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Donnerstag, 09. Februar 2012
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Neuseeland Die Heimat der Heimatlosen

07.05.2010 ·  Neuseeland treibt wie ein Schiffbrüchiger im Südpazifik, fern von allem, isoliert von der Weite des Ozeans, ganz allein mit sich und seiner Schönheit. Doch es leidet nicht unter seiner Einsamkeit. Dafür gibt es einen guten Grund.

Von Jakob Strobel y Serra
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Wie wird man zum Besitzer des größten privaten Weinguts ganz Ozeaniens, Herr über sagenhafte tausend Hektar Rebfläche, Schöpfer eines wogenden Traubenmeeres am Ufer des Pazifischen Ozeans? Der Mann, der es wissen muss und jetzt wie ein zerzauster König Krösus an der Steilküste zwischen Wein und Wellen steht, ist kein Mann fürs Klischee - rauschender Bart, widerspenstige Mähne, wallende Wampe, verdrecktes Sweatshirt, halb Kiwi-Rübezahl, halb Wagner-Heldentenor oder auch halb Kriegsfürst aus dem "Herrn der Ringe" und halb Moses in jenem Augenblick, als er den Kindern Israels das Gelobte Land zeigte. Warum steht er hier? "Ganz einfach", brummt Peter Yealands: "Mit fünfzehn schmiss ich die Schule, von da an ging es aufwärts."

Ganz Neuseeland mit all seinen Möglichkeiten und Tollkühnheiten, all seiner Ungeahntheit und Unbegrenztheit steckt im Leben des Peter Yealands. "Ich bin ein echter Kiwi-Boy", sagt er so stolz, als gäbe es nichts Schöneres auf der Welt, "und ich bin ein Maverick, ein Eigenbrötler", sagt er so selbstvergessen, als gäbe es keinen anderen Weg zum Glück. Der Sohn eines Krämers aus Neuseelands berühmtester Weinbauregion Marlborough, Nachfahre irgendwelcher Schotten, aber wen interessiert das schon, schlug sich als Schafscherer, Holzfäller und Zäunebauer durch, benutzte irgendwann nicht nur seine Hände, sondern auch seinen Kopf, begann mit Heu für die Schafzüchter zu handeln, verdiente gutes Geld, stieg ins Kohlegeschäft ein, ging in die Baubranche, machte dies, machte das, kaufte Wälder, verkaufte Holz, züchtete Hirsche, das Fleisch für Feinschmecker in aller Welt, das Leder für Handtaschenhersteller in Italien, das Geweih für fanatische Trophäensammler in Spendierlaune. "Für einen Fünfundvierzigender zahlen die mir hunderttausend Dollar", sagt Yealands, den man sich gar nicht mit Flinte vorstellen kann, eher schon mit Enkeln auf dem Schoß beim Vorlesen. Er sagt es mit einer Miene, als tippe er sich in Gedanken mit dem Finger an die Stirn.

Lächeln ohne Triumph

Ende der neunziger Jahre pflanzte er mehr aus Spaß als aus ernstem Interesse ein paar Rebstöcke in Marlborough, und als man ihm sofort viel Geld für sein Land bot, wusste er, dass er auf eine Goldmine gestoßen war. Hektar um Hektar kaufte er den Schafzüchtern an der Pazifikküste ab, setzte als Erster in Marlborough Rebstöcke auf Hügelland, importierte dazu eine GPS-Technik aus Amerika, um die Rebenreihen akkurat ausrichten zu können, verkaufte seine Trauben an die Weingüter der Region, machte glänzende Geschäfte in den Goldrauschjahren des neuseeländischen Weines. Doch dann, im Jahr 2006, kam die große Krise. Keiner wollte mehr seine Trauben, also beschloss Yealands, selbst Winzer zu werden. Vor zwei Jahren hat er die erste Ernte eingefahren, nächstes Jahr will er fünf Millionen Flaschen produzieren. Mit seinem Sauvignon Blanc ist er inzwischen Marktführer in den Niederlanden, und jetzt müsse er schnell zum Flughafen, in Auckland warteten Vertreter der größten brasilianischen Supermarktkette auf ihn. Dann entschuldigt er sich mit einem Lächeln, in dem keine Spur von Triumph liegt, und verabschiedet sich mit einem langen Händedruck, der fest, aber nicht verbissen ist, der Händedruck eines Mannes, der sein Glück ganz alleine geschmiedet hat.

