17.05.2005 · „Große Paläste haben wir keine, aber unsere Natur hat fünf Sterne“: Auf der Spur von schwarzen Fingertieren und schillernden Chamäleons, den Waldgeistern der verwunschenen Urwälder auf Madagaskar.
Von Joachim Müller-JungEin Schritt noch, dann müßte das seidene Fell des schwarzweißen Torsos durch das Blätterdach schimmern, fünf, vielleicht sechs Meter vor uns. Man hört ein leises Japsen. Nicht bewegen. Das sind die magischen Momente, in denen man plötzlich spürt, wie sich auf dem steifen Körper eruptionsartig Rinnsale aus Schweiß bilden. Bei dem Herumstolpern zwischen Baumstangen und Schlingen, zwischen Gestrüpp und Dornengewächs war die Gruppe gesprengt worden. Von hinten dringt das störende Ächzen und Fluchen der Nachzügler immer vernehmlicher durch die Vegetation, während vorne der junge Bursche, der den Lemuren mit der Gruppe auf den Fersen bleiben sollte, mehr oder weniger erfolgreich versucht, die Hausherren in den Baumkronen mit halb jaulenden, halb säuselnden Rufen zu besänftigen. Da ist er, nein, es sind zwei. Die beiden Indri, wie die ebenso scheuen wie imposanten Adressaten dieser unorthodoxen Annäherungsversuche genannt werden, erweisen sich in diesen Sekunden als erstaunlich abgeklärt. Unbekümmert knabbern sie ein Stück weiter oben am Grünzeug, an nahrhaften Palisanderfrüchten vielleicht oder an einfachen Blättern.
Den Dorfbewohnern am Waldrand würde dazu das passende geflügelte Wort einfallen: "Mora mora" - gemach, gemach. So könnten sie die Szenerie im Sonderreservat Perinet Anamalazaotra auf Madagaskar kommentieren, wenn nicht der Respekt, um nicht zu sagen: die tiefverwurzelte Angst der meisten unter ihnen vor den Geistern des Waldes jede Exkursionen dieser Art sowieso verbieten würde. Die berüchtigten Waldgeister, vor denen sie sich fürchten, sind etwa die sonderlichen Indri-Verwandten, die bizarren schwarzen Fingertiere oder Aye-Ayes, die die meiste Zeit zurückgezogen in den Baumachseln kauern und mit einer Art überdimensionierte Nagezähne im Holz nach Käferlarven jagen, deren sie zuvor dank ihrer beeindruckenden Tütenohren gewahr wurden. Waldgeister sind vor allem auch die wegen ihrer bizarren Hautfarbenspiele überall sonst so bewunderten Chamäleons, die auf der Insel eine beispiellose Formenvielfalt angenommen haben: Mehr als fünfzig Arten und damit fast doppelt so viele Arten wie auf dem gesamten afrikanischen Kontinent schleichen meistens unerkannt durch das madagassische Gestrüpp.
Waldgeister und Wunder
Waldgeister und Wunder treffen auf der Insel perfekt zusammen. Madagaskar ist eine Experimentierkiste der Evolution, ja zum allergrößten Teil ein Skurrilitätenkabinett der Schöpfung, das sich der vermutlich mehr als hundertfünfzig Millionen Jahre währenden Isolation der Insel verdankt. Das größte und das kleinste Chamäleon der Welt sind hier zu Hause, und die schwersten jemals lebenden Vögel waren nicht die neuseeländischen Moas, sondern die Aepyornis von Madagaskar, jene sagenhaften Elefantenfußstrauße, die eine halbe Tonne und damit viermal soviel wie ein gewöhnlicher Strauß gewogen haben dürften und Eier mit neun Liter Inhalt legten. Fast einhundert Prozent der Froscharten auf Madagaskar und annähernd dreiundneunzig Prozent der Reptilien zählen ebenso wie die großen tagaktiven Lemuren zu den Endemiten - sie kommen nur auf dieser Insel und nirgendwo sonst in der Welt vor. Und mit mehr als tausend Orchideenspezies stellen die madagassischen Urwälder die afrikanischen botanisch klar in den Schatten.
