09.11.2005 · Der Zoo von Pilpintuwasi, etwa zwanzig Kilometer nordöstlich der peruanischen Dschungelstadt Iquitos gelegen, ist vor allem ein Aufpäpplungszentrum für kranke und verletzte Tiere. Lange etwa hatte es gedauert, bis das verwaiste und fußlahme Tapir-Baby Lolita wieder gehen oder das rotgesichtige Äffchen Chavo wieder klettern konnte.
Von Marko MartinDer Zoo von Pilpintuwasi, etwa zwanzig Kilometer nordöstlich der peruanischen Dschungelstadt Iquitos gelegen, ist vor allem ein Aufpäpplungszentrum für kranke und verletzte Tiere. Lange etwa hatte es gedauert, bis das verwaiste und fußlahme Tapir-Baby Lolita wieder gehen, der Ara-Papagei fliegen oder das rotgesichtige Äffchen Chavo wieder klettern konnte. Pedro Bello, der braun-schwarz-weiß gefleckte Jaguar, hingegen war eher ein Opfer verfehlter Kalkulation: Von einem vermeintlich cleveren Geschäftsmann Indianern aus der Region für ein paar Soles abgekauft, sollte das Tier in Iquitos Profit bringen, erwies sich dort jedoch nicht nur als unverkäuflich, sondern auch als ungemein freßlustig. Also ab nach Pilpintuwasi, ins weiträumige Areal von Gudrun Sperrer.
Seit 1982 lebt die gebürtige Österreicherin zusammen mit ihrem peruanischen Mann hier im Dschungel, eine engagierte Tierschützerin, der freilich jeder Menschenhaß abgeht. Will heißen: Die dunkelblonde Frau Gudrun, die sich derart leicht- und barfüßig auf den palmengesäumten Wegen und zwischen all den Gattern, Käfigen und Schmetterlingshäusern ihres liebevoll kultivierten Reichs bewegt, ist bislang nicht vom berüchtigten Dschungelkoller befallen worden, monologisiert keineswegs mit Alkoholfahne, sondern betreibt Konversation auf die denkbar charmanteste und intelligenteste Weise. Was für eine Kraft aber muß es kosten, in jahrelanger Groß- und Kleinarbeit der siedendheißen, wuchernden Wildnis dieses Fleckchen Erde abzuringen, vor staatlicher Bürokratie nicht zu kapitulieren, das Eisengerüst des Jaguarkäfigs (gesponsert von einer amerikanischen Tierfreundin) vorm Verrosten zu schützen, die Larven der hier ebenfalls gezüchteten Schmetterlinge vor Spinnen- und Krabbeltieren zu bewahren oder den Seerosenteich mit der gerade genesenden Seekuh immer wieder von Schlamm und fauligem Blätterwerk zu befreien. Ach! Frau Gudrun schwitzt aus allen Poren, aber sie lacht, statt zu klagen, und auch wenn ihre Fingernägel von all der Arbeit dunkel und hornig geworden sind, scheint beinahe unnachahmlich die Eleganz, mit der sie jetzt nach einem Schmetterling greift und dem Besucher präsentiert. "Man muß mit den Fingerspitzen nah an den Leib gehen, ganz nah. Zuerst wußte ich das nicht und hielt aus Angst, die Tiere zu verletzen, nur die Ränder fest. Aber gerade das war tödlich für sie: Sie rissen sich los und fielen flügellos zu Boden." Erfahrungswerte und die Einsicht, daß selbst beste Absichten mitunter geradezu das Gegenteil bewirken. So wäre es auch alles andere als eine gute Idee, für jene kranken oder verletzten Tiere, die aus den umliegenden Dörfern hergebracht werden, Geld zu zahlen. "Sie würden dann die Tiere absichtlich anschießen, um sich etwas dazuzuverdienen. Wer wollte es ihnen verdenken."
Sensibilität ohne Sentimentalismus
Realismus mit Wiener Akzent, Sensibilität ohne Sentimentalismus. Denn selbstverständlich kann Frau Gudrun auch rechnen. Das muß sie können. Schon allein die monatliche Fleischzufuhr für den Jaguar beläuft sich auf dreihundert Dollar. "Ich unterrichte Deutsch und Englisch an der Universität in Iquitos, das Gehalt ist nicht himmelstürmend, aber immerhin ernährt es Pedro Bello, der unruhig wird, wenn er nicht täglich seine Hühnchen bekommt." Das an Selbstausbeutung grenzende Engagement ist dabei kein im Exotischen ausgelebter Egotrip: Häufig kommen Schulklassen mit ihren Lehrern nach Pilpintuwasi, um etwas über Flora und Fauna ihrer Region zu erfahren - und gleichzeitig über jene landesuntypische Sorgfalt, die man hier verletzten Tieren angedeihen läßt.
Der ab und an mit Lebendigem gefütterte dreijährige Jaguar - "damit er seinen Jagdtrieb nicht verliert", kommentiert Frau Gudrun gänzlich ungerührt - wird dem Zoo wohl erhalten bleiben, Affen, Uhus, Papageien, Nasen- und Ameisenbären oder Stachelschweine aber werden irgendwann wieder den Weg ins Freie finden. Und die Schmetterlinge? Knapp fünf Monate lang leben sie ein Leben, das von allerlei Unwägbarkeiten gesäumt ist während der Raupen- und der Verpuppungsphase, dann flattern sie zwei Wochen lang fragil, jedoch in allen Farben leuchtend und blitzend durch den Dschungel. Das Sein und das Nichts so dicht beieinander.
Optimismus statt Melancholie
Wahrscheinlich braucht es ein gerüttelt Maß robuster (Alltags-)Philosophie, um daraus Optimismus zu ziehen anstatt Melancholie. Die Weisheit der Tiere aber, weiß Frau Gudrun, ist nicht immer menschenkompatibel. "Wenn ich es nicht von Zeit zu Zeit mit mir herumtrage", sagt sie und streichelt das an ihrer Brust gähnende Faultier, "dann klebt es an den Bäumen fest und beginnt, Moos anzusetzen. Ungelogen!"