Home
http://www.faz.net/-gxj-nlf7
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Mount Everest Aus dem Mythos wird ein Mensch

27.05.2003 ·  Die Petroleumlampen tauchten unser Basislagerzelt in ein goldgelbes Licht. In der Luft hing der Geruch von feuchtem Stoff. Vor uns auf dem Tisch lagen verschiedene Bündel aus Baumwolle, Seide, Wolle, Segeltuch - der Berg hatte die Leiche von George Mallory freigegeben.

Von Jochen Hemmleb
Artikel Bilder (4) Lesermeinungen (0)

Die Petroleumlampen tauchten unser Basislagerzelt in ein goldgelbes Licht. In der Luft hing der Geruch von feuchtem Stoff. Vor uns auf dem Tisch lagen verschiedene Bündel aus Baumwolle, Seide, Wolle, Segeltuch. Es waren die Reste der Kleidung eines Bergsteigers aus vergangenen Tagen. Daneben einige seiner Habseligkeiten: ein Höhenmesser, eine Streichholzschachtel, eine alte Schneebrille, ein paar Briefe. Vorsichtig falteten wir sie auseinander. Das Papier wirkte fast neu, die Schrift war unverblaßt, so als wären die Worte erst gestern geschrieben worden. Dann lasen wir das Datum: 5.Juni 1924. Und den Adressaten: "G. L. Mallory". Es war Mai 1999. Fünfundsiebzig Jahre nach seinem Verschwinden hatte der Berg die konservierte Leiche des britischen Everest-Pioniers freigegeben.

George Leigh Mallory: Kein Name ist so eng mit dem Mount Everest verknüpft wie dieser. Das gesamte Drama und die Symbolik des Bergsteigens am höchsten Gipfel der Welt sind auf sein Leben und seinen Charakter projiziert worden. Seine eigene Antwort, warum er den Everest besteigen wollte, ist legendär: "Weil er da ist." Bei seinem dritten Versuch ist Mallory verschollen, gemeinsam mit seinem Partner Andrew Irvine. Am 8. Juni 1924 um 12.50 Uhr mittags wurden sie zum letzten Mal gesehen, bevor sie der Nebel verschluckte, zwei dunkle Punkte hoch oben am Nordostgrat, "energisch dem Gipfel entgegenstrebend".

Spärliche Spuren im Schnee

Was bewog mich dazu, fast fünfzehn Jahre lang der Geschichte um das Verschwinden von Mallory und Irvine nachzugehen? Was motivierte mich und einige Amerikaner, wochenlang in dünner Luft, Kälte und Wind nach Spuren der Vergangenheit zu suchen, die am Ende vielleicht nur aus ein paar spärlichen Kleiderfetzen und verrosteten Sauerstoffflaschen bestanden? Vordergründig war da natürlich das große ungelöste Rätsel, ob Mallory und Irvine vor ihrem Tod vielleicht doch den Gipfel des Mount Everest erreicht hatten und somit die wahren Erstbesteiger waren, neunundzwanzig Jahre vor Hillary und Tenzing. Doch dahinter stand noch etwas anderes.

Es ging darum, für einen Moment den unumkehrbaren Lauf der Dinge zu überlisten, zurückzureisen in der Zeit, an einem historischen Ereignis noch einmal teilzunehmen. In der Möglichkeit einer solchen Zeitreise lag der eigentliche Anreiz bei der Suche nach Mallory und Irvine am Mount Everest: Würde es gelingen, auch nach Jahrzehnten Spuren zu finden, die uns zu den Ereignissen des 8. Juni 1924 zurückführten? Und was würden uns diese Spuren erzählen können?

Das Geheimnis des englischen Toten

Handfeste Hinweise gab es vor 1999 nur wenige: 1933 fand man Irvines Eispickel in 8450 Metern Höhe am Nordostgrat. Ein Chinese, Wang Hongbao, stieß 1975 in der Nähe seines Lagers auf 8200 Meter auf einen "englischen Toten" in alter, windzerfetzter Kleidung. Dabei konnte es sich nur um Mallory oder Irvine gehandelt haben. Leider konnte Wang keine weiteren Angaben zu seinem Fund machen, denn er kam vier Jahre später am Everest in einer Lawine um - kurz nachdem er einem Japaner von seiner Entdeckung erzählt hatte. Und noch 1991 entdeckte man unweit des Eispickelfundortes eine zurückgelassene Sauerstoffflasche von 1924. Unser Ziel war klar: Wir mußten den "englischen Toten" wiederfinden. Denn nur die Entdeckung der Verschollenen selbst bot eine realistische Chance, auch eine ihrer Kameras zu finden. Die Filme, durch die Kälte konserviert, könnten möglicherweise beweisen, wie hoch Mallory und Irvine bei ihrem Versuch am Everest gelangt waren.

