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Maya Warum frißt der Jaguar das Menschenherz?

07.04.2005 ·  Vor tausend Jahren war Chichén Itzá eine Art mittelamerikanisches Berlin. Heute sind nur noch steinerne Reste des einstigen Zentrums erhalten. Entdeckte und unentdeckte Geheimnisse einer mexikanischen Maya-Stadt.

Von Volker Mehnert
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Man stelle sich folgendes Szenario vor: Berlin im Jahre 3005, die Gebäude am Potsdamer Platz sind Ruinen, die Außenmauern des Bundeskanzleramts stehen zwar beinahe unversehrt, doch vom Lehrter Bahnhof ist nur noch der metallische Rahmen zu erkennen. In der Nähe liegen die überwucherten Fundamente des Reichstages und verschiedener Botschaftsgebäude, und in einigem Abstand ist die verbogene Struktur des Funkturms zu sehen.

Von Wohnhäusern und Straßen gibt es auf den ersten Blick keine Spur. Mischwald und dichtes Gestrüpp haben das Gelände an beiden Ufern der Spree zurückerobert. Vereinzelte Menschen hausen in den Wäldern, der städtische Trubel von einst aber ist nicht einmal mehr in ihrer Erinnerung lebendig. Fremdländische Archäologen von einem fernen Kontinent machen sich daran, die Überreste zu sichern und die verschüttete Kultur zu enträtseln.

Eine Art mittelamerikanisches Berlin

So ist es Chichen Itza ergangen. Die Stadt war vor tausend Jahren eine Art mittelamerikanisches Berlin, ein Bevölkerungs- und Zeremonialzentrum mit großem Einfluß auf viele Maya-Gemeinwesen und Indiokulturen in den heutigen Staaten Mexiko, Guatemala, Belize, Honduras und El Salvador.

Jetzt sind nur noch die steinernen Reste einiger Monumentalbauten erhalten, die auf einem weitläufigen Gelände verstreut liegen: Tempel, Paläste, Pyramiden, Ballspielplätze und ein Observatorium - alle wesentlichen Elemente der präkolumbianischen Architektur sind vorhanden.

Entdeckte und unentdeckte Geheimnisse

Außerdem findet man in Chichen Itza ein verwirrendes künstlerisches Stilgemisch, das verschiedene Epochen der Maya-Geschichte mit Motiven aus anderen indianischen Kulturen vereint. Deshalb ist die Ruinenstadt eines der wichtigsten Bindeglieder zur Hochkultur der Mayas, die vor mehr als tausend Jahren ihre Blütezeit hatte. "Jeder topographische Punkt von Chichen Itza ist voll von entdeckten und unentdeckten Geheimnissen, von seltsamen Reliefs auf mattmarmornem Kalkstein, schnörkelhaften plastischen Barockfriesen, Mosaiken und Säulen und Phallen und Stelen", notierte Egon Erwin Kisch vor einem halben Jahrhundert.

Am geheimnisumwitterten Charakter dieses Ortes hat sich seither wenig geändert. Chichen Itza ist nicht zuletzt deshalb einer der wichtigsten touristischen Angelpunkte in Mexiko und eine der größten kulturellen Attraktionen des amerikanischen Kontinents geworden, weil die Maya-Stadt eine versunkene Welt vorstellt, ohne die Details ihres Funktionierens vollständig preiszugeben. Jede Plattform, jeder Tempel, jede Mauer in Chichen Itza spricht und schweigt zugleich, enthüllt und verhüllt, gibt Antworten und wirft mit jeder Antwort neue Fragen auf.

Fragen um Fragen

Welche Botschaft vermittelt wohl jene Wand, aus der Steinmetze und Künstler eine makabre Bilderserie mit Hunderten von Totenköpfen herausgemeißelt haben? Warum wurde ein Kult um den Planeten Venus getrieben, dessen Symbol auf den steinernen Plattformen immer wiederauftaucht? Welche Kriegszüge verherrlichen die Reliefs, auf denen Maya-Krieger zusammen mit herzfressenden Adlern und Jaguaren abgebildet sind?

Wie verliefen die Zeremonien, die am Rande des Cenote stattfanden, eines heiligen Wasserlochs, auf dessen Grund Archäologen nicht nur Opfergaben aus Ton und Edelsteinen, sondern auch menschliche Skelette fanden? Wer traf sich im sogenannten Tempel der Krieger, auf dessen Säulen scheußliche Monster mit Krokodilbeinen und gefiederte Schlangen mit Menschenköpfen im Maul abgebildet sind? Welche Stimmung herrschte während der zeremoniellen Wettkämpfe auf den gemauerten Ballspielplätzen, bei denen ein Kautschukball durch einen weit oben angebrachten steinernen Ring befördert werden mußte? Wer waren die Sieger, wer die Verlierer?

