Noch einen Monat, dann wird sich wieder das Dröhnen der Motoren an den Bergen brechen, und die Formel-1-Wagen werden in rasender Fahrt um die Kurven fliegen. Monaco wird überquellen vor Rennteams, Schaulustigen und Presseleuten. Sie sind Vorboten des Andrangs, der im Sommer herrscht, wenn die Yachten der Reichen und Schönen den Zwergstaat ansteuern und Scharen von Tagesausflüglern aus Nizza und Cannes an den Felsen drängen, angelockt vom Glanz vergangener Tage: als Grace Kelly Fürstin war und Monte Carlo ein sonniger Ort für zwielichtige Gestalten, wie der amerikanische Schriftsteller Somerset Maugham es nannte.
Nicht, dass es im Reich der Grimaldis jemals leer wäre. Mehr als 31.000 Einwohner, dazu Pendler und Gäste, drängen sich auf einer Fläche, halb so groß wie Münchens Englischer Garten. Doch bevor der große Rummel losgeht, finden sich erstaunlich ruhige Ecken im Fürstentum, und keine Touristenmassen verstellen die Sicht auf das Kuriosum an der Côte d’Azur. Dann erzählt schon eine werktägliche Fahrt mit den monegassischen Linienbussen, die kreuz und quer durchs Land fahren, viel von dem, was hier wohl Alltag ist.
An jeder Station steigt eine andere Handtasche von Chanel oder Prada zu. Ein vielleicht 14-jähriges Charlotte-Casiraghi-Double transportiert Schulbücher in Louis Vuitton, Pelz sitzt neben Jeans und Hoteluniformen, man hört Italienisch, Französisch, Englisch und immer wieder Russisch, und ein japanisches Paar studiert den Stadtplan. Draußen ziehen Postkartenmotive vorbei: Casino, Fürstenpalast, Palmen und das tatsächlich azurblaue Meer, Luxusboutiquen, ein Glitzerskelett im Schaufenster einer Galerie, Schönheitsinstitute und Tierkliniken.
Pittoreskes Franco-Italien
Es geht in den von Tunnels zerfressenen Felsen, hinab zum Yachthafen und auf den Berg, aber da ist man schon fast wieder in Italien oder Frankreich. Eingeklemmt zwischen Seealpen und Meer, wuchert unten der Beton - wie in einer Banlieue, nur gepflegter. So könnte das Königreich Popo, Land der Müßiggänger in Georg Büchners „Leonce und Lena“ aussehen: ein Land, so winzig, dass man dauernd auf der Grenze steht und in seinem Innern „lauter ineinandergesteckte Schachteln“ stecken. Nur, dass ein Quadratmeter in einer monegassischen Schachtel 148000 Euro kosten kann. So viel soll ein Investor aus Nahost 2010 gezahlt haben.
Wer in Monte Carlo aussteigt, wo die Häuser älter und die Firste niedriger sind, und ein Stück den Berg hinaufklettert, findet sich für ein paar Quadratmeter in einem pittoresken Franco-Italien wieder. Wäscheleinen spannen sich über Hinterhöfe, ein Briefträger hievt seinen Handkarren eine der unzähligen Treppen hinauf und grüßt eine alte Dame, die mit dem Baguette unterm Arm aus der Bäckerei kommt, und vor dem Kirchlein breitet ein bronzener Padre Pio segnend die Hände aus. Weiter gen Südwesten warten verblichene Disneykarussells und ein paar Ziegen in einem Park für Kinder auf Besuch. Doch den Ausblick auf Stadt und Meer hat man ganz für sich allein. Mit den zwei Jungs, die ihren Fußball gegen ein Eisengitter dreschen, muss man ihn jedenfalls nicht teilen. So frühlingshaft melancholisch ist Monaco nur noch in seinem Tiergarten, der mit Kleintier in Gehegen aus den sechziger Jahren rührend provinziell wirkt.
Eigentlich ist das Fürstentum vor allem dreierlei: sauber, sicher und seniorenfreundlich. Wo man auch steht und geht, biegt zuverlässig ein Straßenfeger um die Ecke und wedelt noch den winzigsten Schnipsel aus den gepflegten Rabatten. Skaten, Picknicken und sonstiger Unfug, so mahnen Schilder allerorten, sind verboten. Auf dem Fußweg von Monte Carlo zu den Stränden von Larvotto, die noch auf den Sommer warten, wechseln sich Polizisten mit Bildtafeln ab, die an bedeutsame Stationen aus dem Leben von Gracia Patricia erinnern - hier tanzte sie mit Plácido Domingo, dort pflanzte sie einen Kirschbaum. Dazwischen immer wieder Überwachungskameras und öffentliche Defibrilatoren.
Ein Octopus als Deckenschmuck
In diesem Land, so viel wird einem schnell klar, ist man Gast einer Herrscherfamilie, die Besucher Anteil an ihren Spleens nehmen lässt. Das beginnt in der Bar am Port Hercule mit Memorabilien der Pol-Expeditionen des aktuellen Fürsten und endet im Ozeanographischen Museum. Albert I. ließ es vor mehr als hundert Jahren an den Felsen heften. Er war ein begeisterter Meeresforscher. Ein gigantischer Octopus schmückt die Decke der Haupthalle; die historischen Schauräume sind maritime Wunderkammern: Regale bis an die Decke, bestückt mit allerlei Präparaten, ausgestopftem Getier und einem Tauchanzug, der aussieht, als käme er geradewegs aus der Requisitenkammer einer alten Jules-Vernes-Verfilmung. Im Nebenraum flanieren Rentner unter Walskeletten, während sich im Untergeschoss Schulklassen vor Aquarien drängen.
