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Laos Der Blick der tausend Buddhas

10.03.2010 ·  In seiner Hauptstadt Vientiane spiegelt sich die ganze Schicksalslast von Laos wider. Das Land hat viele Herren kommen und gehen sehen, doch eines darüber nie verloren: seinen Seelenfrieden.

Von Hartmut Hallek
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Der Mönch sitzt im Strahl der Morgensonne wie ein in Bronze gegossener Buddha da. Regungslos kniet ein Paar vor ihm, die Hände zum Wai geschlossen. Eine kleine alte Frau kauert hinter ihnen, die Hände zur Fürbitte hoch über den Kopf erhoben. Hilfe erflehen sie hier inmitten von Opfergaben und umhüllt vom harzigen Duft der Räucherstäbchen. Der kahlgeschorene Mann in der safranfarbenen Robe erteilt die Segnung in beschwörendem Singsang. Später wird er ihnen weiße Bänder über das Handgelenk streifen, um den Bann des Bösen, das sie heimsuchte, zu brechen - in aller Innigkeit und Öffentlichkeit des Vat Si Muang. Farbenfroh überragt der Sim, die Ordinationshalle des buddhistischen Klosters, einen Park im Zentrum der laotischen Hauptstadt Vientiane. In der Tiefe seiner grünschimmernden Wände und goldglänzenden Säulen erhebt sich ein Lingam, ein hinduistisches Phallussymbol. Der für uns kaum zu entschlüsselnde Ort religiöser Einkehr nährt sich aus vielen Quellen, Mythen und spirituellen Legenden. Es ist ein volkstümlicher Platz, auf dem Menschen beten, Früchte, Kerzen, Klebreis, Blumen opfern, Wünsche aussprechen, Schwangere eine gute Niederkunft erbitten und die drei Kauernden nun den Sim verlassen.

Ein paar Schritte weiter verströmt ein Koloss in Bronze sozialistisches Pathos: König Sisavang Vong in Pluderhosen. Die Linke hat er mit geöffneter Handfläche erhoben, fast wie Buddha, eine landesväterliche Friedensgeste, die Verfassung als Palmblattbuch in seiner Rechten. Für Loyalität zu Gesetz und Volk steht er und ist eine Spende der Sowjetunion anlässlich des Besuchs seines Thronfolgers Vatthana in Moskau. Zu sagen hatte ein König von Laos da schon lange nichts mehr, Sisavang Vong war zudem längst tot. Als Laos Ende der siebziger Jahre Volksrepublik wurde, verschleppten die neuen Machthaber König Vatthana samt Familie "zur Umerziehung" in ein Lager. Oft warteten dort Fronarbeit und Hunger und ein einsamer, elender Tod. Er starb 1980, von der Königin fehlt jede Spur. Bis heute ist die den Kommunisten verhasste Monarchie monumental präsent, ihre Bilderstürmer wagten es nicht, das Geschenk der roten Brüder in Moskau vom Sockel zu stoßen.

Das Märchen vom machtlosen König

Vientiane hatte viele Eroberer, viele Herren. Sie kamen und gingen und mit ihnen Weltbilder - Burmesen, Siamesen, Vietnamesen, Chinesen, Franzosen. Das kleine Laos, das meist zwischen allen Fronten lag, unterwarfen sie, vertrieben nicht selten seine Bewohner, zerstörten ihre Häuser und die ihrer Götter. Vientiane, das war oft Leid und selten Glück, wie auch später unter Amerikanern oder Russen. Die Koordinaten aber, an denen die Menschen ihr Leben ausrichten, die Geisteswelt, die ihre Seele nährt und tröstet, lieferte immer der Buddhismus. Eine ganze Parade bunter Tempelanlagen, Wandelhallen und Klöster passiert man während der kurzen Fahrt vom Flughafen ins Zentrum. Seit Gründung des Reiches Lane Xang unter König Fa Ngum im vierzehnten Jahrhundert war der Buddhismus Staatsreligion und soziales Konzept. Als Konstante zieht er sich durch die Geschichte des Landes und seiner kleinen Hauptstadt. Immer wieder war der Sturm von Krieg und Zerstörung durch sie gefegt. So blieb nicht viel von einem tausendjährigen Leben, nicht viel in Stein, nicht viel in Holz oder Mörtel, wie man hier eben so baute, doch hat alles Spuren hinterlassen. Bei den Menschen, in ihren Herzen, in Mauern und Tempeln, im Gesicht der Stadt.

