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Luftverkehr Geldzahlung gegen das schlechte Gewissen

19.01.2007 ·  Ausgerechnet der langjährige Klimareferent von Germanwatch leitet heute ein Serviceunternehmen für Flugreisende. Dietrich Brockhagen bedient Kunden, die sich als umweltbewusst verstehen und es dennoch lieben, weltweit unterwegs zu sein.

Von Gerhard Fitzthum
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Dietrich Brockhagen brauchte elf Tage bis Kyoto. In Berlin stieg er in den Zug und fuhr über Warschau, Moskau und Nowosibirsk nach Peking. Dort nahm der Physiker und promovierte Umweltökonom den Bus in die nahe Hafenstadt Tianjin, setzte mit der Fähre nach Kobe über und radelte das letzte Stück nach Kyoto weiter - zur legendären Klimakonferenz. Privat geflogen ist Brockhagen noch nie und will das auch in Zukunft nicht tun.

Es scheint nun wie eine Ironie der Geschichte, dass ausgerechnet der langjährige Klimareferent der Umwelt- und Entwicklungsorganisation Germanwatch heute ein Serviceunternehmen für Flugreisende leitet. Das Verlangen nach der von der „atmosfair“-GmbH gebotenen Dienstleistung kommt aus der alternativen Reisebranche, die wegen der Treibhauswirksamkeit des Luftverkehrs seit langem in Gewissensnöten ist. Ihre Kunden verstehen sich als umweltbewusst und lieben es dennoch, weltweit unterwegs zu sein. Wenn sie eines nicht wollen, dann als Klimasünder dastehen.

Emissionshandel für jedermann

Hier bietet Brockhagens Konzept Abhilfe. Es geht realistischerweise davon aus, dass das Fliegen erstens zu den Funktionselementen einer globalisierten Welt gehört und sich zweitens kaum jemand von seinem Urlaubsflug abbringen lässt, nur weil dieser umweltschädlich ist. Die Frage war deshalb, wie man den dabei entstehenden Schaden wiedergutmachen könne. Die Antwort: Der Fluggast finanziert in genau dem Maße, wie er der Atmosphäre Schaden zufügt, erdgebundene Projekte zur Reduktion der Klimagase - in Entwicklungsländern vor allem, beispielsweise in Indien, wo man Großküchen in Schulen, Krankenhäusern und Pilgerunterkünften mit modernen Solaranlagen ausstattet, damit dort nicht mehr mit Diesel gekocht werden muss.

Das durch die Flugreise belastete Weltklima wird also an anderer Stelle entlastet, das freigesetzte CO2 gleichsam neutralisiert. Gesellschaftsfähig wurden solche Handlungsmuster durch das Kyoto-Protokoll, das Emissionen zur handelbaren Ware machte. Jedes Jahr drängen nun neue „Carbon Neutral“-Agenturen auf den Markt und ermöglichen damit auch dem einzelnen Bürger den Einstieg in den Emissionshandel. Im Unterschied zum größten Teil der Konkurrenz legt die deutsche „atmosfair“ aber Wert auf den Nachweis, dass es sich um zusätzliche Klimaschutzmaßnahmen handelt. Deshalb, so heißt es, würden nur solche Projekte gefördert, die nicht ohnehin in Gang gekommen wären, etwa weil sie sich, wie in den Ländern Europas, wirtschaftlich rentieren. Geprüft werden sie gemäß Kyoto-Protokoll von unabhängigen Kontrollinstitutionen wie etwa dem TÜV. Für Stefan Gössling steht „atmosfair“ deshalb im Ranking der weltweit vierundvierzig „Offset-Agencies“ an Platz eins.

