09.04.2010 · „Stand“, las Stephen Shore, als er im Juni 1975 in Los Angeles auf die Kreuzung von La Brea und Beverly zurollte. Er gehorchte - und machte ein Bild, das heute zu den Ikonen der amerikanischen Gegenwartsfotografie zählt. Nun reisen für das Kunstprojekt „La Brea Matrix“ sechs deutsche Fotografen an den Ort, um zu schauen, was ihnen auffällt. Max Regenberg war der dritte.
Von Freddy LangerMax Regenberg ist Werbefotograf. Gewesen. Das Handwerk hat er Mitte der siebziger Jahre in Köln erlernt, und als er wenig später nach Kanada auswanderte, hatte er große Karrierepläne im Gepäck. Dann kam alles anders. Nicht zuletzt der Sprache wegen - der gesprochenen, keineswegs der Bildsprache. Denn als er in den Straßen von Ottawa die riesigen Werbetransparente studierte, fiel ihm ein neues Thema buchstäblich vor die Füße: Statt selbst Werbefotos zu machen, würde er die Werbung im öffentlichen Raum fotografieren. Nicht als bloße Dokumentation, sondern als seinen Kommentar zur Ästhetik der Großstadt und einer Bildform, die er sehr schnell als die eigentliche Kunst des ausgehenden zwanzigsten Jahrhunderts begriff. Das war ein neuer, frischer Blick, der nicht länger jener Kulturkritik folgte, die der Werbung Manipulation vorwarf und die Verdummung der Verbraucher. Regenberg erkannte vielmehr die experimentellen Qualitäten der Plakatkunst - das Spiel mit unseren Emotionen und das Spiel mit den Möglichkeiten fotografischer Ästhetik. Alles, was wir heute an Fotografie in den Museen sehen, sagt er, lässt sich zurückführen auf die Plakatwände der vergangenen dreißig Jahre; bis hin zum riesigen Format.
Wie emotional die Werbung in Amerika zu dieser Zeit schon war, während sie sich hierzulande noch am Faktischen, Präzisen orientierte, fiel ihm erst auf, als er zurück nach Köln zog. Und erst heute wird dem Betrachter seiner Aufnahmen von damals klar, dass etwa die fassadenfüllende Onko-Reklame mit acht schwarzweißen Konterfeis ebenso die Tableaus von Bernd und Hilla Becher mit ihren Hochöfen oder Gaskesseln vorwegnahm wie die Porträtreihen von Thomas Ruff. Die Reklame, sagt Regenberg, war die Avantgarde: Konzeptkunst auf der Straße.
Stadtporträts und Sittenbilder
Seit mehr als dreißig Jahren reist Regenberg jetzt schon durch Deutschland, um Plakate zu fotografieren. Dabei schafft er gleichermaßen Stadtporträts und Sittenbilder, wenn er nach Konstellationen sucht, in denen die Sehnsuchtsmotive der Konsumwelt und die trübe Wirklichkeit sich wechselseitig kommentieren - oft bissig. Dann treffen die Ansichten trostloser Stadtteile, trister Fassaden und öden Brachlands mit knallbunten Bildern einer glücklichen Welt aufeinander. Prompt landet unser Blick auf den lächelnden Gesichtern, tiefen Dekolletés und lasziv hingestreckten Körpern, während wir die Unwirtlichkeit der modernen Großstadt zunächst ausblenden. Manchmal aber fotografiert er auch mit einem Augenzwinkern. Dann versteckt sich fast verschämt ein alter VW Käfer hinter dem Plakat für den neuen Passat: "Eine Klasse besser."
Nirgendwo hat es die Plakatwerbung zu solcher Vollendung gebracht wie in Amerika, wo die Billboards, die genormten Plakatwände, schon früh als eine ureigene Kunst des Straßenrands begriffen wurden. Wie in direkter Folge der Auftragskunst von Herrschern oder Kirche, deren ursprüngliche Aufgaben und Absichten uns kaum noch geläufig sind, wird hier Macht betont und Halt versprochen - und zugleich appellieren diese Bilder an den Schönheitssinn des Betrachters.
Krise und Kapitalismus
Damit lenken sie den Blick freilich auch auf das Innere einer Gesellschaft, auf deren Bedürfnisse, Gefühle und Sehnsüchte. Umso vielsagender ist die Botschaft der Werbetafeln, die Max Regenberg erst dieser Tage in Los Angeles aufgenommen hat, in diesem "unentwegt Bilder produzierenden Moloch", wie er die Stadt nennt. Nicht in Motiven spiegelt sich die aktuelle Krise des Markts - sondern in leeren Plakatwänden. Denn keineswegs bleibt die Werbung hier hängen, bis ein neuer Kunde den Platz anmietet. Sondern sie wird nach den Regeln eines beinharten Kapitalismus weiß überklebt oder übertüncht, sobald der Mietvertrag ausgelaufen ist.
Natürlich sind Sunset und Hollywood Boulevard nicht gänzlich frei von Anzeigen. Aber die Beispiele leerer Wände, die Regenberg zusammengetragen hat, vermitteln ein beklemmendes Gefühl. Es ist, als mache die Wirtschaft gerade tabula rasa. Und niemand weiß, was folgt. Nicht auszuschließen ist, dass demnächst auch die Plakatgerüste selbst verschwinden. Das ergäbe ein ganz neues Bild der Stadt, geprägt von Straßen, Pflanzen und Architektur. Andererseits beginnen die ersten Agenturen in Los Angeles damit, selbst riesige Häuser mit bedruckten Folien komplett zu überkleben. Am Ende verschwindet die Stadt dann wohl ganz.
Freddy Langer Jahrgang 1957, Redakteur im Feuilleton, zuständig für das „Reiseblatt“.
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