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Mittelpunkt Asiens Einmal Baojiacaozi und zurück

25.11.2006 ·  Wo der Mittelpunkt Asiens liegt, ist nicht ganz eindeutig. Denn mindestens zwei Punkte auf dem Kontinent konkurrieren um diesen Titel. Einer von beiden hat aber auf jeden Fall das schönere Denkmal.

Von Christian Y. Schmidt
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Das geographische Zentrum Asiens, so glaubt man nicht nur in Deutschland, liege in Kysyl, der Hauptstadt der russischen Republik Tuwa, im südlichen Sibirien. So jedenfalls steht es auf fünfhundert deutschsprachigen Homepages und in den Internetlexika auch. In Kysyl steht seit 1964 ein großer Obelisk. Er befinde sich, so sagt auch hier ein jeder, exakt in der Mitte des größten aller Kontinente. Es ist ein schöner Obelisk aus roten Sandsteinplatten, der nur einen Fehler hat: Er steht an der falschen Stelle.

Das wirkliche geographische Zentrum Asiens nämlich liegt fast tausend Kilometer südwestlich, in der Nähe von Urumqi, der Hauptstadt der chinesischen Provinz Xinjiang. Das zumindest behaupten die Chinesen, die dafür gute Argumente haben. Erst 1992 bestimmte ein Expertenteam des "Xinjiang Geographic Research Institute" mit Hilfe modernster wissenschaftlicher Instrumente die neue Mitte. Dagegen stützen sich die Tuwinen auf Berechnungen des britischen Geographen Douglas Carruthers vom Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts. Und weil das chinesische Zentrum jünger, moderner und wahrscheinlich auch echter ist, hat man an seiner Stelle nicht bloß einen Obelisken errichtet, sondern gleich ein ganzes Ensemble von Monumenten.

Umgetretene Plastikpalmen mit den blauen Stämme

Vier Säulen, die aneinandergelehnt viermal den Buchstaben A (für Asien) ergeben, und ein wie ein großer Flügel geschwungenes Tor nehmen sich von weitem in der flachen, Urumqi umgebenden Steppenlandschaft recht imposant aus. Der Eindruck verflüchtigt sich jedoch bei näherer Betrachtung. Da sehen wir, daß sich die ganze, erst im Jahr 2001 errichtete Anlage in einem beklagenswerten Zustand befindet. Auf einer etwa fünfhundert Meter langen Skulpturenallee, die auf das Zentralmonument zustrebt, wuchert zwischen zerbrochenen Gehwegplatten Unkraut, und die Hälfte der Skulpturen ist beschädigt oder gleich komplett verschwunden.

Dabei soll jede ein Land Asiens repräsentieren, so wie ein noch erhaltener großer Adler und ein Bogenschütze. Auf einem verdreckten Plakat, das in einem zerbrochenen Rahmen steckt, ist zu entziffern, daß das Duo Tadschikistan repräsentiert. Doch welches Land stellt ein verlassen auf einer Parkbank sitzender Turbanträger dar? Und welches eine häßliche Pistole, aus deren Lauf in schlechtester surrealistischer Manier Tränen tropfen? Man kann es nicht mehr nachlesen, weil die Schilder fehlen. Eventuell wurden sie von Vertretern der gemeinten Staaten selbst zerstört, genauso wie sie die Plastikpalmen mit den blauen Stämmen umgetreten haben mögen, die zwischen den Skulpturen standen. Angesichts der Scheußlichkeit des ganzen Arrangements wär's zu verstehen.