Andere fürstliche Passionen finden weniger Zuspruch. Im Museum für zeitgenössische Kunst in der Villa Paloma ist der Aufseher erkennbar froh, mal einen Menschen statt immer nur Exponate zu observieren. Vermutlich herrscht auch zwischen den Briefmarken, Oldtimern und Schiffsmodellen in den Sammlungen im Stadtbezirk Fontvieille selten Trubel. Der spielt sich eher im McDonald’s davor ab und im ziemlich unglamourösen Einkaufszentrum nebenan. Da bummelt es sich im Shoppingcenter Métropole zwischen Designerläden und Fin-de-Siècle-Dekoration schon stilechter. Drei deutsche Nizza-Urlauberinnen auf Tagesausflug wollen trotzdem nur rasch ein Stück Quiche beim Bäcker erstehen. Nach Monte Carlo sind sie gekommen „um reiche Leute zu gucken“, wie sie sagen. Monaco, das ist auch ein Menschenpark mit freiem Eintritt.
Feldstudien dazu, wie man zumindest reich aussieht, kann man im Casino de Monte Carlo anstellen. Wobei sich unter den Stuck-Orgien in seinem Inneren auch nur das Erwartbare abspielt: Sehen und Gesehenwerden bei rollender Kugel, Geldverlieren und -gewinnen und Champagnergeplauder im Foyer. An den Automaten verzockt eine Traube kichernder Asiatinnen kleine Münzen und kann später sagen: Wir waren dabei.
Etwas fehlt
Andere Frühlingsurlauber kommen ins Fürstentum, um „in eine andere Welt einzutauchen“. Das behauptet zumindest ein junges Paar aus England und teilt sich in einem asiatischen Restaurant eine Sushi-Platte. Die beiden verbringen ihre Flitterwochen im Fürstentum und sind ganz begeistert von dem Spa-Angebot und dem Japanischen Garten, der nicht weit von der Gaststätte am Meer liegt. Dort plauschen an diesem Nachmittag nur ein paar Nannys, während ihre Schützlinge in den Kinderwagen schlafen. Wasserfälle, geharkter Kies und in Form geschnittene Bäume machen fast vergessen, dass dicht hinter ihnen die Autos am Hochhausgebirge entlangrauschen. Ruhe ist relativ in Monaco.
Auch im Exotischen Garten weht der Verkehrslärm den Hang hinauf, irgendwo dröhnt ein Presslufthammer. Doch weil sich prachtvolle Tropenpflanzen vor das Häusermeer schieben, wirkt es still. Noch kann man wie die streunenden Katzen Wärme tanken, statt in der Sommerhitze zu schmoren. Der Besucherstrom hält sich in Grenzen, und im milden Licht strahlen selbst die in die Jahre gekommenen Gebäude Eleganz aus. Schöner als hier kann Monaco kaum sein.
Auch nicht auf der grünen Flaniermeile von La Rocher. Immer dicht an der Felskante führt ein Park hinauf nach Alt-Monaco, in die pure Postkartenidylle. Ein Motiv ist die Kathedrale mit den Gräbern von Rainier und Grace. Bis zum Fürstenpalast sind es nur wenige Schritte. Für die Hochzeit im vergangenen Jahr wurde er so perfekt renoviert, dass es die Wachsoldaten davor dringend braucht, um ihm Glaubhaftigkeit zu verleihen. In den Straßencafés sind noch Plätze frei, und eine italienische Gärtnertruppe ist schon wieder damit beschäftigt, Blätter zu rechen.
Dass sich dennoch leichtes Unbehagen einschleicht, liegt an dem, was fehlt. Kein fliegender Händler bietet seine Waren feil, kein Bettler streckt die Hand aus. Und solange die Touristen noch nicht in großer Schar kommen, sorgen nicht einmal sie für Unordnung vor dieser spiegelglatten Kulisse.
Anreise Swiss, Lufthansa, Air Berlin, Easyjet und Tuifly fliegen nach Nizza. Die Preise beginnen in der Nebensaison bei etwa 100 Euro.
Von Nizza aus gibt es verschiedene Möglichkeiten, ins Fürstentum zu kommen: mit dem Pendelbus der Linie 110 (ca. 40 Minuten, allerdings über die landschaftlich wenig reizvolle Autobahn), per Stadtbus zum Hauptbahnhof Nizza und weiter an der Küste entlang mit dem Regionalzug (30Minuten) oder, die Luxusvariante, per Helikopter (ab 60 Euro, wenn vier Passagiere zusammenkommen, www.heliairmonaco.com). In Monaco empfiehlt es sich, Busse und Taxen zu nutzen - oder zu Fuß zu gehen.
Unterkunft Das Hotel „Columbus Monte Carlo“ liegt im ruhigen Stadtteil Fontvieille (Doppelzimmer ab 145Euro, www.columbushotels.com); zwischen Bahnhof und Casino in Monte Carlo liegt das „Novotel Monte Carlo“ (Doppelzimmer ab 138 Euro, www.novotel.com).
Gastronomie Mittagsmenüs für weniger als 20 Euro bietet: „Beef Bar“ (Rindfleisch für Genießer, 42, quai Jean-Chares Rey, www.beefbar.com). Das „Mayabay“ bietet gute asiatische Küche (24, avenue Princesse Grace, www.mayabay.mc), und die „Brasserie de Monaco“, ein gehobener Biergarten, hat auch abends günstige Angebote (36, route de la Piscine, www.brasseriedemonaco.com).
Allgemeine Informationen zu Reisen nach Monaco unter www.visitmonaco.com/de
Frau Scheer langweilt mit Klischees
Eva Krämer (EvaKraemer)
- 30.04.2012, 08:41 Uhr
Korrekturen
Angelika Seifriz (Angelika_Seifriz)
- 29.04.2012, 16:31 Uhr