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Dienstag, 18. Juni 2013
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La Palma Die Bäume melken die Wolken

 ·  La Palma nennt sich selbst „la isla bonita“, die schöne Insel. Doch die Schönheit ist spröde und versteckt sich hinter einem Schleier des Ungefähren, Rätselhaften. Dabei hat sie das nicht nötig: La Palma ist eine ganz eigene Welt.

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Wie ist La Palma? Wladyslaw Gozdz hat für eine Zigarettenlänge seinen Arbeitsplatz vor dem Ofen der kleinen Glashütte verlassen. Der gebürtige Pole, der seit siebenundzwanzig Jahren auf der Insel lebt, steht vor einer Werkstatt, in der bunte Glaskugeln aus einem Beet mit Lava-Erde wachsen. Er kratzt sich lange am Kopf. „Schwer zu sagen“, sagt er schließlich, ehe er mit verlegenem Grinsen und Schulterzucken zu verstehen gibt, dass man sich besser über ein anderes Thema unterhält.

Was ist das für eine Insel, für die man selbst nach so vielen Jahren noch keine Worte gefunden hat? Die Reiseveranstalter vermarkten La Palma als „la isla bonita“, als „die schöne Insel“. Doch was heißt schon schön? Die kleine Kanareninsel taugt nicht so recht zum Produkt. Es gibt kein Alleinstellungsmerkmal, kein Wahrzeichen, das sofort ein Bild im Kopf erzeugen würde. La Palma hat noch einmal einen besonderen Ruf, sei er nun gut oder schlecht. Es scheint, dass selbst die Palmeros nicht recht wissen, was ihre vulkanische Erde denn ausmacht, beschreibt, in einem Wort benennt. Vielleicht ist die Frage, wie La Palma sei, genauso unmöglich wie die Frage, was Schönheit sei. Denn darauf muss es doch hinauslaufen, wenn von einer „isla bonita“ die Rede ist.

Die Schwestern La Palma, Kuba und Venezuela

Der Glasbläser ist wieder an seinen schweißtreibenden Arbeitsplatz vor dem Brennofen zurückgekehrt, um einen Glaselefanten zu formen. Die Glashütte liegt an der Westseite der Insel, am Stadtrand von Los Llanos inmitten von alten Herrenhäusern, in denen im siebzehnten Jahrhundert die Zuckerbarone residierten. Der Reichtum von damals ist heute der stimmungsvolle Rahmen für einen kleinen Flohmarkt, der vor allem von deutschen Auswanderern bestritten wird. Handgemachter Schmuck aus Lavastein, der aber gar nicht von der Insel kommt, sondern aus Teneriffa, Werke des Weisen Brahmaputra, alte Wanderführer und das Spanischlehrbuch „Camino 1“ werden ebenso angeboten wie Hüte aus Kaninchenhaar, alte Wasserhähne oder handgedrehte Zigarren.

Fernando Alonso und seine Frau María gehören zu den wenigen verbliebenen Zigarrenherstellern der Insel. Wie viele Zigarren sie am Tag herstellen? Herr Alonso, der es lustig findet, dass es einen zweimaligen Formel-1-Weltmeister und spanischen Nationalhelden gibt, der seinen Namen trägt, blickt seine Frau an, die neben ihm auf einem Campingstuhl sitzt. „Das kommt darauf an, wie viel wir reden“, antwortet er nach einer Weile. So, wie er es sagt, besteht gar kein Zweifel daran, dass die kurzweilige Unterhaltung mit seiner Frau mehr zählt als bloße Produktionszahlen. Wichtig ist ihm aber, dass seine Zigarren handgemacht sind. Außerdem kommen die Tabake aus eigenen Pflanzungen. Seine Zigarren könnten es leicht mit denen aus Havanna aufnehmen, sagt Herr Alonso. La Palma und Kuba oder La Palma und Venezuela seien ja ohnehin wie Schwestern.

„Sie wollen so leben wie wir“

In der gefühlten Geografie sind sich die Palmeros den Antillen und dem lateinamerikanischen Festland am nächsten. Dann kommt Afrika, von wo aus die ersten Siedler kamen, und dann erst das spanische Mutterland. In der Inselgeschichte wurde viel ein- und ausgewandert. Es gab Zeiten, da floh man nach Lateinamerika, weil die Piraten keine Ruhe gaben, Krankheiten die Insel heimsuchten oder die Armut umging. Und dann gab es Zeiten, da kamen dieselben Leute wieder zurück als reiche Geschäftsmänner oder als arme Schlucker mit nichts als einem großen Klumpen Heimweh unter der Brust. Für die meisten Palmeros gibt es keinen schöneren Ort auf der Welt als ihre Basaltburg im Meer.