Die Analyse der Fotos, die 1975 von der chinesischen Expedition gemacht worden waren, brachte schließlich einen entscheidenden neuen Ansatz: Auf ihnen konnte man genau rekonstruieren, wo genau Wang damals den "englischen Toten" gefunden hatte. Die Fotos waren die Schatzkarte.

Die Marmormumie lebt

Die Schatzsuche, der Schlußakt der Zeitreise, ist inzwischen Teil der Everest-Geschichte und in mehreren Büchern nacherzählt: Am 1.Mai1999 entdeckte die"Mallory&Irvine-Suchexpedition"die Leiche George Mallorys auf einem Geröllfeld in 8160 Metern Höhe in der Nordwand des Mount Everest - für jeden von uns ein unvergeßlicher Tag, denn an ihm begegneten wir der Geschichte. Bis zu diesem Tag war Mallory ein Mythos gewesen. Sein Charisma war in den alten Schwarzweißbildern verewigt, er wäre niemals mehr gealtert. Mit dem Fund änderte sich dies alles. Die ausgebleichte "Marmormumie", zum Teil nur noch Knochen, aber doch so unverkennbar ein Mensch - dies war das neue Bild, das die Welt von Mallory haben würde. Plötzlich war der Mythos greifbar geworden. Wir konnten seine Habseligkeiten und Kleidung anfassen, fühlen, riechen. Die Legende verwandelte sich in ein menschliches Wesen, dessen Lebendigkeit und Energie noch immer spürbar waren.

Die Bilder und Filme vom Fund taten ihr übriges. Auf ihnen sah man den ausgestreckten Körper Mallorys im Geröll, überragt von der Gipfelpyramide des Everest. Wie nichts anderes stand dieser Anblick für das Ende des persönlichen Kampfes zwischen dem Mann und seinem Berg. Wir wollten der Geschichte von Mallory und Irvine ein neues Kapitel hinzufügen. Dieses Bild erzählte das neue Kapitel mit einer Klarheit und Intensität, wie es Worte nicht gekonnt hätten. Und die Geschichte hinter der Geschichte von Mallory und Irvine? Mallory trug keine Kamera bei sich, als er gefunden wurde. Also mußten wir einen anderen Weg der Erkenntnis wählen. Zwei Mitglieder unserer Suchmannschaft, Conrad Anker und Dave Hahn, folgten Mallorys Route bis zum Gipfel. Dabei gelang Anker eine nahezu freie Durchsteigung der Schlüsselstelle des Anstiegs, der sogenannten Zweiten Stufe. "Frei" heißt, er versuchte, sie nur unter Zuhilfenahme der natürlichen Haltepunkte im Fels zu klettern, so wie Mallory und Irvine es hätten tun müssen. Anker hielt es danach für unwahrscheinlich, das die beiden 1924 diese Passage hätten bewältigen können.

Wir wissen bis heute nicht, wann Mallory und Irvine zum Gipfel aufbrachen und wieviel Sauerstoff sie dabeihatten. Wir wissen nicht, ob sie Schwierigkeiten mit ihren Sauerstoffgeräten hatten. Und wir wissen auch nicht, wo sie zuletzt gesehen wurden. Alles, was wir wissen, ist, daß sie eine Höhe von mindestens 8475 Metern erreichten. Dort wurde mit einer alten Sauerstoffflasche die bislang höchste Spur der beiden gefunden. Und wir wissen, daß Mallory und Irvine beim Abstieg verunglückten, irgendwo in den steilen Rinnen unterhalb des Nordostgrats. Das Seil zwischen ihnen riß, und Mallory stürzte in den Tod. Ob Irvine gleichfalls abstürzte oder erst später an Kälte, Erschöpfung oder Verletzungen starb, ist nicht bekannt.

