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Libyen Die Leere des Anfangs

 ·  Libyen hat bedeutende antike Stätten, eine abenteuerlich schöne Wüste - und ein Problem: die politische Lage. Bericht aus einem Land, für das es gerade keine Touristenvisa gibt.

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© Telser Kreuz des Südens: Sabrata ist neben Leptis Magna die bedeutendste Ausgrabungsstätte Libyens. Bereits die Phönizier nutzten den natürlichen Hafen an einer der Handelsrouten durch die Sahara

„Tee?“, fragt Mohamed Turki, Mitarbeiter im libyschen Tourismusministerium, und springt auf. „Ich besorge Tee.“

Wir stehen im Büro des Abteilungsleiters, es ist leer, der Rechner nicht hochgefahren. Man sieht Bilder zweier gefallener junger Rebellen, Verwandte des Abteilungsleiters, sagt Mohamed Turki. „Der Abteilungsleiter wird bald hier sein.“ Turki hat viel gewartet in letzter Zeit.

Mehr als ein Jahr nach dem Tod Gaddafis ringt Libyen um seine Zukunft. Eigentlich wären alle Voraussetzungen für Tourismus vorhanden: Leptis Magna und Sabrata gehören zu den besterhaltenen Ausgrabungsstätten der Welt. Die 2000 Kilometer lange Küste ist unberührt, die Dünen der Sahara einzigartig schön.

Warten, dass der Tag ein Ende nimmt

Aber ehemalige Rebellengruppen zerren weiter an den Rändern der Macht. Im Osten, wo der Aufstand seinen Anfang nahm, wird die Wut auf die zentrale Regierung täglich größer. Extremisten versuchen dort, mit Gewalt den Aufbau des Sicherheitsapparates zu verhindern. Im Süden kann das Land die Grenzen kaum mehr kontrollieren. Das Auswärtige Amt warnt immer noch vor Reisen nach Libyen. Zuletzt forderte die Behörde deutsche Staatsbürger auf, die Region um Benghasi zu verlassen. Ein Touristenvisum ist nicht erhältlich. „Wir können hier im Ministerium eigentlich derzeit nichts tun“, sagt Turki, „und niemand weiß, was kommen wird.“

Der Abteilungsleiter kommt nicht, Turki schlägt eine Führung durch das Haus vor. Es ist ein modernes Gebäude nicht weit vom Fischmarkt von Tripolis. Die Büros des ehemaligen Zollamtes wurden vor wenigen Jahren neu eingerichtet, die Wände schimmern in frischem Weiß. Wir sprechen mit einer jungen Kollegin Turkis, die Dokumente auf Französisch übersetzen soll, aber jetzt eingesunken auf ihrem Stuhl sitzt und berichtet, wie sie vergeblich auf Aufträge wartet.

Wir besuchen die Visa-Abteilung, die keine Touristenvisa vergibt. Zu fünft starren sie auf einen Fernseher und warten, dass der Tag ein Ende nimmt. „Siehst du“, sagt Turki, „wir warten alle, bis etwas passiert.“ Nur in einem Büro geht es geschäftig zu. Anträge werden kopiert, ein Angestellter wuchtet einen Stapel Papiere auf den Tisch, sofort scharen sich mehrere Mitarbeiter um den Schreibtisch. Es ist die Lohnbuchhaltung, die die Gehälter der 350 Angestellten überweist.

Von einer Behörde zum Ministerium aufgewertet

Wir gehen zurück und setzen uns wieder ins Büro des Abteilungsleiters. Ein Kollege Turkis kommt vorbei und entschuldigt sich gleich wieder. Er müsse etwas erledigen, sagt er und winkt mit einem Papier, als wäre es eine Trophäe. In solchen Momenten ist Turki zuversichtlich. Dann denkt er, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis das Ministerium seine Arbeit richtig aufnimmt. Aber es gibt auch die anderen Tage. Die Tage, an denen er es kaum aushält, an denen ihn das Warten auf Arbeit fast verrückt macht. „Ich möchte jetzt etwas tun“, sagt er, „ich bin 35 Jahre, ich bin in einem Alter, in dem ich etwas bewegen kann.“