Neuseeland ist ein unverschämt junges Land, das erst noch von den Schmieden ihres Glücks gemacht werden muss, ein Land aus rohem Eisen, nicht aus verrostetem trotz seiner jahrhundertelangen Besiedelung durch die Maori, die kaum mehr als ein Firnis war. Die Landesgeschichte passt auf ein Faltblatt, manche Städte sind jünger als die Beatles, und in Marlborough, einem der prestigeträchtigsten Weinbaugebiete der Erde, wuchs noch vor einer Generation keine einzige Traube. Vergangenheit ist hier Gegenwart, die Geschichte ist man selbst und diese Geschichtslosigkeit ein ungeheuerliches Privileg. Sie schenkt den vier Millionen Menschen, den Eingesessenen wie den Einwanderern, ein Dasein ohne Ballast, die Verlockung eines Zurückdrehens der Zeit, doch sie verlangt auch einen hohen Preis: Sie muss mit Einsamkeit bezahlt werden, mit Isolation, mit der Tyrannei der Distanz. Wie Schiffbrüchige treiben die beiden Hauptinseln im Südpazifik der Antarktis entgegen, wie ein Schiffbrüchiger fühlt man sich, wenn man durch die Menschenleere dieses Landes fährt, vor allem durch die schroffe Schönheit der Südinsel; wenn man nach Unendlichkeiten der Zivilisationslosigkeit an Häusern vorbeikommt, die in ihrer Einsamkeit so unwirklich wie Hirngespinste wirken, und sich fragt, wie ihre Besitzer, Viehzüchter, Holzfäller, Einsiedler, hier nicht den Verstand verlieren vor lauter Verlorensein in der Ferne von allem.

Städte so jung wie die Beatles

Es ist ein Land aus kahlen Bergen, baumlosen Kuppen, gelbbraunem Gras, fahl wie ein ausgewaschenes Hemd. Es ist eine Ödnis, so grandios und herrisch wie in Altkastilien, eine Leere, so melancholisch und entrückt wie im Altiplano. Doch nichts gibt einem Halt in dieser ungemachten Welt, nirgendwo gibt es ein Ferment aus Vergangenheit, einen Anker der Schicksalsschwere, keine Tempel, die lange vor den Konquistadoren errichtet, keine stolzen Städte, die lange vor Kolumbus von den Rekonquistadoren gegründet wurden. Das älteste Stück Menschheitsgeschichte weit und breit ist eine Schaffarm von 1956, und würde man sich jetzt mit dem Auto überschlagen, wäre man ein Fall für die Geschichtsbücher.

So fährt man Stunde um Stunde durch ein Land, gemacht für Wiederkäuer, nicht für Menschen, das selbst für die gutmütigste Rübe zu schlecht ist, ein Land, kahlgeschoren vom ewigen Wind, kahlgefressen von vierzig Millionen Schafen - und erlebt plötzlich das Wunder des Weins, die Wandlung der Landschaft vom hartherzigen Saulus zum sanftmütigen Paulus: Wie aus dem Nichts tauchen die ersten Rebenreihen auf, leuchtend grün, schwer behangen, wie eine Ehrengarde in Reih und Glied angetreten, rettendes Ufer, Schlaraffenland, Zivilisation, endlich, erst sporadisch, dann mehr und immer mehr, bis man endlich glücklich durch eine Unendlichkeit aus Weinstöcken fährt, überall auf der Südinsel, in Waipara, in Otago und am schönsten in Marlborough.

