31.10.2005 · Das Geheimnis von Punta Hermosa: ein Surfer, ein Surfbrett und die gewaltige Brandung. Peru hat 2.300 Kilometer Pazifikküste und perfekte Wellen. 365 Tage im Jahr.
Von Andreas LestiAn jenem Sonntag, als der große Surf-Guru Raul Calle nach 25 Jahren nach Punta Hermosa zurückkehrte, passierten dort seltsame Dinge. Zuerst fiel ein Lama in die Fluten des Pazifiks, dann sprang Ibo mit einem plötzlichen Satz von den Felsklippen, und schließlich streute Umberto die Asche seiner Mutter in die Dünung des Ozeans. Er rang nach Fassung und sagte: „Nirgendwo ist das Meer so schön wie hier.“
Aber der Reihe nach: Punta Hermosa, das ist ein kleiner Ort am Pazifik, dreißig Kilometer südlich von Perus chaotischer Hauptstadt Lima. Die Bucht ist eine Art meditativer Gegenpol zum Großstadtlärm, an dem vor allem wohlhabende Peruaner in den Wellen oder am Strand ihre innere Ruhe suchen. Die Stadt mit ihren achtspurigen Straßen, ihrem höllischen Verkehr, ihren quietschenden Toyota-Taxis, röhrenden Chevrolet-Pick-ups, dröhnenden VW-Käfern und der kreischenden Meute in den überladenen Kleinbussen, die Stadt ist nur ein paar Kilometer entfernt - und doch ist sie hier nicht zu spüren. Es ist, als hätte jemand einen gigantischen Stoppknopf gedrückt.
Sprung in die Brandung
Doch an jenem Sonntag zerriß das Bellen eines Hundes die Ruhe über dem Strand. Der Mischling hatte sich im Dorf losgerissen und war zum Strand gejagt - direkt auf das Lama zu. Ein alter Mann, der darauf wartete, daß sich reiche Peruaner für zwei Soles mit seinem Hochlandtier fotografieren lassen, bürstete dem Lama gerade das Fell. Dann ging alles ganz schnell. Aggressiver Hund, angsterfüllte Augen, springendes Lama - und schon trieb das Tier hilflos in der Pazifikbrandung. Man konnte es retten, doch es lag später noch lange zitternd und verstört am Strand.
Wenige Minuten später sprang Ibo ins Meer - freiwillig. Der Surfer aus Lima kam wie jeden Sonntag nach Punta Hermosa. Ibo hatte keine Lust, gegen die hereinbrechenden Wellen hinauszupaddeln, und so stieg er, das Surfbrett unterm Arm, über die Felsen und das tosende Wasser hinauf zum höchsten Punkt von La Isla, der Insel vor dem Strand. Auf der anderen Seite lief er wieder ein Stück hinunter bis zu den acht Meter hohen Klippen, an deren Grund sich die Wellen brachen. Dort zog er seinen Neoprenanzug über die tätowierten Schultern, warf sein Brett hinunter und sich selbst hinterher. Im Wasser schnappte sich Ibo sein Brett, paddelte in die erste hübsche Welle und ließ sich von ihr bis zur Promenade der Playa Blanca tragen. Was für ein Auftritt.
Vom Büro aufs Brett
Ibo ist einer jener reichen Menschen aus Lima, die man auch im Waikiki-Club am Strand des exklusiven Stadtteils Miraflores trifft. Das ist eine Glamourwelt, die sich zum restlichen Peru ungefähr so wie der Zürichberg zu Bangladesch verhält. Goldketten, Zigarrenqualm und Mahagoniholz beherrschen das Bild im Waikiki-Club, zerfetzte Müllbeutel, streunende Hunde und windschiefe Wellblechhütten das des peruanischen Hinterlandes. An einem der Mahagonitische sitzen Eduardo Caceres Guislain und Sofia Mulanovich und wirken in ihren Designerklamotten auch nicht gerade wie typische Peruaner. Sind sie auch nicht. Guislain ist Präsident des peruanischen Surfverbandes und Sofia sein ganzer Stolz.
