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Madagaskar Viel Lärm für die Geister

20.12.2001 ·  Statt Mitleid und Trauer herrscht Freude für den Toten vor, der seine Reise zu den Ahnen antritt. Bei der traditionellen Totenumbettung wird geschmaust und der Tote bekommt die Neuigkeiten der Lebenden berichtet.

Von Jule Reiner
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Es könnte in jedem Dorf der Insel geschehen, und Reisende werden von dem Ereignis nicht ausgeschlossen: Plötzlich ertönt in der Ruhe des Urwalds ein riesen "Dschingdarassa"! Katzenmusik in europäischen Ohren. Menschen tanzen in den farbigsten Kleidern, mit blumenbesteckten Strohhüten auf der Straße, während eine anarchisch zusammengewürfelte Kapelle durchs Dorf scheppert und bald alle anderen hinter sich herzieht.

So sieht der Tod auf Madagaskar aus. Jemand ist gestorben und alle freuen sich. Es wird ein Fest geben, bei dem wertvolle Zebus geschlachtet und Unmengen Zockerrohrschnaps getrunken werden.

Der Tod ist ein Glücksfall

Die Beerdigung ist ein fröhlicher Umzug. Das Grab des Toten wird mit allen Gegenständen ausgestattet, die einmal seine Hütte gefüllt haben. Denn eigentlich ist er nicht tot. Sein Geist ist nur von seinem Körper befreit und tritt seine Reise zu den Ahnen an. Gegenüber den Lebenden hat er damit einen endgültigen Vorteil erreicht. Er wird das Diesseits auf einer höheren Stufe mit ihnen teilen. Denn jetzt hat er Kontakt mit dem Gott Zanahary, der schon viel länger als der Christengott über die Geschicke der Madagassen wacht. Da er aber zu hoch und unfassbar über den Lebenden steht, erreichen ihn nur die Ahnen und vermitteln zwischen ihm und den Verwandten auf der Erde.

Die Grenzen des Daseins sind unendlich weit

So müssen die Gestorbenen auch nicht sehr lange warten, bis die Verwandten sie wieder ausgraben und zu sich an eine reich gedeckte Tafel bitten. Die Famadihana, die Umbettung der Toten, gehört zu Madagaskars Ahnengesetz. Man wird ihre Gebeine reinigen, sie in frische Leinentücher wickeln und beim großen Schmaus im Stammeskreis berichten, wer geboren und gestorben ist und was es an Problemen gibt. Die Toten werden ihre Kommentare abgeben und hoffentlich auch Zanaharis Meinung übermitteln.

Zwar verschlingt die Famadihana ein Vermögen an Zebu-Opfern und kann eine Familie für die nächsten Jahre ruinieren. Aber wer will schon riskieren, dass ein Ahn als ungebetener Gast in den Körper eines Lebenden fährt und so viel Umtrieb anrichtet, wie es der friedvolle Alltag all der anderen nicht vorsieht und auch nicht aushält. Darin liegt die bestechende Logik: heute leben, morgen gefeiert werden und niemals an die Grenzen des Daseins stoßen.

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