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Luftfahrtgeschichte Zwölf Sekunden verändern die Welt

18.06.2003 ·  Kein Autokennzeichen in North Carolina ohne den bescheidenen Hinweis "First in Flight". Der Terminkalender der Empfänge, Flugschauen, Ausstellungen füllt dicke Broschüren. Die Zweihundertjahrfeiern 1976 zur Erfindung der Vereinigten Staaten waren Laienspiele dagegen.

Von Dieter Vogt
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John T. Daniels hatte noch nie einen Fotoapparat gesehen und griff mißtrauisch nach dem kleinen Gummiball, den er zusammenquetschen sollte. "Also, du zielst wie mit der Flinte", hatten sie ihm erklärt, "und guckst in das Fenster, und wenn das Flugzeug abhebt, drückst du auf das Ding hier!" Der 17. Dezember 1903 war ein Wintertag, eiskalt und stürmisch, Windstärke 6. Der junge Mann drückte, wie ihm geheißen, auf den pneumatischen Auslöser und schoß das Bild seines Lebens. Es wurde weltbekannt. Das Bromsilbernegativ, eine 13 mal 18 Zentimeter große Glasplatte, zählt heute zu den Schätzen der amerikanischen Kongreßbibliothek.

Der vergessene Zufallsfotograf Daniels war ein Mann der Küstenwachstation Kitty Hawk. Er hat einen erhebenden Augenblick der Menschheitsgeschichte festgehalten. Knapp über dem Boden schwebt der Flugapparat - der Pilot steuert im Liegen und erobert bäuchlings die Luft, und ein zweiter Mann scheint ihm nachzulaufen. Die Szene spielt am Atlantikstrand von North Carolina. Zum ersten Mal hatte das Motorflugzeug der Brüder Wilbur und Orville Wright aus eigener Kraft abgehoben. Zwölf Sekunden lang.

Ganz Amerika feiert

Es war eine famose Idee der Brüder Wright, ausgerechnet das Flugzeug zu erfinden und nichts anderes. Denn selbstverständlich ist das Flugzeug unentbehrlich, will man schnell den Atlantik überqueren, um all die Hundertjahrfeiern zu besuchen, die 2003 dem weltbewegenden Ereignis des ersten Motorflugs gewidmet sind. Die Vereinigten Staaten und zumal ihr zwölftes Mitglied, North Carolina, begehen das Jubiläum als ganzjähriges Marathonfestival. Kein Autokennzeichen in North Carolina ohne den bescheidenen Hinweis "First in Flight". Der Terminkalender der Empfänge, Flugschauen, Oldtimertreffen, Ausstellungen füllt dicke Broschüren. Der Kongreß berief eine U.S. Centennial of Flight Commission, und fast alle, die schon einmal in einem Flugzeug gesessen haben, leisten irgendwie ihren Beitrag. Die Zweihundertjahrfeiern 1976 zur Erfindung der Vereinigten Staaten waren Laienspiele dagegen.

Von dem Himmel, den die Wrights eroberten, hat Amerikas Air Force das größte Stück abbekommen - und so feiern die Militärs kräftig mit. Die Streitkräfte stellten 1909 den ersten Wrightschen Flugapparat in Dienst. Was sie daraus gemacht haben, zeigte eine schillernde Luftparade alter und neuer Militärmaschinen auf der Pope Air Force Base bei Lafayetteville, mit Bombern des Weltkriegs und Jets des Golfkriegs. Für einen nachgebauten Wright-Doppeldecker von 1911 fiel nur ein mitleidiges Lächeln ab. Es war die Maschine, in der Cal Rodgers als erster den amerikanischen Kontinent überquerte - viele Etappen, viele Bruchlandungen, viele Knochenbrüche. "Genießen Sie einen Hubschrauber-Angriff im Simulator", wirbt das Museum der Luftlandetruppen in Fayetteville. Aber es fehlt auch nicht an zivilen Höhepunkten. Jeff Gordon, der amerikanische Michael Schumacher, ließ seinen Rennwagen zu Ehren der Wrights umlackieren, und das Kunstmuseum der Hauptstadt Raleigh gab Künstlern in aller Welt die Hausaufgabe, zeitgenössisch die Schwerkraft zu überwinden.