Die 22jährige ist die amtierende Surfweltmeisterin und eine echte Heldengestalt in Peru. Auf sämtlichen Hochglanzmagazinen und Werbeplakaten ist sie abgebildet, jeder Jugendliche in Limas Straßen kennt sie. Das Tourismus-Ministerium hat mit ihr einen Sponsorenvertrag abgeschlossen, damit sie an den Surfplätzen dieser Welt ihr Land repräsentiert. Sie ist ein Hoffnungsträger, und gerade deswegen wirkt das Inca-Kola schlürfende Mädchen ein wenig unwirklich, wenn sie sagt: „Nein, ich habe mich nicht verändert, ich will einfach nur surfen.“
Doch ihretwegen will nun auch ganz Peru surfen. Wellenreiten entwickelte sich in den letzten Jahren zu einem echten Volkssport. „Mittlerweile surft jedes Fischerkind, und in ihren Mittagspausen pilgern immer mehr Menschen aus ihren Büros zum Strand, um ein Stunde zu surfen“, sagt Guislain. Man schätzt, daß heute in Peru rund 30.000 Menschen surfen. Damit ist Wellenreiten nach Fuß- und Volleyball die drittpopulärste Sportart. „Und die Zahlen steigen noch“, sagt der Präsident. „Die Menschen wollen heute anders sein. Und wenn du surfst, dann siehst du die Dinge anders.“ Aus seinem Mund klingt dieser Satz wie ein Zauberspruch, mit dem man Peru verwandeln kann. Wie ein Zauberspruch klingt es auch, als Sofia Mulanovich ganz am Ende des Gesprächs beiläufig erzählt, daß sie nun umgezogen sei: nach Punta Hermosa.
Surf-Gurus beim Philosophieren
An der Playa Blanca in Punta Hermosa reihen sich kleine Fischrestaurants und Cocktailbars aneinander. Von den Plastiktischen aus kann man sowohl die hereinlaufenden Wellen als auch die Autos auf der hoch über dem Strand vorbeiführenden Panamericana beobachten. Beides ist von verblüffender Regelmäßigkeit. Und beides verläuft sich - die Fahrzeuge im Grau des Küstennebels, die Wellengischt im Sand. Dazwischen erstreckt sich die Promenade, Treffpunkt für ein paar amerikanische Hippies, die dort auf die Glückseligkeit ihres Lebens, junge Schönheiten aus Lima, die auf die Liebe ihres Lebens, und Draufgänger wie Ibo, die auf die Welle ihres Lebens warten. Irgendwo spielen sie Guns 'n' Roses: „Paradise City“. Im Restorante La Rotonda sitzt der Surf-Guru Raul Calle, trinkt ein Bier und kommt ins Philosophieren: „Ich habe einen Traum“, sagte Raul, „und der heißt Olas.“ Olas, das ist das spanische Wort für Wellen, und die sind Rauls Leben. Zugleich ist es für ihn aber auch die Abkürzung für „Organisation Latinas Amaricanas Surf“ - Rauls Surfschule und seine Vision für Peru.
Raul Calle sieht man an, daß er sein Leben auf dem Surfbrett verbracht hat. Salzwasserverwaschene Haare, sonnengegerbte Haut, schwielenzerfurchte Hände. In den sechziger Jahren war er so eine Art Jungstar in der noch jungen peruanischen Surfszene. Der Sport war erst in den späten Fünfzigern von Hawaii nach Peru gekommen. Doch bevor er richtig populär wurde, kam das Jahr 1968, die Militärjunta, der Terror und für Peru Sorgen, die seine Bürger bis in die Neunziger hinein vergessen ließen, daß es im Leben Dinge wie Wellenreiten gibt.
Raul Calle verließ Peru 1980 und suchte sein Glück an den Stränden der freien Welt: Kalifornien, Hawaii, Bali - zuletzt betrieb er eine Surfschule in Kuta-Beach, die bei dem Anschlag 2001 total zerstört wurde. Für Raul, der den Anschlag heil überstanden hatte, war seitdem klar, daß er in seine Heimat zurückkehren müsse, um dort eine Surfschule zu eröffnen. Und als er es an jenem Sonntag schließlich tat, konnte er kaum glauben, was er in den letzten 25 Jahren verpaßt hatte. 2300 Kilometer Pazifikküste. Einsame Strände. Perfekte Wellen. Und das 365 Tage im Jahr. Idealbedingungen für eine Surfschule.
„Wir haben die besten Surfbedingungen der Welt“
Raul lehnt sich zurück und nimmt noch einen Schluck Bier: „Mann, die Leute reden immer nur von Lima, den Anden und Machu Picchu. Dabei haben wir hier die besten Surfbedingungen der Welt.“ Er schüttelt langsam den Kopf. „Und jetzt haben wir auch noch Sofia Mulanovich.“ Dann starrt er eine Weile schweigend hinaus aufs Meer, von dem das Krachen der brechenden Wellen herüberdringt. „Ich war schon vor 25 Jahren mit Sofias Vater hier surfen.“ Und so schließt sich mit Rauls Rückkehr nach Punta Hermosa ein Kreis.
Bleibt noch Umberto. Auf La Isla in Punta Hermosa steht ein Holzkreuz - ungefähr zweihundert Meter hinter der Klippe, von der Ibo gesprungen war. Hinter diesem Holzkreuz stand an jenem Sonntag Umberto und bekam weder vom Lama-Zwischenfall noch von Ibo etwas mit. Vermutlich hätte er aber auch nicht reagiert, wenn ganze Herden von Lamas und Surfern über die Klippen gesprungen wären. Denn Umberto, der 55jährige Peruaner, der in Punta Hermosa aufgewachsen ist, beerdigte an diesem Sonntag seine Mutter.