Persönliches Klimakonto im Lot

Zusammen mit Kollegen aus anderen EU-Staaten hat der Service- und Management-Professor der schwedischen Universität Lund Glaubwürdigkeit und Effizienz von siebzehn kommerziellen und fünfundzwanzig gemeinnützigen Anbietern untersucht und fast überall erhebliche Mängel bei den Berechnungsgrundlagen und der Kompensationsmaßnahmen festgestellt. Meist werde die Klimabelastung der zu kompensierenden Aktivität unterschätzt und die versprochene CO2-Reduktion nicht nachgewiesen. Bei Organisationen, die dem Klimawandel vornehmlich mit Aufforstungen beikommen wollen, seien die Neutralisierungsziele schon deshalb spekulativ, weil die Projekte eine Laufzeit von fünfzig Jahren haben - die Klimaschädigung durch den Flug aber sofort wirksam werde.

So langwierig es für Brockhagens Team ist, Klimaschutzprojekte unter Vertrag zu nehmen, die über solche Zweifel erhaben sind - für den Kunden ist alles ganz einfach: Er geht auf die Website www.atmosfair.de, gibt seine Reisedaten ein und aktiviert den sogenannten Emissionsrechner. Das vom Umweltbundesamt geprüfte Programm berechnet nun in Sekundenbruchteilen die klimarelevanten CO2-Abgase für die Anreise - und die Gebühr, die der Fluggast überweisen sollte, damit sein persönliches Klimakonto ausgeglichen werden kann.

„Moderne Form des Ablasshandels“

Weil die unter der Schirmherrschaft von Klaus Töpfer stehende Ausgleichsagentur auch die indirekten Klimaeffekte mitberechnet, sind die Spendenforderungen höher als bei anderen Anbietern. Für Hin- und Rückflug nach Antalya oder Teneriffa etwa werden vierundzwanzig beziehungsweise vierzig Euro fällig, die bei „atmosfair“ jedoch steuerlich absetzbar sind. Ein Flug nach Bangkok kostet hundertdreißig Euro - ein Mehrfaches von dem, das der britische Anbieter „Climate Care“ verlangt und immerhin noch ein Drittel mehr als bei der Schweizer Stiftung „Myclimate“, der es ebenso wie „atmosfair“ neben dem Aufbau von Klimaschutzprojekten auch um Umweltbildung geht. Zugleich entlastet der Fluggast mit der Klima-Abgabe auch die eigene, innere Atmosphäre - das schlechte Gewissen. In den Medien firmiert das Modell deshalb als „moderne Form des Ablasshandels“.

Gegen diese Formel wehrt sich Brockhagen. Von Absolution könne zumindest bei seinem Unternehmen keine Rede sein. „Im Gegenteil: Wir konfrontieren den Fluggast mit den harten Fakten und garantieren ihm, dass für sein Geld reale CO2-Einsparungen stattfinden.“ Untersuchungen hätten gezeigt, dass kein Mensch öfter fliege, nur weil er jetzt die Möglichkeit zu monetärem Schadensausgleich habe. „Dafür bietet das Modell dem Einzelnen in Sachen Klimaschutz aber erstmals die Möglichkeit zu konkretem Handeln.“

Auch Großunternehmen machen mit

Das Bedürfnis, nicht länger nur reden zu wollen, scheint tatsächlich zu wachsen, gerade in Deutschland. Zwölftausend Fluggäste haben ihre Klimagebühren bisher freiwillig bezahlt und das Budget der gemeinnützigen GmbH in die Höhe schnellen lassen. Der Umsatz stieg innerhalb von drei Jahren um immerhin vierhundert Prozent - von 40.000 auf 160.000 Euro. Dabei sind Privatreisende in der Mehrheit. Aber auch Grünen-Fraktionen und Umweltverbände wie Greenpeace Deutschland und „Nabu“ lassen ihre Mitarbeiter nun „atmosfair“ fliegen.