"Große Paläste haben wir keine, aber unsere Natur hat fünf Sterne." So bringt es der junge Touristenführer Noel Ramaheriarison aus der Hauptstadt Antananarivo auf den Punkt. In touristischen Sternenkategorien zu denken ist für die Einheimischen dabei alles andere als selbstverständlich. Die Naturforscher und Entdecker, die seit Jahrzehnten das Gros der ausländischen Besucher ausmachen, suchen das Authentische und Unverstellte. Sie fügen sich leicht in das von Kleinbauerntum geprägte ländliche Idyll, und sie stören sich auch selten daran, daß weiterhin vier Fünftel der Insel nicht ans Stromnetz angeschlossen sind. Aber mit ihren bescheidenen Ansprüchen an Komfort sind die Naturalisten nicht unbedingt der moderne touristische Maßstab. Doch die schillernde Welt des standardisierten Tourismus ist auch nicht das, was man den Menschen auf Madagaskar zumuten wollte.
Die rote und die grüne Insel
Seitdem der erste Mensch vor vermutlich nicht einmal zweitausend Jahren seinen Fuß auf die viertgrößte Insel der Welt setzte, hat das asiatisch-afrikanische Mischvolk seinen Platz am unteren Ende der Wohlstandsskala nicht verlassen. Die Kolonisierung durch die Franzosen, die man in den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts zumindest dem Papier nach aus dem Land gejagt hat, änderte daran wenig. Die über die vielen Klima- und Vegetationszonen des Landes verteilten Volksstämme - heute sind es wie seit Jahrhunderten noch achtzehn - hatten ihr Dasein, ihre politische wie religiöse Vielfalt längst selbst organisiert. Und ihr meist eigenwilliges Verständnis vom Umgang mit der einmaligen Vielfalt der Schöpfung hat sich als außerordentlich stark verwurzelt und resistent gegen die modernen globalen Strömungen wie Ressourcenschonung oder Naturschutz erwiesen. Die grassierende Armut läßt anderes bis heute auch gar nicht zu.
So bekommt man auf der Fahrt vom Hochland an die Ostküste nach Andasibe ein zwiespältiges Gefühl dafür, wie dieser siebte Kontinent durch dick und dünn geht, weshalb die Alten von der grünen Insel und die Jungen von der roten Insel sprechen: Die flächendeckende Abholzung der Regenwälder hat die nackte, rote, fruchtbare Lateriterde freigelegt. Der mit der Bevölkerungszahl explosionsartig gewachsene Bedarf an Holz und Holzkohle für Hütte, Küche und Heizung - Familien mit acht bis zehn Kinder sind auf dem Land eher die Regel als die Ausnahme - fordert seinen Tribut. Zweihunderttausend Hektar des wohl ungewöhnlichsten Regenwaldes auf Erden schwinden Jahr für Jahr. Daran hat auch die Ausweisung von mittlerweile sechzehn Nationalparks und dreiundzwanzig Sonderreservaten nichts grundlegend geändert.
Französischer Hang zum Luxus
Die Landkarte, die man dazu in der Vakona Forest Lodge bei Perinet findet, war sicher schon überholt, als die französischen Betreiber sie für ihre Gäste an die Wand hängten. Die Urwaldreste schrumpfen wie dürres Obst. Das Gefühl dafür verliert sich freilich schnell in dieser grünen Oase knapp drei Autostunden östlich der Hauptstadt, in der wilder, weißblühender Ingwer an den Bachufern steht, Hortensien und Weihnachtssterne wuchern und die Sümpfe rundherum von mächtigen Elefantenohr-Stauden und den zauberhaften Fiederblättern laternengroßer Baumfarne besiedelt sind. Mitten in dieser üppigen Wildnis: ein Swimmingpool, so türkis und fremd, wie man sich einen Pool hier nur vorstellen kann.