Auch achttausend Ausländer, von denen fünftausend Deutsche sind, suchen hier eine Ruhe, einen Rhythmus des einfachen Lebens, den es in ihrer alten Heimat schon lange nicht mehr gibt. Das ist einer der Gründe, weshalb die „giris“, wie die Residenten manchmal abschätzig genannt werden, insgesamt gut aufgenommen werden. „Sie wollen so leben wie wir“, sagt Oscar, ein Busfahrer, der nach einem Jahr in Madrid und einem weiteren auf Teneriffa die Sehnsucht nach seiner Heimat nicht mehr ausgehalten hat. „La Palma ist für mich Sicherheit und Ruhe. Ich habe noch nicht einmal einen DVD-Spieler oder so etwas, das brauche ich nicht. Die Leute haben ein kleines Haus mit einem Garten, manche haben Reben, aus denen sie ihren eigenen Wein keltern, und am Sonntag geht man mit der Familie und Freunden zusammen essen oder grillt. Was braucht man mehr?“

Druck der Investoren ist enorm

Das siebenhundert Quadratkilometer kleine Eiland, das sich wie eine Wand den feuchten Atlantikwinden in den Weg stellt, ist der Beweis dafür, dass weniger mehr sein kann. Die mickrigen Strände reichen nicht einmal ansatzweise an die Sand- und Dünenlandschaften von Gran Canaria oder Fuerteventura heran. Dasselbe gilt für die Lavafelder, die auf Lanzarote viel eindrucksvoller sind. Und der Roque de los Muchachos sieht mit seinen 2426 Metern Höhe neben dem 3716 Meter hohen Teide auf Teneriffa tatsächlich aus wie ein „Fels der Jungen“. Kein Wunder, dass der Tourismus hier erst in den achtziger Jahren begann. Mit einer Kapazität von sechzehntausend Betten bewegt man sich immer noch in einem Rahmen, den man „sanften Tourismus“ nennen darf. Ob das auch so bleibt, ist eine andere Frage.

Der Druck der Investoren sei enorm, sagt José Cáceres von der Vereinigung „Casitas La Palma“, die die Insel vor der touristischen Totalvereinnahmung bewahren will. Es liegen Anträge für fünf Golfplätze, eine Autobahn und viele neue Hotels vor. Wohin geht La Palma? Bleibt das Biosphärenreservat auf dem ökologisch vernünftigen, aber ökonomisch bescheidenen Weg? Oder sucht man wie auf Teneriffa oder Lanzarote sein Heil in Backstein und Beton? Auf politischer Ebene scheut man klare Aussagen.

Eine einzigartige Pflanzenvielfalt zu bestaunen

Ganz ohne Superlative ist die grüne Kanareninsel indes nicht. Es gibt ein Netz von Wanderwegen mit erstaunlichen achthundert Kilometern Länge. Die Caldera de Taburiente gilt als größter Erosionskrater der Welt, bei einem Durchmesser von acht Kilometern geht es spektakuläre 1800 Meter in die Tiefe. Auch der Lorbeerwald Los Tilos ist der größte seiner Art - zumindest auf den Kanaren; in der urzeitlich verwunschenen Vegetation wachsen Exemplare mit bis zu vierzig Metern Höhe. Und da die ganze Insel auf kleinster Fläche von null bis 2426 Meter steigt, unterscheiden die Geologen fünf Klimazonen. Die Biologen hingegen staunen über achtzig Pflanzenarten, die es nur auf La Palma gibt. Überhaupt die Natur. Steigen die Wolken von der rauheren Ostseite über den Grat der Cumbre Nueva, kann man im Westen ein einzigartiges Naturschauspiel erleben: einen Wolkenfall, einen „horizontalen Niederschlag“.

Hängen die Atlantikwolken an den Berghängen, hört man, wie an den Nadeln der Pinien der Dunst kondensiert und in ungezählten Wassertropfen auf den Waldboden fällt. Die Bäume, so sagt man hier, melken die Wolken. Doch diese Wunder der Natur überwältigen nicht mit einem Mal. Ihr Zauber entfaltet sich langsam. Vielleicht liegt es auch daran, dass man im Mietwagen oder Ausflugsbus die falsche Geschwindigkeit hat und erst im Wanderschritt den Rhythmus der Natur findet. Natürlich tragen die großen und kleinen Schönheiten der Natur zum Ruf der „isla bonita“ bei. Und dennoch verzaubert La Palma nicht nur mit der Summe seiner Sehenswürdigkeiten, sondern auch mit dem, was es nicht hat - keine Golfplätze, keine Luxushotels, keine Zara-, Mango-, McDonald's-, Aldi-Filialen. La Palma sei eben eine eigene Welt, sagen die Einheimischen, die Metastasen der Globalisierung hätten es schwer, sich hier festzusetzen.

Zu groß, zu ewig und nicht zu fassen

Vielleicht ist es mit der Schönheit der Insel so wie mit dem Blick, den man vom Roque de los Muchachos hat. Hier oben in der stechend klaren Luft, dort, wo die Ureinwohner der Insel einst ihre Initiationsriten vollzogen und sich heute ein modernes Observatorium befindet, schaut man durch eine leichte Wolkenschicht ins Nichts. Tief unten im dunstigen Irgendwo wächst der Atlantik bis an den Horizont. Man sieht das Meer, man weiß, dass es da ist, und doch entzieht sich das Bild dem Verständnis. Zu groß, zu ewig ist das, was man sieht, man kann es nicht fassen. Vielleicht geht es einem mit der Schönheit La Palmas genauso.

Information: Spanisches Fremdenverkehrsamt, Myliusstraße 14, 60323 Frankfurt, Tel.: 069/72 50 33, E-Mail: frankfurt@tourspain.es, Internet: www.spain.info und www.lapalmaturismo.com

Quelle: F.A.Z., 27.12.2007, Nr. 300 / Seite R6
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