Das Rätsel hat eine Lösung

Allerdings gibt eine sensationelle Nachricht aus China Hoffnung, auch dieses Kapitel der Geschichte noch rekonstruieren zu können: Nach unserer zweiten Suchexpedition 2001 erzählte uns Xu Jing, ein Veteran der ersten chinesischen Everest-Expedition von 1960, er habe schon damals hoch oben unter dem Nordostgrat einen Toten gesehen. Dieser lag jedoch nicht in der Region um Mallorys Fundort, sondern deutlich höher. Dies konnte nur bedeuten, daß er Irvine gefunden hatte. Die Suche wird weitergehen.

Doch die Lösung des Rätsels, ob Mallory und Irvine den Gipfel erreichten oder nicht, ist nur ein Teil der Zeitreise. Die Faszination, die von den beiden Bergsteigern ausgeht, ist umfassender. Allein schon das Bild von zwei Männern, die mit Tweedjacken und Nagelschuhen in die höchsten Höhen der Erde vordrangen, erweckt ehrfürchtiges Staunen und Bewunderung. Denn Mallorys und Irvines Versuch am Mount Everest ist in vielen Dingen eine Antithese zum heutigen Leben, in dem uns die Technisierung einen ungeahnten Grad an Erleichterung und Bequemlichkeit verschafft und gleichzeitig das Wissen über unsere eigene Leistungsfähigkeit verschüttet hat. Mallory, Irvine und die anderen Pioniere hatten ein nur sehr begrenztes Maß an Technik zur Verfügung, das ihnen den Aufstieg zum Mount Everest erleichterte. Ihre Aufstiegshilfen waren Pioniergeist, Mut, Willensstärke, gesammelte Erfahrungen und Intuition. Sie konnten nicht mit künstlichenMitteln die Herausforderung Everest verringern, sondern mußten an der Herausforderung wachsen, um dem Gipfel näher zu kommen. Damit war der Erkenntnisgewinn größer, das Erlebnis vollkommener und erfüllender.

Streben nach dem Gipfel

Verschreibt man sich aber erst einmal einem Ziel, so gewinnt das Leben plötzlich eine ungeahnte Klarheit und Richtung. Gerade in der heutigen Zeit, in der die Rolle des einzelnen oft nur noch schwer zu definieren oder austauschbar geworden ist, ist häufig der Wunsch nach einer solchen Klarheit und Richtung da - und Figuren wie Mallory, der mit seinem Streben nach dem Gipfel der Welt dies verkörpert, kommt dabei eine besondere Bedeutung zu.

Die Geschichte vonMallory undIrvine steht für einen Geist, der heute in vielen Lebensfeldern verlorengegangen ist - und der Fund Mallorys am Ende des zwanzigsten Jahrhunderts, diese abermalige Begegnung mit ihm, kann als Signal verstanden werden, sich diesen Geist wieder in Erinnerung zu rufen. Dies war die wahre Entdeckung unserer Suche am Mount Everest.

Zwar schrieb später ein Kritiker, Mallory sei, weil er gefunden und seine Geschichte in den Medien verbreitet wurde, einen "zweiten Tod" gestorben. Doch die Wirklichkeit sieht anders aus: Der Fund wirkte wie ein Zündfunke. Fast ein Dutzend Bücher sind seitdem zu dem Thema erschienen, und nie geht es in ihnen allein um die Frage, ob er nun oben gewesen sei oder nicht, sondern immer auch um den Menschen und seine Zeit. Neue Biographien haben Mallory und Irvine einem neuen Publikum bekannt gemacht. Museen stellen die Fundstücke aus, präsentieren Geschichte zum Anfassen. Im Internet bilden sich Foren, auf denen eifrig der "Fall Mallory" diskutiert wird. Interessenten aus unterschiedlichsten Ländern und Fachrichtungen tauschen ihre Gedanken aus.

Es scheint heute, vier Jahre später, als wäre George Mallory alles andere als tot. Fast achtzig Jahre nach seinem Verschwinden am Mount Everest hat der Lehrer aus Charterhouse wohl mehr Menschen erreicht und bewegt, als es ihm zu Lebzeiten vergönnt war.

Jochen Hemmleb (Jahrgang 1971) ist Alpinhistoriker und war maßgeblich am Auffinden der Leiche von George Mallory beteiligt. Über die Suche schrieb er die Bücher "Die Geister des Mount Everest" und "Detectives on Everest". Zum Jubiläum der Erstbesteigung erschien sein Band "Everest, Göttinmutter der Erde".

Quelle:
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen