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Mexiko Gegen die Angst gibt es Tequila

15.07.2009 ·  Los Algodones verlässt man nur mit einem strahlenden Lächeln: Das mexikanische Grenzstädtchen hat sich ganz auf den Zahnarzttourismus aus den Vereinigten Staaten eingestellt.

Von Nina Rehfeld
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Einnehmend lächelnd lehnt sich eine dralle Mittdreißigerin im zartrosa Kittel auf den Tresen mit dem Hinweisschild, das "Gratis-Kostenvoranschläge" verspricht: "Root canal?", fragt sie mit spanischem Akzent und beginnt, eine Karteikarte für die anstehende Wurzelbehandlung auszufüllen. Es ist Dienstagvormittag, das Wartezimmer der Zahnarztpraxis von Doctora Gomez ist fast leer. Auf dem Ledersofa sitzt ein Herr mittleren Alters und streichelt einen weißen Zwergpudel, der zum Inventar zu gehören scheint. Eine der Sprechstundenhilfen surft mit einem Netbook auf dem Schoß im Internet. Die Dame hinterm Tresen hat ihre dunklen Augen nicht zu knapp mit hellblauem Lidschatten betont, das hübsche Lächeln mit pink Lipgloss eingerahmt und die langen, blondierten Haare in schmale Afrozöpfe geflochten. "Kommen Sie", sagt sie und führt die Patientin durch eine Schwingtür in den hinteren Teil des Gebäudes, in dem von einem langen Flur mehrere Behandlungszimmer abzweigen. Eine Sprechstundenhilfe nimmt sich in einem winzigen Raum der Patientin an. Ein Ventilator in der Ecke ersetzt die Klimaanlage, aber die Geräte sind modern und amerikanischer Provenienz. Und die grell geschminkte Dame, die nun mit Latexhandschuhen und Mundschutz zurückkehrt, ist Dr. Veronica Gomez. Willkommen in Los Algodones.

Das mexikanische Städtchen südwestlich von Yuma, Arizona, hat sich wie so viele andere Grenzstädte zur Boomtown des amerikanischen Medizintourismus entwickelt. Es ist ein blühender Basar für Leistungen, die amerikanische Krankenversicherungen ausklammern: Zahn- und Augenmedizin. Die Werbetafeln Dutzender Zahnarztpraxen, Hörgerätehersteller und Optiker bestimmen das Ortsbild, ein Wald aus Plakaten mit Zähnen, Ohren und strahlendem Lächeln wächst über den einstöckigen Gebäuden in den Himmel.

Die Rettung für arme Rentner

Die Zahnfäule des amerikanischen Gesundheitssystems ist ein einträgliches Geschäft für Los Algodones. Entlang der Interstate 8, die von San Diego nach Tucson an Yuma vorbeiführt, werben riesige Tafeln für "Algodones Dental and Optical". In den Hotels und Motels von Yuma liegen Broschüren von mexikanischen Kliniken und Ärzten aus, die sich "American Dental Team" oder "Art of a Smile" nennen und amerikanische Spitznamen führen wie Dr. Arturo "Chip" Ortega.

Unter Kennern gilt Los Algodones als Geheimtipp, weil es ein hübsches, fast verschlafenes Flair hat und weit weniger laut und rauh ist als Tijuana oder Nogales. Die Kenner sind vor allem amerikanische Rentner, deren Sinne mit dem Alter trübe werden und die sich die teuren Korrekturen in ihrer Heimat nicht leisten können. Aber auch unter jungen Leuten spricht sich der Zahn- und Augentourismus an der mexikanischen Grenze zunehmend herum. Hundert Millionen Amerikaner haben keine Dentalversicherung. Dabei klagen immer mehr über Zahnprobleme.

Fünfzig Prozent billiger als drüben

Valerie Huddleston aus Tucson ist zum ersten Mal in Los Algodones. Sie ist Angestellte in einem Mineraliengeschäft und wird von ihren Freundinnen um den Job beneidet: Ihr Chef gewährt ihr eine Woche bezahlten Urlaub im Jahr, Krankenversicherung und Überstundenbezahlung, nicht eben üblich im amerikanischen Mittelstand. Als vor ein paar Wochen ein alter Sorgenzahn aufzumucken begann, erwartete ihr amerikanischer Zahnarzt sie mit einer Hiobsbotschaft: Etwa 1500 Dollar würde sie für eine Wurzelbehandlung samt Krone hinlegen müssen. Ein Freund empfahl ihr Veronica Gomez in Los Algodones. Er hatte sich dort zwölf Zähne ziehen und eine Prothese anpassen lassen, für knapp 800 statt der in den Vereinigten Staaten veranschlagten 11000 Dollar. Also nahm sich Huddleston zwei Tage frei und trat die vierstündige Fahrt an. Für dreißig Dollar mietete sie sich in einem Motel ein, fuhr zum Parkplatz an der mexikanischen Grenze und ging zu Fuß durch die Schlagbäume ins Ärztedorf, in dem Veronica Gomez ihre Praxis führt.