Die Pioniertat am Atlantikstrand

Am meisten wird natürlich da gefeiert, wo alles begann. Die Landschaft des Wrightschen Triumphs ist eine Nehrung an der Atlantikküste, eine schmale Landzunge, beiderseits von Wasser begrenzt und von Winden umtost. In vier aufeinanderfolgenden Jahren, von 1900 bis 1903, reisten die Brüder nach Kitty Hawk, um ihre Flugapparate zu testen. Das Nest hatte gerade eine Handvoll Häuser, ein Methodistenkirchlein, die Station der Küstenwache. Die Bewohner waren gastfreundlicher als die Natur. Obwohl sie die Stadtmenschen mit ihrem Flugfimmel ein wenig belächelten, halfen sie ihnen, wo immer es ging.

William Tate, der ehemalige Postmeister, bewirtete die Fremden, bevor sie draußen ihr Zelt aufbauten. Vor Tates Haus bastelte Wilbur die Teile des ersten Gleitflugapparats zusammen. Später, als die Pioniertat allgemein anerkannt war, beschwerte sich Tate einmal über die Unlust der Behörden, den magischen Ort zu weihen. "Wenn Wilbur Wright mit dem Zusammenbau seines Versuchsgleiters ...im Vorgarten irgendeines Bürgers in Kalifornien begonnen hätte..., Tonnen von Druckerschwärze hätten sich über dieses Ereignis ergossen, ein Denkmal würde den Ort zieren, und Touristen kämen Tausende von Meilen angereist, nur um den Boden zu sehen und zu betreten."

Das Fluggelände als nationale Gedenkstätte

Nun, sie kommen Tausende von Meilen angereist. Das Fluggelände ist längst zur nationalen Gedenkstätte erhoben. Zelt und Holzschuppen der Brüder Wright hatten wie verloren in einer unaufhörlich sich verändernden Einöde aus Sand und Wasser gestanden. Die größte Düne, die Kill Devil Hill hieß, der Teufel mag wissen warum, war 25 Jahre später schon einen halben Kilometer vom Ort des Geschehens fortgeweht. Mit Gras belegt und auch innerlich verfestigt, stellte sie das Wandern ein. Ihre Krönung ist ein achtzehn Meter hohes Granitmonument. Die Inschrift preist "Genie, Entschlußkraft und unerschütterlichen Glauben" der Flugpioniere. Orville Wright, wortkarg wie ein Trappist, soll bei der Einweihung 1932 eine Rede gehalten haben, die nur aus einem Satz bestand: "Well, Wilbur, es hätte dir gefallen!" Der ältere Bruder war seit zwanzig Jahren tot.

Wie wird man Flugpionier? Der Weg nach oben war beschwerlich. Die Brüder lebten in Dayton, Ohio, und brauchten ein paar Tage, um Kitty Hawk zu erreichen: von der Bahn aufs Schiff, vom Schiff auf die Bahn und wieder von der Bahn aufs Schiff. Und immer waren riesige Gepäckberge zu versetzen, die halbfertigen Flugzeugteile, Holzstücke, Stoffbahnen, viel Draht, die Werkzeugkisten. Wer mit soviel Gepäck reist, weiß, was Erdschwere ist. Das Wetteramt hatte ihnen Kitty Hawk als Versuchsgelände empfohlen - da herrschte ein Nordostwind, der nie zu pfeifen vergaß, und der Sand war weich, falls man stürzte.

