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Pauschalreisen ins All Die unerschwingliche Leichtigkeit des Seins

 ·  Die teuersten Pauschalreisen der Welt führen bald ins All. Fünf Minuten in der Schwerelosigkeit kosten den Passagier 140.000 Euro. Die Deutsche Sonja Rohde hat das nötige Großgeld, um sich den außergewöhnlichen Flug leisten und einen Kindertraum erfüllen zu können.

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"Ausklinken in drei Sekunden", verkündet die elektronische Frauenstimme mit metallischem Klang. "Drei! Zwei! Eins!" Ein leichter Ruck, jetzt schwebt das Raumschiff frei auf 15 200 Meter Flughöhe über der Mojave-Wüste von Kalifornien durch den tiefblauen Himmel, nachdem es sich planmäßig von seinem Trägerflugzeug gelöst hat. Christoph Berner bleckt die Zähne und starrt nach oben. Er ahnt nicht, was ihm gleich bevorsteht. Die Aussicht ist grandios, doch Berner ist schon etwas flau im Magen. "Bist du bereit?", fragt eine beruhigend sonore Männerstimme aus dem Kontrollraum. "Ja, mir geht's gut", antwortet der 28-jährige Münchner gepresst, doch sein Gesicht drückt etwas anderes aus. "Denk dran, die Füße fest auf die Pedale, und atme ganz ruhig und tief", rät Glenn King, der Mann im Kontrollraum.

Dann wieder die Frauenstimme: "Zünden des Raketenmotors in drei Sekunden. Drei! Zwei! Eins!" Die kleine Kapsel wird durch das plötzliche Röhren des Triebwerks erschüttert, das Raumschiff steigt senkrecht in den pechschwarzen Himmel. Dem Passagier quellen die Augen aus den Höhlen hervor, seine Wangenhaut faltet sich hinter seinen Ohren. "Das ist unser Facelifting", sagt Glenn King lakonisch. Der großgewachsene Deutsche in der Kapsel dagegen reißt jetzt den Mund auf und stößt sekundenlang ohrenbetäubende Urschreie aus, dass selbst die Leute im Kontrollraum grinsen müssen.

Mit dreifacher Schallgeschwindigkeit

Wer die Erdatmosphäre verlassen will, muss zuerst die Anziehungskraft unseres Planeten überwinden, obwohl der Körper sich dagegen wehrt. Auf den Überwachungsmonitoren von Glenn King kann man es deutlich sehen - jeder Raumfahrer wird bei seinem Himmelsritt zum Spielball der Kräfte. Während am Boden die normale Erdanziehung von 1 g herrscht, wirken auf den Probanden beim Start bis zu 3,5 g - und auch noch in zwei Richtungen: Mal geht der Druck längs durch den Körper vom Kopf auf die Füße, mal wird der Brustkorb in den Sitz gepresst. Die Allfahrer in ihrem Schalensitz fühlen, wie beide Arme plötzlich tonnenschwer werden und das Blut in die Beine gepresst wird. Auf einem farbigen Display ist die Flugbahn des Raumschiffs dargestellt, die eine Parabel beschreibt.

Schon nach zehn Sekunden ist die Schallmauer durchbrochen, nach dreißig Sekunden die dreifache Schallgeschwindigkeit erreicht, nach gut zwei Minuten ist es plötzlich absolut still, das Triebwerk schweigt. Die Frauenstimme verkündet: "328.000 Fuß!" Das sind 108 Kilometer Höhe, das Weltall ist erreicht. Weniger als 500 Menschen haben es jemals bis hierher oder noch höher in eine Umlaufbahn in den Orbit geschafft, und alle Astronauten sind mit den Kapseln oder Raumfähren staatlicher Organisationen wie der Nasa unterwegs gewesen. Das wird sich künftig ändern, denn jetzt können auch private Reisende bei der ersten kommerziellen Weltraumlinie Virgin Galactic Alltouren als Pauschalreise buchen.

