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Neuseeland Zwischen Himmel und Erde

09.07.2006 ·  Wenn das Siebengestirn sich zeigt, feiern die Ureinwohner Neuseelands, die Maori, ihr Neujahrsfest Matariki. Diese uralte Zeremonie wird immer populärer. In dem kleinen Land wird auch die bikulturelle Förderung groß geschrieben.

Von Anke Richter
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Der Himmel über Wellington hat schon Sterne gesehen: Sie kamen aus Hollywood, zur Premiere des „Herrn der Ringe“, und sie trugen T-Shirts mit der Aufschrift „I love NZ“. Doch daß dieser neuseeländische Himmel plötzlich selbst zum Star wird, damit scheint er nicht gerechnet zu haben: An diesem Morgen versteckt er sich hinter dichten Wolken. Es ist sechs Uhr früh und - mitten im tiefen antipodischen Winter - noch stockdunkel. Festlich gekleidete Menschen schieben sich auf die Terrasse des imposantesten Gebäudes der Stadt, dem modernen Museumskomplex Te Papa, direkt am Hafen der neuseeländischen Hauptstadt. Heute früh wird das Museum Stunden vor der Öffnungszeit sanft geweckt: Te Papa ist zugleich die Arena eines Festes, von dem viele Neuseeländer nicht einmal wissen, daß es existiert: Matariki, das Neujahr der Maori.

Die offizielle Zeremonie feiert den ersten Neumond nach dem Auftreten des Siebengestirns am Firmament. Doch nicht Böller oder Silvesterraketen, Trompetenmuscheln sind im Einsatz: Die Töne des traditionellen Instrumentes heben sich in den verhangenen Morgenhimmel. Es klingt wie das sanfte Tuten von Schiffen. Frauen stimmen wechselseitige Begrüßungsgesänge in Maori an. Eine der Ältesten spricht ein dröhnendes Karakia, ein Maori-Gebet, das den Himmel und die Erde beschwört. „Ja, so ist es“, antwortet die Gruppe im Chor. Es sind Museumsangestellte von Te Papa und Würdenträger der Stadt, Maori-Gelehrte und Stammesoberhäupter samt Familien. Einige alte Damen haben weiße Albatros-Federn im Haar: Zeichen von Kraft und Weisheit, über Generationen vererbt.

Höhepunkt der festlichen Stimmung

Als die Klänge und Gesänge unter dem freien Himmel verstummen und die Menschen sich ins Innere von Te Papa schieben, zeigt ein junger Mann aufgeregt auf ein Funkeln am Horizont: „Da drüben, das ist Matariki!“ Die Plejaden meint der Mann entdeckt zu haben, nach denen in diesem Moment Zehntausende von Neuseeländern Ausschau halten. Aber das Siebengestirn, das sich auf der Südhalbkugel nur um diese Jahreszeit zeigt, hält sich leider unter den Wolken versteckt. Das Glitzern in der Ferne ist nur die Straßenbeleuchtung von Wellingtons Vorort Wainui.

An der festlichen Stimmung ändert das nichts. Das Ritual im Morgengrauen ist der Höhepunkt einer Reihe von Veranstaltungen, die Te Papa anläßlich von Matariki abhält. Es gibt Hip-Hop-Konzerte und Haka (einen Kriegstanz), ein großes Gala-Dinner, Kinderprogramm und Vorträge: Von Flachsflechten über Knochenschnitzereien zum Kanu-Bau wird die Kultur der Urbevölkerung von Aotearoa, dem Land der langen, weißen Wolke, gezeigt. Der offiziell zweisprachige Staat hat nach Jahrhunderten der Unterdrückung seiner Ureinwohner die weltweit fortschrittlichste bikulturelle Förderung. Aber die Mythologie der Maori ist noch lange nicht Allgemeingut.

Zwar weiß jedes Schulkind, daß nach der Legende der Halbgott Maui einen Fisch aus dem Meer zog, aus dem die Nordinsel Aotearoa entstand. Aber bei Ranginui, dem Himmelsvater, und Papatuanuku, der Mutter Erde, hört das Wissen um die spirituellen Wurzeln meist auf. Die Schöpfungsgeschichte der Maori sieht die beiden fest vereint, bis sie von ihren Söhnen getrennt werden. Darüber ist eines der Kinder so erzürnt, daß es sich die Augen ausreißt, sie in Stücke zerfetzt und ins Weltall wirft. Die „Augen Gottes“ sind die Matariki-Sterne und ihre Bedeutung ein Anker für all jene, die eine Alternative zur eurozentristischen Weltsicht suchen.

Eine Phase des Neubeginns

In früheren Tagen war Matariki die Zeit der Ernte, des Einlagerns und Aussähens. Manche Stämme hatten heilige Gärten, deren Ernte den Göttern galt. Die Sterne waren Indikatoren für Wachstum und Pflanzzeiten. Hing das Siebengestirn matt und verschwommen im Himmel, dann bedeutete das einen kalten Winter. Ein klares Leuchten dagegen versprach ein warmes Jahr.

