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Neuseeland Der Delphin hat Haifischzähne

31.07.2009 ·  Das Waitaki-Tal auf der Südinsel Neuseelands ist ein Bilderbuch aus der Frühzeit der Evolution. Dort gibt die Erde Fossilien frei, die man nirgendwo sonst findet.

Von Roland Knauer
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Ein Hardware Store, ein Tante-Emma-Laden und eine hübsche Kirche mit wuchtigem Wehrturm aus Kalkstein säumen die Landstraße des Hundertzehn-Einwohner-Dorfes Duntroon auf der Südinsel Neuseelands. Es bietet den Farmern der Umgebung alles, was sie für den Alltag zwischen Schafweiden und Weizenfeldern benötigen. Nichts aber scheint den Besucher aus dem fernen Europa auf dem Weg zwischen dem Mount-Cook-Nationalpark mit seinen funkelnden Gletschern und der Pazifikküste mit ihren fotogenen Felsformationen in dieser Ministadt aufhalten zu können. Erst der große Schriftzug auf einem Gebäude bringt die Durchreisenden dann doch zum Anhalten: "Vanished World Centre" steht da - eine "verschwundene Welt" macht immer neugierig.

Der Eintrittspreis ist mit umgerechnet zwei Euro moderat, einer Reise in die verschwundenen Welt steht also nichts im Weg. Drinnen erfährt der Besucher aus Übersee, dass sich die Kalksteine der Nord-Otago genannten Region nicht nur hervorragend zum Bau von Kirchen eignen. Manchmal tauchen aus einem Steinbruch auch versteinerte Knochen auf. Sie sind fünfundzwanzig Millionen Jahre alt. Man sieht etwa den Kiefer eines Delfins, mit dem aber irgendetwas nicht zu stimmen scheint: Die lange Reihe scharfer Zähne passt nicht recht in den Kiefer, der eher wie ein Schnabel aussieht. Genau solche Funde machen das Waitaki-Tal zu einem Dorado der Paläontologen, weil die Versteinerungen dort jedem Laien nicht nur die Evolution der Wale, Delphine und Pinguine zeigt, sondern auch demonstriert, wie sich das Leben überhaupt entwickelt hat. Der Ausgräber dieser Schätze, Ewan Fordyce von der Otago University in Dunedin, hält diese Versteinerungen deswegen für ein Weltkulturerbe, das er auf eine Stufe mit dem Kölner Dom und dem Yellowstone-Nationalpark stellt. Also sollen auch Neuseeländer und alle Besucher dieser jungen Nation im Südpazifik die Chance haben, die Funde zu bewundern.

Mit der Steinsäge am Werk

Das Schaffen solcher Touristenattraktionen gehört allerdings auch in Neuseeland nicht zu den Kernaufgaben eines Universitätsforschers. Wie viele seiner Landsleute schert sich Ewan Fordyce jedoch wenig um solche Richtlinien. Er packt das Notwendige einfach an. Und da viele Pensionäre im Land sich auch nach dem Berufsleben noch für die Gesellschaft engagieren, finden sich Helfer. Mit ihnen hat Ewan Fordyce im Waitaki-Tal nicht nur das Vanished World Centre aufgebaut, sondern auch noch einen Lehrweg angelegt, auf dem Neugierige sowohl die Geowissenschaften als auch die Paläontologie kennenlernen können.

An der Stelle des heutigen Waitaki-Tals plätscherte jahrmillionenlang ein flaches Meer. Aus den Schalen toter Muscheln und Krebse bildete sich am Grund dieses Meers der Kalk, aus dem mehr als zwanzig Millionen Jahre später die Kirche in Duntroon und die Brücke über dem Waianakarua-Fluss gebaut wurde, die eine der Stationen auf dem Geo-Weg ist. Auch tote Delphine und Pinguine sanken auf den Grund, manchmal blieben ihre Knochen als Versteinerungen erhalten. Später hoben die Kräfte des Erdinneren die Kalksteinschicht über den Meeresspiegel. Aus diesem Grund ragt aus der Abbruchkante eines Steinbruchs manchmal der versteinerte Schädel eines Delphins hervor. Oder die Wellen des Pazifik waschen aus den Felsen am Ufer den Knochen eines Tieres frei. Meist wird das Fossil dann von den Elementen zerstört. Es sei denn, ein Bauarbeiter verständigt die Universität in Dunedin, oder Ewan Fordyce ist zufällig gerade selbst am Strand. Dann schneidet der Forscher rasch mit einer Steinsäge das Fossil aus dem Fels heraus. "Einen Tag später ist vielleicht alles von den Wellen zerstört", sagt er.