Immerhin, allein dass es ein Tourismusministerium gibt, ist eine positive Entwicklung. Im Juni standen plötzlich bewaffnete Rebellen in der Lobby und wollten das Gebäude übernehmen. Sie hatten einen Brief des Verteidigungsministers in der Hand, der sie zur Räumung ermächtigte. Aber die Angestellten weigerten sich, die Behörde aufzugeben. Später hieß es, dass der Brief gefälscht war. Im Oktober wertete die Regierung die frühere Behörde zum Ministerium auf. An der Spitze steht mit Ikram Bashemam eine Frau.

Der Abteilungsleiter erscheint zwei Stunden später als erwartet. Zakaria Abzied ist schlecht rasiert, er sieht überarbeitet aus. Verantwortlich ist er für das Ressort Werbung und Medien, er kommt gerade aus einer Besprechung mit seiner Chefin Ikram Bashemam. „15 Minuten“, sagt er, als gebe es keine Zeit zu verlieren, „nicht länger.“ Aber dann spricht Abzied von Grundsätzlichem, vom Inlandstourismus, der zunächst aufgebaut werden soll, und von der fehlenden Infrastruktur. „Wir wollen durch den Tourismus unabhängiger vom Öl werden“, sagt er, „aber dafür braucht man enorme Investitionen.“ Gerade 305 Hotels gab es im Jahr 2010 mit rund 15.800 Zimmern im ganzen Land. Nur wenige davon hätten Erfahrung mit Touristen.

Gaddafi wurden die vielen fremden Leute suspekt

Die Widerstände gegen den Tourismus sind in manchen Teilen des Landes groß. Es gibt Religiöse, die bei Tourismus an sinnloses Vergnügen, betrunkene Männer und knapp bekleidete Frauen denken. „Wir müssen erst ein Bewusstsein für den Tourismus schaffen und Aufklärungsarbeit leisten“, sagt Abzied.

Massentourismus wie in Tunesien und Ägypten schreckt viele ab. Abzied spricht deshalb lieber von Sahara- und Kulturtourismus „Wir wollen einen Tourismus, der sich auf mittel- und hochpreisige Angebote konzentriert.“ Und das Touristenvisum? „Es wird bald kommen, aber das Thema hat im Ministerium nicht höchste Priorität.“

Tourismus in Libyen - das ist ein zähes Projekt. 42 Jahre Herrschaft haben ihre Spuren hinterlassen. „Gaddafi hat sich für Öl interessiert. Und sonst für nichts“, sagt Zakaria Abzied. Vor einigen Jahren sah es schon einmal danach aus, als würde sich das Land öffnen. Muammar al Gaddafis Sohn Saif trieb den Tourismus voran. Tatsächlich war 2006 das erfolgreichste Jahr, 125.480 Besucher wurden gezählt. Aber Muammar al Gaddafi wurden die vielen fremden Leute in seinem Land suspekt. Ein Jahr später bestimmte er quasi über Nacht, dass alle Visa und Pässe von ausgewählten Büros ins Arabische übersetzt werden müssen. Nicht einmal die Tourismusbehörde wurde informiert.

„Großes touristisches Potential

Als das Gesetz in Kraft trat, herrschte Chaos. Die Fluggesellschaften mussten ihre Passagiere nach Europa zurückfliegen. Vor Tripolis lag ein Kreuzfahrtschiff mit mehr als tausend Gästen, die sich auf den Landgang vorbereiteten. Doch die Gäste durften nicht von Bord. Die Reiseführer, die an Land auf ihre Reisegruppen warteten, ballten die Fäuste.

Wenn es um die Verhinderung des Fremdenverkehrs ging, zeigte sich Gaddafi stets einfallsreich. Mal mussten Reisende hohe Kautionen hinterlegen, mal durften Touristen nur über bestimmte Reiseagenturen buchen. „Immer wenn wir das Gefühl hatten, dass wir vorankommen, erfand er eine neue Verordnung, die uns zurückwarf“, erinnert sich Abzied. In den letzten Jahren des Gaddafi-Regimes kam der Tourismus fast zum Erliegen. Gerade 32.038 Touristen bereisten das Land 2010, dem Jahr vor dem Krieg. In Tunesien waren es knapp sieben Millionen, in Ägypten fast 15 Millionen. Zahlen, von denen man in Libyen aber nicht mal träumen will. „Wir rechnen damit, dass wir vielleicht in fünf bis zehn Jahren ein bis zwei Millionen Touristen haben“, sagt Zakaria Abzied.

