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Donnerstag, 16. Februar 2012
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Namibia Der Wüstenplanet

08.03.2006 ·  Das Damaraland ist reich an Leben: Eine Reise durch den Staub von Namibia, vorbei an begriffsstutzigen Giraffen, müden Löwen und rülpsenden Robben.

Von Tobias Rüther
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Giraffen sind begriffsstutzig. Das könnte man jedenfalls meinen, wenn man sie so an ihrem Wasserloch stehen sieht. Sie gehen ein paar Schritte, majestätisch und langsam, das Geröll unter ihren Hufen knirscht in Zeitlupe, und dann stehen sie wieder da. Und stehen. Und warten. Inzwischen wird es dunkel. Und sie stehen immer noch da, erhoben und erhaben, aber trinken wollen die vier Giraffen nicht, obwohl es ein heißer namibischer Tag war und ihre trockene Kehle mehrere Meter lang sein dürfte. Aber warum trinken sie denn nicht endlich?

Die vier Giraffen sind natürlich keineswegs begriffsstutzig, sie wissen schon sehr genau, was sie da zu ihren Hufen haben. Sie sind einfach nur vorsichtig. Und dabei äußerst elegant. Ein Wunder der Verhältnismäßigkeit. Exakt austariert, dieser lange Hals. Die vier langen Läufe. Sie sind vorsichtig, weil man nie wissen kann, was hier im Busch ist.

Nur flüstern, weil die Tiere ein sehr gutes Gehör haben

Gerade kommt zum Beispiel ein Schakal vorbei, was die Giraffen immerhin dazu bringt, endlich mal zu trinken. Denn Schakale sind für sie ungefährlich, obendrein schauen die immer so beschäftigt aus, als hätten sie ohnehin etwas anderes im Sinn. Doch diese künstliche Wasserstelle am Rande des Etosha-Nationalparks im Norden Namibias gefällt auch einem Nashorn und seinem Kalb, und Nashörner können sehr ungemütlich werden. Junge Mütter erst recht.

Es gibt für Giraffen zwei Arten, sich zum Tränken herabzulassen. Entweder gehen sie tief in die Knie - oder sie strecken ihre vier Läufe von sich und senken den Hals. Warum die einen Giraffen knieen und die anderen nicht, das ist noch umstritten, vielleicht Vererbungssache, flüstert Douw. Er flüstert, weil der Verschlag mit seinem Sehschlitz keine fünf Meter vom Wasserloch entfernt steht und die Tiere jedes Wort, jeden Zug am Reißverschluß, jeden Pieps der Digitalkameras hören könnten. Und aufgeschreckt davonstürmten. Dann wären die anderthalb Stunden Warterei im Verschlag für nichts und wieder nichts vertan.

Japaner passen einfach nicht

Es ist ja schon enttäuschend genug, daß die versprochene Nashornkuh mit ihrem Kalb nicht auftaucht. Oder vielmehr erst dann, als oberhalb der Wasserstelle in der Ongava Lodge das Abendessen auf dem Tisch steht. Typisch! Jetzt drängeln sich natürlich alle Gäste um das einzige Fernrohr, das auf der Veranda aufgestellt ist. Und trinken Bier dabei und rauchen, wie Douw, der junge Reiseleiter aus Windhoek, der sich seine kleine Pfeife gestopft hat.

Douw fährt unseren Land Rover: schweres Gerät, auch wenn er und seine Kollegen lieber einen Toyota Landcruiser hätten, weil der zuverlässiger sei. Sagt Douw. Aber der Land Rover ist nun einmal Tradition in Afrika, und wenn ein Tourist auf Safari geht, erwartet er nichts anderes. Weil er „Hatari!“ von Howard Hawks vor Augen hat, John Wayne und Hardy Krüger, und dazu passen Japaner einfach nicht. Man reist auf Safari immer auch Bildern hinterher, die man längst im Kopf hat.

Touristen bewerfen Elefanten mit Bierdosen

Das Bild eines verdorrenden Elefanten gehört wohl kaum dazu. Tot liegt er da, auf der staubigen Erde des Etosha-Nationalparks, seit vier Monaten schon. An Altersschwäche ist er gestorben, sagt Douw. Und obwohl man sehr deutlich gewarnt wird, weder die geteerten Straßen noch das Auto zu verlassen, kreisen Reifenspuren im Sand um den armen Kerl herum. Die Geier haben sich an ihm sattgefressen und zum Dank dann noch auf ihm verdaut. Ein Elefantenfriedhof sieht anders aus.

Douw rammt den ersten Gang ins Getriebe und fährt weiter. Neulich haben ein paar Idioten aus Südafrika beim Olifantsbad, wie eine Wasserstelle im Park heißt, die Elefanten vom Wagen aus mit Bierbüchsen beworfen. Douw sagt, er habe sich diese Typen vorgeknöpft. Und noch traurig vom Anblick des toten Elefanten, wünscht man sich sehr, dabeigewesen zu sein.

