29.08.2010 · Dunkel wird es im nördlichen Norwegen den ganzen Sommer über nicht. Aber sommerlich ist es meist nur für ein paar Tage: Wanderungen durch Licht und Regen.
Von Michael BengelEs gibt an jedem Sonnentag am Nachmittag den Augenblick der Fotografen, an dem die Sonne kaum bemerkt ihr Licht verändert. Sie steht jetzt tief genug, so dass die Atmosphäre ihre Strahlen filtern kann, die Schatten werden lang, die Farben intensiv und die Motive plastisch. Das war an diesem Tag der Augenblick, als unsere Boeing, strahlend weiß mit rotlackiertem Bug, in Bardufoss zum Stehen kam.
Schon auf der Gangway schauten wir uns um: Der Instind-Gipfel, 1425 Meter hoch, mit weißgezackter Doppelspitze, schnitt mit seinem Gletscher Stücke aus dem tiefen Blau, als habe Edward Hopper ihn gemalt. Welch ein Willkommensgruß der Sonne!
Ein Land ohne Tag und Nacht
Wir wussten, doch wir dachten nicht daran, dass sieben Stunden später noch das Licht dasselbe sein würde. Da standen wir mittlerweile am Saum der Klippe vor der Bucht von Hamn i Senja, irgendwo zwischen dem 69. und 70. Breitengrad, 340 Kilometer nördlich vom Polarkreis, also hoch im Norden, weit im Westen, tief in der Nacht, wenn man so will, zumindest irgendwann nach Mitternacht, und beschirmten mit der Hand die Augen. Die Sonne, die vom Meer her strahlte, brachte den Granit in seinem dünnen Flechtenüberzug zum Leuchten, auf dem wir uns als harte Schatten wiederfanden.
Ein Trupp von Arbeitern aus Litauen nagelte am Rohbau einer Terrasse, buchstäblich Tag und Nacht, denn am nächsten Morgen sahen wir sie wieder, immer noch. Ein Spruch hier oben sagt, dass immer irgendwer um Mitternacht den Rasen mäht. Das ist eine Antwort auf die Schiefe der Ekliptik. In Oslo käme das nicht vor. Da wäre es strafbar. Und dunkel obendrein. Zwei Stunden immerhin. Hier aber, hoch im Norden, von der Fläche her die Hälfte dieses Landes, leben nur eine halbe Million Einwohner. Da ist der Nachbar mit dem Rasenmäher weit.
Ein Mann wie ein Polarbär
Dann gehen wir ins Bett. Nicht weil es dunkel wird, weit eher, weil es höchstens heller werden kann. Das Motto dazu heißt: Die Augen zu und durch. Und selbstverständlich wissen wir inzwischen, dass das Licht nicht uns zuliebe leuchtet: Auch die Sonne leuchtet "ohn warumb" wie bei Angelus Silesius die Rose: "sie blühet weil sie blühet". Später irgendwann in dieser Nacht, die uns der Biorhythmus zugeteilt hat, strahlt das Licht schon wieder gleißend in den Hafen, nun vom Land her, und hebt die Einzelheiten messerscharf hervor, die Aufbauten der kleinen Boote, die rote Hütte gegenüber, die Windbewegung auf dem Wasser.
Am nächsten Morgen steigen wir mit Bård Lysberg gegenüber durch die Felsenböschung des Husfjellet hinauf. An Norwegens Küste zu wandern bedeutet immer wieder neu, die Uhr auf null zu stellen. Und da die Baumgrenze bereits bei dreihundert Höhenmetern beginnt, sieht die Fjordlandschaft aus, als habe man die Kuppen eines unwirtlichen, steilen Berglands oben abgetrennt und in das seichte Meer gestellt. Bård war bei den Blauhelmen im Nahen Osten und sieht in der legeren Kluft ganz in Oliv auch ohne Helm und Waffen wie das Muster eines "Peacekeepers" aus: kurz geschoren, groß wie ein Polarbär, muskelbepackt wie Daniel Craig nach Monaten im Kraftraum. "Easy" sei der Weg hinauf, versichert er uns. Ein Vergnügen schon für die Kleinen im Kindergarten. Manche, auch er, liefen gelegentlich hinauf, um fit zu bleiben. Aber selbstverständlich müsse niemand mit. Vor allem möge man es mit dem Ehrgeiz nicht verbissen nehmen.