Der Schleier der Geschichte

Manches wird durch Skulpturen anschaulich bebildert, auf Reliefs erzählt und auf Stelen dokumentiert. Die Archäologen mögen daran viele Zusammenhänge erkannt, vieles erklärt und gedeutet haben. Die bis vor kurzem rätselhafte Schrift der Mayas ist entziffert, die Rolle von Gottheiten und Priestern definiert, Herrscherdynastien sind bekannt, Zahlensystem und Kalenderberechnungen erforscht.

Das meiste aber bleibt hinter dem Schleier einer auf ewig verschwundenen Geschichte verborgen. Denn niemand weiß, wie sich das alltägliche Leben in den Städten und Dörfern gestaltete, als die Stadt zwischen dem achten und zwölften Jahrhundert zu einem der einflußreichsten Machtzentren der Maya-Welt aufstieg, um dann wieder in der Bedeutungslosigkeit zu versinken. Wie sich die Menschen damals ihre Zeit vertrieben, wie Bauern, Handwerker und Adlige ihrem Tagwerk nachgingen oder wie die Herrschaftsmechanismen funktionierten - all das wagen auch die Experten nicht eindeutig zu sagen.

Der kühne Gigantismus der Gesamtanlage

Besucher können sich in Chichen Itza deshalb der Phantasie überlassen und zwischen Pyramiden und Tempeln ihre eigene Maya-Welt erträumen. Ob morgendliche Nebelbänke die Gebäude verhüllen oder ob die tropische Mittagshitze auf dem hellen Kalkstein brütet - die Anlage strahlt immer eine Magie aus, die mit wissenschaftlichen Erklärungen nicht zu vertreiben ist.

Selbst wenn man sich gründlich mit der Maya-Kultur und den Ergebnissen der Forschung beschäftigt hat, verliert das angelesene Wissen zwischen den gewaltigen Bauwerken an Bedeutung. Noch beim dritten oder vierten Besuch stolpert man über vorher nicht wahrgenommene Mauern, staunt über tausend merkwürdige Details und bewundert den kühnen Gigantismus der Gesamtanlage, die sich in ihrer Glanzzeit über mehr als fünfundzwanzig Quadratkilometer ausbreitete.

Die Pyramide des Kukulcan

Immer aufs neue hat man Mühe, den europäisch geprägten Blick zu korrigieren, der in den Bauwerken die Bedeutung der Innenräume sucht, während die Architektur der Mayas trotz aller Monumentalität nur winzige umbaute Hohlräume schuf und sich vorwiegend mit der Gestaltung des Außenraumes befaßte: mit sorgsam angeordneten Höfen und Plätzen, mit hochragenden Pyramiden und Freitreppen, mit präzise proportionierten Sichtachsen. Angesichts der Ruinen einer Zivilisation, die beim Auftauchen der spanischen Konquistadoren schon längst untergegangen war, kommt zwangsläufig auch die Vergänglichkeit der eigenen Kultur in den Sinn.

Entzifferte Rätsel und auf ewig verborgene Geheimnisse vereinen sich im zentralen Bauwerk von Chichen Itza, der Pyramide des Kukulcan. Die Spanier nannten sie "El Castillo", weil sie wie eine Burg das flache Gelände beherrscht. Egon Erwin Kisch sprach von "Luginsland und Kalender, Vatikan und Festung, Glyptothek und Schatzkammer" und deutete damit die bekannten und unbekannten, die tatsächlichen und aus europäischem Blickwinkel angedichteten Funktionen dieses majestätischen Bauwerks an.

Ein Muster aus Licht und Schatten

Was auch immer vor tausend Jahren der Zweck gewesen sein mag, die Konstruktion der Pyramide und des daraufgesetzten Tempels für den Schlangengott Kukulcan folgte einem genialen Plan. Die Baumeister orientierten sich dabei an den Vorgaben von Sonne und Mond, von Jahreszeit und Kalender. An allen vier Seiten der Pyramide führt eine Treppe hinauf zur oberen Plattform, jede hat einundneunzig Stufen. Zusammen mit der Schwelle am Tempeleingang ergibt dies dreihundertfünfundsechzig, die Zahl der Tage eines Jahres.

