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Monaco im Frühling Fürst Class

Schöner kann Monaco kaum sein: Kurz bevor die Saison beginnt, ist der Zwergstaat frühlingshaft melancholisch und rührend provinziell.

© Eilmes, Wolfgang Vergrößern Menschen vor Betonlandschaft: Bald wird die Stille der Vorsaison vom hochfrequenten Jaulen der Formel-1-Motoren zerrissen – dort unten, vor spiegelglatter Kulisse

Noch einen Monat, dann wird sich wieder das Dröhnen der Motoren an den Bergen brechen, und die Formel-1-Wagen werden in rasender Fahrt um die Kurven fliegen. Monaco wird überquellen vor Rennteams, Schaulustigen und Presseleuten. Sie sind Vorboten des Andrangs, der im Sommer herrscht, wenn die Yachten der Reichen und Schönen den Zwergstaat ansteuern und Scharen von Tagesausflüglern aus Nizza und Cannes an den Felsen drängen, angelockt vom Glanz vergangener Tage: als Grace Kelly Fürstin war und Monte Carlo ein sonniger Ort für zwielichtige Gestalten, wie der amerikanische Schriftsteller Somerset Maugham es nannte.

Ursula Scheer Folgen:  

Nicht, dass es im Reich der Grimaldis jemals leer wäre. Mehr als 31.000 Einwohner, dazu Pendler und Gäste, drängen sich auf einer Fläche, halb so groß wie Münchens Englischer Garten. Doch bevor der große Rummel losgeht, finden sich erstaunlich ruhige Ecken im Fürstentum, und keine Touristenmassen verstellen die Sicht auf das Kuriosum an der Côte d’Azur. Dann erzählt schon eine werktägliche Fahrt mit den monegassischen Linienbussen, die kreuz und quer durchs Land fahren, viel von dem, was hier wohl Alltag ist.

An jeder Station steigt eine andere Handtasche von Chanel oder Prada zu. Ein vielleicht 14-jähriges Charlotte-Casiraghi-Double transportiert Schulbücher in Louis Vuitton, Pelz sitzt neben Jeans und Hoteluniformen, man hört Italienisch, Französisch, Englisch und immer wieder Russisch, und ein japanisches Paar studiert den Stadtplan. Draußen ziehen Postkartenmotive vorbei: Casino, Fürstenpalast, Palmen und das tatsächlich azurblaue Meer, Luxusboutiquen, ein Glitzerskelett im Schaufenster einer Galerie, Schönheitsinstitute und Tierkliniken.

Pittoreskes Franco-Italien

Es geht in den von Tunnels zerfressenen Felsen, hinab zum Yachthafen und auf den Berg, aber da ist man schon fast wieder in Italien oder Frankreich. Eingeklemmt zwischen Seealpen und Meer, wuchert unten der Beton - wie in einer Banlieue, nur gepflegter. So könnte das Königreich Popo, Land der Müßiggänger in Georg Büchners „Leonce und Lena“ aussehen: ein Land, so winzig, dass man dauernd auf der Grenze steht und in seinem Innern „lauter ineinandergesteckte Schachteln“ stecken. Nur, dass ein Quadratmeter in einer monegassischen Schachtel 148000 Euro kosten kann. So viel soll ein Investor aus Nahost 2010 gezahlt haben.

Wer in Monte Carlo aussteigt, wo die Häuser älter und die Firste niedriger sind, und ein Stück den Berg hinaufklettert, findet sich für ein paar Quadratmeter in einem pittoresken Franco-Italien wieder. Wäscheleinen spannen sich über Hinterhöfe, ein Briefträger hievt seinen Handkarren eine der unzähligen Treppen hinauf und grüßt eine alte Dame, die mit dem Baguette unterm Arm aus der Bäckerei kommt, und vor dem Kirchlein breitet ein bronzener Padre Pio segnend die Hände aus. Weiter gen Südwesten warten verblichene Disneykarussells und ein paar Ziegen in einem Park für Kinder auf Besuch. Doch den Ausblick auf Stadt und Meer hat man ganz für sich allein. Mit den zwei Jungs, die ihren Fußball gegen ein Eisengitter dreschen, muss man ihn jedenfalls nicht teilen. So frühlingshaft melancholisch ist Monaco nur noch in seinem Tiergarten, der mit Kleintier in Gehegen aus den sechziger Jahren rührend provinziell wirkt.

Eigentlich ist das Fürstentum vor allem dreierlei: sauber, sicher und seniorenfreundlich. Wo man auch steht und geht, biegt zuverlässig ein Straßenfeger um die Ecke und wedelt noch den winzigsten Schnipsel aus den gepflegten Rabatten. Skaten, Picknicken und sonstiger Unfug, so mahnen Schilder allerorten, sind verboten. Auf dem Fußweg von Monte Carlo zu den Stränden von Larvotto, die noch auf den Sommer warten, wechseln sich Polizisten mit Bildtafeln ab, die an bedeutsame Stationen aus dem Leben von Gracia Patricia erinnern - hier tanzte sie mit Plácido Domingo, dort pflanzte sie einen Kirschbaum. Dazwischen immer wieder Überwachungskameras und öffentliche Defibrilatoren.

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Veröffentlicht: 28.04.2012, 21:06 Uhr