Wichtigster Partner ist die Kooperation der Nischenveranstalter „Forum Anderes Reisen“, aus der Brockhagens Initiative hervorging. Mittlerweile haben sich aber auch andere Reiseanbieter seiner Firma angeschlossen, Frosch Sportreisen oder Rhomberg etwa. Dazu kommen Reisebüros wie Titanic.de oder Traveltopia und sogar die großen Reisebüroketten AER und DER-Business Travel. Beraten werden inzwischen auch Großunternehmen aus der Versicherungsbranche und anderen Sparten.

Bereitschaft zum Umweltschutz

Nach einer Umfrage des „Spiegel“ sind inzwischen zwei Drittel der deutschen Fluggäste grundsätzlich bereit, beim Ticketkauf einen Klimaaufpreis von zehn Prozent zu entrichten, wenn mit dem Geld effektive Klimaschutzprojekte unterstützt werden. Ob im Falle eines Falles dann wirklich gezahlt wird, steht natürlich auf einem anderen Blatt. Zweifellos sind aber breitere Bevölkerungsschichten für das Thema sensibel geworden, wie überhaupt der Umweltschutz Umfragen zufolge in Deutschland wieder zum zweitwichtigsten Problem nach der Arbeitslosigkeit aufgestiegen ist. Bekannt ist inzwischen auch, dass es für eine vollständige Verhinderung des Klimawandels bereits zu spät ist, es allenfalls noch um Schadensbegrenzung gehen kann. Im Fokus der Aufmerksamkeit stehen heute deshalb Berechnungsmodelle, die von Reduktionszielen ausgehen, bei denen sich die Erdatmosphäre in den nächsten Jahrzehnten lediglich um zwei bis drei Grad erwärmt.

Wenn sich selbst dieses Ziel irgendwann als unerreichbar erweisen sollte, könnte auch die unaufhaltsame Karriere der Flugreise schuld daran sein. Das im Auftrag der UN forschende Tyndall-Institut hat jetzt für Europa hochgerechnet, dass im Jahr 2040 allein schon die zivile Luftfahrt jene Treibhauswirkung entfalten wird, die in der EU insgesamt noch erlaubt sein dürfte, wenn man die globale Erwärmung im genannten Rahmen halten wollte. Vorausgesetzt wurde dabei, dass die weltweiten Flugbewegungen, die allein im Zeitraum von 1990 bis 2002 um zwei Drittel zugelegt haben, in ähnlichem Umfang weiterwachsen. Berücksichtigt wurden auch die möglichen Schadstoffreduktionen durch technische Innovationen und effizientere Antriebssysteme, die vor dem Hintergrund des erwartbaren Branchenwachstums allerdings kaum ins Gewicht fallen.

Die zweitbeste Lösung

Dazu kommt, dass der Einfluss des Flugverkehrs auf das Klima in der Vergangenheit offenbar unterschätzt wurde. Hatte 1999 das höchste wissenschaftliche Gremium der UN angenommen, dass der Flugverkehr für dreieinhalb Prozent der weltweiten Erwärmung verantwortlich sei, so deuten neueste Erkenntnisse auf sechs bis neun Prozent hin. Zurückführen lässt sich die Neubewertung auf einen erst kürzlich entdeckten Effekt, für den zurzeit nur Schätzungen vorliegen: Laufen die linienförmigen Kondensstreifen am Himmel zu dünnen weißen Cirruswolken auseinander, dann können sie um ein Vielfaches stärker wirken als alle anderen Abgase des Flugzeugs zusammengenommen. Wenn diese Eiswolken längere Zeit am Himmel stehenbleiben, kann sich die Temperatur am Boden um mehrere Grad erhöhen. Bestätigen sich diese Ergebnisse, so stellt der Flugverkehr den Verkehrsträger Auto bei der Klimaschädlichkeit schon heute in den Schatten.

