Jedes Glück hat seinen Preis. Und nie ist er zu hoch. Wilson zum Beispiel, der dem Volksstamm der Sino-Kadazan angehört, hat es doppelt so viel gekostet wie seinen Freund Arthur, der ein Kadazan-Dusun ist. Arthur hat vor vierzehn Jahren fünftausend Ringgit inklusive eines Wasserbüffels für seine Braut gezahlt. Wilson sollte vor zwei Jahren fünfzehntausend Ringgit hinblättern, konnte die Brauteltern dann aber auf elftausend minus Wasserbüffel herunterhandeln, knapp dreitausend Euro. „Alles wird eben teurer, auch Ehefrauen“, sagt Wilson seufzend, doch von Reue oder Klage ist in seinem Seufzen keine Spur. Sein Glück scheint ein gutes Geschäft gewesen zu sein.
Nicht, dass hier Missverständnisse aufkommen: Arthur und Wilson, unsere beiden Fahrradführer, mit denen wir einen Tag lang durch Borneos Bukolik radeln und gerade an einem rauschenden Fluss am Fuß des Mount Kinabalu rasten, haben sich keinesfalls bei dubiosen Heiratsvermittlern gefügige Damen aus exotischen Ländern besorgt, sondern nach alter Väter Sitte und den ehrenwerten Regeln der Urvölker Borneos ihre Bräute käuflich erworben. Feilschen gehört dabei zum Ritual, wobei peinlich darauf geachtet wird, die Würde der Familien nicht zu verletzen. Deswegen legen die Brautwerber die von ihnen gebotene Summe in Form von Streichhölzern auf den Tisch, wobei jedes Hölzchen tausend Ringgit sind und der Preis der Braut nicht nur nach ihrer Schönheit und ihrer Bildung, sondern auch nach dem Rang der Familie taxiert wird. Dann zieht sich die andere Seite mit den Streichhölzern zurück, diskutiert hinter verschlossenen Türen und legt anschließend mit einem Lächeln ihr Gegenangebot vor. Jetzt sind die anderen abermals an der Reihe, wieder Rückzug, wieder Diskussionen, wieder Gegenangebot. Das Streichhölzchenschicksalsspiel geht so lange, bis man sich geeinigt hat oder auch nicht.
Gackernde Hühner, glotzende Wasserbüffel
Wir würden von Arthur und Wilson allzu gerne weitere Details über diesen offensichtlich für alle Seiten profitablen Menschenhandel erfahren. Doch unsere Diskretion verbietet uns unverschämte Fragen etwa nach Korrelationen von Brautpreis und Beinlänge. Und außerdem drängen unsere beiden Frauenkäufer zum Aufbruch, weil sich der Himmel drohend verdunkelt. Sie packen ihre Blackberries ein, schwingen sich in voller Kampfradlermontur auf ihre Mountainbikes, mit denen sie auch in jeder westlichen Großstadt eine gute Figur machen würden, und schon brausen wir zwischen gackernden Hühnern und glotzenden Wasserbüffeln davon.
Vor ein paar Jahren noch wäre ein solches Bild undenkbar gewesen in Sabah, dem malaysischen Vorposten im Nordosten Borneos. Seit aber der internationale Tourismus die wilde Schönheit dieses Landes entdeckt hat, ist alles anders. Die Besucherzahlen haben sich in den vergangenen fünf Jahren mehr als verdoppelt. Überall schießen Unterkünfte vom Luxushotel bis zum Homestay für den Urlaub auf dem Reisbauernhof wie Riesenbromelien aus dem Boden. Zu Zehntausenden kommen jetzt Abenteuerurlauber und Naturliebhaber auch aus Amerika und Europa, um mit cleveren Jungunternehmern wie Arthur und Wilson durch den Regenwald zu wandern, reißende Flüsse hinunterzufahren oder mit Mountainbikes das Hinterland zu erkunden. Doch der Tourismus ist nicht nur eine lukrative Einnahmequelle, sondern auch eine Art Lebensversicherung für Sabah. Er soll den Raubbau an der Natur stoppen und das Bewusstsein dafür schärfen, dass man auch anders mit seinen Schöpfungsschätzen umgehen kann, als im Dschungel einen bloßen Tropenholzlieferanten zu sehen oder gleich ganze Regenwälder für Palmölplantagen zu roden.
