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Neuseeland Der Triumph der roten Revolution

28.06.2006 ·  Die Hawke`Bay an der Ostküste der neuseeländischen Nordinsel ist das älteste Weinbaugebiet des Landes und trotzdem im internationalen Vergleich noch ein Küken. Seit dem Ende des neunzehnten Jahrhunderts wird hier Wein angebaut.

Von Jakob Strobel y Serra
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Das "Hawke's Bay Regional Prison" erfüllt seinen Abschreckungsauftrag mit grausamer Härte. Regungslos und totenstill liegt es wie eine riesenhafte Gruft hinter Stacheldraht, ein Ort ohne Hoffnung und Ausweg. Mit dem Fahrrad braucht man viele quälende Minuten, bis man das Gefängnis endlich hinter sich gelassen hat - Zeit genug, sich zu schwören bei allen Heiligen des Himmels, niemals gegen das Gesetz zu verstoßen, niemals bei Wasser und Brot zu darben, denn seine Freiheit ausgerechnet hier zu verlieren, hier in der Hawke's Bay, einem Garten Eden für Gourmets, ist eine Strafe ohne Maß.

Die große, weite Bucht an der Ostküste der neuseeländischen Nordinsel ist das älteste Weinbaugebiet des Landes und trotzdem im internationalen Vergleich noch ein Küken. Seit dem Ende des neunzehnten Jahrhunderts wird in Hawke's Bay Wein angebaut, die Reben waren allerdings bis vor wenigen Jahren eher Exoten. Dann begann die rote Revolution: Winzer aus anderen Teilen des Inselstaates und aus aller Welt erkannten, daß Hawke's Bay ideale Voraussetzungen für den Weinbau bietet, kauften den Schafzüchtern und Kartoffelbauern für ein Spottgeld Weiden und Äcker ab, pflanzten statt dessen Merlot, Cabernet und Syrah und verwandelten die Bucht in die führende Rotweinregion Neuseelands. "Es ist das Paradies für Winzer", sagt Anna-Barbara Helliwell, die Besitzerin des preisgekrönten Weingutes Unison Vineyard: "Vierzig Meter Kies, wenig Lehm, warme Südsommer, kalte Meerluft, stabiles Wetter, lange Trockenzeiten, kaum Feuchtigkeit, keine Fäulnisgefahr, besser geht es nicht."

Spektakuläre Rotweine

Allein der Frost könne zum Problem werden, dann müsse eben der Hubschrauber aufsteigen und mit seinen Rotoren die Eiskristalle von den Weinstöcken blasen. Und noch ein Detail fehlt der Winzerin zum vollkommenen Glück: Alle Welt kenne die Sauvignon Blancs aus Neuseeland, sagt Helliwell, die aus Südbaden stammt, auf vielen Gütern beiderseits des Atlantiks gearbeitet hat und vor zehn Jahren nach Neuseeland kam. Sechs von zehn exportierten Flaschen würden aus dieser weißen Traube gekeltert. Sie könne dieses immer gleiche Werbefoto mit Weinreben vor schneebedeckten Bergen nicht mehr sehen und erst recht den Slogan "fresh and green and clean" nicht mehr hören. Wirklich spektakulär seien die Rotweine, "richtige Schwergewichte, kräftig und voll, vierzehn Volumenprozent Alkohol erreichen wir mühelos. In der Toskana mußten wir damals wie die Verrückten tricksen, um auf zwölfeinhalb Prozent zu kommen."

Das ist gut für den Gaumen, nicht aber für das Gleichgewicht, das man zwingend wahren muß, denn am besten fährt man durch die Hawke's Bay in aller Gemütsruhe mit dem Fahrrad. Die Standardtour ist zwanzig Kilometer lang, führt durch Weinberge, Olivenhaine und Apfelplantagen, streift Koppeln mit Rennpferden und macht bei einem Dutzend Güter Station, die allesamt bereitwillig ihre Schatztruhen öffnen. Gewöhnungsbedürftig ist für schreckhafte Radfahrer allerdings der verbissene Kampf der Winzer gegen die vielen Vögel. Er wird mit einer Art gasbetriebener Selbstschußanlagen ohne Munition geführt, die alle hundert Meter aus den Weinstöcken herausragen und im Minutenabstand ballernd die gefiederten Feinde vertreiben. Mit etwas Phantasie fühlt man sich an manchen Stellen wie im Schützengraben vor Verdun.

Übermut des Aufbruchs

Dieser Gedanke verfliegt sofort, wenn man auf seinem gutmütigen, weich gefederten Mountainbike pfeifend wie einst Monsieur Hulot in die breite Zypressen-Allee des Ngatarawa-Weinguts einbiegt, eines der traditionsreichsten Häuser des ganzen Landes. Einst züchteten hier eine Maori-Prinzessin und ein Ire, die die Liebe zusammengebracht hatte, schnelle Pferde. Heute wird in den hundert Jahre alten Stallungen unter Walnuß- und Kastanienbäumen Rotwein verkostet. Auch den Riesling und den Sherry müsse man unbedingt probieren, sagt die Frau am Tresen, da dulde sie keine Widerrede. Man fügt sich gerne. Danach ist es allerdings dringend geboten, sich am Seerosenteich zur Siesta auszustrecken.