In Los Algodones geht es das ganze Jahr zu wie im Sommerschlussverkauf: "Hörhilfen - Fünfzig Prozent billiger als drüben" heißt es auf einem Schild, ein anderes verspricht: "Wir schlagen jeden Preis!" An einer Straßenecke sitzt, zwischen Basarständen mit Lederwaren und Kunstramsch, ein junger Mann im Arztkittel auf einem Barhocker und wirbt Kundschaft: "Zahnbehandlung, junge Dame? Siebzig Dollar die Krone, hundertdreißig für die Wurzelbehandlung." Veronica Gomez verlangt etwa das Doppelte und liegt damit nach eigenen Angaben im Mittelfeld des Zahnärztebasars von Algodones. Dafür gibt sie ein Jahr Garantie auf ihre Arbeit.

Lobeshymnen zufriedener Patienten

Der Eingangsbereich ihrer Praxis ist halb Wartezimmer, halb Optikerauslage. Gomez stammt aus Mexicali, das siebzig Kilometer westlich liegt. Ihr Vater ist Zahntechniker, ihr Mann Optiker, sie selbst eröffnete ihre Praxis vor dreizehn Jahren in Los Algodones. "Ich wollte weg aus den großen Grenzstädten, die total überfüllt und nicht allzu sicher sind", sagt sie. Aber auch Algodones habe sich verändert. Das Geschäftsverzeichnis der Stadt im Internet zählt dreißig Zahnärzte, zwölf Optiker, drei Souvenirläden, zwei Restaurants und ein Schnapsgeschäft. Die Konkurrenz sei härter geworden, es komme ab und an vor, dass Patienten mit dem Versprechen "Wir machen's billiger" aus einer schon gewählten Praxis hinausbugsiert werden. Gomez glaubt, dass die Kollegen, die aufs schnelle Geld aus sind, das Geschäft verderben. "Billige Arbeit hält nicht", sagt sie. "Und dann heißt es, das ist mir in Mexiko passiert. Das schadet uns allen. Ich habe lieber zehn glückliche Patienten als vierzig, die am Ende unzufrieden sind." Sie selbst hat einen festen Patientenstamm, und nicht ohne Stolz präsentiert sie die Lobeshymnen aus ihrem Feedback-Glas.

Bis vor ein paar Jahren waren es die Discount-Apotheken, die Amerikaner in Scharen über die Grenze lockten. Verschreibungspflichtiges ist in Mexiko für einen Bruchteil der amerikanischen Preise zu haben. Heute sind die Apotheken nur noch Teil eines weit umfangreicheren medizinischen Angebots. Neben Zahnärzten und Optikern sind in Los Algodones auch ein Dermatologe, mehrere Internisten und eine Tierklinik ansässig. Nur Schönheitschirurgen, wie sie sich etwa in Tijuana drängen, findet man hier noch nicht.

Margarita im Wartezimmer

Für Marge Turner aus Arizona gleicht der Trip über die Grenze einem Einkaufsurlaub. Ihr Mann, erzählt die Krankenschwester, habe sich hier endlich das quälende Problem mit einer Brücke reparieren lassen, an dem sich amerikanische Zahnärzte mehrfach vergeblich versucht hatten. Sie selbst hat eine Wurzelbehandlung für 350 Dollar hinter sich. "Ich war anfangs skeptisch, aber es ist wirklich phantastisch. Die Ärzte machen gute Arbeit", sagt sie. Jetzt steht sie in der kurzen Schlange vorm Schlagbaum Richtung Vereinigte Staaten, wie die meisten Wartenden trägt sie Plastiktüten voller Medikamente und Tequila. "Man kommt rüber, shoppt, trinkt ein paar Margaritas und geht wieder heim."

Am Tresen von Patti, der Barkeeperin in der "Caliente Bar", sitzen Amerikaner über ihrem Tequila und plaudern. Gesprächsthema Nummer eins ist der Zahnarztbesuch. Patti sagt, ihre Bar fungiere als eine Art verlängertes Wartezimmer. "Viele Leute kommen hierher und gönnen sich einen Tequila oder eine Margarita, während sie auf ihre Behandlung warten", sagt sie. "Das lindert die Angst und den Schmerz." Doch ihre Gäste sind sich einig, dass die Behandlung nicht nur günstiger, sondern auch noch schmerzfreier ist als zu Hause.

Der beste Zahnarztbesuch des Lebens

Auch Valerie Huddleston ist zufrieden, als sie nach zwei Stunden von ihrer Wurzelbehandlung zurückkehrt. Bei einer Maissuppe im Restaurant "Pueblo Viejo", in dem man anstatt der harten Nacho-Chips als Vorspeise die zahnfreundlicheren, weicheren Pasta-Brezeln serviert, erzählt sie vom "besten Zahnarztbesuch meines Lebens": 430 Dollar hat ihre Behandlung gekostet, aber sie fühlt sich keineswegs billig abgefertigt. Im Gegenteil: Doctora Gomez habe ihr empfohlen, mit der Krone noch ein paar Tage zu warten, um Infektionen auszuschließen. In zwei Wochen wird Valerie Huddleston wiederkommen. Und in der Zwischenzeit will sie all ihren Freunden und Kollegen raten, zum Zahnarztbesuch nach Mexiko zu fahren.

Informationen im Internet unter www.losalgodones.com/dental_index.htm.

Quelle: F.A.Z.
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