Hängebrücken wie bei Indiana Jones
Wenn man allerdings mit Arthur und Wilson rund um den Mount Kinabalu unterwegs ist, sieht man keine Wunden und keine Sünden, sondern nichts als Idyll. Es geht über Stock und Stein durch eine selbstgenügsame Welt, die noch nicht so recht mitbekommen zu haben scheint, dass der Mensch schon vor einer ganzen Weile aus dem Paradies vertrieben worden ist. Wir kommen an wogenden Reisfeldern und Gärten voller praller Mangobäume vorbei, naschen engelssüße Rambutans und müssen uns vor keinen verbotenen Früchten fürchten, fahren Slalom zwischen Wasserbüffeln und ihren besten Kumpeln, den hochmütigen Reihern, radeln an den Flanken des Kinabalu-Massivs entlang, die einen dicken, feisten Dschungelpelz tragen und im Nichts des Nebels enden. Den Kinabalu selbst sehe man selten, sagen Arthur und Wilson entschuldigend, er verstecke sich fast immer hinter einer Wolkenwand, ein scheuer, sogar ein schüchterner Berg sei er, aber sehr schön und sehr eindrucksvoll, wenn er sich denn einmal zeige.
Für den unsichtbaren Berg sind die wilden Flüsse ein schöner Trost, die von Hängebrücken wie aus „Indiana Jones“-Filmen überspannt werden, simplen Drahtseilkonstruktionen mit löchrigen Holzbohlen über Abgründen aus tosendem Wasser. Die Freundlichen unter diesen Brücken schwanken nur vertikal, die Hinterhältigen dazu noch horizontal und bringen selbst geübte Radfahrer aus dem Gleichgewicht und zu der Überzeugung, dass Schieben hier keine Blamage, sondern ein Akt der Vernunft ist. Die Einheimischen allerdings halten nichts von solchem Memmentum und knattern mit ihren Mopeds derart todesmutig über die Hängebrücken, als seien die Apokalyptischen Reiter hinter ihnen her.
Eine Kobra huscht über den Weg
Dabei ist von Apokalypse in ihren Dörfern keine Spur. In den Häusern, die bei aller Bescheidenheit niemals ärmlich wirken, scheint eher das Glück als die Verzweiflung zu wohnen - ganz gleich, wie viel es gekostet haben mag -, und die einzigen elenden Gestalten weit und breit sind die klappriger Dorfköter mit ihrem Trauerblick rettungsloser Melancholiker. Jedes Dorf hat seine Schule, seine Krankenstation, seine Kirche, meist eine römisch-katholische, mitunter auch eine radikal-evangelikale, die allesamt so offensiv um die Gunst der Gläubigen werben, als treibe der Leibhaftige doch hier sein Unwesen. Manchmal fischen St.Mary, St.Thomas, St.Simon und St.John sogar mit kreischend bunten Muttergottesgrotten in Lourdes-Manier nach den Seelen der Verlorenen. Es ist ein etwas befremdlicher Anblick, doch wahrscheinlich bleibt dem Christengott gar nichts anderes übrig, als hier kräftig auf die Pauke zu hauen. Denn der Glaube an ihn ist erst ein paar Generationen alt und muss sich der animistischen Gespenster erwehren, die auf Sabah noch immer herumgeistern. Arthur und Wilson jedenfalls, ein Muslim der eine, ein Christ der andere, können sich noch gut an die Erzählungen ihrer Großeltern von den Göttern Borneos erinnern, etwa vom Gott des Reises, der während einer schrecklichen Dürre in seiner Barmherzigkeit die eigene Tochter opferte, um die Menschen vor dem Verhungern zu bewahren. So wurde aus ihrer Haut der Reis und aus ihrem Blut das Wasser, und daran besteht für die beiden kein Zweifel.