Hoch lebe die Bergziege des Jahres!
Bis zum Absatz des Sommerdalhaugen steigen wir durch Kiefern und Birken mit Eschenschö?lingen dazwischen aufwärts auf Farnkraut und Wurzeln, auf torfigem Boden, glatt wie dunkelbraune Seife. Der populäre Weg ist eigentlich kein Weg, sondern nur eine Spur im Boden, hin und wieder rot markiert an dünnen Stämmen. Bei 327 Metern rasten wir auf einem großen Stein, den die Eiszeit hier vergessen hat. Kein Baum mehr um uns her, weit der Blick hinunter auf die gefleckte Fjordlandschaft, die Wasserarenen der Lachsfarmen, die Untiefen in leuchtendem Türkis, Strände weiß, als seien wir in der Karibik. Man muss sich aus den glazialen Trogtälern nach oben kämpfen, um die landschaftlichen Schönheiten im Überblick zu sehen. Andere machen das aus. Darunter die Königin, Sonja von Norwegen, inzwischen dreiundsiebzig Jahre alt und vor ein paar Jahren noch ganz unzweideutig ausgezeichnet von der eigenen Nation als "Bergziege des Jahres".
Sie war im Herbst des vorigen Jahres hier an Bergsfjord, zwei Monate nach einer Fußoperation, und Bård war auch bei ihr dabei. Nicht als Bodyguard. Er war ihr Führer, eine Woche lang, und weiß davon an Ungewöhnlichem vor allem zu berichten, wie wenig sie doch ungewöhnlich war. "Hi, I'm Sonja", sagte sie, sagt Bård, wenn man auf Wanderer beim Wandern traf. Das Königliche sah man ihr dennoch an. Vermutlich stand ihre Visite auch vorher in der Zeitung. Wir treffen auf dem Sommerdalhaugen ein Ehepaar mit Hund, ansonsten niemanden in diesen Tagen auf den Wanderungen. Zum Ehrentitel "Queen's Route" hat es der Weg den Husfjellet hinauf der Queen zum Trotz nicht geschafft: So heißt seit 1994 eine andere Route im Land. Und jedes Jahr im Sommer kämen ja neue Anwärter hinzu, denn die Königin erwandert ihr Land mit System, so wie sie im Winterhalbjahr reihum Skitouren macht.
Nasse Kissen auf Gebirgszacken
Hinab und durch das schmatzend nasse Sommerdal, führt uns der Weg im Weglosen irgendwann auch hinauf, vorüber an zwei Schneefeldern und weiter bis zum Kamm, wo wir den Steinfjord vor uns haben. Zur Linken ragt in schroffem Granit die regenschwarze Ostwand des Gipfels auf, und doch nur 635 Meter hoch. Jetzt ahnen wir, was uns die Landkarte von Nordwestsenja versprochen hat: die steilen Höhenzüge aus Granit, um die der Küstensaum herumgefahren ist wie der Bleistift in der rechten Hand um die einzelnen Finger der linken. So ähnlich sieht die ganze Nordmeerküste Senjas aus, während auf der Festlandseite dieser Insel, der zweiten Norwegens der Größe nach, die Landschaft flach und milde ist. Weil das im ganzen Land so ist, gilt Senja als ein Norwegen im Kleinen. 2532 Kilometer misst die Küste des Landes. Nimmt man aber die Fjorde und Buchten hinzu, werden daraus 25148 Kilometer. Und die Inseln bringen noch einmal erstaunliche 58133 Küstenkilometer in die geduldige Statistik.