Schutthaufen und ausgemusterte Marmorkegel

Die Hälfte des Wegs zum Zentralturm, den die vier großen A's bilden, markiert ein kleiner Pavillon. Auf seinen vier Pfosten hocken steinerne Kröten. Dahinter wirkt die überbreite, vorgebliche Prachtstraße noch trostloser. Statt Skulpturen säumen jetzt verdorrte Pappeln die Seiten, die irgend jemand mit grünem Plastiklaub behängt hat. Wer, das ist nicht klar, denn seitdem wir unseren Eintritt am Eingang bezahlt haben, lassen sich weder Personal noch andere Besucher blicken. Der Mittelpunkt des Kontinents mit den meisten Bewohnern der Welt ist ein leerer Ort, nicht zuletzt weil das Dorf Baojiacaozi, das hier mal stand, für den Zentrumspark um einen Kilometer verlegt wurde.

Vielleicht lag es dort, wo sich jetzt ein Schutthaufen türmt. Daneben liegen aus dem Skulpturenensemble ausgemusterte Marmorkegel und eine große goldene Kugel inmitten der kargen Landschaft. Die Kugel muß einmal unser Planet gewesen sein. Auf älteren Fotos ist zu sehen, daß sie einst den vierzehn Meter hohen Zentralturm krönte. Jetzt trägt er einen neuen Erdball. Der ist aus einem Gitternetz gefertigt und damit leichter. Wahrscheinlich ist das auch besser so, weil der Turm sonst ebenso in Trümmern läge wie die Kunstmarmortafel vor dem Monument. Ein einziges Wort ist darauf noch zu lesen: "Geography." Es ist der Name der Wissenschaft, mit deren Hilfe sich berechnen läßt, daß sich der Mittelpunkt Asiens in der Mitte des Turms befindet.

Ein Golfplatz, ein Schießstand geplant

Genau dort hat man einen nicht allzu hohen Marmorpflock verankert. Auf den stellen wir uns und blicken in die Runde. Rings um das Denkmal stehen noch einmal neunundvierzig Quader. Auch diese stehen stellvertretend für die Staaten Asiens, wobei einige Besonderheiten auffallen. Das ehemalige Himalajakönigreich Sikkim ist mit einem eigenen Stein vertreten, obwohl es schon 1974 von Indien annektiert wurde und seitdem als indischer Bundesstaat firmiert. Doch China hat diese Realität erst im Jahr 2003 anerkannt. Auch das Nahost-Problem ist auf eigene Art gelöst. Israel und Palästina sind mit je einem eigenen Kubus vertreten. Die angebrachten Metallplaketten zeigen für beide Nationen allerdings exakt dieselben Staatsgrenzen an, jeweils mit Jerusalem als Hauptstadt.

Hinter den Quadern aber breitet sich nichts weiter aus als die nahezu endlose Steppe, die erst am Horizont von Bergen begrenzt wird. Für die Zukunft sind dort ein Golfplatz, ein Schießstand und ein Flughafen geplant. Das ist dem Übersichtsplan am Eingang der Anlage zu entnehmen. Doch auch diese Weiterungen werden kaum neue Touristen anziehen, weil mit derlei Schnickschnack bereits jede zweite Touristenattraktion in China aufwartet. Und im Rest der Welt glaubt man sowieso weiterhin, das Zentrum Asiens befinde sich in Kysyl, Südsibirien. Auf jeden Fall steht dort das schönere Denkmal.

Das Zentrum Asiens befindet sich auf dem Schnittpunkt von 43 Grad 40 Minuten 37 Sekunden nördlicher Breite und 87 Grad 19 Minuten 52 Sekunden östlicher Länge in der Nähe des Dorfes Baojiacaozi, Yongfeng-Distrikt, etwa dreißig Kilometer südwestlich von Urumqi. Man erreicht es am besten mit einem Taxi. Von der Innenstadt Urumqis kostet die Hin- und Rückfahrt etwa 100 bis 150 Yuan, also 10 bis 15 Euro - abhängig vom Verhandlungsgeschick des Kunden. Der Eintritt in die Anlage, das „Asian Centre Village“, kostet 10 Yuan (1 Euro).

Quelle: F.A.Z., 23.11.2006, Nr. 273 / Seite R12
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