Die Legenden und Mythen ihrer Heimat sind Arthur und Wilson so vertraut, als seien sie ihre eigene Familiengeschichte. Und sie erzählen sie gern beim Reiswein, den es im Hause von Familie Francis gibt, einem obligatorischen Zwischenstopp auf der Mountainbiketour. Die älteste Tochter zeigt den Gästen stolz das Reisfeld und die Kautschukbäume hinter dem Haus und kümmert sich beim Marsch über die Erdwälle im Gegensatz zu uns kein bisschen um die Kobra, die gleich da vorn über den Weg huscht wie ein Feldmäuschen. Der Herr des Hauses filetiert am Tisch vor der Feuerstelle eine Durian, eine Stinkfrucht, die ihrem Namen alle Ehre macht und so riecht wie eine Grüne Tonne im Hochsommer, die man wochenlang nicht geleert hat. Und der Rest der Familie hat sich zwanglos um uns versammelt, um den fremdländischen Besuch mit einer Mischung aus amüsierter Ratlosigkeit und scheuer Neugier zu beäugen.
Tom Jones schmachtet im Dschungel
Eine der Töchter wird zufrieden getätschelt, man müsse wissen, dass sie gute Chancen beim Schönheitsköniginnenwettbewerb in der nächsten Kleinstadt habe, was wahrscheinlich sehr vorteilhaft für ihren Brautpreis ist. Und man entschuldigt sich für das Fehlen des ältesten Sohnes, der sei gerade in Kuala Lumpur, um am Finale von „Malaysia sucht den Superstar“ teilzunehmen. Dann wird eine CD eingelegt, eine schmachtende Stimme schmettert Tom Jones’ „I Never Fall in Love Again“, über die Gesichter der Familie huscht ein schüchternes Strahlen. Und wir schämen uns ein wenig unserer naiven Selbsttäuschung, bei Familie Francis in einem hinterwäldlerischen Idyll gelandet zu sein - hinter dem Mond lebt in unserer globalisierten Welt niemand mehr, selbst die direkten Nachfahren der Kopfjäger von Sabah nicht.
Ganz freimütig erzählen Arthur und Wilson, dass ihre Großeltern noch solche Totenschädel im Schrank gehabt hätten, das sei so üblich gewesen, nichts besonderes, Stammestradition wie der Brautkauf, nur eben jetzt aus der Mode gekommen. Zu verdanken ist das den britischen Kolonialherren, die bis 1963 in Sabah herrschten und den verfeindeten Stämmen das Kopfabschlagen verboten, allerdings erst in den zwanziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts die letzten notorischen Enthaupter überzeugen konnten. Und als Borneo während des Zweiten Weltkriegs von den Japanern besetzt wurde, lebte die alte Volkssitte kurzzeitig wieder auf - die gepeinigten Menschen in Sabah schnappten sich ab und zu im Schutz der Dunkelheit einen japanischen Soldaten, um ihn einen Kopf kürzer zu machen und die Trophäe den Göttern des Kinabalu mit der Bitte um himmlische Gerechtigkeit zu opfern.