Auch der Wiedereintritt hat es in sich

"Woooow!", schreit Christoph Berner, der nun wieder entspannter aussieht, als er die endlose Weite des schwarzen Universums betrachtet, in dem unzählige Gestirne leuchten. Zur gleichen Zeit liefert die Heckkamera grandiose Bilder von der blau leuchtenden Erde, deren Krümmung deutlich zu sehen ist, dazu einen gestochen scharfen Ausschnitt der kalifornischen Küste von der Baja California bis San Francisco. Doch dann unterbricht die Frauenstimme die Bewunderung: "Beginn des Wiedereintritts in drei Sekunden. Drei! Zwei! Eins!" Wie beim Start dauert der Wiedereintritt in die Atmosphäre zwei Minuten, und die einsetzende Erdanziehung hat es in sich.

Christoph Berner wirkt sichtlich mitgenommen, doch er hat Glück: Verglichen mit den realen Kräften sind die maximal 3,5 g, die auf ihn einwirken, eher harmlos, seine Alltour ist nur eine Simulation, ohne Schwerelosigkeit zwar, aber doch ziemlich nah an der Wirklichkeit. Statt in einem Raumschiff sitzt der Münchner in der engen Kabine einer Zentrifuge, die in einer Halle außerhalb von Philadelphia an der amerikanischen Ostküste steht. Hier beginnt das Abenteuer All für all jene, die bei Virgin Galactic gebucht haben, hier spüren sie zum ersten Mal, worauf sie sich eingelassen haben.

Sonja Rohde hat sich das Allticket schon gesichert

"Unser Ziel ist es, künftig allen Leuten, die in einem Verkehrsflugzeug fliegen können, auch den Flug ins All zu ermöglichen", so Glenn King. Seit vergangenem Sommer werden weltweit Reservierungen entgegengenommen, 85 000 Anfragen wurden registriert, über 200 Kunden aus dreißig Ländern haben die gerade mal zweistündige Reise mit dem Raumschiff (davon vier bis fünf Minuten in der Schwerelosigkeit des Alls) bereits gebucht und auf den Reisepreis von 200.000 Dollar pro Person (rund 138.000 Euro) insgesamt 30 Millionen Dollar angezahlt. Zwei deutsche Kunden haben beim hiesigen Agenten, dem Münchner Veranstalter Designreisen, schon ihre Raumfahrt gebucht, Geschäftsführerin Marion Aliabadi erwartet, dass sie zunächst etwa fünf Reisen ins All pro Jahr verkaufen kann. "Wenn die Sache dann richtig läuft, sind bestimmt auch dreißig Buchungen aus Deutschland pro Jahr drin", hofft Aliabadi.

Im ersten Jahr der Raumflüge, die voraussichtlich Ende 2009 oder Anfang 2010 beginnen, sollen bereits 500 zahlende Astronauten befördert werden. "Ich würde am liebsten morgen fliegen", sagt Jean Ries aus Luxemburg, der für die galaktische Reise einen Kredit aufgenommen hat. Der 47-Jährige arbeitet in der Immobilienbranche und ist selbst leidenschaftlicher Pilot und Fallschirmspringer. "Für einen Flieger wie mich ist ein Flug ins All das Ultimative", strahlt Ries. Die 31-jährige Immobilienkauffrau Sonja Rohde aus Hagen ist die erste Deutsche, die sich ebenfalls mit Hilfe der Bank ihr Allticket gesichert hat und damit zur ersten deutschen Astronautin überhaupt werden will. "Das ist ein Kindheitstraum von mir", erzählt die blondgelockte Westfälin, die sich gern in TV-Talkshows herumreichen lässt. "Als ich Abitur machte, hieß es, dass es Weltraumtourismus erst ab 2050 geben würde - jetzt bin ich froh, dass ich diesen Traum verwirklichen kann, bevor ich Oma bin", so Rohde.