Ferienhäuser im Südstaatenstil

Die Postdampfer sind ausgestorben. Über die Wright Memorial Bridge, die mit hohen Stelzen das Haff überspringt, ergießt sich ein Strom von Autos auf die Outer Banks. Die Landzunge ist stellenweise kaum breiter als ihre Hauptstraße. Die ordnende Hand der Immobilienmakler hat die ungastliche Einöde der Flugpioniere in ein Ferienparadies verwandelt. In den sandigen Hügeln rechts und links der Straße drängen sich Ferienhäuser, viele im Südstaatenstil, ein wenig herrschaftlich, mit Säulen und Veranden, alles aus Holz. Die Strände ziehen sich hundert Kilometer hin. Im Aufwind der vordersten Düne fliegen Pelikane ihre Strandpatrouille ohne Flügelschlag.

Hier war es, Leute, hier fing alles an, sagt der Fremdenführer und baut sich neben einem der Größe des Ereignisses angemessenen Granitblock auf. Der Stein markiert den historischen Startplatz am Fuß des Kill Devil Hill. Halb im Boden versunken liegt noch - nein, wieder - die Startschiene für den Anlauf zum großen Sprung. Vier kleinere Steine stehen an den Landeplätzen der ersten vier Flüge: Orville schaffte 36 Meter, Wilbur 53 Meter, dann Orville 60 Meter und schließlich Wilbur fast 260 Meter. Am schwersten war es, das Höhenruder richtig einzusetzen, jedenfalls hob und senkte sich der Apparat im Flug wie ein Schiff auf bewegter See. 59 Sekunden blieb er zuletzt in der Luft.

Ein Leben wie in der Strafkolonie

Auch Daniels, der Fotograf, flog an jenem Donnerstag morgen noch durch die Luft, wenn auch nicht freiwillig. Als er das abgestellte, plötzlich von einer starken Bö erfaßte Flugzeug am Boden festhalten wollte, riß es ihn mit sich fort. Es bäumte sich auf und überschlug sich viele Male mitsamt dem Küstenwachmann, der sich im Gewirr der Spanndrähte verfangen hatte. Die Flugmaschine war zerstört. Als sie ihn aus den Trümmern befreiten, hatte er aber nur leichte Blessuren davongetragen. "Er ist mit dem Flugzeug weiter gekommen als wir!" stellten die Erfinder lakonisch fest.

Wiesen und Buschwerk, hier und da halbstarke Wäldchen bedecken die einst kahle Sandwildnis. Der Holzschuppen, in dem die Wrights wochenlang geschraubt und genäht, gekocht, gespült, geschlafen und wohl auch geflucht und geschimpft haben, ist getreulich wieder aufgebaut. Man betritt die Kulisse eines spartanischen Lebens, das der Hingabe an die große Sache gewidmet war. Eine Fliegenklatsche erinnert daran, daß vor den Wrights hier nur Mücken flogen. Die Schlafkojen übertreffen kaum den Standard einer Strafkolonie, und doch mag ihr Anblick für manchen so erhebend sein wie die Besichtigung eines königlichen Himmelbetts. In den Regalen stehen Dosen in Reih und Glied, Tomaten, Kaffee, wie mit dem Lineal ausgerichtet - wer das Fliegen erfinden will, muß alles ganz genau nehmen.

Zwillinge im Geiste

Die Brüder Wright waren ein Traumteam, Zwillinge im Geiste, eigenbrötlerisch, nicht frei von Genie. "Keiner von beiden hätte das Rätsel allein lösen können", sagte ihr Vater Milton Wright, Bischof der Brüderkirche. Wilbur war Anfang Dreißig, Orville Ende Zwanzig, als sie sich 1899 dem Problem des Menschenflugs zuwandten. Sie lasen alle verfügbare Literatur. Otto Lilienthal, der deutsche Ingenieur, der als erster Mensch geflogen war, hatte ein embryonales Fluggerät hinterlassen: den Hängegleiter ohne Vortrieb und Steuerung. Nach dem Todessturz Lilienthals 1896 war niemand so recht weitergekommen. "Seit einigen Jahren bin ich von dem Gedanken besessen, daß Fliegen möglich ist", schrieb Wilbur. Die hageren Männer aus Dayton waren Fahrradmechaniker mit mäßiger Schulbildung. Wie sie so weit über den Horizont tüchtiger Handwerker hinauswachsen und die führenden Flugwissenschaftler ihrer Zeit werden konnten, bleibt ein Rätsel.

