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New York Auf der Suche nach Gesine Cresspahl

 ·  Uwe Johnsons Gesine Cresspahl, Heldin seines erstveröffentlichten Romans wie seines letzten, hatte eine New Yorker Adresse. Wohnt sie noch immer hier?

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Das Paar, das sich den Stufen nähert und die Haustür öffnet, unterbricht die Routine der Bewegung nur für einen Wimpernschlag. Niemand steht nur zufällig vor einem Haus und achtet auf die Nummer, so wie wir. Da schaut man schon mal, als Bewohner. Wir hatten mehr als eine Frage. Aber haben sie doch nicht gestellt. Was hätte es gebracht, nach einem Mieter, Nachbarn, Mitbewohner zu fragen aus dem Jahr 1967/68? Einem Mann aus Deutschland, Uwe Johnson, Dichter im zerrissenen Europa. Oder nach Gesine Cresspahl, wohnhaft hier seit 1961? Miss Cresspahl wohnt hier nicht mehr. Hat hier nie gewohnt. Never heard of.

So kann es gehen mit der „Poeisis“, der Kraft, hervorzubringen, wo bisher nichts war. Wer sich darauf einlässt, etwa wenn er liest: „Es war einmal“, ist für die Dauer dieser Abmachung, „es war“ tatsächlich einmal als gegeben anzunehmen, exkulpiert. Wo anders hätte sie wohl wohnen können in New York als hier, 243 Riverside Drive, New York, N.Y. 10025? Eine „fast europäische Straße“ mit Bäumen und Wasser vor den Fenstern, fast wie daheim, ob nun in Mecklenburg-Vorpommern oder in Düsseldorf, wie ihre Geschichte erzählt. Und so war ihr Autor gleich, wie er später verriet, „fest entschlossen zu dem Wissen, dass hier seit dem Mai 1961 die Cresspahls gewohnt hatten“: Gesine und ihr Kind Marie.

Der Hudson ist nicht die Ostsee

Wissen als Entschluss: Das meint die Würde der Fiktion, durch Poeisis eine „Welt“ zu schaffen, „die gegen die Welt zu halten“ sei, wie Johnson einst gesagt hat: zum Zwecke des Vergleichs. So leben wir? Das ist die eine Frage. Die zweite: Wollen wir so leben? Müssen wir es gar?

Uwe Johnsons Gesine Cresspahl, Heldin seines erstveröffentlichten Romans wie seines letzten, war hier zu Hause, mit dem Blick auf den Hudson. Johnson zahlte 134 Dollar monatlich. Ihr, sechs Jahre früher, gestand er 124 zu. Das Haus war ihm nicht weniger gemäß als ihr. Das Wasser vor der Tür entsprach als literarische Kategorie dem häufigsten Motiv in seinem Hauptwerk „Jahrestage“. Er sei ein Mensch der Flüsse, hat er einmal, halb im Spaß, gesagt. Gesine aber stamme von der Ostsee. Der Hudson vor der Tür ist beides: Meerwasser und Flussmündung in einem. So wie die Themsemündung später, an der Uwe Johnson Gesines Erinnerungen zu Papier bringt. Auch in Sheerness-on-Sea fließt die Themse bei Flut der Quelle entgegen.

„Charles Gutes Ess Geschäft“ gibt es nicht mehr

Der Beziehungsreichtum wird schon kein Zufall sein. Johnson hat seine Wohnstätten mit größtem Bedacht gewählt. Als er aus dem Osten fortging, sollte das nicht Beifall für den Westen sein: Daher blieb er in Berlin, das einen Sonderstatus hatte. Ihm dürfte gefallen haben, dass die „Marine Parade“ in Sheerness, nur einen Steinwurf neben Nummer 26, auf die „Richmond Street“ stößt: Richmond war der Sehnsuchtsort für Gesines Vater Heinrich, der nicht in Deutschland 1933 schuldig werden wollte. Seiner Frau zuliebe blieb er da, und Gesine begegnet den Opfern, sofern sie überlebten, in New York. Hier, auf dem Riverside Drive, dem „europäischen Viertel“, wo der Broadway dem Boulevard Raspail tatsächlich ähnlicher ist als sich selbst in Midtown.

Vieles hat sich seither zwar geändert: „Charlies Gutes Ess Geschäft“ am Broadway, Ecke W 96 St, ist verschwunden. Das „Hotel Marseille“ um die Ecke, damals - und „in Wirklichkeit“ - „Hotel Paris“, ist heute ein Apartmenthaus, doch Gesines Schwimmbad gibt es noch im „Health Club“. Wie unverändert aber ist „das lederfarben gelbe Haus am Riverside Drive“, „243 the cliff dwelling“. Auf einer Klippe am Hudson steht es da wie eine steingewordene Erinnerung an die Indianer Arizonas. „Ein Denkmal wie für Tote“, heißt es im Roman. Es ist leicht zu erkennen an einem Fries „aus weißem Sandstein mit Schlangen und Tiergestein“, Büffelköpfen um das dritte von zwölf Stockwerken, die den Mecklenburger Johnson an den „Ossenkopp“ erinnerten, den Stierkopf aus dem Wappen an der Ostsee.

Ochsenkopf und Hakenkreuz

Auch das ist eine jener überraschenden Verknüpfungen der Romanwelt mit der Wirklichkeit, die Johnson selbst vorgenommen hat. Leider haben seine Leser daraus allzu häufig die Lizenz bezogen, die Wirklichkeit nicht vom Roman zu trennen. Vergleich, hatte Johnson gesagt: Nicht Gleichsetzung! Vergleich der Unterschiede wegen! Oben, unterm Dach und unter einem Indianerbild, hängt im Schmuck der Wand ein Bild, das Johnson nie erwähnt hat: ein Hakenkreuz, zwar mit den Querbalken nach links gerichtet, als liefe es gegen den Uhrzeigersinn, aber dem, an das es erinnert, ähnlicher als jeder Büffelschädeldecke einem Ochsenkopf. Für Johnson war das Hakenkreuz das Zeichen jener deutschen Schuld, aus der er seinen Schreibauftrag bezog, ohne sie bewältigen zu können: „Das ist ein Land mit einer Schande, die nicht vergeben werden kann“, hat er gesagt. Im dritten von zwölf Stockwerken hat er gewohnt. Acht Stockwerke unter dem Kreuz.

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