Miniaturhöhlen im Kalk

Die geologische Geschichte des Waitaki-Tals ist einmalig. Nur dort tauchen immer wieder versteinerte Delphine, Wale und Pinguine auf, die zwischen vierundzwanzig bis zweiunddreißig Millionen Jahre alt sind; überall sonst auf der Welt sind solche Funde extrem selten, und noch ältere hat es bisher nirgendwo gegeben. Deshalb hat sich Ewan Fordyces Anfangsverdacht zur Gewissheit verdichtet: Die Wale und Delphine müssen genau in dieser Zeit entstanden sein, das Waitaki-Tal ist also eine Art Fotoalbum aus der Kinderstube der Meeressäuger.

Während im Vanished World Centre einige der interessantesten Fossilien ausgestellt sind und Schautafeln ihre Geschichte erzählen, können die Besucher im Anatani-Tal nur wenige Kilometer von Duntroon entfernt den Paläontologen über die Schulter schauen. Ein Fußweg führt über Wiesen in ein Tal hinunter, in dem Kühe und Schafe weiden. Auf der einen Seite begrenzt eine fast senkrechte Felswand das Tal. Wind und Regen haben aus dem Kalk viele Miniaturhöhlen ausgewaschen, die nur ein paar Zentimeter breit sind. So ist eine Art steinerne überdimensionale Bienenwabe entstanden, die jeden Besucher in ihren Bann zieht. Letztlich ist das aber nur eine Spielerei der Naturkräfte, die eigentliche Sensation verbirgt sich gleich daneben unter Plexiglas.

Walfossilien auf dem Lehrpfad

Vor etwa fünfundzwanzig Millionen Jahren sank ein Bartenwal, der einem heutigen Blauwal ähnelte, tot auf den Boden eines vermutlich hundert Meter tiefen Küstenmeeres. Im Kalksand versteinerten die Knochen, während sich der Sand langsam in Kalkstein verwandelte. Die Erosion legte vor wenigen Jahren einen Teil des Fossils frei. Der aufmerksame Farmer, der in dem Tal bis heute seine Schafe und Rinder hält, alarmierte Ewan Fordyce. Der präparierte den Schädel des vielleicht zehn Meter langen Wals aus dem Felsen heraus. Steinbohrer und Sägen entfernten den Fels in größerer Entfernung, direkt am Fossil arbeiteten die Forscher mit einer Art Zahnarztbesteck und kleinen Blasebalgen. Bevor aber die Arbeiten abgeschlossen waren, beschlossen Forscher und Farmer, sie vorzeitig abzubrechen. "Hier kann man den Besuchern doch toll zeigen, wie die Arbeit eines Paläontologen aussieht", sagt Ewan Fordyce. Die nur halb aus dem Felsen befreiten Walfossilien sind heute Teil des Lehrweges, den Forscher und Freiwillige angelegt haben. Der Kiefer steht ein wenig aus dem Felsen heraus, eine Plexiglashaube schützt ihn vor Wind und Wetter. An Sonntagen laufen Familien aus der Umgebung zusammen mit Touristen aus Übersee durch das Tal und bewundern die Tiere des Farmers und den halb ausgegrabenen Bartenwal gleichermaßen.

Warum aber entstanden die modernen Wale und Delphine genau in dieser Zeit und nicht etwa zehn Millionen Jahre früher oder später? Auch das hat Ewan Fordyce längst herausgefunden und beschreibt die Vorgänge auf bunten Schautafeln im Vanished World Centre und entlang des Lehrweges. Der Auslöser war der Kontinent Antarktis, der zwar schon vor hundertzwanzig Millionen Jahren am Südpol lag, aber damals noch nicht den Eispanzer trug, der den Kontinent heute unter sich begräbt. Vor fünfunddreißig Millionen Jahren brachen die Landbrücken ab, die vorher die Antarktis mit Südamerika und Australien verbunden hatten. Wie eine gigantische Insel lag der Kontinent jetzt am Südpol, und der dort immer kräftig wehende Westwind trieb das kalte Wasser des Südozeans in einem riesigen Kreis rund um die Antarktis, ohne jemals auf Widerstand in Form eines Kontinents zu treffen. Seit damals isoliert der kalte Ringstrom die Antarktis von den warmen Wassermassen der Tropen. Die Gletscher, die vorher nur einige Täler im Gebirge bedeckten, wuchsen immer weiter, so dass bald große Teile der Antarktis unter einem dicken, weißen Panzer lagen.