Oder doch nicht ganz. Mit ihrem Vorbild Lilienthal hatten sie den Forschungseifer gemeinsam, die Geduld, die Systematik und auch die Erkenntnis, daß die Erfindung des Fliegens nicht in einem großen Sprung, sondern in vielen kleinen Schritten bestand. Als Fahrradmechaniker standen sie zur Jahrhundertwende an der Spitze des technischen Fortschritts. Ihre Werkstatt in Dayton war der ideale Bastelschuppen für ein Fluggerät, das aus leichten Bauteilen bestand, Holz, Draht, Musselin. Wilbur Wright an der Nähmaschine: das ist eine frühe Metapher des Menschenflugs. Den eigentlichen Durchbruch erzielten sie schon im Herbst 1902, als sie ihr Gleitflugzeug um alle drei Achsen steuern lernten. Das hob sie weit über Lilienthal hinaus. Der 12-PS-Motor, der dann 1903 weltbewegend losknatterte, war eine Eigenkonstruktion. Die Propeller hatten sie selbst geschnitzt.

Die Geschichte einer Meldung

Man muß die zum Feiern aufgelegten Amerikaner daran erinnern, daß sie die "flying brothers" erst mal als "lying brothers" beschimpften. Sie glaubten den Brüdern nicht. Die erste Meldung aus Kitty Hawk erschien in einer Norfolker Provinzzeitung und war so phantastisch aufgeblasen, daß niemand sie ernst nahm: "Flugmaschine schwebt drei Meilen in den Klauen des Sturmwinds über Sandhügel und Wellen der Küste von Carolina". Die Meldung sei "zu 99 Prozent falsch" gewesen, sagte Wilbur nachher. Mit der Falschmeldung begann eine Serie von Mißverständnissen und Spekulationen, die jahrelang die historische Leistung der Wrights mehr verdunkelten als erhellten. Doch daran waren sie mitschuldig. Starrsinnig darauf bedacht, ihre Erfindung zu vermarkten, ohne ihre Geheimnisse preiszugeben, brachten sie sich selbst um die Ernte ihrer Arbeit. Als sie 1908 endlich ins Geschäft kamen, war ihr schwerfälliger Flugapparat von französischen Konstruktionen schon überholt.

Amerikas Jubiläumstaumel kulminiert am 17. Dezember 2003 in Kitty Hawk, wo eine illustre Gesellschaft ihre Helden und damit sich selbst feiern wird. Eine große Traglufthalle ist schon aufgestellt. Gewiß kommen ein paar Gäste in den heute so leicht zu steuernden Flugzeugen angereist. Direkt neben der Gedenkstätte gibt es eine Landebahn für Leichtflugzeuge: First Flight Airport. Ein passender Beitrag zum Jubiläum ist zweifellos der originalgetreue Nachbau des Wrightschen Urflugzeugs. Es besteht aus Holz und Stoff und wird von unglaublich vielen strammgezogenen Spanndrähten zusammengehalten. Schon im Windkanal zeigte es Macken. Diesen komplizierten Flyer I in Kitty Hawk im Schneckentempo vorzuführen dürfte das höchste Lebensziel eines Überschalltestpiloten sein. Diesmal drückt ein Heer professioneller Fotografen auf die Auslöser.

Anreise: Die Fluggesellschaft US Airways bietet als einzige Nonstop-flüge von Frankfurt nach Charlotte in North Carolina an. Preis, bei zwei Wochen Vorbuchung, ab etwa 450 Euro.

Informationen: Über den amerikanischen Bundesstaat North Carolina und seine Atlantikküste, Schauplatz der historischen Motorflüge der Brüder Wright, informiert in Deutschland: The Mangum Group, Sonnenstraße 9, 80331 München, Telefon:089/23662164, Internet: www.mangum.de. Weitere Informationen gibt es im Internet unter www.visitnc.com, www.northcarolina-usa.de, www.centennialofflight. gov, www.firstflightnc.org und www. firstflight.org.

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