Tiere werden zu Schatten aus Stahl

Es gibt einsamere afrikanische Orte als den Etosha-Nationalpark. Ein unendlicher Zaun, der von der Atlantikküste bis ins Okavango-Delta reicht, begrenzt ihn nach Süden. Wo immer sich Tiere abseits der geteerten Straßen zeigen, Löwen zum Beispiel, halten gleich mehrere Wagen an. Dieselben Wagen sieht man dann später im Camp von Okaukuejo, wo es eine Tankstelle gibt, einen Swimmingpool und im Restaurant afrikanische Musik. Aber es gibt hier auch eine paradiesische Wasserstelle, zu der sie alle kommen: die Springböcke und Zebras und Elefanten des Parks.

Gegen Mittag wird aus der weichen afrikanischen Morgensonne ein grelles Grau. Der Glanz ist aus allen Farben abgezogen und im trockenen Boden versickert. Er ist rissig, aufgesprungen wie die eigenen Lippen nach anderthalb Tagen in dieser Hitze. Sie ist so heiß, daß sie das Licht kalt macht. Und den blauen Himmel und das Grün und die schönen Tiere zu Schatten aus Stahl. Oder Aluminium. Blei.

Die Sonne ist die wahre Königin der Savanne

Es ist ein Schauspiel, das etwas demütig macht, weil man begreift, wer auf diesem Wüstenplaneten das Sagen hat. Nicht die königlichen „Big Five“, auch wenn die Löwen, Leoparden, Elefanten, Büffel und Nashörner einem besser nicht zu nahe kommen sollten: Es ist die Sonne. Wenn sie zuschlägt, wechseln Elefanten von einem Fuß auf den anderen und wissen nicht, wohin. Springböcke hecheln unter Bäumen. Die puppengleichen Dik Diks verstecken sich im Blattwerk. Löwen erschlaffen im geringsten Schatten.

Die gleiche Sonne aber verwandelt ein paar Stunden später das Savannengras in sanftes Gold. Douw lenkt den Geländewagen über die unbefestigten Pisten außerhalb des Nationalparks, wühlt sich tief und tiefer in den Sand und dreht dann wieder, fährt mitten in die eigene Staubwolke hinein. Er hatte Löwenspuren entdeckt, frische Spuren, was Douw daran erkannte, wie scharf konturiert sie noch waren. Je älter, desto verwehter, das ist die Regel. Und so steuerte er den Wagen durch das Blattgold der Savanne, hielt an und mit dem Fernglas Ausschau, durch das offene Verdeck. Findet Schakale und Kudus und Oryx-Antilopen, findet sogar eine Leopardenschildkröte und erklärt die „Little Five“ der Safari, zu der sie gehört - neben Nashornkäfer, Büffelweber, Elefantenspitzmaus und Ameisenlöwe.

Aus der ganzen Welt kommen Jagdtouristen

Richtig große Löwen aber lassen sich heute nicht blicken. In der Nacht zuvor hat ein Rudel im benachbarten Camp von Ongava einen Wasserbock direkt zwischen den Zelten und vor den Augen der Touristen erledigt, die gerade vom sundowner kamen, und vielleicht sind die Löwen vom Wasserbock noch zu satt und zu faul, um allzuweit durch den Abend zu streunen.

Auf dem Rückweg kreuzt eine Patrouille der Regierung den Weg: Wilderer treiben sich auch in Namibia herum, die Patrouille darf schießen, falls es brenzlig wird. Es gibt in Namibia auch einen gesetzlich geregelten Abschuß. Und es gibt den Jagdtourismus. Aus der ganzen Welt kommen die Jäger, um hier das einmalige Gefühl zu erleben, einen Antilopenbock zu erlegen. Was Douw wütend macht, weil diese Urlauber eben nicht den Bestand kontrollierten und kranke und schwache Tiere töteten, sondern die kräftigen. Es muß eben stolz und groß sein, was der Jägersmann aus Düsseldorf als Trophäe zum Tierpräparator trägt.

Hier leben auch Außerirdische

Die „Taxidermisten“ findet man überall an den Hauptstraßen Namibias. Aber auch freundlich winkende Menschen. Jeder winkt hier, ob die Herero-Frauen mit ihren viktorianisch aufgebauschten Kleidern und spektakulärem Kopfschmuck oder einsame Radfahrer in der weißen Hitze des Vormittags, auf dem Weg von Etosha ins Damaraland. Durch Savannengras, vorbei an Farmen und Hüttendörfern geht es immer geradeaus. Bis sich ein rostiges Tor ins Damaraland öffnet, die Straßen rasanter werden, die Berge beginnen. Paviane springen über den Schotter, Esel tun den Teufel und bleiben lieber stehen.

Das Palmwag Camp ist eine Mondstation. Oasengleich taucht es in der Wüstenei auf, deren Farben im Abendlicht von Kaffee und Malz zu Ziegel gewechselt waren. Bis sie ganz erloschen. Nachts zeigt Douw auf dem Rollfeld des Flugplatzes in die Sterne, mit seinem Laser, in dessen Strahl sich der Staub sammelt. Zeigt auf das Kreuz des Südens und den Skorpion, einen klaren Umriß im Tiefschwarz. Der klitzekleine Skorpion, den Douw später ausgräbt, fluoresziert in der Nacht. Namibia ist eben nicht nur ein Wüstenplanet, hier leben auch Außerirdische.