Immer dabei: Richard Branson

Beide Astronautenanwärter waren vor wenigen Tagen in New York bei der Vorstellung des endgültigen Konzepts für Trägerflugzeug und Raumschiff dabei. Auf der Bühne zwei Männer, die selbst schon als Legenden gelten: Der 57-jährige britische Multimilliardär, Vielfachunternehmer und Abenteurer Sir Richard Branson und der 64-jährige kalifornische Flugzeugkonstrukteur Burt Rutan. Ein einmaliges Gespann - Branson mit dem nötigen Kapital, dem passenden Image und einer geölten PR-Maschine, und Rutan, Kopf hinter vielen ungewöhnlichen Fluggeräten und Rekordhaltern, etwa dem verschollenen Steve Fossett.

"2008 wird das Jahr des Raumschiffs", verkündet Branson, bevor er gemeinsam mit Rutan den Blick auf das endgültige Design des Transportsystems freigibt: Ein riesiges Trägerflugzeug, White Knight 2, das aus zwei identischen Rümpfen besteht, zwischen denen unter der Tragfläche das gut 18 Meter lange Space Ship 2 eingeklinkt ist. Die beiden Kabinen des Flugzeugs sind identisch mit jenen des Raumschiffs, sie haben alle 17 kreisrunde Fenster mit fast einem halben Meter Durchmesser für optimale Ausblicke, und sie fassen je sechs Passagiere plus die zwei mal zwei Piloten.

Raumschiff startet in der Luft

"Das Raumschiff erst in der Luft starten zu lassen ist wesentlich sicherer und umweltfreundlicher als bei Raketenstarts vom Boden aus", erklärt Burt Rutan und fügt hinzu, dass die gesamte Allreise nur sechzig Prozent des Kohlendioxid-Ausstoßes verursache, der auf einem Hin- und Rückflug London-New York entsteht. Erfolgreich erprobt wurde dieses Prinzip bereits 2004, als der Prototyp Space Ship 1 insgesamt dreimal ins All vorstieß - als erstes bemanntes privates Weltraumfahrzeug, damit gewann es den mit zehn Millionen Dollar dotierten Ansari-X-Preis. "Jetzt haben wir mit unserem System eine große Anzahl Kunden im Visier, das hat es in der Raumfahrt noch nie gegeben", sagt Rutan. Gleichzeitig verweist der Konstrukteur auf die Risiken, die es in der Raumfahrt immer gibt.

"Aber wir fliegen sicherer als alle Regierungsastronauten bisher", betont er, "mindestens so sicher wie in frühen Verkehrsflugzeugen Anfang der 1920er Jahre." Einige Zuhörer blicken erstaunt, denn damals war die Fliegerei noch ein Abenteuer. Aber Richard Branson erklärt sofort, dass er selbst mit seinen Eltern und Kindern am ersten Flug teilnehmen werde - und dass die Flugpreise innerhalb von fünf Jahren dramatisch fallen würden, "dann können sich Hunderttausende den Raumflug leisten". Da horcht Christoph Berner auf. Reizen würde es ihn schon, jetzt, wo er die Zentrifuge überstanden hat.

Virgin Galactic (www.virgingalactic.com) bietet ab Ende 2009/Anfang 2010 kommerzielle Passagierflüge ins Weltall. Im Reisepreis von derzeit 200 000 US-Dollar (ca. 138 000 Euro) ist ein insgesamt dreitägiges Programm am noch zu bauenden Spaceport America in New Mexico enthalten, der künftigen Basis der Weltraumflüge. Höhepunkt ist der insgesamt zweistündige Flug ins All auf rund 110 Kilometer Höhe, der Aufenthalt dort mit Blick auf Kalifornien dauert vier bis fünf Minuten. Die Anreise nach New Mexico (nächster Flughafen ist El Paso in Texas) ist im Reisepreis nicht enthalten. Buchbar ist der Raumflug in Deutschland exklusiv bei Designreisen in München, www.designreisen. de, Tel. 0 89/9 07 78 89-0.

Ein realistisches Gefühl für einen Raumflug lässt sich im Nastar Center in Philadelphia in der Zentrifuge gewinnen; für 1800 Dollar kann hier jeder einen halben Tag g-Training inklusive zwanzig Minuten in der Zentrifuge buchen, www.nastarcenter.com/adventures.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 03.02.2008, Nr. 5 / Seite V3
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