Hubschrauberangriff auf Vögel

Das breite, gemächlich zum Meer ausrollende Tal von Marlborough, ein Geschenk der Gletscher, ein Schutzbefohlener der beiden hohen Bergketten an seinen Flanken, die es vor den bösen südpazifischen Winden schützen, ist Pionier- und Herzland des neuseeländischen Weinbaus. Siebzig Prozent der gesamten Produktion werden hier angebaut, siebzig Prozent davon sind Sauvignon Blancs, die den Weltruf des Weins aus Ozeanien begründet haben und in Übersee viel zu leichtfertig auf die klassischen Stachelbeeraromen reduziert werden - eine schreckliche Kastration, bei der einem unendlich viel entgeht, Aromen von Zitronengras und Pfirsich und sogar von Austern bei den Weinen, die aus Trauben direkt an der Cook-Straße zwischen der Südinsel und der Nordinsel gekeltert werden.

Menschen und Reben haben keine nennenswerten Feinde in Marlborough, nur gute Freunde, heiße Tage, kalte Nächte, steinige Böden, in denen die Wurzeln hart arbeiten müssen und dabei den ganzen Geschmack der Erde aufsaugen. Die Menschen leiden höchstens unter der Isolation, doch da hilft ja der Wein, und die Trauben unter den frechen Vögeln, vor allem Hunderttausenden Staren, die ihrerseits keine natürlichen Feinde haben, so gut geht es allen in diesem Land, das kein einziges giftiges Lebewesen kennt. Nur der Frost ist überall dort eine Bedrohung, wo das Meer die Luft nicht temperiert. An kritischen Tagen steigen Hunderte Hubschrauber auf, um die Luft zum Zirkulieren zu bringen und zu verhindern, dass sie am Boden friert. Dann, sagen die Winzer, geht es im Tal von Marlborough zu wie einst am China Beach in Vietnam.

Robben raunzen Gaffer an

Die Helikopteroffensive ist gut für die Ernte und schlecht für das Gewissen der Neuseeländer, die sich gerne ihres ökologisch-biologischen Pioniergeistes rühmen. Manche Winzer gehen sogar so weit, ihren Dünger strikt nach anthroposophischen Prinzipien zu kompostieren, und die schön wie eine Perle in der Auster an einer muschelförmigen Bucht vor den schneebedeckten Bergen gelegene Kleinstadt Kaikoura ein paar Autostunden südlich von Marlborough hat sich gleich komplett zur „Green City“ erklärt. Der Ort am Fuß der neuseeländischen Südalpen verdankt seinen kurzen Ruhm dem Meer, verdient viel Geld mit Waltourismus und Delphinschwimmen, lockt Heerscharen von Touristen dank seiner Albatrosse und Seerobben, die direkt neben der Küstenstraße zu Hunderten faul auf den Felsen liegen und ab und zu missmutig die menschlichen Gaffer anraunzen. In der grünen Stadt soll bis zum Jahr 2015 überhaupt kein Müll mehr anfallen, der nicht wiederverwendet werden kann, schon heute ist man bei 75 Prozent, das ist dreimal besser als der Landesdurchschnitt. Die Straßenbeleuchtung in den Vororten ist komplett abgeschafft worden, damit das Kreuz des Südens noch heller leuchtet. Und die Initiative „Trees for Travellers“ animiert die Besucher dazu, die katastrophale Kohlendioxidbilanz ihrer Anreise durch die Pflanzung von autochthonen Bäumen zu lindern - täten es allerdings alle, wäre die Welt ein Wald.

Und wer anderes könnte das Ziel haben, zum ersten komplett klimaneutralen Weingut der Erde zu werden, als der notorische Eigenbrötlerpionier Peter Yealands? Schon jetzt leistet er mit Kohlendioxidzertifikaten für jede exportierte Flasche Wein Buße, doch er hat noch viel kühnere Pläne: Er züchtet die kleinwüchsigen, fast ausgestorbenen Babydoll-Schafe, die ideal dafür sind, das Gras zwischen den Rebenreihen kurz zu halten und so Tausende Liter Diesel für Mähtraktoren sparen. Zur Zeit habe er neunzehn Schafe, sagt Yealands, in fünf Jahren sollen es zehntausend sein, genug für das gesamte Weingut. Er erzählt das ohne jede Prahlerei, ohne Größenwahnwitz, ganz ruhig, ganz gelassen, als sei es das Selbstverständlichste auf der Welt.