Mit Hilfe ausgefeilter astronomischer und architektonischer Messungen ist das riesige Gebäude außerdem zentimetergenau nach dem Stand der Sonne an diesem besonderen geographischen Ort ausgerichtet. Dadurch erreichten die Baumeister an der Vorderseite einen verblüffenden optischen Effekt, der den einfachen Menschen damals wohl Angst und Respekt einflößte und der Kisch dazu veranlaßte, von der "eindrucksvollsten Treppe des Erdballs" zu sprechen: Zur Tagundnachtgleiche, am 21. März und 21. September, wirft der nordwestliche Winkel der Pyramide auf die Balustrade der Treppe ein Muster aus Licht und Schatten, das den Körper einer riesigen Schlange imitiert.

Ein astronomisch-architektonisches Meisterstück

Wenn diese Lichtskulptur, von Mensch und Sonne gleichermaßen geschaffen, schließlich kurz vor Sonnenuntergang mit dem in Stein gemeißelten Schlangenkopf am unteren Treppenabschluß zusammentrifft, ist die Inszenierung komplett: Für kurze Zeit präsentiert sich den Beobachtern auf dieser ausgeklügelten zeremoniellen Bühne Kukulcan, der mysteriöse Schlangengott der Mayas. In einer majestätischen Bewegung scheint er sich von der Pyramide herabzuwinden - ein astronomisch-architektonisches Meisterstück.

Diese mythologisch inspirierte Sonnenuhr an der Pyramide des Kukulcan ist ein Beispiel dafür, daß die Mayas betört und beängstigt waren vom stetigen Verlauf der Zeit und von der zyklischen Bewegung der Gestirne. In den Sternen sahen sie gute und böse, gnädige und ungnädige Götter, weshalb sie ihren Lauf genau beobachteten und ihre Wiederkehr fürchteten oder erhofften. Um den Gang der Gestirne zu berechnen, errichteten sie eigenständige Gebäude. In Chichen Itza stehen noch die Überreste eines Observatoriums, das wegen seines runden Grundrisses zu den schönsten und ungewöhnlichsten Bauwerken des präkolumbianischen Mexiko gehört.

Sternbilder und Planetenkonstellationen

Nicht zufällig erinnert es in seiner Konstruktion an moderne Sternwarten. Kleine Öffnungen in der Kuppel dienten dem Studium bestimmter Sternbilder und Planetenkonstellationen. Die oberen Fenster sind auf die höchste Sonnenposition zum Zeitpunkt der Tagundnachtgleiche ausgerichtet. Mit Hilfe ihrer Observatorien kamen die Mayas dazu, die Zeit nicht nur zu messen, sondern sie auch zu gliedern und damit durchschaubarer zu machen: Drei Kalendersysteme, die mathematische, astronomische und mythologische Aspekte vereinten, dienten der Landwirtschaft, der Geschichtsschreibung und der Religion.

Eine lineare Zählung, die aus nicht mehr nachvollziehbaren Gründen exakt am 8. September 3113 vor unserer Zeitrechnung begann, erlaubte die Datierung historischer Ereignisse. Zwei zyklische Kalender dienten der Berechnung von günstigen Terminen für Aussaat, Ernte und Kriegszüge sowie der Festlegung von Zeitpunkten für religiöse Zeremonien und kultische Handlungen.

Jeden Abend nach Sonnenuntergang

Durch Bauwerke wie das Observatorium oder die Pyramide des Kukulcan versuchten die Mayas, die Macht der Götter und Gestirne zu bannen, indem sie die himmlischen Vorgaben in menschliche Ordnungsmuster übersetzten. Die Schöpfung am Firmament wiederholte sich durch irdische Imitationen, Architektur und Astronomie verschmolzen zu einer Einheit.

Deshalb hätten die Baumeister wohl erwartet, daß das Herabsteigen ihres Schlangengottes auch nach einem Jahrtausend noch sichtbar sein würde. Daß sich aber inzwischen zweimal pro Jahr Zehntausende Menschen aus aller Welt versammeln, um dem Maya-Gott und seinen kreativen Architekten eine zeitgemäße Reverenz zu erweisen, das hätten sie sich nicht vorstellen können - ebensowenig wie die ausgefeilte Licht- und Tonschau für Touristen, die jeden Abend nach Sonnenuntergang das Schlangen-Phänomen mit technischen Mitteln nachstellt.

Auskunft: Mexikanisches Fremdenverkehrsamt, Taunusanlage 21, 60325 Frankfurt, Telefon: 069/253509, Info-Hotline: 00800/66662211, Im Internet: www.mexiko-reisetipps.de und www. visitmexico.com

Quelle: F.A.Z., 07.04.2005, Nr. 80 / Seite R5
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