Das Meer in seiner ganzen Schönheit
Freundlich und geduldig hatte er noch von seiner Jugend an diesem Strand erzählt. Und davon, daß dieser Punkt auf La Isla der schönste ganz Perus, wenn nicht sogar der ganzen Welt sei. „Ich liebe das Meer. Und von hier siehst du es - von Punta Roca bis Pico Alto - in seiner ganzen Schönheit.“ Und als in Pico Alto eine besonders große Welle Richtung Strand gelaufen war, hatte Umberto sich erinnert. „Ich war einmal da draußen, fünf bis sechs Meter hatten die Wellen. Das ist nicht vergleichbar mit diesen hier.“ Er hatte mit dem Kinn auf die Südseite gedeutet, wo Ibo eben eine Sechs-Fuß-Welle genommen hatte. „Da mußt du die Welle fühlen, ihre Kraft, ihren Spirit.“ Umberto fragte: „Weißt du, was Spirit bedeutet?“ Und sah dann lange aufs Meer. Als er sich wieder umdrehte, standen ihm Tränen in den Augen. Er sagte: „Ich muß nun etwas erledigen, und sobald du weißt, was das ist, wirst du verstehen, was Spirit bedeutet.“ Aus einer Reisetasche packte Umberto eine Urne aus. Darin befand sich die Asche seiner kürzlich verstorbenen Mutter. Behutsam nahm er die Urne in den Arm, ging hinunter zum Wasser und verstreute die Asche im Wind.
Ein Strand. Ein Ende. Ein Anfang. Es war ein seltsamer Sonntag, als der große Surf-Guru Raul Calle nach Punta Hermosa zurückkehrte. Ein Sonntag voller Geheimnisse. Es war, als würde über den sandbedeckten Gassen und den farblosen Häusern, dem Strand und den Wellenkämmen, den Surfern und den Besuchern eine Magie liegen, die Peru eine schöne Zukunft verheißt.
Anreise: KLM fliegt ab Amsterdam über die Karibik-Insel Bonaire täglich nach Lima (Preise ab 900 Euro, www.klm.de). Zubringer-Flüge gibt es von allen großen deutschen Flughäfen. Einen Direktflug ab Deutschland gibt es nicht. Ab Frankfurt fliegen Lufthansa (www.lufthansa.com) über Sao Paulo bzw. New York, Iberia über Madrid (www.iberia.com) und Delta Airlines über Atlanta (www.delta.com). Vom Flughafen in Lima kommt man am besten per Taxi in den Stadtteil Miraflores oder nach Punta Hermosa.
Unterkunft: In Miraflores, wo sich auch der Waikiki-Club befindet, gibt es verschiedene Hostels und Hotels (Preise ab ca. 15 Euro). In Punta Hermosa und San Bartolo kann man bereits für zehn Euro in kleinen Hotels oder Bungalows unterkommen. In diesen Bungalows wohnt auch, wer sich über den Kölner Anbieter Outside Surf Travel für ein 14tägiges Surfcamp in Punta Hermosa anmeldet. Mehr unter www.wellenreiter.com. An vielen Surferstränden im Norden ist die Infrastruktur dagegen kaum ausgebaut.
Die Surferstrände reihen sich im Süden von der chilenischen Grenze über Canete bis nach Lima aneinander. Unweit der Hauptstadt liegen Punta Hermosa, San Bartolo, Punta Rocas, El Silencio und Pico Alto, wo sich die höchsten Wellen Südamerikas brechen. Im Norden des Landes findet man in Chimbote (bei Trujillo), Cabo Blanco, Pacasmayo, Chicama und Mancora gute Bedingungen. Dort sind die Wellen flacher - was vor allem Longboarder anlockt. Chicama ist für eine der längsten Wellen der Welt bekannt.
Beste Reisezeit: Der „Ground Swell“ des Pazifiks versorgt Peru das ganze Jahr über mit guten Wellen. Von Dezember bis Mai, dem peruanischen Sommer, ist auch das Wetter schön und das Wasser warm.
Reiseführer: Das Stefan-Loose-Travelhandbuch Peru/Westbolivien von Frank Hermann (23,95 Euro) bietet wertvolle Informationen zur individuellen Erkundung von Peru. Perus Kulturgeschichte findet sich im DuMont-Führer Peru/Bolivien (22,50 Euro). Den Register-Eintrag „Surfen“ sucht man jedoch in beiden Büchern vergeblich. Die besten Informationen findet man im „World Stormrider Guide“ (Low Pressure Publications, 37,50 Euro), ein Buch, das Surfstrände weltweit charakterisiert - auch jene Perus.
Weitere Informationen auf der Seite des peruanischen Fremdenverkehrsamts www.peru.info und unter www.
peruline.de; über Surfen in Peru unter www.surfingperu.org (nur spanisch) und www.olasinternational.com. asl