Einsamkeit in bestürzend schöner Form

Peter Yealands - das hatte er fast vergessen zu erzählen, man sieht es ihm nach bei seiner turbulenten Biographie - war vor dem Wein und den Hirschen auch der neuseeländische Pionier der Aquakulturen. In den siebziger Jahren bekam er die erste Lizenz für die Kultivierung der phantastischen Greenshell-Muscheln im Marlborough-Sund, die prall wie Jakobsmuscheln, aromatisch wie Abalones und teurer als Austern sind, kontrollierte zusammen mit seinem Bruder bald ein Viertel dieser Siebenhundert-Millionen-Dollar-Industrie, ließ es dann aber bleiben. „Es machte keinen Spaß mehr, man konnte nichts mehr verbessern“, sagt Yealands schulterzuckend und blickt über sein Reich aus Wein, ganz versonnen, beinahe zärtlich, ein gerührter Brummbär.

Im Marlborough-Sund gibt es noch immer Hunderte von Muschelfarmen, doch sie fallen in dieser labyrinthischen Welt aus Buchten und Bergen, Fels und Meer, Grün und Blau kaum auf. Es ist die maritime Variante der neuseeländischen Einsamkeit in ihrer bestürzend schönsten Form, eine Welt wie am Abend des dritten Schöpfungstages, als Wasser und Erde ganz frisch geschieden waren, mit anderthalbtausend Kilometer Küstenlinie und Wäldern aus Pinien und Riesenfarnen und toten, grau gebleichten Bäumen, die flehend ihre Äste in den Himmel recken, als könnten sie ihr Ende noch gar nicht fassen. So schweigsam ist dieser Wald, so diktatorisch seine Stille, so unablässig summt noch der Lärm der Zivilisation im eigenen Kopf, dass man in ihn hineinschreien will, auch wenn es nichts nutzt, weil er jeden Laut verschluckt. Und wieder fragt man sich, was die Menschen antreibt, ihre Ferienhäuschen in die Flanken des Sunds zu bauen, einsam wie Einsiedeleien, verloren wie Strandgut, fern jeder Straße, nur auf dem Wasser erreichbar, als sei Neuseeland nicht schon einsam und verloren und unerreichbar genug.

Die trügerische Stille des Stillen Ozeans

Man findet keine Antwort, nur Staunen und Schaudern über die epische Ruhe des Sunds und die eigene Ruhelosigkeit. So bleibt einem nichts anderes übrig, als in den Himmel zu starren, an dem keine Flugzeuge ihre Bahnen ziehen, sondern die Sterne funkeln, als seien sie mit einer Konfettikanone hinaufgeschossen worden. Man hat keine andere Wahl, als selbst seinen Frieden zu finden, alle Vergangenheit zu vergessen, alle Hast abzustreifen, so wie der Ozean, der hier im Sund gezähmt ist, gelassen und geläutert wie ein Eremit, der mit allem abgeschlossen hat, endlich seines Namens würdig, der Stille Ozean. Wellenlos, regungslos, kraftlos liegt er da, als sei er erschöpft vom ewigen Brausen, als sei er froh, nicht mehr endlos sein, keinen Horizont mehr haben zu müssen, sondern vom steil ins Wasser stürzenden Stein begrenzt zu werden, als sei er ein See, sanftmütig und süß - bis plötzlich ein Dutzend Delphine aus dem Wasser springen und kichernd die Täuschung entlarven. Und plötzlich schiebt sich wie das Reisegefährt eines gigantischen Deus ex Machina die Riesenfähre nach Wellington zwischen den Felsen des Sunds in Richtung offenes Meer und zerstört vollends jede Illusion.

