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La Palma Die Bäume melken die Wolken

 ·  La Palma nennt sich selbst „la isla bonita“, die schöne Insel. Doch die Schönheit ist spröde und versteckt sich hinter einem Schleier des Ungefähren, Rätselhaften. Dabei hat sie das nicht nötig: La Palma ist eine ganz eigene Welt.

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Wie ist La Palma? Wladyslaw Gozdz hat für eine Zigarettenlänge seinen Arbeitsplatz vor dem Ofen der kleinen Glashütte verlassen. Der gebürtige Pole, der seit siebenundzwanzig Jahren auf der Insel lebt, steht vor einer Werkstatt, in der bunte Glaskugeln aus einem Beet mit Lava-Erde wachsen. Er kratzt sich lange am Kopf. „Schwer zu sagen“, sagt er schließlich, ehe er mit verlegenem Grinsen und Schulterzucken zu verstehen gibt, dass man sich besser über ein anderes Thema unterhält.

Was ist das für eine Insel, für die man selbst nach so vielen Jahren noch keine Worte gefunden hat? Die Reiseveranstalter vermarkten La Palma als „la isla bonita“, als „die schöne Insel“. Doch was heißt schon schön? Die kleine Kanareninsel taugt nicht so recht zum Produkt. Es gibt kein Alleinstellungsmerkmal, kein Wahrzeichen, das sofort ein Bild im Kopf erzeugen würde. La Palma hat noch einmal einen besonderen Ruf, sei er nun gut oder schlecht. Es scheint, dass selbst die Palmeros nicht recht wissen, was ihre vulkanische Erde denn ausmacht, beschreibt, in einem Wort benennt. Vielleicht ist die Frage, wie La Palma sei, genauso unmöglich wie die Frage, was Schönheit sei. Denn darauf muss es doch hinauslaufen, wenn von einer „isla bonita“ die Rede ist.

Die Schwestern La Palma, Kuba und Venezuela

Der Glasbläser ist wieder an seinen schweißtreibenden Arbeitsplatz vor dem Brennofen zurückgekehrt, um einen Glaselefanten zu formen. Die Glashütte liegt an der Westseite der Insel, am Stadtrand von Los Llanos inmitten von alten Herrenhäusern, in denen im siebzehnten Jahrhundert die Zuckerbarone residierten. Der Reichtum von damals ist heute der stimmungsvolle Rahmen für einen kleinen Flohmarkt, der vor allem von deutschen Auswanderern bestritten wird. Handgemachter Schmuck aus Lavastein, der aber gar nicht von der Insel kommt, sondern aus Teneriffa, Werke des Weisen Brahmaputra, alte Wanderführer und das Spanischlehrbuch „Camino 1“ werden ebenso angeboten wie Hüte aus Kaninchenhaar, alte Wasserhähne oder handgedrehte Zigarren.

Fernando Alonso und seine Frau María gehören zu den wenigen verbliebenen Zigarrenherstellern der Insel. Wie viele Zigarren sie am Tag herstellen? Herr Alonso, der es lustig findet, dass es einen zweimaligen Formel-1-Weltmeister und spanischen Nationalhelden gibt, der seinen Namen trägt, blickt seine Frau an, die neben ihm auf einem Campingstuhl sitzt. „Das kommt darauf an, wie viel wir reden“, antwortet er nach einer Weile. So, wie er es sagt, besteht gar kein Zweifel daran, dass die kurzweilige Unterhaltung mit seiner Frau mehr zählt als bloße Produktionszahlen. Wichtig ist ihm aber, dass seine Zigarren handgemacht sind. Außerdem kommen die Tabake aus eigenen Pflanzungen. Seine Zigarren könnten es leicht mit denen aus Havanna aufnehmen, sagt Herr Alonso. La Palma und Kuba oder La Palma und Venezuela seien ja ohnehin wie Schwestern.

„Sie wollen so leben wie wir“

In der gefühlten Geografie sind sich die Palmeros den Antillen und dem lateinamerikanischen Festland am nächsten. Dann kommt Afrika, von wo aus die ersten Siedler kamen, und dann erst das spanische Mutterland. In der Inselgeschichte wurde viel ein- und ausgewandert. Es gab Zeiten, da floh man nach Lateinamerika, weil die Piraten keine Ruhe gaben, Krankheiten die Insel heimsuchten oder die Armut umging. Und dann gab es Zeiten, da kamen dieselben Leute wieder zurück als reiche Geschäftsmänner oder als arme Schlucker mit nichts als einem großen Klumpen Heimweh unter der Brust. Für die meisten Palmeros gibt es keinen schöneren Ort auf der Welt als ihre Basaltburg im Meer.

Auch achttausend Ausländer, von denen fünftausend Deutsche sind, suchen hier eine Ruhe, einen Rhythmus des einfachen Lebens, den es in ihrer alten Heimat schon lange nicht mehr gibt. Das ist einer der Gründe, weshalb die „giris“, wie die Residenten manchmal abschätzig genannt werden, insgesamt gut aufgenommen werden. „Sie wollen so leben wie wir“, sagt Oscar, ein Busfahrer, der nach einem Jahr in Madrid und einem weiteren auf Teneriffa die Sehnsucht nach seiner Heimat nicht mehr ausgehalten hat. „La Palma ist für mich Sicherheit und Ruhe. Ich habe noch nicht einmal einen DVD-Spieler oder so etwas, das brauche ich nicht. Die Leute haben ein kleines Haus mit einem Garten, manche haben Reben, aus denen sie ihren eigenen Wein keltern, und am Sonntag geht man mit der Familie und Freunden zusammen essen oder grillt. Was braucht man mehr?“

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