Längst ist die Sonne abgeschirmt von Wolkenschichten, die wie nasse Kissen undurchdringlich auf den Zacken der Gebirge lasten. Nur das helle Moosgrün aus dem feinen Pelz von Birken leuchtet auf den Hängen. Es ist ein warmes Grün, das aus dem Wasser kommt und das vom Regen nicht gänzlich ausgewaschen werden kann. An einem halben Tag nur ist es Herbst geworden, tagsüber so dämmerig wie mitten in der Nacht. Tja, sagt Bård, das ist das Einzige, was man vom Wetter sagen kann: dass es hier jede Menge davon gibt. Und er erzählt von Jahren, in denen es in jedem Monat des Kalenders Schnee gegeben hat. Der Golfstrom, der vom Süden warmes Wasser mit sich führt, ist eher etwas für das Klima als für das tägliche Wetter. "Arctic Norway" heißt der Teil des Landes rings um den 70. Breitengrad. Und es gehört nicht viel dazu, dass sich die Wanderroute rasch verwandelt in ein "arctic nowhere", irgendwo auf der Grenze zwischen Mitternachtssonne und Permafrost.
Die Botschaft der Seeschwalben
Die nahe Provinzhauptstadt Tromsø war der Ort, von dem aus die Polarregion erkundet und in Teilen unterworfen wurde. Doch was heißt schon unterworfen? Die dünn besiedelte Provinz vermittelt das Gefühl, der Mensch sei hier eine nur vorübergehende Erscheinung. Die holprigen Straßen sind schmal, die Siedlungen wie provisorisch. Die buntlackierten Holzhäuser in Rot, Türkis und Ockerfarben unter ihren Wellblechdächern sehen aus, als seien sie zur Probe aufgestellt. Solide sind einzig die Häfen. Den Bagger in Skaland, der die Hafenmole mit riesigem Granitgestein befestigt, hören wir noch auf der Höhe rumpeln.
Abseits der Zivilisation machen uns prompt die kleinen Seeschwalben klar dass wir hier im Grunde nichts zu suchen haben. Auf der Rückfahrt, dick verpackt im „Flytedress“, dem wattierten Schwimmanzug für die Bedingungen des Eismeers, neben dem ein Friesennerz wie ein frivoles Badedress erscheint, besuchen wir die kleine Insel Færøya. Kreideweiße Strände um ein wenig Grün. Wie zur Begrüßung steht in der Landungsbucht das Dach eines Zahnwalschädels, umgekehrt als Sessel oder Thron für irgendeinen Inselhäuptling. Doch die weißen Seeschwalben wirbeln kreischend über uns wie eine Wolke aus reiner Aggression. Nichts da von Begrüßung. Die Jungen sind gerade geschlüpft, erklärt Bård, und während wir den staunenswerten Sand am Strand uns durch die Finger rieseln lassen, nichts als gemahlene Korallen und den Schutt gebleichter Muscheln, stoßen die Biester auch schon mit den roten Schnäbeln zu und schrillen Kria-Kria-Schreien, scharf wie Messerstiche.
Auf der Suche nach dem schönsten Licht
Nachts fahren wir am Fjord entlang nach Sommarøy, mit Licht, wie stets in Skandinavien, und doch im Hellen, und sehen das Bild einer Welt ohne Menschen wie in einem trüben Katastrophenfilm. Wir sehen ihre Häuser, ihre Autos, Wohnanhänger, Boote, manchmal harte Stockfische auf den Terrassen, nah am Wasser Zelte, an Belebtem aber nur einsame Vögel. Doch keine Menschen, und weil es mäßig hell ist bei dem schlechten Wetter, keinen Hinweis darauf, dass sie schlafen - außer der Uhr.
