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Lake Superior Wo nur ist das North Country Girl?

11.03.2007 ·  Bob Dylan wuchs hier auf und widmete dem „North Country Girl“ einen seiner schönsten Songs: Der Lake Superior ist der größte der Großen Seen Nordamerikas. Im Winter verwandelt er sich in ein eisiges Wunderland fernab vom Massentourismus.

Von Volker Mehnert
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Die Fähren liegen festgefroren im Hafen. Alle Segelboote in der Marina von Bayfield sind aufgebockt und mit Plastikplanen verschnürt. Dick vermummte Spaziergänger laufen auf der Uferpromenade entlang und trotzen dem beißenden Wind, der über den See fegt. Manchmal bleiben sie kurz stehen und schauen aufs Eis hinaus, doch der Wind treibt sie weiter. Nicht lange, und sie werden sich in ihrem Hotel vor dem Kaminfeuer wiederfinden und durchs Fenster beobachten, wie der Mond langsam über dem See aufsteigt. Rot und grün blinken die Leuchtfeuer an der Hafeneinfahrt, doch für wen? Nicht einmal der letzte Autofahrer, der einsam über das dicke Eis durch die Dunkelheit von Madeline Island herüberkommt, scheint sich daran zu orientieren. Er benutzt den „ice highway“, der mit kleinen Tannenbäumen markiert ist.

Der Lake Superior, der größte der Großen Seen, der von Wisconsin, Minnesota, Michigan und Ontario begrenzt wird, erscheint um diese Jahreszeit als riesige, verschneite Eisfläche, unterbrochen lediglich von den Konturen der Apostle Islands, die wie abgebröckelte Krümel vor der Bayfield Peninsula im Wasser liegen. Nur ganz in der Ferne, zu seiner Mitte hin, ist der See nicht zugefroren, sondern schimmert blau am Horizont. Doch auch das kann sich noch ändern. Nicht oft, aber manchmal friert der riesenhafte See sogar auf seiner ganzen Fläche zu.

Übers Wasser marschieren

So beharrlich der Superior gefriert, so beruhigend wirkt er sich auf den Rhythmus des Lebens an seinen Ufern aus. Eile ist von Dezember an keine mehr geboten, denn es gibt immer weniger zu tun. Die Zeit scheint gekommen für den „North Country Blues“, den einst der junge Bob Dylan, der als Robert Zimmerman am Ufer des Sees geboren wurde, besungen hat: „The summer is gone / the ground's turning cold / the stores one by one, they are folding.“ Bob Dylan hat seiner kalten Heimat rasch den Rücken gekehrt; geblieben sind ein paar nostalgische Lieder.

Doch nicht alles ist Blues im North Country. Wenn das Eis fest genug ist, öffnet der Lake Superior seinen spektakulärsten Wanderweg und präsentiert ein großartiges Naturschauspiel. Jetzt kann man in der Apostle Islands National Seashore, unterhalb der Sandsteinklippen, übers Wasser marschieren und zu den bizarren Eishöhlen vordringen, die Wind und Wellen, Wasser und Frost in den Wochen vorher gestaltet haben. Drei, vier und fünf Meter lange Eiszapfen hängen von den Felsvorsprüngen herab: kristallklar, milchig-weiß oder blau schimmernd und in phantastischem Kontrast zum roten Sandstein.

Gigantische Eiswüste auf dem See

Über Jahrtausende haben die Herbststürme mit ihren bis zu sieben Meter hohen Wellen die Uferzone untergraben und Höhlen, Hohlräume und zerklüftete Spalten geschaffen, in denen Stalaktiten wachsen, hauchdünne Eisnadeln aus der Decke herausschießen und meterbreite Schleier aus Eis herabhängen. Von oben gefrieren kleine Wasserfälle, und von unten bauen sich festgefrorene Wellen an den Steilwänden auf und streben den herunterwachsenden Eisskulpturen entgegen. Jede Höhle, jede Ausbuchtung entlang des drei Kilometer langen Küstenabschnitts ist eine eigene unwirkliche Märchenwelt für sich, die überdies von Tag zu Tag neue Gestalt annimmt.

Schaut man in die entgegengesetzte Richtung, zeigt sich noch ein Werk der Natur: die gigantische Eiswüste auf dem See. Man hat das Gefühl, durch die Arktis zu wandern, eine Arktis freilich, die von rotem Sandstein begrenzt ist. Packeis, so weit das Auge reicht, aufgeworfene Eisschollen und hier und da eine Spalte, an der es knirscht, knistert und kracht. Darunter befindet sich sieben bis zehn Meter tiefes Wasser, das bis an die Steilküste heranreicht. Abgesehen von den unvermittelten Geräuschen des Eises herrscht völlige Stille. Man kann verstehen, dass die Algonquin- und Ojibwe-Indianer hier das Ende der Welt vermutet haben.