Die Website von „atmosfair“ präsentiert den aktuellen Forschungsstand zu den komplexen Wechselwirkungen von Triebwerksemissionen und Klima und nennt die einschlägigen Studien. Dabei wird auch deutlich, wie beschränkt das Mittel der Ausgleichsabgabe letztlich ist. Denn mit dem Kauf jedes Tickets wird der Ausbau des Flugverkehrs und dessen Infrastruktur gefördert. Der Emissionsrechner empfiehlt deshalb bei Entfernungen unter siebenhundert Kilometern stets die Bahnreise - und nennt „atmosfair“ nur als „zweitbeste Lösung“. Denn am besten für das Klima sei es, „erst gar nicht zu fliegen“.

Modelle der Gewissensentlastung

Gehört wird diese Botschaft vor allem bei den von „atmosfair“ beratenen Konzernen. Die ökonomischen und ökologischen Kosten-Nutzen-Analysen, die der Emissionsrechner erlaubt, erleichtern diesen die Entscheidung für alternative Kommunikationsmodelle wie etwa Videokonferenzen. Experten schätzen, dass auf diese Weise bis zu einem Viertel aller geschäftlichen Flüge eingespart werden könnte - wenn das Ganze nicht dem menschlichen Bedürfnis entgegenstünde, dem Verhandlungspartner in Fleisch und Blut gegenüberzustehen. Bei den zahlenmäßig weit überlegenen privat reisenden Kunden von „atmosfair“ hingegen ist selbst durch die Antiwerbung kein realer Rückgang der Flugbewegungen - und damit auch der Emissionen - zu erwarten. Wirklich entlasten würden Urlauber das Weltklima nur, wenn sie Klimaschutzprojekte finanziell unterstützten - und trotzdem nicht flögen. Das ist jedoch utopisch.

Eher ist zu erwarten, dass bald die eine oder andere Fluggesellschaft Modelle der Gewissensentlastung anbieten wird. In Großbritannien soll es Gerüchten zufolge bald der Fall sein. Die CO2-Abgabe könnte also irgendwann so selbstverständlich zu einem Ferienflug gehören wie die Kurtaxe zum Aufenthalt in Ferienorten.

Missbrauch mit „Greenwashing“

Genau darin liegt die Paradoxie des Kompensationsmodells: So wünschenswert der Emissionsausgleich jedes konkreten Flugs ist, so bedenklich wäre er als globale Praxis. Würde sich das Modell im großen Maßstab durchsetzen, wäre ein unkontrollierbarer Wildwuchs von Kompensationen und Scheinkompensationen die Folge und Klimaschutz kaum noch von „Greenwashing“, missbräuchlichem Öko-Marketing, unterscheidbar.

Indes hat EU-Umweltkommissar Stavros Dimas einen Gesetzgebungsvorschlag verabschieden lassen, der vorsieht, den Flugverkehr in den bereits bestehenden Emissionshandel einzubeziehen und damit zu verteuern. Vom 1. Januar 2011 an sollen alle Flüge innerhalb der EU erfasst werden, ein Jahr später auch internationale Flüge, die auf EU-Flughäfen starten oder landen. Doch ob und wann EU-Ministerrat und EU-Parlament die Vorlage ratifizieren werden, weiß niemand. Erwartungsgemäß hat der Vorschlag ein geteiltes Echo hervorgerufen. So vertreten Wirtschafts- und Verkehrsministerium, wie etwa in Deutschland, unterschiedliche Positionen. Eine gemeinsame Haltung unter siebenundzwanzig EU-Mitgliedstaaten zu erreichen erscheint erst recht illusorisch. Vollends unrealistisch wäre es schließlich, auf eine weltweite Durchsetzung der EU-Vorschläge zu hoffen - aus den Vereinigten Staaten von Amerika kam jedenfalls sofort deutliche Kritik. Aber auch andere Staaten würden im Falle eines europäischen Alleingangs ihren eigenen Luftfahrtunternehmen die finanzielle Beteiligung an den Umweltkosten des Flugverkehrs ersparen wollen. Denn das wäre ein unschlagbarer Wettbewerbsvorteil. Aber das wissen alle Beteiligten.

Quelle: F.A.Z., 18.01.2007, Nr. 15 / Seite R11
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