Der böse Sohn des Kaisers von China
Vom Mount Kinabalu ist übrigens noch immer nichts zu sehen, dieser monströsen Bergschimäre, der gewaltigsten und enigmatischsten Erhebung zwischen Himalaja und Papua-Neuguinea, von der selbst die fidelen Radlerfreunde Arthur und Wilson mit stiller Ehrfurcht sprechen. Denn sie kennen all die Geschichten, die ihnen ihre Großmütter erzählt haben, die glücklichen und die fürchterlichen und natürlich die von der Witwe des Chinesen, dieser armen, verratenen Frau, deren Tränen niemals versiegen werden. Schuld daran ist der Kaiser von China, der todkrank war und von einer magischen Perle auf dem Kinabalu hörte. Jedes Leiden könne sie heilen, doch ein Drache bewache sie, hieß es. Der Kaiser schickte seinen Sohn mit einer ganzen Armee nach Borneo, die aber mit Mann und Maus vom Fieber dahingerafft wurde. Daraufhin heiratete der Sohn eine Frau aus Sabah, um die Unterstützung der Einheimischen zu gewinnen, bestieg den Berg, besiegte den Drachen, gewann die Perle, fuhr nach Hause und ward nie wieder gesehen. Seine verzweifelte Frau kletterte auf den Kinabalu, um Ausschau zu halten, sah aber nichts als das leere Südchinesische Meer. Und dann versteinerte sie über ihren Gram.
Doch ihre Tränen fließen bis heute. Es seien die Sturzbäche und Wasserfälle, die an den Flanken des Kinabalu herunterrauschten, sagen Arthur und Wilson, und da sie ja einen Heidenrespekt vor diesem Berg haben, bringen sie ihm jedes Jahr sein Opfer dar. Das sei zwingend notwendig, denn der Kinabalu sei jener Ort, an dem sich die Seelen der Verstorbenen sammelten, bevor sie in den Himmel aufführen. Und damit es keine Missverständnisse mit den Göttern gebe, wenn sie ihre Kunden zum Gipfel brächten, die ja noch nicht reif für den Himmel seien, opferten sie sieben weiße Hühner anstelle von sieben Jungfrauen, das gehe heute ja schlecht. Dann wüssten die Götter Bescheid.
Rasender Riese mit Riesenbeil
Wir stehen am Fuß des Kinabalu, hören den Wind, wohl das Wehklagen der Witwe des Chinesen, sehen ihre Tränen, weiße Kaskaden der Verzweiflung, und können nicht sagen, ob es Tränen der Trauer oder der Wut sind. Den Mount Kinabalu hingegen sehen wir immer noch nicht, sondern nur Fels, der in die Wolken wächst. Dieser Berg treibt sein Spiel mit uns, führt uns in die Irre, stellt uns auf die Probe: Glauben wir an seine Existenz? Können wir uns wirklich vorstellen, dass sich hinter diesem dünnen Wolkenschleier keine Luft, sondern Stein verbirgt, die ungeheure Masse eines 4095 Meter hohen Massivs? Oder ist alles Täuschung?
Kein Zweifel besteht wenigstens an der spektakulären Schönheit der Landschaft, die den Kinabalu wie ein ehrfürchtiger Hofstaat umgibt, an diesem Hochgebirge mitten im Dschungel mit dem Südchinesischen Meer als lapislazuliblauem Schimmer am Horizont. Es ist die dramatische Kulisse einer vertikalen Welt aus Schluchten, Graten, Abgründen, Felsfalten und Katarakten, aus Dörfern, die sich wie Bergziegen auf winzigen Plateaus festklammern, und terrassierten Feldern, die sich so steil wie Himmelstreppen an den Flanken festkrallen. Es ist eine so vollkommen zerklüftete Natur, dass man meinen könnte, ein rasender Riese habe sie erst mit seinem Riesenbeil zerhackt und sie dann, entsetzt über seine Tat, mit einem grünen Tuch aus Fruchtbarkeit bedeckt. Und es ist ein einzigartiger Ort auf Erden.
