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Mittwoch, 22. Februar 2012
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Kulturhauptstadt 2011 Gegen Snobismus hilft ein Snappsi

28.01.2011 ·  Turku, Finnlands ewige Zweite, ist neben Tallinn Europas Kulturhauptstadt 2011. So viel Aufmerksamkeit war man lange nicht gewohnt. Jetzt genießt man sie ein bisschen. Aber kopfstehen muss man deswegen nicht.

Von Andrea Diener
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Löscharbeiten können in Turku länger dauern. Manchmal bis in den frühen Morgen hinein. Dann stapeln sich die leeren Pintgläser, aus denen das Bier getrunken wird gegen den großen Durst. So fragil und instabil sie sich in der Bar "Old Bank" auf Tischen und Tresen türmen, so instabil hängt mancher biergeflutete Finne auf dem Hocker. Die Bar ist genau das, was der Name vermuten lässt, eine ehemalige Bank, mit Ausschank in der Schalterhalle, dicken, ledergepolsterten Sesseln im Direktorenbüro und, auf halbem Weg zur Toilette, dem Tresor. Eine plüschige dunkle Höhle, in deren dunklem Teppichboden verschüttete Drinks rückstandslos versickern, als ob es draußen nicht schon dunkel genug wäre bei sechs Stunden Tageslicht zwischen zehn und fünf, weniger als ein Arbeitstag. Doch hier drinnen ist es warm, und es gibt Alkohol, und manchmal genügt das.

Die Löscharbeiten können auch vergebens sein und das ganze Wasser nichts helfen, nicht das vom Fluss und nicht das vom Meer. An einem Tag im Jahr 1827 fiel eine Kerze in einem Haus um, aus Holz gebaut wie die ganze Stadt, und dieses kleine Unglück zog ein großes Unglück nach sich, das größte in der Stadtgeschichte. Drei Viertel der großen, bedeutenden Hafenstadt Turku brannten an diesem Tag ab, und was übrig blieb, fand nie wieder zu altem Glanz zurück. Heute erinnert eine Tafel an das Feuer, an einem hässlichen, düsteren Haus aus den sechziger Jahren neben einem öden Platz, einem Produkt gutgemeinter, aber lebloser Stadtplanung. Es war nicht der erste Brand und auch nicht der letzte. Den verursachten die Bomben im Zweiten Weltkrieg. Aber er war der größte und prägendste von etwa dreißig Stadtbränden. Man braucht schon einen gewissen Galgenhumor, angesichts einer solchen Historie das Kulturhauptstadtjahr unter das Motto "Turku in Flammen" zu stellen. Die Bürger dieser Stadt, so scheint es, haben ihn.

Zar Alexander ist an allem schuld

Das alte Turku mit seinen engstehenden Holzhäuschen ist fast vollständig verloren, nur ein kleiner Teil außerhalb des Stadtzentrums hat als Freilichtmuseum überlebt. Sauber und beschaulich ist es hier wie in einer Puppenstube, eingerichtet von frischgewaschenen Mädchenhänden. Kaum etwas erinnert an das ärmliche Quartier, in dem einst Handwerker hausten. Das Handwerk heißt nun Kunsthandwerk und wird von freundlich lächelnden Verkäuferinnen in alten Trachten angeboten. Es braucht einiges an Vorstellungskraft, sich den Alltag in diesem Viertel vorzustellen, das Leben in den engen, verschachtelten Höfen, in denen ein paar Dekorationshühner kratzen, und auf den steilen, unbefestigten Straßen, deren Staub nun, im Januar, gnädig von einem halben Meter Schnee bedeckt wird. Immerhin waren die Häuschen, heute aus verwittertem dunklem Holz, früher bunt angestrichen.