Wieder und wieder wird uns ungefragt versichert, dass wir das Schönste der Mitternachtssonne gesehen haben, vorgestern, am Tag der Ankunft. Außerdem: das Allerschönste sei ja ohnedies der Winter. Dann bleibt die Sonne unterm Horizont. Zwei Monate sei es da dunkel, wenn es schneit und regnet, sieht man gar nichts, nur Lucia, die ja nach dem Licht heißt, und die Kerzen in der Weihnachtszeit, Glückskinder sehen da das blaue Licht der klaren Tage, und in Vollmondnächten ist es heller als am Tag, weil dann der Mond ja fehlt. Und dann das Nordlicht! Das sei die schönste Jahreszeit, sagt Bård. Dasselbe sagt auch Gunnar, unser Führer für die nächsten Tage. Fünfhundert Kilometer fährt er manchmal in der Nacht mit den Touristen, um das schönste Nordlicht zu entdecken.
Frischer Fisch ist kein Katzenfutter
Von der Finsternis der Seelen reden nur die besserwisserischen Gäste aus Germanien. Ebenso von Suff und Suizid. Nichts wird da dementiert, nur ignoriert. Kein Wort von wahr, soll das bedeuten. Doch die spitz gekrümmten Eisenlanzen auf dem Gehweg der Brücke in Tromsø, die den Sprung hinab verhindern sollen, haben wir ja selbst gesehen.
Auch Gunnar Hildonen war bei den Blauhelmen, ehe er das Leben am Eismeer zum Beruf erhob. Jetzt ist er „Manager, Guide & Chef“ nach Auskunft seiner Visitenkarte. Er kocht für uns im Lawu, dem Zelt seiner samischen Vorfahren, Fisch, nur Stunden alt. Fisch nach vier Stunden sei Katzenfutter. Er steigt mit uns, nun auf der Insel Kvaløy, im Trogtal des Kattfjords hinauf, im Winter ist er dem Licht auf der Spur, und wenn er nichts zu tun hat, streicht er Häuser oder legt sich auf die Bärenhaut aus Rentierfell. Er zeigt uns die Beeren am Boden, die Blaubeeren, die Krähenbeeren und die vielgesuchten Moltebeeren, er zupft die frischen Maispitzen der Fichten und deutet auf alle die Blätter am Boden, aus denen sich Salat gewinnen lässt. Die Elchkötel im Heidekraut, verrät er, wären wohlschmeckend und nahrhaft, wenn sie nur trocken wären - und wenn man es nicht vorzöge, sie als Anhänger am Ohr zu tragen, so wie man aus den Auswüchsen der Baumpilze hier Becher schnitzt. Doch trocken wird es heute nicht mehr. Andreas Nilson, der die Fischverwertung seiner Großeltern am Fjord in ein Urlaubsdomizil und Anglerparadies verwandelt hat, betont, wie wichtig hier der Führer sei.
Spitzbergen am Horizont
Es gibt kaum Wege, und wenn, meist ohne Kennzeichnungen, und außerdem kennt Gunnar die schönsten Stellen. Mit uns steigt er an einem Wasserfall bergauf, wo im Winter regelmäßig brusthoch Schnee liegt, wie die Moorbirken verraten, wir turnen unter umgestürzten Birken hindurch und den Vasstind hinauf, bis die Kronen der Zwergbirken wie flachgekämmte Reisigbesen auf der Höhe liegen. Dann sehen wir das Meer mit Spitzbergen hinter dem Horizont und die kleine Felseninsel Håja, die angeblich das Muster für die Eiskathedrale von Tromsø abgegeben hat, die nördlichste Kathedrale der Welt, die hoch am Hang die Schiffe der Hurtigruten begrüßt.
Für Gunnar ist das arktische Norwegen ein großer Abenteuerspielplatz, er sammelt Rinden und Birkenstücke, birgt sie im Arm wie eine Mutter ihren Säugling, um liegend gegen jeden Wind ein Feuer zu entfachen. Er watet durch den Fluss, um für seine Anvertrauten einen Übergang auf schwarz besprenkelten Granitbrocken zu finden. Wir brauchen gleich mehrere Anläufe und witzeln mit gespielter Zuversicht wie Kinder: Wenn es dunkel wird, sind wir gewiss zu Hause.