Viang Chan hieß die Stadt, bis die Franzosen kamen. Sie machten sie zu Vientiane und zum Verwaltungszentrum, Laos zur Kolonie. Da war der Ort zerstört von den Siamesen, entvölkert, verfallen, überwuchert von Dschungel. Tempel bauten die Franzosen wieder auf, legten Straßen wie auf einem Schachbrett an, von Bäumen gesäumt, die sie bis heute in grüne Schatten tauchen. In Luang Prabang, der alten Hauptstadt, bauten sie einen schneeweißen Palast - eine Bühne, auf der ein machtloser König sein Märchen von sich selbst spielen durfte - und hier in Vientiane das, was man brauchte, um zu herrschen. Heute noch stehen entlang den Straßen Zeugen jener Zeit vom Ende des neunzehnten bis in die Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts, Reste von Indochina, das Stoff und Ort zugleich war für Begegnungen zwischen den Welten in Literatur und Film - jene exotische Kulisse, durchwoben von einer gewissen Melancholie, durchtränkt von feuchter Hitze, die das Leben verlangsamt und westlichen Eifer besiegt. Vientiane war kein Ort für ein Filmepos wie "Indochine", war nie kapriziös wie Hanoi, nie verrucht wie Saigon, Vientiane, das war der Hinterhof Hinterindiens. In diesem Geviert aber von Alleen unter Frangipani und großblättrigen Teakholzbäumen scheint alles Indochine, hier, um den früheren Gouverneurspalast, der nun der des Staatspräsidenten ist. Umgeben von verwitterten Villen im französischen Stil, erhebt sich der Ho Phra Keo, leicht, mit Staffeldächern und geschweiften Giebeln, über einem Säulengang, als wolle er allem Irdischen entsagen.

Der goldglänzende Berg Meru

Viele Besucher aus Thailand kommen hierher, um zu beten. Der Tempel König Setthatirets, unter dem Vientiane 1560 Hauptstadt wurde, barg nichts Geringeres als den Smaragd-Buddha, das heiligste Heiligtum für die Thais, das heute im Wat Pra Kae in Bangkok steht. Die oft in sich gekehrten Laoten mögen die Thais nicht besonders, obwohl man dieselbe Sprache spricht und auch sonst verwandt ist. Laut seien die Thais, veräußerlicht, wandelnde Amulettsammlungen, während sie selbst Buddha im Herzen trügen. Die Thais, sagen sie, haben den Smaragd-Buddha gestohlen, das Land mit den Franzosen geteilt, Vientiane zum Grenzposten gemacht, unsere Tempel zerstört. Auch das Nationaldenkmal des Landes, den That Luang, ein Stupa, der sich wie ein goldglänzender heiliger Berg Meru über der Stadt erhebt, rissen sie auf, um an vermutete Schätze zu gelangen. Die Franzosen bauten That Luang wieder auf; die Klosteranlage Vat Sisaket gegenüber, eine ummauerte Tempelstadt, überdauerte als einzige den Sieg der Siamesen. Tausende von Buddhastatuen in Holz, Bronze, Keramik, Stein und Silber schauen hier aus Nischen und Wandelgängen den Betrachter an. Es ist ein wunderbarer Ort noch im Verfall. Putz rieselt, mit ihm die Wandmalereien, eine Phantasiewelt, die den damaligen König Anouvong als Sieger auf den Schlachtfeldern preist. Kurz darauf wurde er als Kriegsbeute in einem Käfig in Bangkok ausgestellt und starb.

Auch Patuxai, das Siegestor, eine gedrungene, düstere Version des Arc de Triomphe in Paris, beschwört vergeblich ein Sieger-Laos herauf. China spendierte nicht nur den Park um den arg verschnörkelten Bau, sondern auch das Stadion für die Southeast Asia Games 2009 - einhundert Millionen Dollar, das konnte sich der bettelarme Gastgeber nicht leisten. Vom Luftschloss Arc de Triomphe hat man einen schönen Blick auf Vientiane. Wie unter einem grünen Schirm schmiegt es sich an den weiten Bogen des Mekong.

Leben zwischen Buddha, Marx und Dollars

Vientiane ist ein Abbild des Landes wie keine zweite Stadt, eines Lebenslaufs, der von Krieg und Niederlage, von Königreich und Vasallenstaat, Kolonialisierung und Sozialismus keine Facette ausließ. Der Perestrojka folgend, proklamierte man das Neue Denken "chintanakan mai" und eine neue Wirtschaft, blieb sozialistische Republik mit Einparteienherrschaft. Vor wenigen Jahren noch döste die Stadt am Mekong vor sich hin, abgeschlossen vom Rest der Welt in diesem einzigen Binnenland Hinterindiens. Mitten im Zentrum liefen Hühner über unbefestigte Straßen, ein Restaurant zu finden war ein kleines Abenteuer. Gut sortierten Weinhandel gibt es heute, Spas oder Boutiquehotels, immer öfter kann man in Dollar oder Baht bezahlen. Das Leben ist schneller geworden zwischen Buddha, Marx und Dollar. Neues schiebt sich in das Gesicht der Stadt, neue Werte, neue Bauten. Das Alte schätzen sie wohl nicht besonders, zerstören oder beherrschen es ohne Gefühl für die Kleinteiligkeit des Ortes, wie das vierzehngeschossige Hotel Don Chan Palace, das alles Gleichmaß sprengt und die Stadtsilhouette aufreißt. Oder da gibt es fünf-, sechsgeschossige Torten aus Zement, wie man sie aus Vietnam kennt, und das alte chinesische Shophouse lebt wieder auf, mit abstrusen Architekturzitaten auf Palast getrimmt und abends mit Licht in Szene gesetzt wie an der Rue François Nginn: lackierte Balustraden vor Hauswänden mit glänzenden Steinflächen, dick aufgetragenen Dekorsimsen und Schmuckbändern neben einem Bau, der mit steinernen Lotusblumen die spirituelle Heimat zitiert.