Das neue Turku hingegen ist eine solide durchgeplante und ziemlich deutsche Angelegenheit. Carl Ludwig Engel, ein Studienfreund des preußischen Baumeisters Karl Friedrich Schinkel, hatte gerade erst Helsinki in hauptstadtgemäßem Glanz neu geplant. Noch immer wird Helsinki von den Turkuern als Emporkömmling abgetan, das den Hauptstadtstatus unverdient verliehen bekommen hat, und zwar von Zar Alexander I. Die alte Hauptstadt Turku lag dem neuen Herrscher schlicht zu weit von der Residenzstadt Sankt Petersburg entfernt. 1812 war die Verlegung beschlossene Sache, die Turkuer hat natürlich niemand gefragt, man fühlte sich betrogen. Bald war in Helsinki alles größer, schöner, bedeutender, und Turku fiel zurück. Das Verhältnis der beiden Städte ist bis heute angespannt.

Eine viel zu tief dekolletierte Dame

Abgebrannt und bedeutungslos. In der "Old Bank" sucht man Eleganz vergebens, dicke, praktische Winteranoraks in gedeckten Farben hängen über den Stühlen, Fleecemützen, Skihandschuhe. Es gibt keinen Grund, sich herauszuputzen, man ist an Besuch nicht gewöhnt, die wenigen Tagestouristen verschwinden abends wieder. Nur eine viel zu blonde, viel zu laute, viel zu tief dekolletierte Dame mittleren Alters verbreitet eine leicht verzweifelte Variante von Glamour. Hohe Gläserstapel auf dem Tisch lassen auf einiges schließen, auch das laute Lachen, das an Kreischen grenzt. Wir schauen interessiert, die Finnen an der Bar winken ab. Wahrscheinlich Ostfinnen, distanziert man sich, man sei hier nicht so. Man trinkt eher schweigsam, dafür zielgerichtet.

Was aus Ruinen aufersteht, geht oft am Bedarf vorbei. Licht sollte das neue Turku sein, großzügig und vor allem brandsicher. Was dabei herauskam, war eine Art Schrumpfpreußen: lauter aufgeräumte Fensterreihen in Steinfassaden mit weißen Säulenportalen, ins Grüne gewürfelt und von Bäumen umstanden. Und am Ufer des Aurajoki die Promenaden mit Laternen und Bänken und die Bibliothek mit den großen Glasfenstern. Eine Stadt für Flaneure entwarf Baumeister Engel, aber wo sind die? Es wohnen nur diese Turkuer hier, die im Winter in der Kneipe im Teppichboden versinken und im Sommer ohnehin nicht da sind. Wenn sich der Nebel verzieht und die Wintersonne golden auf die Fassaden scheint, ahnt man, dass diese Stadt für einen Süden geplant wurde, der viel zu weit entfernt ist.

Im „Mökki“ wohnt das Glück

Im Sommer fährt niemand in den Süden, da bleibt man im Land: Diese Zeit, heißt es, das sei die Sahne auf der Torte. Da wird halb Turku von einem kollektiven Fluchtreflex ergriffen und fährt in die Schären zum Baden, Angeln, Saunen. Darauf haben alle gewartet, dafür zahlen sie den Preis des langen dunklen Winters. "Archipelago" nennt man hier dieses Gebiet. Nur fünfzig Kilometer fährt man aus der Stadt heraus nach Westen, und man befindet sich in schönster Einsamkeit. Zerfasert und zerklüftet ist die Landschaft, die Straßen führen über Meeresarme und Süßwasserseen hinweg, vorbei an Wiesen mit alten Eichen, durch Kiefern- und Birkenwälder. Überall in der Landschaft stehen die kleinen Holzhäuschen, in Finnland "Mökki" genannt, fast alle mit separater Sauna. Man besucht sich gegenseitig, und wer selbst kein Haus dort besitzt, kennt mindestens einen, der eines hat. Nur wenn man die Schären kennt, kann man Turku wirklich verstehen, das hören wir oft. Denn das ist der Vorgarten der Stadt.

An der Theke der "Old Bank" zwischen zweihundert Sorten Bier, dazu Snappsi und Likköri, besteht nun Gesprächsbedarf: Was um Himmels willen machen wir Deutschen in Turku? Warum sind wir hier? Als ob es den Turkuern selbst noch ein wenig unheimlich sei, wieder im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu stehen, nach immerhin zweihundert Jahren Pause. Als ob es abwegig sei, dass sich plötzlich jemand für sie interessiert, nun, da sie als Kulturhauptstadt ins Blickfeld gerückt sind, da dreihundert Journalisten in der Stadt sind für die große Eröffnungsfeier mit Show und Feuerwerk und das Fernsehen live überträgt. Und als ob die Turkuer alldem noch nicht so recht trauen, weil alles in letzter Minute abgesagt werden könnte oder einstürzt oder abbrennt, man weiß ja nie.

Und dann hing plötzlich eine Brücke durch

Und ganz so vorzeigbar wie früher ist die Stadt auch nicht mehr: Europas Blick richtet sich auf eine Kulturhauptstadt mit wenig alter Bausubstanz - eine Burg, ein Dom, ein Hafen - und lieblos drumherumgestellter Wohnblocktristesse. Dann franst die Angelegenheit aus in Einfamilienhäuser und Einkaufszentren, so dass die Stadt von allen Seiten gleich aussieht, egal von wo man sich ihr nähert. Stadtplaner Engel hatte wenigstens eine romantische Vision, die Moderne hat einfach nur noch Wohnraumbedarf und ausgewiesene Einzelhandelsflächen.

Der unbestrittene Mittelpunkt Turkus ist nicht aus Stein. Es ist der Aurajoki, der Aurafluss, der die Stadt durchzieht und in "diese" und "jene" Hälfte teilt. "Diese" Hälfte ist immer die, auf der der Dom steht. Sechs Brücken verbinden die Stadthälften - eigentlich sieben, und das ist eine zu schöne Geschichte, um sie unerzählt zu lassen: Im Winter vergangenen Jahres ging ein Turkuer Bürger morgens mit seinem Hund Gassi, als er bemerkte, dass eine der Aurabrücken in der Mitte durchhing. Er rief die Polizei an, die ihm kaum glauben wollte, doch man kam und besah sich die Misere: Tatsächlich hatte sich die Brücke in der Mitte gesenkt, als sei sie aus Gummi, und bot ein ziemlich kurioses Bild in den Abendnachrichten. Ganz Restfinnland kübelte Spott über die Turkuer aus, doch diese blieben einigermaßen unhysterisch. Sie verfielen in ihre bewährte Duldungsstarre, dann Schulterzucken, Ärmelhochkrempeln, Wiederaufbau. Nach dreißig Stadtbränden hat man sich eine gewisse Fähigkeit im Umgang mit plötzlicher Ruinenbildung erarbeitet. Nicht umsonst gehören Beharrlichkeit und Sturheit zu den Eigenschaften, die man den Menschen hier nachsagt.

Ohne Bier macht Sauna keinen Spaß

Sturheit, aber auch Offenheit. Turku hatte immer enge Handelsbeziehungen zur Hanse, zu Danzig, Lübeck, Tallinn und besonders Hamburg. Die Bürgermeister waren jahrhundertelang Hamburger Kaufleute, und, nicht zu vergessen, Hamburg war auch der Hauptlieferant für deutsches Bier. Spuren dieser Verbindung finden sich noch heute. Das alte Hotel „Hamburger Börs“ geht auf einen „Hamburger Biergarten“ der Gründerzeit zurück.