Da die meisten der 500.000 Maori sich jedoch eher von Big Macs als von selbstangebauten Süßkartoffeln ernähren, hat das gärtnerische Potential heute vor allem symbolische Bedeutung. „Es geht um Neubeginn“, sagt Professor Pou Temara von der Waikato University vor versammeltem Publikum in Te Papa. „Um Matariki zu feiern, muß man durch eine Phase der Trauer gehen. Es ist die Zeit, um an Verstorbene zu denken.“ Er sagt einen göttlichen Spruch auf: „Laß den Tod wie den Zyklus des Mondes sein.“

Das klingt makaber angesichts der jüngsten Ereignisse: Schlagzeilen machte gerade der Mordfall zweier frühgeborener Zwillinge, deren Mörder sich im Schutz des Familienclans verstecken und die Nation in Rage treiben. Die Todesfälle stehen in einer Reihe von zu Tode mißhandelten Maori-Kindern aus der letzten Zeit. Während der morgendlichen Zeremonie in Wellington halten Maori in Auckland eine Mahnwache ab, um gegen die ausufernde häusliche Gewalt zu demonstrieren. Auch politischer Aktivismus gehört zu den Matariki-Feierlichkeiten, genau wie die Lagerfeuer an Stränden, Flecht- und Musik-Workshops der Büchereien, Tanzfeste und „Han-gi“-Mahlzeiten an Schulen.

„Die Sterne stehen am Anfang von allem“

Am Eastcape, wo der Film „Whale Rider“ entstand und vor einigen Jahren erst wenige hundert Menschen das Maori-Neujahr feierten, fanden sich in dieser Saison 35.000 ein. Willie Jackson, ein prominenter TV-Moderator und Maori, ließ gerade in seiner Sendung darüber diskutieren, ob Matariki zum Feiertag erklärt werden soll. Für Te Taru White, den Maori-Obersten am Te-Papa-Museum, hat Matariki vor allem hohes Marketing-Potential: „In der kältesten Zeit des Jahres, wo sonst nicht viel passiert, bringt es uns etwas Wärme“, sinniert er, während er sich im Oceania-Saal dem Fest-Frühstück aus geräuchertem Aal, Austern, Schweinebauch und Pesto vom Piko-Piko-Kraut widmet. „Es geht um unser Verhältnis zur Natur, zum Kosmos, zum Meer. Das spricht alle Neuseeländer an.“

Als der Museumskomplex Te Papa vor acht Jahren entstand, hatte White wie die meisten urbanisierten Maori seiner Generation noch nie von Matariki gehört. Engagierte Mitarbeiter und ein Mini-Budget von 3000 Dollar machten die erste Veranstaltung möglich. Der Rest ist Geschichte. Im Souvenirladen des Museums gibt es einen hochwertigen Matariki-Kalender zu kaufen, der mit dem Juni beginnt. Er ist besonders bei Touristen beliebt.

Zwanzig Fußminuten von Te Papa und eine Fahrt mit der Zahnradbahn Richtung Himmelsvater Ranginui steht das Observatorium von Wellington. Dort erklärt Seefahrer Jack Thatcher einer interessierten Runde, wie Maori seit Jahrtausenden die Sterne zur Navigation auf See benutzten. Er selber ist mehrfach ohne GPS die Strecken seiner Vorfahren abgesegelt, die vor 600 Jahren auf Kanus aus Polynesien nach Aotearoa kamen. „Die Sterne stehen am Anfang von allem, was uns Maori ausmacht“, spricht er ins Dunkle, während die Kuppel des illuminierten künstlichen Firmaments über ihm schimmert. „All unsere Geschichten stammen aus diesem Himmel.“

Wiedergeburt eines Festes

Jack Thatcher gehört mit zu denen, die Matariki in Neuseeland wiederbelebt haben. Das Carter Observatory trägt ganz besonders dazu bei. „Es ist nicht nur eine einmalige Sache: Wir erklären das ganze Jahr über, was Matariki bedeutet“, sagt die Astronomin und Besuchermanagerin Tamsin McClelland. Die junge blonde Frau schottischer Abstammung engagiert sich leidenschaftlich für die Wiedergeburt des Festes. „Es ist schön, daß es Matariki schon immer gegeben hat - auch während der Zeit, als Maori unterdrückt wurden.“

In der Kura Gallery, wo hochwertige folkloristische Gegenwartskunst verkauft wird und Paua-Muscheln, Farn-Motive und Koru-Kringel dominieren, hat der Bildhauer Clarence Collier eine säulenförmige Plastik aus Muschelkalk ausgestellt. Rangitahi heißt sie, „ein Himmel“, denn Collier ist Maori und hält spirituelle Zwiesprache mit dem Material und seinen Beschützern, bevor er es bearbeitet. Matariki-Parties sind jedoch nicht seine Sache.

Lieber zeigt er nachts seinen beiden Töchtern den Sternenhimmel. „Das ist meine Art zu feiern“, sagt er. „Draußen ist es dann ganz ruhig und still um mich herum.“ Er macht eine kurze, feierliche Pause. „Was daran liegt, daß ich halb taub bin.“ Und er lacht so laut, als meinte er auch all die, die den guten Rutsch eine Spur zu ernst nehmen.

Anreise

Wegen der langen Distanz gibt es keine Direktflüge von Deutschland nach Neuseeland. Ab Frankfurt fliegen beispielsweise die Lufthansa und Singapore Airlines mit Stopp in Singapur, Thai Airways über Bangkok und British Airways über Sydney. Ab Berlin fliegen unter anderem Quantas über London und Melbourne, ab München United Airlines Richtung Westen über Los Angeles.

Alle internationalen Flüge landen erst in Auckland, von dort gibt es regelmäßig Verbindungen nach Wellington. Die Preise beginnen bei rund 1300 Euro, die Flugdauer bei rund 27 Stunden. Eine Übersicht über Verbindungen und Hotels bieten www.opodo.de und www.expedia.de.

Allgemeine Informationen über Neuseeland unter www.neuseeland.de und www.newzealand.com. asl

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 09.07.2006, Nr. 27 / Seite V3
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