Nach drei Stunden unruhiger Fahrt über die Cook-Straße erreicht die Fähre Wellington, die Hauptstadt Neuseelands an der Südspitze der Nordinsel, endlich ein sicherer Hafen vor dem schönen Schrecken der Einsamkeit, eine Stadt wie eine einzige Seepromenade, ein Sund mit lauter Zivilisation. Die Luft ist voller Salz und Möwengeschrei, das Ufer voller schöner weißer Holzhäuser und die Promenade voller noch schönerer Menschen, Jogger, Skater, Radfahrer, man hat schließlich den Ruf der sportlichsten Stadt Neuseelands zu verteidigen und den der geschichtsträchtigsten ohnehin. Zur Vergangenheitsglorifizierung nimmt man, was so eben da ist, ein wirklich nicht sehr imposantes Kranschiff zum Beispiel, das stolz am Hafen vertäut liegt, als sei es die „Cutty Sark“. Im Jahr 1926 wurde es von Schottland hierhergebracht, drei Monate dauerte die Überfahrt, zwei geschichtsvernarrte Ehepaare haben es vor dem Verschrotten bewahrt und zum Museumsschiff aufgemöbelt. Jetzt werden auf blankpolierten Messingtafeln seine technischen Abmessungen so ehrfürchtig referiert, als habe der Kahn an der Schlacht von Trafalgar teilgenommen.

Miniaturskyline mit Mordswolkenkratzern

Doch diese trotzige Heroisierung nimmt man milde hin, genauso wie das Bronzedenkmal gegenüber, das mit sowjetsozialistischer Pathospose den Maori-Häuptling Kupe Raiatea samt barbusiger Gattin bei der Entdeckung Neuseelands zeigt. Überhaupt ist man gewillt, der Stadt vieles nachzusehen, weil sie so erfrischend unbeschwert, unbekümmert, unprätentiös ist, so frei von generationengeerbtem Gram, so bar jeder Verwerfungen und Narben, so freundlich, wie es nur glückliche Städte sein können. Die Miniaturskyline mit ihren zwölfstöckigen Hochhäuslein, die derart breitschultrig tun, als seien sie Mordswolkenkratzer, könnte man präpotent nennen oder eben auch selbstironisch - so weit weg vom Rest der Welt muss niemand Maßstäbe anlegen, da können wir ruhig ein bisschen so tun als ob. Das Potpourri im Zentrum aus Neoklassizismus, Viktorianismus, wundervoll elegantem Modernismus und gesichtslosem Postmodernismus könnte man als urbanistisches Versagen geißeln, oder aber sich einfach in dieser architektonischen Krabbelkiste wohl fühlen, in der für hässliche Entlein genauso Platz ist wie für Art-déco-Diven.

Man lässt sich liebend gerne anstecken vom festen Willen der Wellingtoner, es sich gutgehen zu lassen. Und die Möglichkeiten des süßen Lebens sind inzwischen so unübersichtlich geworden, dass Gourmettours angeboten werden müssen, um sich einen Überblick zu verschaffen. Man besucht Chocolatiers, die ihre Schokolade mit Koriander, Ingwer, Zitronengras oder Thaibasilikum würzen, würde am liebsten den ganzen Gourmetgroßhandel Moore & Wilson's leerkaufen, in dem enthusiastische Olivenkleinbauernnovizen ihr mit Fenchel, Zitronen oder roter Paprika aromatisiertes Öl verkosten lassen und sogar die Hühnerbrühe von glücklich freilaufendem Federvieh stammt. Und man staunt in den zahllosen Weingeschäften über die hohen Preise - für weniger als zehn Euro gibt es dort kaum eine Flasche - und applaudiert: Was für ein fabelhaftes Land, in dem es keinen Zwei-Euro-Kanisterwein und keinen Discounter-Champagner gibt!

Monstertintenfisch in Formaldehyd

Zum krönenden Finale isst man im „Matterhorn“, das früh am Abend Feinschmeckerrestaurant und später dann Musikclub ist, gebratene Jakobsmuscheln mit Oktopusschinken und Maissabayon und hört sich glücklich lächelnd die Entschuldigungen des irisch-chinesischen Chefs an. Er wisse es ja, es sei nicht sehr einfallsreich, klassisch französische und keine neuseeländische Küche anzubieten. Aber es gehe nicht anders, weil es eine Kiwi-Nationalküche noch gar nicht gebe, viel zu jung sei das Land dafür und schon froh, sich in den vergangenen zehn, zwanzig Jahren vom kulinarischen Joch des britischen Mutterlandes so radikal befreit zu haben.

Daran, dass Neuseeland dennoch eine stolze, geeinte Nation ist, lässt das monumentale Nationalmuseum Te Papa an Wellingtons Uferpromenade keinen Zweifel. Der Koloss in Form eines Schiffes feiert das Vaterland mit dem unbekümmerten Pathos, das sich nur Länder erlauben dürfen, die keine Leichen im Historienkeller, sondern eine blütenreine Geschichtsweste haben. Es zeigt ein wildes Sammelsurium neuseeländischen Stolzes vom kleinlastergroßen Monstertintenfisch in Formaldehyd, dem gewaltigsten weltweit in einem Museum, über den pompös präsentierten Vertrag von Waitangi, der 1840 die friedliche Convivence von Maori und Weißen besiegelte, bis zu einem Motorradrennmonster, das ein neuseeländischer Tüftler zusammengeschweißt und damit mehrere Geschwindigkeitsweltrekorde gebrochen hat.

Kein Schmerz des Abschieds für immer

Siebzehn Millionen Menschen haben das Museum seit seiner Eröffnung vor zwölf Jahren besucht, jeder der vier Millionen Neuseeländer ist schon ein paarmal dort gewesen. Und vielleicht wird man eines Tages auch eine Vitrine für einen Menschen wie den Schafscherer, Holzfäller, Heuhändler, Hirschjäger, Muschelzüchter, Weinbauern Peter Yealands reservieren und sie mit jenem Satz schmücken, den er damals auf seinem Weingut gesagt hat, das vorläufige Resümee seines Lebens: „In diesem Land ist es möglich, alles zu tun, und ich habe alles getan.“

Darauf erheben wir zum Abschied unser Glas beim Sundowner an der Promenade, prosten dem Sonnenuntergang zu, werden dabei ein wenig wehmütig, so fern von Zuhause, weil die Dämmerung immer die Zeit der Sentimentalität ist - bis wir plötzlich zusammenzucken, weil wir erst jetzt merken, dass ein großes Gefühl im Nationalmuseum Te Papa überhaupt keine Rolle spielt, obwohl es in solchen Museen sonst immer ein Leitmotiv ist: die Sehnsucht nach der verlorenen Heimat, der Schmerz des Abschieds für immer, die traurigen Gesänge auf dem Auswandererschiff. Und endlich begreifen wir, warum die Menschen in Neuseeland so zufrieden mit sich sind mit ihrem Leben in Isolation und warum ihnen unsere Einsamkeit so fremd ist: Niemand hier hat seine Heimat unter Tränen verlassen müssen, kein Hunger, keine Hoffnungslosigkeit, keine Intoleranz hat sie vertrieben, ganz anders als Amerikas oder Australiens Pioniere. Niemand in Neuseeland hat etwas verloren. Es gibt nur etwas zu gewinnen.

Anreise: Air New Zealand (www. airnewzealand.de, gebührenfreie Telefonnummer: 0800/1830619) bietet die bequemste Verbindung nach Neuseeland. Die Gesellschaft fliegt täglich von London-Heathrow über Los Angeles und fünfmal pro Woche über Hongkong nach Auckland. Von allen großen deutschen Flughäfen gibt es Zubringerflüge. Man ist etwa 24 Stunden unterwegs. Die Preise beginnen bei 1080 Euro in der Economy, 2560 Euro in der Premium Economy und 4000 Euro in der Business First inklusive Zubringerflüge von Deutschland aus. Für die Einreise genügt ein Reisepass.

Information: Touristische Auskünfte über das Land gibt es auf der Website www.newzealand.com. Informationen über Marlborough findet man unter www.destinationmarlborough.com, über Wellington unter www.wellingtonnz.com und über das Nationalmuseum Te Papa unter www.tepapa.govt.nz.

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