Es ist französischer Hang zum Luxus, der dem naturalistischen Drang vieler Besucher am Ende sogar entgegenkommt, denn in dem beeindruckend sauberen Wasser aalen sich in der Abenddämmerung, wenn der warme Nebel die Lichtung einhüllt, abenteuerlustige Aglyptodactyli madagascariensii - in Camouflagebraun gekleidete und selbstverständlich endemische Frösche, die sich um diese Zeit normalerweise gut versteckt einen akustischen Wettstreit mit den choral offenkundig noch viel ambitionierteren Baumfröschen der Gattungen Boophis und Mantidacytlus liefern. Was für ein famoses Konzert, ein Allegro mit dem schüchternen Schnalzen, Pfeifen und Trällern der einen, gefolgt vom temperamentvollen Vivace der anderen, die mit ihrem zänkischen Quaken und Quieken um die Gunst des anderen Geschlechts buhlen.
Die Bäume des Reisenden
Was man hört, muß man nicht sehen. Deshalb bleibt in diesem buchstäblichen Amphitheater auch die Suche nach dem seltenen Wappentier der Gegend, dem bonbonfarbenen Goldfröschchen Mantella aurantiaca, fürs erste unerledigt. Das Tier lebt überhaupt nur noch an einer einzigen kleinen Stelle auf der Insel oder in Zuchtstationen wie dem Exotic Madagascar von Richard Peyrieras an der Nationalstraße 2 vor Perinet. Eine einmalige Chance vielleicht, aber warum sollte man im Dschungel stöbern, wo er sich so freigebig und generös zeigt wie hier? Dieser Eindruck der empfindlichen und doch so selbstlosen Natur verfestigt sich mit jeder Stunde, die man in den Waldrefugien der Ostküste zubringt - den lästigen Mücken zum Trotz.
Auf der Fahrt über den Manambatofluß nach Akann'ny Nofy, einer Halbinsel unweit der Hafenstadt Tamatave, künden auf den Hügeln Arkaden von Ravenalas oder Fächerpalmen - die Bäume des Reisenden, wie die Einheimischen sagen - von einer nicht weniger üppigen und doch völlig anderen Natur. Hier begegnet man der wilden Seele Madagaskars auf Armlänge. Nicht weniger als zehn Arten von Halbaffen, das entspricht einem Drittel des gesamten Artenspektrums auf der Insel und damit fast auch der ganzen Welt, hat man im privaten Reservat des Palmarium angesiedelt. Sie lassen jedes Herz höher schlagen. Denn selbst die scheuesten Lemuren wie die stummelschwänzigen Indri, denen wir im Perinet-Reservat noch auf abenteuerlichen Wegen nachgestellt haben, suchen hier die Nähe des Menschen. Flink hangeln sie sich mit ihren langen geschmeidigen Händen durchs Dickicht, und wie bestellt formieren sie sich in den Astachseln.
Die bettelnden Lemuren mit ihren sanften Augen geben dem madagassischen Märchenwald ein unvergeßliches Gesicht. Genauso freilich, wie die bettelarmen Kinder auf den Mauern von Tana das Antlitz der darbenden, bettelarmen Inselgesellschaft sind. Naturtourismus ist eine ihrer kleinen Hoffnungen.
Anreise: Air Mauritius bietet Flüge von Frankfurt über Mauritius nach Antananarivo für etwa 1000 Euro an. Für die Einreise braucht man ein Visum, das die Botschaft der Republik Madagaskar ausstellt (Seepromenade 92, 14162 Falkensee, Telefon: 03322/23140).
Unterkünfte: Auf Madagaskar gibt es kleine Hotels und Lodges (ab 20 Euro pro Zimmer), aber auch größeren Häuser mit europäischem Drei-Sterne-Standard (ab 80 Euro). Auf Mauritius findet man für einen Zwischen- oder Badeaufenthalt eine Vielzahl hervorragender Hotels.
Pauschalarrangement: Kaum einer der großen Veranstalter bietet bisher Reisen nach Madagaskar an. Von nächstem Winter an hat Dertour (www.dertour.de) drei Rundreiseangebote im Programm, darunter die viertägige Tour "Madagaskar zum Kennenlernen" mit anschließendem dreitägigen Badeurlaub im Hotel Shandrani auf Mauritius. Das Arrangement kostet ab 1941 Euro. Der Badeaufenthalt auf Mauritius kann für 106 Euro pro Übernachtung verlängert werden.
Joachim Müller-Jung Jahrgang 1964, Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.
Jüngste Beiträge