Als Jeff Wilson die Zahl hört, beginnt er zu rechnen. Der Amerikaner sitzt in seiner Reiseagentur in Tripolis, er ist 40 Jahre alt, hat einen kahlen Kopf und einen langen, angegrauten Spitzbart. „Zwei Millionen hat er gesagt? Wenn ich davon nur einen kleinen Teil abbekomme, wäre ich schon erfolgreich.“ Wilson kam Ende 2011 mit seiner Schwester Jill nach Tripolis, wenige Wochen nach dem Krieg. „Das Land hat großes touristisches Potential“, sagt Jeff Wilson. In Tripolis führt er mit einem libyschen Partner die Agentur Libya Travel & Tours. Sie gestalteten eine Internetseite, Jill wurde bei Facebook, Tripadvisor und in den „Lonely Planet“-Foren aktiv. Dort tummeln sich die, die nur darauf warten, einreisen zu können, Kulturinteressierte, Abenteurer, einer hatte die ganze Welt bereist und benötigte seinen letzten Länderstempel.

Nicht einmal das Bezahlen ist einfach

Die ersten Kunden kamen, kurz gab es sogar Touristenvisa. Doch dann verschlechterte sich die Sicherheitslage rapide, im Herbst brannte in Benghasi die US-Botschaft, vier Diplomaten starben. Das Touristenvisum war bereits zuvor abgeschafft worden. Wilson besorgt Touristen jetzt für 400 Dollar ein Geschäftsvisum, das ihrer Meinung nach touristische Besuche erlaubt. In Libyen, das keine verlässlichen Sicherheitsstrukturen kennt, ist es allerdings nicht ratsam, mit solchen Papieren zu reisen.

Noch ist mit dem Libyen-Tourismus kein Geschäft zu machen. „Bislang ist es aber auch kein Verlustgeschäft“, sagt Jeff Wilson. „Ich schaffe eine Basis für später.“ Wenn es losgeht, will er einen Startvorsprung haben.

So nutzen die Wilsons die Zeit. Sie klappern Hotels und Sehenswürdigkeiten ab, testen die Englischkenntnisse der Hotelangestellten, erkundigen sich, ob eine Bezahlung mit Kreditkarte möglich ist, handeln Ermäßigungen aus. Pionierarbeit, an der sie manchmal verzweifeln könnten. Auf Faxbestätigungen antworten Hotels selten. E-Mail-Anfragen versenden sich selbst bei teuren Hotels. Eine Reisegruppe stand trotz Buchungsbestätigung schon mal vor einer geschlossenen Unterkunft. Der Fahrer musste das Hotel aufschließen und für die Gruppe kochen. Nicht einmal das Bezahlen ist einfach. Da die Hotels selten ein Bankkonto haben, muss Wilson die Geldbeträge mit dem Taxi losschicken.

All das, was der junge Staat noch nicht leisten kann

Bashir Ghadi öffnet ein Fenster. Licht flutet den Bürocontainer. Ghadi ist stellvertretender Vorsitzender des Verbands der Touristenführer, 59 Jahre alt, ein freundlicher Mann mit einem großen grauen Schnauzer. Er blickt hinaus auf den leeren Parkplatz und den Eingang zu den Ruinen von Sabrata. „Ist der Blick nicht hervorragend?“, fragt er. „Von hier konnte Gaddafis Geheimpolizei alles sehen.“ Die Beamten sahen, wer die Touristen waren, sie konnten sogar hören, was die Besucher am Eingang sagten. In diesem Container wachten sie und meldeten jedes verdächtige Gespräch. „Aber jetzt ist es unser Büro“, sagt Bashir Ghadi.

