit entfernt lag Andorra, ein Paradies der zollfreien Waren. Es gab eine Grenze, es gab die unzugängliche Sierra mit ihren Pfaden, aber was es kaum gab, waren spanische Polizisten, die, kam es einmal doch zu einer unverhofften Begegnung, mit Tabak bestochen wurden. Mit einer Ziegenherde zur Tarnung zogen die Männer des Dorfes los, viele Stunden bis zur Grenze des kleinen Staates, ins gelobte Land, um Tabak abzuholen, den die Frauen von Gósol in Heimarbeit zu Zigaretten drehten und dann in Barcelona verkauften. Ein Rucksack von fünfundzwanzig Kilo Gewicht war zu schleppen, bepackt auch mit Streichhölzern oder Briefmarken. Mehr warfen irgendwann Parfüm, Aspirin oder Nähnadeln ab. Es war diese Welt mit ihren eigenen Gesetzen, ihrem besonderen Verhältnis zur Legalität, von der sich Picasso, der jung war und aus einer Szene großstädtischer Randexistenzen kam, angezogen fühlte.

Für ihn und Fernande sollte der Sommer in Gósol eine Auszeit sein vom Pariser Boheme-Leben. Doch etwas geschah, das den Maler bewog, vorzeitig abzureisen. Wie etliche Kinder des Dorfes hatte er auch Dolores gemalt, genannt Lola, die Enkelin seines Wirtes. Eines Tages wurde das Mädchen krank. Von Typhus war die Rede. Picasso, so die offizielle Lesart, sei tief erschrocken gewesen und habe aus Angst vor Ansteckung zu raschem Aufbruch gedrängt. Dieser Version aber standen die Leute von Gósol von jeher skeptisch gegenüber. Sie hatten die Gewissheit, dass die angeblich todkranke Dolores Fondevila erst kurz vor dem Ende des vergangenen Jahrhunderts in gesegnetem Alter gestorben war.

Panik vor dem Entzug

Enric Castellá, Kulturbeauftragter des Dorfes, hatte eine andere Theorie. Wieder und wieder habe er das „Carnet Catalán“ zu Rate gezogen. Wer das Heft aufmerksam studiere, meinte er, finde einen gänzlich anderen Grund für die vorzeitige Abreise. Castellá nahm nicht nur das Rezept der Drogentinktur ernst. Mitten in Picassos Heft hatte er auch eine hingekritzelte Pfeife entdeckt, und einige Seiten weiter war ihm eine blühende Kapsel aufgefallen, die als Vignette eine Reiseroute zierte. Mit dem Stichwort „Opium“ fügten sich die Fundstücke für Castellá zu einer anderen Lösung des Rätsels. Konnte es sein, fragte er, dass der Arzt seine Empfehlung für das Bergdorf gleichsam als Entziehungskur verstanden hatte? Wenn Castellá sich nicht irrte, wäre der Maler irgendwann in einen Zustand geraten, die Droge zu vermissen. Wachsende Panik vor den Folgen des Entzuges spürend, hätte er den ärztlichen Rat ignoriert und beschlossen, aus den Pyrenäen zu fliehen.

In der „Sala de Picasso“ saß Begonya Montraveta am Computer und wollte uns nicht gehen lassen ohne ein Abschiedsgeschenk. Es war eine Geschichte aus dem Stoff, den eine beschwerliche Reise durch die Pyrenäen vor einhundert Jahren bot: Picassos Ertrag jener Wochen an Aquarellen, Gouachen, Skulpturen, Bildern, Zeichnungen und Schnitzereien war groß. Aber beinahe wäre alles verlorengegangen. Der Maler hatte seine Werke in den Satteltaschen mehrerer Maultiere verstaut. Auf einem Bergpfad begegnete der Tross einer übermütigen Stute, die die Lasttiere in Aufregung versetzte. Koffer und Kisten gerieten in Gefahr, in eine Schlucht zu stürzen. Mit dem Schrecken davongekommen, legte man eine Rast ein, die Folgen haben sollte. Fernande Olivier sprach dem Landwein zu und geriet in heitere Stimmung. Picasso wurde wütend, weil der kleine Rausch ihr den schwankenden Rücken des Muli für einige Stunden vergällte. So geschah, was geschehen musste. Die Rückreise nach Frankreich musste verschoben werden. Fernande hatte, so schien es uns, zu den kleinen Dramen von Gósol ein Satyrspiel beigesteuert.

Am nächsten Morgen lag das Tal in Wolken. Die Brunnenfigur der Brotträgerin stand im Regen. Als wir uns aufmachten, ließ der Kuckuck von sich hören.

Anreise: Gósol erreicht man über die Autoroute Mulhouse-Lyon-Montpellier, Ausfahrt Perpignan, dann weiter auf der R.N. 116 bis zur spanischen Grenze bei Bourg-Madame/Puigcerdà, dort auf die N 152; anschließend auf die E 9/C16 Richtung Berga und Barcelona und durch den Tunel de Cadí bis Guardiola de Berguedá; kurz dahinter rechts abbiegen auf die B 400 über Saldes nach Gósol. Nach Bourg-Madame gelangt man auch über Toulouse, Foix und Ax-les-Thermes.

Information: Spanisches Fremdenverkehrsamt, Myliusstraße 14, 60323 Frankfurt, Telefon: 069/725033, E-Mail: frankfurt@tourspain.es, Internet: www.spain.info.

Quelle: F.A.Z., 12.07.2007, Nr. 159 / Seite R3
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