Ganz neu und in seiner Aufbruchsstimmung beinahe übermütig ist das Weingut Trinity Hill, das zu den neuseeländischen Top ten gehört. Von einem renommierten Architekten aus Auckland hat es sich ein postmodernes Gutsgebäude mit Sichtbeton und offenen Holzbalken bauen lassen, in seinem Verkaufsraum stehen mehr Pokale als zu Hause bei Michael Schumacher. Schwungvoll ist auch der Handel mit Weingutsdevotionalien von der Baseballkappe bis zum Regencape, und besonders deutlich zeigt sich das jugendliche Selbstbewußtsein der neuseeländischen Spitzenwinzer bei einem T-Shirt mit der angeberischen Aufschrift: "In Napa I tasted Cabernet. In Burgundy I tasted Pinot Noir. At Trinity I tasted Chardonnay, Sauvignon Blanc, Roussane, Merlot, Cabernet Sauvignon, Syrah, Malbec, Petit Verdot, Tempranillo, Montepulciano, Pinot Noir, Nebbiolo, Tounya Nacional." Danach hilft selbst die längste Siesta nicht mehr.

Kreuzritter der guten Küche

Die Lust am Ausprobieren ist das Privileg einer jungen, unbekümmerten Nation, wie die Neuseeländer sie sind. Glücklicherweise wird diese Lust nicht nur im Keller, sondern auch in der Küche gepflegt - und am konsequentesten auf dem Weingut Sileni Estates, das dem Genußradfahrer trotz gemütlicher Geschwindigkeit und überschaubarem Kalorienverbrauch jetzt gerade recht kommt. Es wurde erst 1998 von Graeme Avery gegründet, in seinem früheren Leben Verleger, inzwischen Winzer mit Leib und Seele. Mit ebensolchem Enthusiasmus hat er sich zum Kreuzritter der guten Küche erklärt, betreibt auf seinem Gut ein Gourmet-Restaurant und eine Kochschule, veranstaltet Seminare für Feinschmecker, öffnet seine Kochbuchbibliothek für das Publikum und macht es in einem angeschlossenen Delikatessengechäft mit den schönen Dingen des Lebens vertraut: Schokolade aus Borneo-Kakao, Hochlandkaffee aus Kenia, Terrinen aus Armagnac-Enten, Chutneys aus Auberginen, Aioli aus Koriander, Käse aus allen Erdteilen, der in einem begehbaren Kühlhaus mit Glaswänden verkauft wird.

"Wir Kiwis trinken viel, aber nicht genug", sagt Avery, der es auch als seinen persönlichen Triumph versteht, daß der Weinkonsum in Neuseeland inzwischen den Bierkonsum überholt hat. "Wir sind nur vier Millionen Menschen, wir brauchen die Weintrinker in aller Welt." Es ist ein dringender, ein altruistischer Appell. Auf der letzten Etappe zurück zum Fahrradverleih, wieder vorbei am Gefängnis und dieses Mal innerlich prostend statt schwörend, läßt man sich von der wohligen Gewißheit heimtragen, diese Mahnung gebührend ernst genommen zu haben.

Weingüter: Informationen über die Weingüter im Internet: Ngatawara Winery (www.ngatawara.co.nz), Trinity Hill (www.trinityhill.com), Sileni Estates (www.sileni.co.nz). Unison Vineyard vermietet auch eine Ferienwohnung an Gäste (2163 Highway 50, RD 5, Hastings, Hawke's Bay, Telefon: 0064/6/8797913, E-Mail: info@ unisonvineyard.co.nz, Internet: www.unisonvineyard.co.nz).

Radtouren: Fahrräder für Tagestouren können bei On Yer Bike Winery Tours gemietet werden (129 Rosser Rd, RD 4, Hastings, Telefon: 0064/ 6/8798735, E-Mail: info@onyerbike.net.nz, im Internet: www.onyerbikehb.co.nz). Die Leihgebühr beträgt umgerechnet 25 Euro pro Tag, die Räder sind Mountainbikes mit Einundzwanzig-Gang-Schaltung. Es werden auch Tandems verliehen. Zur Orientierung erhält man eine Karte mit den einzelnen Stationen, als Verpflegung ein kleines Luchpaket. Man kann aber auch in den größeren Weingütern essen; manche bieten Snacks zur Weinprobe an - oft sind es Delikatessen aus aller Welt -, andere haben Restaurants mit ambitionierter Küche.

Informationen: Es gibt kein neuseeländisches Fremdenverkehrsamt in Deutschland. Informationen erhält man unter der Telefonnummer 0900/1007873 (49 Cent je Minute, Montag bis Freitag von 9 bis 13 Uhr in deutscher Sprache, sonst 24 Stunden in englischer Sprache) und im Internet unter www. newzealand.com und www.hawkesbay.com.

Quelle: F.A.Z., 29.06.2006, Nr. 148 / Seite R2
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Jahrgang 1966, Redakteur im „Reiseblatt“.

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