Die größte fleischfressende Pflanze der Welt
Nur fünf andere Plätze gibt es weltweit, die eine vergleichbare Vielfalt an Flora zu bieten haben wie der Mount Kinabalu. Ein halbes Dutzend Klima- und Vegetationszonen stapeln sich hier übereinander und machen den Berg mit seinen 5000 Pflanzenarten zum Garten Eden auf Erden für Biologen. Vor ein paar Jahren noch waren sie fast die einzigen Besucher, Pioniere in der Wildnis, die mit Geländewagen und Überlebenskoffer anrückten. Heute gibt es hier Schnellimbisse und einen Massenauftrieb wie beim Volksfest. Einmal im Jahr führt sogar ein Wettrennen namens „Climbathon“ auf den Gipfel. Der aktuelle Rekordhalter, ein Spanier, brauchte, wie es eine hauswandgroße Tafel verkündet, zwei Stunden, zwölf Minuten und fünfundvierzig Sekunden für die dreiundzwanzig Kilometer lange Strecke.
Hätte er es nicht so eilig gehabt, hätte er am Wegrand die tausend Orchideenarten bestaunen können, die am Kinabalu wachsen, mehr als irgendwo sonst auf dem Planeten; oder die größte fleischfressende Pflanze der Erde, die ihre Blätter zu tückischen Köchern formt und die hineinfallenden Insekten verschlingt; oder den seltsamen Sandpapierbaum, dessen Rinde Sauerstoff in Stickstoff umwandeln kann und der deswegen von den Ureinwohnern als hoch effektiver Köder eingesetzt wird: Sie werfen die Rinde in einen Fluss, und nach kurzer Zeit können sie die erstickten Fische an der Oberfläche einsammeln. Das alles haben wir am Mount Kinabalu gesehen. Nur sein Gipfel hat sich beharrlich in Wolken gehüllt, als sei er ein Trugschluss, als sei er viel zu groß, um wahr zu sein. Fast hätte der Kinabalu das Versteckspiel gewonnen. Denn wir waren kurz davor, den Glauben an die Existenz dieses seelenrettenden Himmelsbahnhofs zu verlieren.
Totemmasken an den Toiletten
Wir sollten ihn auf einer kleinen Insel wiederfinden, die wenige Kilometer vor Sabahs Hauptstadt Kota Kinabalu liegt. Sie heißt Gaya Island, ist vollständig von uraltem Urwald bedeckt, nahezu komplett von Korallenriffen eingefasst und dezent von einem malaysischen Unternehmer, der sich fast vom Tellerwäscher zum viertreichsten Mann des Landes emporgearbeitet hat, mit einem luxuriösen Resort bestückt worden. An der schönsten Bucht von Gaya Island hat der Bau-, Immobilien- und Tourismustycoon Yeoh Tiong Lay vor wenigen Monaten sein Gaya Island Resort eröffnet, das zwanglos postmodernes Design mit Borneo-Folklore mischt. Es gibt Spitzgiebeldächer, die von aufragenden Speeren gekrönt sind wie die traditionellen Langhäuser der Urbevölkerung; Totem-Masken beiderlei Geschlechts weisen an den Toiletten den Damen und Herren den rechten Weg; und geflochtene Rattanlampenschirme zeugen von der Kunstfertigkeit der Kadazan-Stämme, während viel geradliniger Beton, weit überkragende Dächer, flaschenförmige Zementsäulen und Freischwinger aus Plexiglas daran erinnern, dass wir im einundzwanzigsten Jahrhundert leben und nicht unter Kopfjägern.
Die Villen des Resorts sind auf schwindelerregenden, zwanzig, dreißig Meter hohen Betonstelen an die Steilhänge der Hügel gebaut worden, die bis ans Ufer reichen. Efeu verschluckt allmählich diese Stelen und lässt die Villen wie schwebend im Dickicht des Dschungels erscheinen. So hoch ist man hier über dem Strand und der Bucht und der Welt, dass wir uns wie ein König fühlten, wie ein Weltenherrscher, der auf seinem Terrassenthron beim Aperitif zum Sonnenuntergang sein Reich in Augenschein nahm: das Meer, die Lichter von Kota Kinabalu, die schwarzen Bergketten dahinter, den wie in Blattgold getauchten Himmel darüber, schließlich das Wolkenband vor dem angeblichen Mount Kinabalu, diesem leeren Versprechen.