In der „Old Bank“ hängen Devotionalien: eine Münchener Hofbräu-Uhr erlesener Hässlichkeit, eine Paulaner-Schiefertafel, darauf Trinkempfehlungen. Und an der Bar ergeben sich sogleich weitere Fragen: Wie finden wir Deutschen die Turkuer? Was haben wir erfahren? Dass es sich mit dem Saunen ganz anders verhält, als wir dachten, sagen wir. Man kennt das aus Deutschland: drei oder vier Gänge bei soundsoviel Grad und pünktlich zur vollen Stunde Aufguss mit Latschenkiefer, dass man die Uhr danach stellen kann. Aber in Finnland ist alles anders. Es gibt nur eine Regel: Wenn es zu heiß wird, geh' raus. Latschenkiefer kennt keiner, und der Rest ist egal. Auch, dass das Bier bei mehr als achtzig Grad Innentemperatur bald nicht mehr kühl ist. Da staunen wir Deutschen, und der Finne wundert sich. Man braucht doch Flüssigkeit, wenn man schwitzt, erklärt man uns. Und der Pintglasstapel wächst ins Unermessliche.

Ein bisschen Schnee ist keine Katastrophe

Momentan ist der Aurafluss zugefroren und zugeschneit, eine weiße Fläche, auf der sich nichts bewegt. Die Restaurantschiffe sind fast leer, die Ausflugsboote fahren nicht. Der Tag ist sonnig, aber viel zu kurz. Die Nacht kommt schnell, dann kommt auch die Kälte, und alles drängt in die Häuser und Kneipen. Rechts und links der Fahrbahn sind weiße Wälle aufgeschüttet, anderthalb Meter hoch, ständig kommen Bagger und schaufeln den Schnee auf Kipplaster wie anderswo Bauschutt. Winterchaos gibt es nicht, ein bisschen Schnee ist noch keine Katastrophe, da ist man hier ganz anderes gewohnt.

Die viel zu blonde, vermutlich ostfinnische Dame hat Anschluss gefunden, mit ihm wankt sie gen Tresorraum. Wir hingegen treten hinaus ins Freie, wo uns die Kälte in die Waden beißt wie junge Hunde. Die Bürgersteige sind dick mit Eis überzogen, darauf ein Muster von buntem Licht, das durch die Jugendstilfenster hinausschimmert. Vor der schweren Holztür der „Old Bank“ steht ein Aufpasser, der nur die hineinlässt, die noch nicht restlos betrunken sind. Was im Inneren geschieht, ist eine andere Frage.

Angeblich ist es lustig

Am nächsten Abend wird sie dann wieder erzählt, die Geschichte von der umgefallenen Kerze im Holzhaus und dem verheerenden Brand, der nicht gelöscht werden konnte. Tausende Turkuer haben sich zur Eröffnungsshow des Kulturhauptstadtjahres um den großen Hafenkran versammelt, die Flammen schweben über dem Aurajoki, aber sie sind nicht mehr gefährlich, alles geschieht unter strenger Einhaltung der Brandschutzvorschriften. Es gibt viel Akrobatik und eine Rahmenhandlung auf Finnisch, wir Deutschen verstehen kein Wort, die Einheimischen um uns herum lachen in sich hinein, „Yes, it's funny“, bestätigen sie auf Anfrage. Anscheinend rechnet man schon wieder nicht damit, dass Gäste kommen könnten, dass auch Nichtfinnen hier stehen und gerne zuhören würden. Eine halbe Stunde dauert das, bei zehn Grad unter null dringt die Kälte durch Schuhsohlen und Handschuhe, erste Zehen werden taub. Schließlich erlischt das Feuerwerk, letzte bunte Funken am Himmel. Doch das ist erst der Anfang.

Informationen: Das Programm des Kulturhauptstadtjahres steht unter www.turku2011.fi. Touristische Auskünfte bei der finnischen Fremdenverkehrszentrale unter www.visitfinland.de. Finnair fliegt Helsinki täglich direkt von Frankfurt, Berlin, München und Düsseldorf aus an. Anlässlich des Kulturhauptstadtjahres bietet Tui-Wolters www.tui-wolters.de) eine siebentägige Rundreise nach Tallinn und Turku für 1010 Euro inklusive Flug an.

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