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Palm Springs 120 Grad Fahrenheit

 ·  Laue Sommerluft, die gibt es auch im Rheingau. Wer mehr will, fährt von San Francisco nach Palm Springs. Eine Liebeserklärung an die Hitze

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© Rose-Maria Gropp Vergrößern Manche mögen’s heiß: Seward Johnsons überdimensionale Marilyn-Statue in Palm Springs

Wärme ist etwas Menschenfreundliches. Alle haben sie gern - die Fenster öffnen, laue Luft einströmen lassen, schmeichelnd, dringlich ersehnt. Kaum wird es ein bisschen mehr, dann werden die Fenster schleunigst geschlossen und die Rollos auf halbmast gesetzt.

Hitze ist etwas ganz anderes, ein hitziges Gefühl schon gar. Deshalb doch lieber gleich ganz herunter mit den Jalousien? Aber Obacht, „la jalousie“ heißt ja eigentlich die Eifersucht, und in ihr schwelt schon immer die Hitze. Sie soll im gemäßigten Leben draußenbleiben. Aufs Schönste lernt sich das bei Goethe, wenn der niedrigtemperaturige Antonio dem heiß liebenden Dichter Torquato Tasso kontert: „Der Mäßige wird öfters kalt genannt / Von Menschen, die sich warm vor andern glauben, / Weil sie die Hitze fliegend überfällt.“ Kein glühend Herz schlüge sich da nicht auf die Seite des Tasso und seiner Liebe zu Leonore, auf die Seite der Hitze.

Doch die Hitze wird vielleicht gar nicht so scharf erfahrbar als das Gegenteil von Kälte, sondern viel eher von der Kühle her, und sei es auf einer Autofahrt von San Francisco nach Palm Springs. Die Route führt von der coolen Küste Kaliforniens aus, die selbst im August, schon bald oberhalb von Santa Barbara, Temperaturen um 60 Grad Fahrenheit, also kühle 15 Grad Celsius, bereithalten kann - und damit einem sehr wohltemperierten Lebensstil entspricht, wie er zum Beispiel in Carmel gepflegt wird -, in den Südosten des Staats. Der Weg in die Hitze folgt einer Sehnsucht in Richtung Sonne. Sich dem Ziel nähernd, ist fein dosierte Abkühlung im Innern des Autos eine erste unschuldige Maßnahme. Das geht nur eine kleine Weile gut. Denn die Hitze kommt näher.

Glühendes Rot

Hitze ist jedenfalls eine Grenzerfahrung, für alle Sinne. Und in der „Los Angeles Times“, die sich ja wie alle Zeitungen dieser Erde täglich mit dem Wetter beschäftigt und also die Zustände einordnet in den Sommern Kaliforniens, steht dann unter „Air quality“ für die im August ganz aufgeheizte Stadt Palm Springs: „Unhealthy for sensitive people“. Ein dunkelorangefarbener Punkt lodert auf der Landkarte, knapp 200 Kilometer östlich von Los Angeles. Das bedeutet eine Temperatur von 100 Grad Fahrenheit oder 38 Grad Celsius. Danach gibt es nur noch eine Steigerung, nämlich „Unhealthy for all“. Es glüht tiefes Rot, sengende Sonne.

Wer wäre nicht empfindsam für eine solche Temperatur, feinfühlig für solche Überwältigung? Doch wen sie nicht in die Flucht treibt oder direkt umhaut, dem erweitert die Hitze vielleicht den Horizont. Die Phantasie fängt an zu spielen. Was ist denn überhaupt Hitze? Das will der dahinschmelzende Geist jetzt ergründen. Bestimmt kommt die Hitze von einer Sonne, der nichts entgeht, und das weiß schon der Psalm19 des Alten Testaments: „Sie geht auf an einem Ende des Himmels und läuft um bis wieder an sein Ende, und bleibt nichts vor ihrer Hitze verborgen.“ Als einführende Grenzerfahrung könnte dem Gott Davids da schon die Interstate 10 im Abschnitt nach Palm Springs gedient haben, am Rand der Mojave-Wüste. Die Mojave ist eine Regenschattenwüste, das heißt, sie ist von Bergen umgeben, an denen sich die Wolken stauen, so dass kein Wasser mehr für das Land dahinter übrigbleibt. Das lässt sich ja nachlesen. Es zu erfahren, gerade im Wortsinn, ist eine andere Sache.

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