Sind wir jetzt verrückt geworden?
Vielleicht glaubt sich der Kinabalu frühmorgens unbeobachtet, vielleicht wähnt er die Menschen dann noch schlafend - und schlüpft deswegen aus seinem Wolkenkleid. Wir Zeitzonenvagabunden waren sehr früh wach, traten auf die Terrasse und wussten sofort, dass dieser ungeheuerliche Anblick einer jener Momente war, den wir ein ganzes Leben lang in uns tragen würden: Plötzlich war er da, wie ein Irrtum der Schöpfung, wie ein Versehen der Geographie, ein absolutistischer Herrscher des Horizonts, jede Dimension, jede Proportion sprengend, alle umliegenden Berge leicht um das Doppelte überragend. So aberwitzig hoch, so kolossal groß und dabei zum Greifen nah ist dieser Berg, dass wir ihm seine Existenz niemals glaubten, hätten wir ihn nicht mit eigenen Augen gesehen. So berauschend ist es, einen derart monumentalen Gipfel viertausend Meter hoch fast direkt aus dem Ozean wachsen zu sehen, dass wir ihn wie hypnotisiert anstarrten und uns sicher waren, gleich die nächsten Seelen in den Himmel aufsteigen zu sehen. Doch es blieb keine Zeit für Seelenrettungen. Denn so plötzlich, wie er gekommen war, verschwand der Mount Kinabalu wieder, als sei er niemals da gewesen, als wolle er unsere Wahrnehmung, unseren Verstand zerrütten: Gibt es mich wirklich, schien er uns zu fragen, oder seid ihr verrückt geworden?
Im Laufe des Tages haben wir oft zu den Wolken hinüber gespäht, hinter denen sich der Kinabalu weggezaubert hatte. Nichts deutete dort auf ihn hin, nichts verriet ihn, kein Beweis. Nachts lagen wir dann wach, warteten ungeduldig auf den Morgen und lauschten der Brandung des Südchinesischen Meeres. Oder waren es doch die Tränen der Witwe des Chinesen?
Anreise: Die Fluggesellschaft Singapore Airlines (www.singaporeair.de) fliegt zweimal täglich von Frankfurt - und einmal täglich von München nonstop nach Singapur. Von dort geht es mit ihrer regionalen Tochtergesellschaft SilkAir (www.silkair.com) nach kurzem Aufenthalt weiter nach Kota Kinabalu. Ein Rückflugticket kostet ab 900 Euro. Für die Einreise nach Malaysia und Singapur genügt ein Reisepass. Singapore Airlines bietet außerdem ein umfangreiches Stoppover-Programm inklusive Transfers und Preisnachlässen in Geschäften, Restaurants und Sehenswürdigkeiten an; die Preise pro Person im Doppelzimmer beginnen bei 13 Euro.
Unterkunft: Das Gaya Island Resort (www.gayaislandresort.com) liegt fünfzehn Bootsminuten vor Sabahs Hauptstadt Kota Kinabalu in einem Naturschutzgebiet. Es bietet in ganz Sabah den besten Blick auf den Mount Kinabalu. Das Hotel organisiert Ausflüge aufs Festland, unter anderem Mountainbiketouren wie die beschriebene und Fahrten in den Nationalpark des Mount Kinabalu. Die Preise für ein Doppelzimmer beginnen bei 175 Euro.
Informationen: Malaysia Tourism Promotion Board, Weißfrauenstraße 12-16, 60311 Frankfurt, Internet: www.tourismmalaysia.de und www.sabahtourism.com.
Diese Reise wurde unterstützt von Singapore Airlines und YTL Hotels.
Sauerstoff zu Stickstoff umwandeln...
Wolfgang Müller (muellerw2)
- 06.01.2013, 12:11 Uhr