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Libyen Tor nach Afrika

14.10.2004 ·  Libyen öffnet sich: nicht nur für die Politik, sondern auch für Touristen. Die Pläne sind ehrgeizig, denn der Wüstenstaat will an die Erfolge Dubais anknüpfen.

Von Hans-Christian Rößler
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Wenn Bundeskanzler Gerhard Schröder zum ersten Mal Libyen besucht, bleibt ihm ein Problem erspart: Als Gast von Revolutionsführer Muammar Gaddafi muß er sich nicht um eine Unterkunft bemühen, denn zur Not würde der Wüstenherrscher für den Kanzler bestimmt auch eines seiner großen Zelte aufstellen, die er selbst auf Auslandsreisen als Quartier bevorzugt. Alle anderen Libyen-Reisenden können nicht mit einer solchen Vorzugsbehandlung rechnen und müssen sich notgedrungen um die wenigen Hotelzimmer in Tripolis und den anderen Städten des Landes balgen.

Seit der schrittweisen Aufhebung der Sanktionen von Vereinten Nationen und Europäischer Union strömen Besucher aus aller Welt nach Libyen. Bislang sind es vor allem Geschäftsleute, aber auch die Zahl der Touristen nimmt langsam zu. Und das Land wäre nicht Gaddafis "Großer Libysch-Arabischer Volksmassenstaat", hätte es nicht auch eine touristische Vision zu bieten: Dort, wo früher mit Hilfe der "dritten Universaltheorie" des Revolutionsführers ein Weg zwischen Kommunismus und Kapitalismus verwirklicht werden sollte, soll jetzt in wenigen Jahren eine Art kleines Dubai am südöstlichen Ufer des Mittelmeers entstehen.

Ehrgeizige Pläne in bunten Prospekten

Drei Millionen Touristen erwartet die Regierung schon in fünf Jahren. Gerade einmal dreihundertfünfzigtausend ausländische Besucher waren es nach offiziellen Zahlen im vergangenen Jahr - im Nachbarland Tunesien hat die Touristenzahl längst die Fünf-Millionen-Marke überschritten. Aber den Libyern scheint es dieses Mal ernst zu sein, denn Gaddafi hat selbst angekündigt, daß ein Teil der unablässig wachsenden Einnahmen aus dem Ölgeschäft dem Tourismus zugute kommen soll. Zugleich forderte er seine Landsleute auf, die neuen Gäste "zivilisiert" zu empfangen.

Die ehrgeizigen Pläne existieren bisher jedoch nur in bunten Prospekten. Sogar im Tourismusministerium in Tripolis gesteht man ein, daß von den derzeit verfügbaren zwanzigtausend Betten im Land nicht mehr als ein Fünftel für Gäste aus dem Ausland geeignet sind. In Tripolis gibt es bisher nur ein Fünf-Sterne-Hotel, das diese Bezeichnung auch verdient. Die anderen beiden, staatlich betriebenen Hotels derselben Klassifikation können nicht mithalten, auch wenn die libysche Regierung dort einen Großteil ihrer Staats- und Regierungsgäste unterbringt. Das Mehari- und das El-Kebir-Hotel atmen noch das Flair vergangener staatswirtschaftlicher Tage und akzeptieren nicht einmal Kreditkarten.

Vorbild Dubai

Ohne ausländisches Wissen und Führungspersonal geht es in Libyen nicht. Das zeigt auch das vor einem Jahr eröffnete Bab-Africa-Hotel, das "Tor nach Afrika". Die maltesische Corinthia-Gruppe hat mit libyscher Beteiligung die beiden halbrunden Türme des Fünf-Sterne-Hauses an der Uferstraße errichtet. Die dreihundert Zimmer und Suiten sind trotz hoher Preise oft über Wochen ausgebucht. Amerikanische Diplomaten haben ihr Verbindungsbüro in einer Suite eingerichtet, Ölmanager aus aller Welt führen vom Hotel aus inzwischen ihre Geschäfte.

Geht es nach der libyschen Regierung, wird das "Tor nach Afrika" bald Konkurrenz bekommen. Nicht weit vom Bab Africa soll neben zwei weiteren Hochhäusern ein Hotelturm mit sechzig Stockwerken ins Mittelmeer gebaut werden. Vorbild ist das luxuriöse Burj-al-Arab-Hotel in Dubai. Pakistaner werden nach Angaben des staatlichen "Tourism Investment and Promotion Board" für das Projekt mit einem Finanzvolumen von mehr als einer Milliarde Dollar verantwortlich sein. Engländer planen derweil sechzig Kilometer östlich von Tripolis das Tourismuszentrum Al Karawa - mit Jachthafen und Golfplatz. Weitere Verträge mit anderen ausländischen Unternehmern seien schon unterzeichnet oder stünden kurz davor, heißt es. An den künftigen Baustellen gibt es bisher allerdings außer Sandstrand, von dem Libyen fast zweitausend Kilometer besitzt, nichts zu sehen.

Deutscher Markt sehr wichtig

An Stolz und Selbstbewußtsein mangelt es dafür nicht. "Zwischen uns und den anderen wird ein Unterschied sein wie zwischen einem Mercedes und einem Auto aus Asien", schwärmt Mohamed Tellesi, der Planungsdirektor des "Tourism Board". Massentourismus wie im benachbarten Tunesien haben die Libyer nicht im Sinn, eher Bildungsreisende. "Der deutsche Markt ist für uns einer der wichtigsten", sagt Tellesi.

Er erwartet, daß sich deutsche Reisende für die libysche Mischung aus Strand, Wüste und antiken Städten wie Leptis Magna und Sabratha begeistern werden. Das Land sei sicher, und man wolle von Anfang an auf Umweltschutz achten. Einheimische Reiseanbieter klagen jedoch, daß sich Deutsche bisher im Vergleich zu Italienern rar machten. Kaum sei indes das Reiseverbot für Amerikaner aufgehoben, kämen schon die ersten Gruppen aus dem Reich des früheren Erzfeindes ins Land.

Günstige Flüge fehlen bislang

Wie weit der Weg zum internationalen Tourismusziel für Libyen noch ist, merkt man an den kleinen, einfachen Dingen. Die Erteilung eines Touristenvisums kann mehr als einen Monat in Anspruch nehmen. Alkohol ist in dem islamischen Land offiziell gar nicht zu erhalten. Libysche Tourismusverantwortliche sind sich dieser Probleme bewußt und schließen pragmatische Lösungen nicht aus. Günstige Flüge fehlen bisher ebenfalls.

Für die Fluggesellschaften ist Libyen noch ein reines Geschäftsreiseziel. Die staatliche Gesellschaft Libyan Arab Airlines ist nach dem Ende der Sanktionen gerade erst dabei, eine neue Flotte zu kaufen. Für Flüge nach Deutschland hat sie nicht genug Maschinen. "Wir sind nicht in Eile", sagt Tourismusplaner Tellesi gelassen. Da das Öl noch lange reicht, wird man sich in Libyen mit dem Tourismus wohl Zeit lassen. Die wird auch nötig sein, denn um auch nur einen Teil der hochgesteckten Ziele zu erreichen, muß sich dort vieles ändern.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 14.10.2004, Nr. 240 / Seite R1
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Jahrgang 1967, politischer Korrespondent für Israel und die Palästinensergebiete mit Sitz in Jerusalem.

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