Filet aus Pinguinen

Die eisigen Winde von diesen gigantischen Eismassen kühlen das Wasser des Südpolarmeers. Dadurch wird das Meerwasser sehr schwer, sinkt zum Meeresgrund, strömt dort nach Norden weiter und wirbelt gleichzeitig die Nährstoffe wieder auf, die von oben auf den Grund hinunterrieseln. Diese Nährstoffe machen das Südpolarmeer zum Schlaraffenland, in dem Unmengen kleiner Lebewesen wimmeln. Die Urwale bekamen daher riesige Mäuler, mit denen sie aus der dicken Suppe die nahrhaften Kleinorganismen einfach herausfiltern konnten. Deshalb findet Ewan Fordyce die Fossilien dieser Bartenwale genannten Meeressäuger in den Kalksteinen des vergleichsweise nah an der Antarktis gelegenen Waitaki-Tals, das damals entstand.

Natürlich kamen auch Fische auf den Geschmack und vermehrten sich stark im nährstoffreichen Wasser des Südpolarmeeres. Das aber wiederum rief andere Urwale auf den Plan, die verschiedene Strategien entwickelten, um diesen neuen Fischreichtum abzuschöpfen. Wie Zahnräder greifen zum Beispiel die spitzen Zähne des Haizahn-Delphins ineinander und zerlegen Fische oder Pinguine problemlos in gut zu schluckende, kleine Streifen. Je länger der Besucher durch das Vanished World Centre schlendert und die Stationen des Lehrweges mit dem eigenen Auto abfährt, umso mehr versteht er, wie sehr der Klimawandel vor mehr als dreißig Millionen Jahren die Welt der Wale und Delphine verändert hat. Das Klima steuert die Evolution, lehrt das Waitaki-Tal, das auf dem besten Weg scheint, eine neue Touristenattraktion Neuseelands zu werden.

Anreise: Den einzigen Direktflug von Europa nach Neuseeland bietet Air New Zealand ab London Heathrow entweder über Los Angeles oder Hongkong an (ab 1500 Euro inklusive Zubringerflug aus Deutschland). Für die Einreise genügt ein Reisepass. Touristen können ohne Visum bis zu drei Monate in Neuseeland bleiben. Lebensmittel dürfen nicht eingeführt werden.

Reisen im Land: Die meisten Naturtouristen sind mit Wohnmobilen im Land unterwegs, die man von Deutschland aus buchen sollte, da sie in Neuseeland selbst meistens teurer sind. Auf Individualreisen nach Neuseeland hat sich zum Beispiel der Reiseveranstalter Karawane-Reisen in Ludwigsburg spezialisiert (Schorndorfer Straße 149, 71638 Ludwigsburg, Telefon: 07141/284850, E-Mail: info@karawane.de, im Internet unter www.karawane.de ).

Fossilien: Duntroon und das Vanished World Centre liegen im Waitaki-Tal an der State Highway 83 zwischen der Küstenstadt Oamaru und dem im trockenen Landesinneren gelegenen Marktflecken Omarama. Auf der Internetseite www.vanishedworld.co.nz gibt es viele Informationen über die Gegend. Wer noch mehr Fossilien aus dieser Zeit sehen will, sollte hundert Kilometer weiter im Süden das Geologie-Institut der Otago-Universität in Dunedin besuchen, das Ewan Fordyce leitet. Der Eintritt in das Museum (im Internet unter www.otago.ac.nz/geology/facilities/additional/ museum.html) ist kostenlos, der Besuch lohnt sich, Geology Department, University of Otago, 360 Leith Walk, PO Box 56, Dunedin, NZ-Otago 9016, Telefon: 0064/3479759.

Informationen über Neuseeland im Internet unter www.newzealand.com.

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