Sabrata liegt etwa 70 Kilometer westlich von Tripolis, es ist neben Leptis Magna die bekannteste Ausgrabungsstätte des Landes. Die Stadt wurde im 7. Jahrhundert vor Christus von den Phöniziern gegründet. Mit Leptis Magna und Oea, dem heutigen Tripolis, bildete Sabrata Tripolitanien. Hier kreuzten sich die Handelsstraßen, der südliche Weg durch die Sahara und die West-Ost-Verbindung zwischen Karthago und Alexandria. 1982 wurde Sabrata in die Unesco-Liste als Weltkulturerbe aufgenommen. Es gibt derzeit nicht viele Menschen, die den Ort besuchen. Ein paar Jugendliche steigen die Treppen des Theaters hoch, eine Gruppe Universitätsprofessoren diskutiert gestikulierend. Aber nicht die wenigen Besucher machen Bashir Ghadi Sorgen. Gras wächst durch die Mosaike, Sand hat sich über die Quadersteine gelegt, und es gibt viel Vandalismus und Schmierereien.

Doch damit soll nun Schluss sein. Vor einigen Wochen haben sie den Namen ihres neuen Verbandes auf den alten Bürocontainer der Gaddafi-Polizei geschrieben. „Adalil Association for Guiding and Tourist Awarness“, steht groß auf der weißen Fassade. Aus einem Ordner holt Bashir Ghadi das Gründungsprotokoll hervor und referiert. Sie wollen die Stätte pflegen, Touristenführer fortbilden, Kontakt zu anderen Vereinigungen aufnehmen und Aufklärungsarbeit bei den Bewohnern Sabratas leisten. Kurz: Sie wollen all das machen, was der junge Staat noch nicht leisten kann.

Sie wollen nicht mehr länger warten

Neulich haben sie im Namen des Verbandes ihren ersten Brief geschrieben. Es ging um die Sorgen, dass die Anwohner ihre Häuser weit in das Areal der Ausgrabungsstätten hineinbauen. Knapp zwei Wochen später kam eine Antwort, ein nichtssagendes Schreiben der archäologischen Behörde mit ein paar tröstenden Worten. Man sei sich des Problems bewusst und wolle sich dessen annehmen. Bashir Ghadi hält den nichtssagenden Brief in seiner Hand wie eine Urkunde. „Es ist unsere erste Antwort“, sagt er und heftet ihn in einem Ordner ab.

Vor wenigen Jahren hätte sich Bashir nicht vorstellen können, einen Verband zu gründen. „Gaddafi hätte das nicht erlaubt.“ Einen Brief schreiben? Er lacht. „Die hätten uns sofort festgenommen.“ Jetzt aber hält er sogar eine Antwort in Händen. Er streicht über das Papier. „Es ist ein Wunder.“

Der Brief hat ihnen Mut gemacht. „Wir wollen nicht davon abhängig sein, dass das Ministerium von sich aus etwas unternimmt“, sagt Bashir Ghadi. Rund 50 Mitglieder hat der Verband. Jeder hat 20 Dinar in die Kasse eingezahlt, damit sie Stifte und Blöcke kaufen können. „Wir nehmen die Sache jetzt selbst in die Hand“, sagt Ghadi. Sie wollen nicht mehr länger warten.

Der Weg nach Libyen

Sicherheit Das Auswärtige Amt spricht derzeit eine Reisewarnung für Libyen aus, weil die Gefahr von Anschlägen besteht. Deutsche Staatsbürger werden aufgefordert, die Stadt und Region Benghasi zu verlassen. Tripolis, Leptis Magna und Sabrata gelten zwar als vergleichsweise sicher, allerdings werden derzeit keine Touristenvisa erteilt. Ob und wann wieder Visa erhältlich sind, ist unklar.

Auskünfte über Libyen gibt das Auswärtige Amt auf seiner Website www.auswaertiges-amt.de.

Reiseveranstalter Die Reiseagentur von Jeff Wilson heißt Libya Travel & Tours, sie ist in Libyen erreichbar unter der Telefonnummer 0 02 18/21/3 34–641 5. Mehr Information auf www.libyatravelandtours.com.

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