Idealisten bieten Skispaß für wenig Geld

Die Apostle Islands wurden vor kurzem vom „National Geographic Magazine“ zum ökologisch intaktesten Nationalpark der Vereinigten Staaten erkoren. Die langen Winter und die niedrigen Wassertemperaturen im Sommer halten den Andrang der Besucher in engen Grenzen. Die Saison geht von Mitte Juni bis Mitte September, und auch dann fahren nur zwei kleine Ausflugsdampfer zu den einundzwanzig Inseln hinüber. Angelandet wird kurz an dem einen oder anderen Leuchtturm, wer länger bleiben will, braucht sein eigenes Boot. So kann man, im Winter sowieso, aber auch im Sommer, eine Insel oder gar den ganzen Nationalpark für sich allein haben. Dass sich in den kleinen Städten vor seinen Toren bislang nicht eine einzige der bekannten amerikanischen Hotel- oder Restaurantketten angesiedelt hat, spricht für sich. Hier lässt sich mit Touristen kein großer Gewinn machen; die örtlichen Gastwirte kommen mit Mühe über die Runden.

Big Business kann auch im Skigebiet am Mount Ashwabay nicht Fuß fassen. Knapp vierhundert Meter über dem Wasserspiegel sind die Pisten dort weder lang noch anspruchsvoll. Aber allein der Blick auf den See lohnt die bescheidenen neun Dollar für das Tagesticket. Ashwabay ist einer jener „Mom and Pop Ski Areas“, die in Amerika immer noch überleben, weil die Besitzer Idealisten sind und die Gemeinden sich einen Skibetrieb leisten wollen. Sie sind groß genug, um ein wenig Skispaß zu erlauben, aber zu klein, um das Interesse der Konzerne zu wecken, die das Skigeschäft in Amerika kontrollieren.

Was wurde aus Bob Dylans Jugendfreundin?

Auf diese Weise bleibt ein Skisport erhalten, wie er vor fünfzig Jahren üblich war: mit Schleppliften und einer rustikalen Bretterbude, in der man Kaffee, Cola und Snacks kaufen kann. Nach fünfzig Jahren Betrieb bekommt Ashwabay nun seinen ersten Sessellift: gebraucht, gespendet von einem anonymen Sponsor und installiert in Gemeinschaftsarbeit von wenigen Experten und vielen freiwilligen Helfern. So funktioniert Skifahren in Amerika auch noch im einundzwanzigsten Jahrhundert.

Nach solchen Erlebnissen an der frostigen Peripherie des amerikanischen Winters könnte man sich getrost in den bereitgestellten Sessel vor dem Kamin fallen und den Aufenthalt am Lake Superior mit Nichtstun ausklingen lassen. Doch jeder Reisende hat in diesen Breiten einen Auftrag zu erfüllen: die Suche nach jenem „Girl of the North Country“, von dem Bob Dylan in seiner Ballade aus den frühen sechziger Jahren erzählt: „So if you're travelling in the north country fair / where the winds hit heavy on the borderline / Remember me to one who lives there / She once was a true love of mine.“ Man soll, so die Bitte, auch nachschauen, ob sie im kalten Winter warm genug angezogen ist. Aber was mag aus ihr geworden sein, lebt sie überhaupt noch, die Schulfreundin, die hier zurückblieb und vielleicht jahrelang ihrem Bobby nachtrauerte, der inzwischen in der Welt berühmt wurde?

Dramatisch anmutende Industrielandschaft

Die Suche wird wohl auch in Duluth vergeblich bleiben, dem Geburtsort des Sängers. Dafür zeigt sich, dass die Stadt ein verkanntes Gesicht besitzt: Sie hätte die Voraussetzungen für weltweiten Ruhm gehabt, als Reiseziel sogar ein leuchtendes San Francisco der Großen Seen werden können. Denn sie liegt am äußersten westlichen Ende des Lake Superior und schlingt sich im Halbkreis um eine mächtige Bucht. Die Wohnviertel wurden auf einem bewaldeten Bergrücken errichtet: eine Gartenstadt zwischen Wiesen und Bäumen, mit grandiosen Ausblicken auf den riesigen See. Für eine touristische Karriere war Duluth dennoch nicht auserkoren.