Der Atlantik ist die reinste Verheißung

„Schließt mal die Augen“, ruft Douw am nächsten Tag und tritt aufs Gaspedal. „Jetzt macht sie wieder auf!“ Da schießt der Land Rover über eine Düne in eine Ebene, riesig und still wie ein ausgetrockneter Ozean. Aber wir sind nicht allein: Ohrengeier schweben in der Luft. Es hat einen Kampf gegeben gestern früh, der Springbock mußte kapitulieren, gegen eine Gepardenmutter und ihre drei Jungen. Jetzt besorgen die Geier den Rest. Der Springbock wollte noch einen Haken schlagen, vergebens: All das erzählen die Spuren im Sand, der bald auch zwischen den Zähnen knirscht. Die Spuren führen einen Hügel hinauf, zu einer Höhle, die aber leer ist. In der Ferne stürmen zehn, fünfzehn Strauße davon. Und Giraffen, so viele Giraffen. Wir rasten in einem Flußbett, der Geländewagen schwimmt im Vierradantrieb durch den Sand, nur in der Regenzeit ist das Bett geflutet. Kaltes Bier und Frikadellen im Schatten, großartig. Es stimmt, es sind wirklich die kleinen Dinge. Wie das Bad im Wasserfall, neunzig Kilometer von Palmwag entfernt, wo Frösche im Schilf quakten und die Bussarde über uns kreisten.

Überhaupt Wasser. Nach den Tagen auf der Mondstation und im verträumten Damaraland Camp abseits aller Wege ist der Atlantik die reinste Verheißung: Farben! Wolken. Menschen. Und Wellen, die der Wind einmal nicht in den Sand gepreßt hat. Als das Meer dann auftaucht, nach Stunden und Stunden im Auto, ist es vom Horizont kaum zu unterscheiden. Die Wüste geht einfach in Strand über und der in rauchgraue, stürmische See. Die ersten Menschen sind Angler in Jeeps, auf die sie vorn ihre Angeln montiert haben. Wie Oryxe sehen sie aus, diese charakteristisch gehörnten Antilopen.

Wer besucht denn jetzt wieder die Seehund-Kolonie?

Swakopmund, deutscher Küstenort, ein Sylt in Afrika. Wir essen Fisch im „The Tug“, frisch aus dem Meer, das vor dem Panoramafenster tost. Sitzen in Khaki zwischen Krawatten, die Zivilisation hat uns wieder. Aber nicht ganz. Ein letztes Mal kommt es zur Begegnung mit der anderen Art: Am nächsten Morgen geht es nach Walfischbai, über den Strand zur Sandbank und dann hinein in die Kajaks. Und hinaus, zu den Seehunden und den Delphinen in der Walfischbucht. Paddelt man nur schnell genug, schwimmen die Delphine Seit' an Seite mit dem Boot, dunkle Schatten im Wasser. Die Seehunde kommen von selbst heran, schnaufen, prusten und rülpsen ungeniert, wenn sie auftauchen. Kulleraugen schauen einen an, neugierig, wer denn jetzt schon wieder ihre Kolonie besucht. Die Kulleraugen betteln um Fische. Seehunde sind eben genauso klug, nur etwas unvorsichtiger als Giraffen.

Anreise: LTU fliegt von Düsseldorf, Frankfurt/Main oder München nach Windhoek. Preise und Buchung unter 02 11/9 41 83 33 oder www.ltu.de.

Einreise: Deutsche benötigen einen noch mindestens sechs Monate gültigen Reisepaß.

Gesundheit: Im Norden Namibias empfiehlt sich Malaria-Prophylaxe. Darüber und über weitere Impfungen (Hepatitis A, Typhus) informiert der Hausarzt oder das Berliner Institut für Tropenmedizin, Spandauer Damm 130, 14050 Berlin, Telefon 0 30/30 11 66.

Safari: Die Tour „Elusive Desert Wildlife“ führt im Geländewagen vom Etosha-Nationalpark durch das Damaraland bis an die Atlantikküste nach Swakopmund. Acht Nächte und neun Tage in Camps auf privaten Konzessionen und im Hotel. Besonders das einsame Damaraland Camp ist ein Traum. Ab 1560 Euro pro Person, inklusive Flug von Windhoek nach Etosha. Touren ab zwei Teilnehmern, maximal acht in der Gruppe. Die Reiseleitung spricht Englisch, im Juli wird eine Tour auch auf deutsch geführt. Information und Buchung über Trauminsel-Reisen, Summerstraße 8, 82211 Herrsching, Telefon 0 81 52/9 31 90, www.trauminselreisen.de - oder direkt beim Veranstalter www.wilderness-safaris.com.

Weitere Informationen beim Tourismusbüro von Namibia, Schillerstraße 42-44, 60313 Frankfurt/Main, Telefon 0 69/13 37 36-0, im Netz unter www.namibia-tourism.com.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 05.03.2006, Nr. 9 / Seite V1
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