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Nationalfeiertag China auf Urlaub

Dieses Wochenende geht wieder ein Fünftel der Menschheit in Urlaub. Am 1. Oktober, dem Nationalfeiertag, beginnt in China die „Goldene Woche“ und die sonst arbeitende Bevölkerung fährt kollektiv ins Grüne. Das kann voll werden.

© REUTERS Vergrößern China in Aufbruchsstimmung

Dieses Wochenende geht wieder ein Fünftel der Menschheit in Urlaub. Am 1. Oktober, dem Nationalfeiertag, beginnt in China die "Goldene Woche", und in dieser Zeit stehen im ganzen Land fast alle Räder still. Die Behörden, Staatsbetriebe und privaten Unternehmen machen dicht, und die sonst arbeitende Bevölkerung fährt kollektiv ins Grüne. Das kann voll werden.

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Für das Gedränge, wie es in Bussen, Zügen und Ausflugslokalen herrscht, wenn das bevölkerungsreichste Land der Erde gemeinsam Ferien macht, sind die Worte noch nicht gefunden, in der Geschichte des Fremdenverkehrs gibt es kein Beispiel dafür. Das Nationale Urlaubsamt hat errechnet, daß jede der 99 wichtigsten Attraktionen des Landes in dieser Zeit von dreimal so vielen Besuchern angesteuert wird, wie sie denkmalpflegerisch, ökologisch und dienstleistungstechnisch eigentlich verkraften kann. Ein besonders trauriges Schicksal ereilte eine als unsterblich bekannte Schildkröte im Zoo von Wuhan. Nachdem sie tausend Jahre unbeschwert gelebt hatte, wurde die Menge der "Goldene Woche"-Touristen, die ihrer magischen Kraft durch Berührung teilhaftig werden wollten, ihr Verderben: Sie wurde regelrecht erdrückt.

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Bevor einem das alles allzu merkwürdig oder gar unvernünftig vorkommt, sollte man bedenken, daß den Chinesen vor 1999, als die "Goldene Woche" eingeführt wurde, das Konzept Urlaub generell unbekannt war. Die einzige Reise war der jährliche Betriebsausflug, und erst 1994 schenkte die Regierung den Angestellten noch einen zweiten freien Tag am Wochenende. Den verbrachte man normalerweise im Kreise der Familie, genauso wie die großen Feste, das chinesische Neujahr, den 1. Mai und den Staatsgründungstag.

china große mauer © AFP Vergrößern Bekannte Touristenziele sollte man in der „Goldenen Woche” besser meiden

Kein Recht auf Freizeit

Diese drei Feiertage sind nun seit sieben Jahren zu Goldenen Wochen verlängert worden - um Konsum und Tourismus anzukurbeln, wie es zur Begründung prosaisch hieß, doch in Wahrheit wurde da der Keim zu einer Sehnsucht mit unabsehbaren Folgen gelegt. Das Wachstum des Keims vollzog sich rasch und reibungslos: 1999 zählte man noch 28 Millionen Reisende, dieses Jahr ist die Zahl schon auf 120 Millionen gestiegen. Am Anfang stand der Tagesausflug zu einem schönen Aussichtspunkt, bei der sich die Familie mit Proviant wie zu einer Polarexpedition eindeckte. Es folgte die Pauschalreise im Bus mit ihrem vertrauten Rhythmus von Schlafen, Aussteigen/Fotografieren/Wiedereinsteigen/Weiterschlafen. In der nächsten Stufe steuerte man mit dem Flugzeug dann Trend-Ziele wie Yunnan oder die Insel Hainan an, und die Liquideren haben ihren Radius längst auf Thailand oder Europa erweitert.

Mit den Ansprüchen mehren sich die Stimmen, die nach einer Flexibilisierung des Jahresurlaubs verlangen. Doch das dürfte bis auf weiteres unrealistisch sein. Nicht einmal die älteren Angehörigen der Pekinger Staatsbetriebe, denen ein Gesetz 1995 bis zu zwanzig Tage Urlaub garantierte, können diesen Anspruch einlösen. In Chinas wildem Wettbewerb riskiert jeder seinen Job, der auf seinem Recht auf Freizeit beharrt, solange die Konkurrenz noch weiterarbeitet. Ferien gibt es nur für alle gleichzeitig oder gar nicht.

Quelle: F.A.Z., 28.09.2006, Nr. 226 / Seite R1

 
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Veröffentlicht: 29.09.2006, 15:38 Uhr