Am Seeufer nämlich entfaltet sich eine dramatisch anmutende Industrielandschaft aus Kaimauern, Kränen und Frachtschiffen, aus Eisenbahnschienen und kilometerlangen Güterzügen, Getreidesilos und Lagerhäusern, Autobahnen und Brücken über den St.Louis River, der hier in den See mündet. Duluth, die Schöne, hat sich schon früh der Schwerarbeit verschreiben müssen und im Laufe der Zeit tiefe Falten im Gesicht und harte Schwielen an den Händen bekommen. Ist sie am Ende gar Dylans „North Country Girl“?

Pulsader der amerikanischen Stahlproduktion

Die Nachfrage nach Holz, Eisenerz und Getreide hat Duluth zu einem der größten Häfen der Vereinigten Staaten gemacht; zeitweise wurde nur in New York mehr Fracht verladen als hier am Lake Superior. Ganze Wälder wurden im Norden von Minnesota und Wisconsin abgeholzt, zu riesigen Flößen zusammengebunden und über die Großen Seen nach Süden verschifft. Die Städte des Mittleren Westens, von Chicago bis St.Louis, entstanden aus den Baumstämmen, die aus den Hafenbecken von Duluth übers Wasser drifteten.

Im Jahr 1845 wurde im Hinterland des Lake Superior Eisenerz entdeckt. Fünfzig Jahre später lief durch Duluth die Pulsader der amerikanischen Stahlproduktion. Die Mesabi Range westlich der Stadt hatte sich als ergiebigste Eisenerzstätte der Welt erwiesen, um 1900 stammten drei Viertel des nordamerikanischen Eisens aus den Gruben rund um den See. Um das Erz mit der Kohle aus den fünfzehnhundert Kilometer entfernten Minen der Allegheny Mountains zusammenzubringen, gab es für die Frachter auf den Großen Seen allerdings ein Hindernis: die Stromschnellen von Sault Ste.Marie am anderen Ende des Lake Superior, am Übergang zum Lake Huron.

Jenseits des Mondes und stolz darauf

Als sich 1845 die Kunde von den Erzfunden verbreitete, machten sich dennoch acht Frachtschiffe auf den Weg und steckten im Herbst vor der natürlichen Barriere fest. Doch der Drang zum Erz und zum großen Geld machte sie auf kuriose Weise flott. Während der Wintermonate zog man die Schiffe an Land und schleppte sie auf hölzernen Rollen an den Stromschnellen vorbei. Pferde zogen sie durch die Hauptstraße des kleinen Ortes Sault Ste.Marie. „Eine Armada fährt über Land“, meldeten die Zeitungen. Gegen diese nordamerikanische Wirklichkeit ist Werner Herzogs südamerikanische Kinofiktion jenes Fitzcarraldo, der am Amazonas ein Schiff über eine Landenge schleppen lässt, eine drollige Episode.

Der Aufwand für diesen Transport war freilich auf Dauer zu groß, und deshalb baute man gegen den Widerstand einflussreicher Politiker in Washington parallel zu den Stromschnellen einen Kanal. Henry Clay, ansonsten ein vorausschauender Staatsmann aus Kentucky, hielt den Kanal für ein überflüssiges Projekt „jenseits der letzten Siedlung in den Vereinigten Staaten, wenn nicht gar jenseits des Mondes“. Jenseits des Mondes - das ist bis heute eine Redensart, die die Bewohner an den Ufern des Superior mit Stolz im Munde führen.

Route ins nordamerikanische Nichts

Der Soo Canal öffnete im Juni 1855 seine Schleusen, läutete für Amerika das Stahlzeitalter ein und machte fünfzig Jahre später die Stahlindustrie zum größten Wirtschaftszweig des Landes. Er ist noch immer eine strategische Durchfahrt für die gesamte Wirtschaft der Vereinigten Staaten. Zeitweise wurde hier mehr Tonnage transportiert als durch den Panama-, Nord-Ostsee- und Suezkanal zusammen.

Straßen waren überflüssig bei einem solchen Wasserweg, und so ist bis heute auch der Highway61 am Nordufer des Sees eine schöne, einsame Route hinaus ins nordamerikanische Nichts geblieben - trotz Bob Dylan, der ihr einen metaphysisch angehauchten Song gewidmet hat: „Highway 61 Revisited“, keine Straße durch die Wirklichkeit, sondern ein surrealistischer Ort des Blues, an dem es von eigenartigen Charakteren, von Versuchungen und seltsamen Begegnungen wimmelt. Man kann auch heute noch Halluzinationen bekommen, wenn man allein auf der Uferstraße entlangfährt: rechts die endlose Weite des Sees und links die menschenleere Wildnis der Boundary Waters mit ihren verschneiten Wäldern und bizarr gefrorenen Wasserfällen.

