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London : Küchenkunst im Kraftwerk

  • -Aktualisiert am

„The Wapping Project”: In der alten Pumpstation von Hackney wird jetzt Kunst gemacht und gut gegessen. Bild: Michael Bengel

Erst kamen die Künstler, dann die Galerien und Restaurants, und jetzt sind die Sammler an der Reihe. Londons Stadtteil Hackney erlebt eine erstaunliche Wandlung vom Inbegriff der Tristesse zum schönen Schwan..

          Hackney war das Arme-Leute-Viertel, abseits der Themse, im Norden Whitechapels, am Regent's Canal, weitab von allem, was man von der Stadt zu kennen glaubte. Bis hierher kam nicht einmal Jack the Ripper. Ein Industrierevier, als Kohle noch der König war, im Krieg zerbombt und so gleich doppelt mitgenommen. Die kleinen gelben Klinkerhäuser, häufig nur ein Stockwerk hoch mit flachem Dach, galten vor einer Generation noch als unverkäuflich. Heute sind sie unerschwinglich - "Believe it or not", sagt Sarah Douglas von "Exhibit-K", die uns einen halben Vormittag lang durch das Viertel begleitet.

          "Your Insider Guide to the London Art Scene" nennt sich die kleine Gesellschaft, die Sarah und ihre Freundin und Kollegin Mimei Thompson vor fünf Jahren gegründet haben. Aktuelle Kunst und ihre Liebhaber zusammenzubringen - zum Zweck des Kennenlernens, ohne die Voraussetzung von Kaufinteressen: das ist der Zweck der zweieinhalbstündigen Führungen. Und deshalb sind sie häufig hier im Osten Londons unterwegs. Denn das East-End ist seit Jahren mit Hunderten von Künstlern und Dutzenden von Galerien so etwas die Avantgarde in der Londoner Kunst.

          Fleisch von glücklichen Schweinen

          Der "Broadway Market" und seine achtzig Stände geben ein Bild davon im Kleinen. Fred Cooke, "Live Eel Importer", wie immer noch in goldener Schrift auf grünem Glas zu lesen steht, eröffnete im Jahre 1900 in Nummer 9 am Beginn der Straße sein Restaurant, und wie damals, als die Schafhirten auf dem Weg zu den Märkten der City hier, in der alten "Mutton Lane", eine Pause machten, stehen heute wieder die Menschen bei seinem Urenkel Chris Schlange für heißen Aal in Gelee. Noch in den Neunzigern schien das Geschäft den Bach hinunter zu gehen. Die Anwohner, die es sich eben leisten konnten, verschwanden schneller als die Aale. Im Jahr 2004 gründeten die Händler und Anwohner den Genossenschaftsmarkt, und heute gilt er unter seinesgleichen als der erfolgreichste in London.

          Bild: F.A.Z.

          Auf dem Viertelkilometer bis zum kleinen Park von London Fields gibt es Gemüse und Second-Hand-Klamotten; selbstgerösteten Kaffee und Fleisch von freilaufenden Schweinen aus Wiltshire; Fisch von der eigenen Küste ebenso wie karibische Köstlichkeiten, schottische Delikatessen, internationalen Kitsch und chinesische Massagen am Rand des Trottoirs, gleich hier. Dazu Musik, Cafés auf der West- und Sonnenseite und etliche neue Boutiquen. Unter den Platanen von London Fields kann man sein Fahrrad flicken lassen, frisch gepressten Obstsaft trinken und in Bananenkisten nach Langspielplatten suchen.

          Mimei aus Tokio, Sarah aus Kapstadt

          Das Triangle Building in der "Mare Street", hart an der Eisenbahnverbindung nach East Anglia gelegen, ist die jüngste Verstärkung des gemeinnützigen Vereins "Space". Seit der Gründung im Jahre 1968 vermittelt "Space" buchstäblich Raum, meist Ateliers für künstlerische Arbeit und Design, Probenräume für Theatergruppen, andere für Bildhauerei oder Metallbearbeitung, auch Stätten zur Projektentwicklung. In der Martello Street zwei Ecken weiter hat es 1971 angefangen. Und auch die meisten anderen der angemieteten Gebäude liegen in Hackney. Meist geben sie die Industrievergangenheit noch in Namen oder Bauform zu erkennen - als alte Mälzerei, Großwäscherei und Fabrik, sogar ein altes Parkhaus ist darunter. Die ehemalige Fabrik mit großen, hohen Fenstern, zuletzt genutzt als College, gibt in sechzig Studios achtzig Künstlern einen Platz zum Arbeiten. Nach Kunst sieht von außen nichts aus, weit eher wirken Haus und Hof samt dem abweisendem Zaun wie ein verlassener Getränkemarkt. "Viele Künstler haben ihre Video-Ausrüstung hier", sagt Sarah.

          Hier treffen wir Mimei. Die in Tokio geborene Künstlerin hat zunächst in Glasgow studiert und -, wie Sarah, die aus Kapstadt stammt - in London am Royal College of Art ihr Aufbaustudium mit dem Master abgeschlossen. Sie verwandelt kleine Collagen von Motiven aus dem Internet in souveräne Ölgemälde, denen niemand die Entstehung abliest. Kritiker rühmen ihre sichere Beherrschung der Farbe in Wirkung und Technik, und nach zahlreichen Gruppen- und Einzelausstellungen kann sie in der Szene durchaus als Bekanntheit gelten. Ihre Kunstwerke hängen in verschiedenen Sammlungen und fünfmal im modernen Galeriehotel "One Aldwych" im West End. Dennoch teilt sie sich das karge Studio, das auch zur Hälfte genutzt zweihundert Pfund im Monat kostet. Der Gemeinnutz mag eine Wohltat sein; mit Wohltätigkeit darf er nicht verwechselt werden. Kaum jemand lebt allein vom Malen, erläutert Sarah. Vielen unterrichten nebenher, gerade in der Krise mussten etliche zusammenziehen, und wegen der Olympischen Spiele von 2012, die zum Teil gleich um die Ecke ausgetragen werden, steigen die Preise: Zwanzig Prozent mehr als im vorigen Jahr zahlt Sarah jetzt.

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