Manch ein Palais der Franzosen steht noch, in Holz und Stein, Verblichenes in Pastell unter uralten Frangipani. Zartsüß duften ihre Blüten in Rosé oder Vanilletönen von Stämmen und Ästen in bleichem Grau, die sich in wirrem Muster in den Himmel recken. Es hat etwas von Verzweiflung. Sie sind das Symbol von Laos wie der Klebreis und die traditionelle Musik. Vieles ist gezeichnet von Klima und Mangel. Verwittertes Dekor, Böden aus Stein und Holz, in denen die Zeit ihre Spuren hinterlassen hat, Fensterhöhlen, in denen schiefe Läden hängen, Fassaden, verwaschen vom Monsun, rissige Balustraden - Accessoires großbürgerlicher Architektur, das Stück Alte Welt, das die Franzosen im feuchtheißen Südosten Asiens an den Mekong bauten. Oft blitzen Beaux-Arts herauf wie an der Avenue Lane Xang. Die Place Nam Phou indes, ein Halbrund um die große Fontäne, das wohl als weltläufiger Mittelpunkt gedacht war, gesäumt von zweigeschossigen Häusern, täuscht. Die Fassaden mit kleinen Bogenfenstern und Reliefbögen sind kaum fünfzig Jahre alt - abgeguckt der einstigen Kolonialmacht. Heute baut man großspurig nach chinesischem Vorbild, wie die Kulturhalle: Pathos, das Menschen zu Zwergen macht.

Apéritiv am Ufer des Mekong

Ein paar teure Restaurants gibt es um die Place Nam Phou, "L'Opéra" heißen sie etwas überkandidelt oder "La Cave des Châteaux". Abends funkelt hier ein Kandelaber auf den funzelig beleuchteten Platz hinüber, während Karte und Chefin ein französisches Schlaraffenland versprechen: Soupe de marché, Aubergines au chèvre chaud oder Cuisses de grenouille à la provençale. Madame hat gut zu tun. Die Menschen von Vientiane aber gehen abends woandershin. Zum Beispiel in die Food Street, wie sie touristenfreundlich heißt, ein kurzes Stück Nachtmarkt an der Rue Phainam hinter einem schmächtigen Gebäude unter Bäumen. Rauch und Dampf steigen auf, heiße Blutwürste werden an Ort und Stelle verputzt, ihr Fett verzischt in glühender Holzkohle, und jeder ist eingeladen zu probieren. An einem Plattenstand klingt leiernd laotische Popmusik, ein paar Schritte weiter kommen junge Männer federnden Schrittes aus der Hocke und werfen mit Körperschwung die Boulekugel - ganz wie in Frankreich. Um die Ecke an der Rue Chao Anou widmet sich auf einer Terrasse eine Familie mit Hingabe Karaoke. Die schiefen Töne klingen nach, als wir unsere Schritte dorthin lenken, wo abends fast alle sind: zum Sundowner am Mekong.

Zu Tausenden kommen sie und blicken auf Mae Khong, die Mutter aller Ströme, die das Land fast zweitausend Kilometer lang mit ihren schlammbraunen Wassern beglückt. In der Regenzeit schwillt sie gewaltig an, schwappt an die Hochufer und hätte Vientiane letztens fast ertränkt. Tief steht die Sonne am Himmel drüben über Thailand, wo der Mekong hinter den Sandbergen dahinströmt. Garküchen laden auf wackeligen Stühlen an wackelige Tische ein, es riecht nach Fischsauce, Chili und tranig nach getrocknetem Tintenfisch. Die wie zu Pergament gewalzten Leckerbissen in der einen, den Holzofen mit der Glut in der andern Hand, eilen Frauen herbei. Eine fächelt neben uns Holzkohle zum Glühen, legt den Tintenfisch auf das Eisengitter. Ein Pärchen greift zu, sein Tisch ist schon gut gefüllt mit Salaten und Nudelsuppen: Bankett am Mekong. Hier schwingen die Frauen das Zepter. Viele Gäste sitzen auf Teppichen und Matten, trinken Beerlao und lassen sich das Nationalgericht Laap schmecken, einen lauwarmen, pikanten Fleischsalat mit Minze.

Fürstlicher Lohn zu später Stunde

Gegen elf geht es mit dem Tuk Tuk ins Hotel, ein Bau aus französischer Zeit. Kaum eine Menschenseele unterwegs. Einem schwarzen Stretchcadillac entsteigen zwei sehr kurz berockte Damen und entschwinden hinter einer Tür. Im französischen Restaurant wird gerade der Kandelaber ausgeknipst, das Tuk Tuk knattert durch die fast dunklen Straßen. Der Fahrer ist vergnügt. Zehntausend Kip Lohn, fast ein Euro, eine richtig gute Sause.

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