Von der „Edmund Fitzgerald“ blieb nur ein Song

Im Winter war und ist nicht nur der Highway von Menschen, Autos und allen guten Geistern verlassen. Auch auf den Wasserwegen kommt der Betrieb zur Ruhe, denn die Häfen und Schleusen frieren unerbittlich zu. Duluth und der Lake Superior versanken früher sogar von November bis April im Winterschlaf. Weil vorher alle noch einmal eine letzte Fahrt wagten, kam es immer wieder zu Katastrophen. Das Jahr 1926 ging in die Geschichte ein, als sich Ende November ein Frachter im Treibeis quer stellte und die Durchfahrt im Soo Canal blockierte. Dahinter saßen 247 Schiffe fest. „Handelsflotte eingefroren“, schrieben die Zeitungen. Eine überraschende Warmfront machte den Kanal zehn Tage später wieder schiffbar. Ein Jahr später froren sechsundzwanzig Frachter, die ihre letzte Fahrt zu spät geplant hatten, den ganzen Winter über fest.

Die Novemberstürme auf dem Lake Superior werden auch von der modernen Schifffahrt gefürchtet, denn zu den gewaltigen Wellen kommt tonnenweise Eis, das auf Deck und an den Bordwänden festfrieren und das Manövrieren erschweren, manchmal unmöglich machen kann. So verschwand 1975 der Erzfrachter „Edmund Fitzgerald“ kurz nach seinem Notruf von den Radarschirmen, und nichts ist von ihm geblieben als Gordon Lightfoots trauriger Song vom „Wreck of the Edmund Fitzgerald“ und den todbringenden Novemberstürmen: „Superior, they say, never gives up her dead / When the gales of November come early.“

„Ein Meer aus Süßwasser“

Wenn der Hafen von Duluth und der Kanal von Soo im dicken Eis erstarren, dann hat auch im einundzwanzigsten Jahrhundert der Winter am Lake Superior seine Herrschaft angetreten. Eisbrecher mögen eine Zeitlang die Route freihalten, aber am Ende legt noch heute eine der wichtigsten Hafenstädte der Vereinigten Staaten ihre erzwungene Winterpause ein. „The lake is the boss“, heißt es nach wie vor.

Auf der Karte mag er tatsächlich wie ein See aussehen, fährt man aber an seinem Nordufer entlang, dann erscheint der Superior grenzenlos, so groß wie ein Meer, bis zu vierhundert Meter tief und unberechenbar. Man kann förmlich zuschauen, wie er seine eigenen Stürme erzeugt, seine eigenen Nebelschwaden, seine eigenen Niederschläge. „Ein Meer aus Süßwasser“, wunderten sich die französischen Jesuiten, die im siebzehnten Jahrhundert an seinen Ufern standen und nicht wussten, was sie von einem solchen Gewässer halten sollten. Auch Bob Dylan ist dazu keine poetische Zeile eingefallen.

Mit Bob Dylan am Lake Superior

Highway 61: Die schönste Straße am Lake Superior führt zwischen Duluth und dem kanadischen Thunder Bay über zweihundert Kilometer direkt am Ufer entlang und bietet von den bis zu hundert Meter hohen Klippen herrliche Blicke auf den See.

Apostle Islands National Lakeshore: 21 Inseln und ein Uferstreifen am Lake Superior zwischen Bayfield und Cornucopia gehören zu diesem Nationalpark. Im Winter sind Wanderungen auf dem See zu den Eishöhlen die größte Attraktion, im Sommer Segel- und Paddeltouren rund um die Inseln sowie zu den sieben alten Leuchttürmen. Das Besucherzentrum befindet sich in Bayfield, der Zugang zum Park ist kostenlos. Internet: www.nps.gov/apis.

Isle Royale National Park: Die größte Insel im Superior ist eine Wildnis aus Wäldern und Seen, nur zugänglich zwischen Mitte April und Ende Oktober. Schöne Wanderwege und gute Paddelreviere sind die größten Anziehungspunkte. Das Besucherzentrum in Houghton/Michigan hat ganzjährig geöffnet. Internet: www.nps.gov/isro.

Pictured Rocks National Lakeshore: Sechzig Kilometer geschützte Uferzone östlich von Marquette/Michigan. Eine abwechslungsreiche Landschaft mit Dünen, Stränden und Wasserfällen. An den Sandsteinklippen bilden sich im Winter bizarre Eisformationen. Internet: www.nps.gov/piro.

Informationen: Wisconsin Tourism, 201 W. Washington Ave., Madison, WI 53708, Telefon: 001/608/2662161, Internet: www.travelwisconsin.com; in Deutschland: Great Lakes of North America, Telefon: 02104/797451, Internet: www.greatlakes.de.

Quelle: F.A.Z., 08.03.2007, Nr. 57 / Seite R3
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