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Mittwoch, 19. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Kreuzfahrt auf dem Amazonas Kapitän Armindo und das Meer aus Bäumen

 ·  Durch den Urwald Perus bewegt man sich am besten auf dem Wasser. So lernt man auch die tierischen Bewohner des Amazonas kennen, denn Menschen gibt es hier nur wenige.

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© David Klaubert Fitzcarraldo fährt hier nicht mit: Die M/V Aqua unterwegs auf dem Amazonas, der sich an der peruanischen Ostflanke der Anden aus zahllosen Flüssen zum größten Strom der Erde vereinigt.

Bevor Kapitän Armindo auf das Kreuzfahrtschiff stieg, stand er mehr als zwanzig Jahre im Dienste seines Vaterlandes, ein wackerer Unteroffizier der Kriegsmarine Perus. An Bord eines Kanonenbootes herrschte er als Steuermann über die Himmelsrichtungen und entwickelte sich so zum wahren Liebhaber der Kunst und Wissenschaft der Navigation. Er bewunderte die großen Seefahrer, Christoph Kolumbus, Vasco da Gama, Ferdinand Magellan, die mit Kompass und Quadrant, der Sonne und den Sternen folgend, über die Weltmeere segelten. Welch unermessliche Freiheit! Freiheit, von der Kapitän Armindo nur träumen konnte, denn er hatte all die Jahre nur zwei Möglichkeiten: flussaufwärts oder flussabwärts. Zur See fuhr Kapitän Armindo nie. Er diente bei der Urwaldmarine.

Peru ist ein dreigeteiltes Land: Am Pazifik erstrecken sich dreitausend Kilometer Küste, ein schmaler Streifen, aus dem die Anden emporschießen, steil und karg, wie ein unüberwindlicher Wall stehen sie da am Rand des Kontinents. Und dahinter liegt „la selva“, der Wald.

Kautschukboom im Urwaldkaff

Ein tiefgrünes Meer aus Bäumen brandet an die Bergketten und füllt die Ebene bis zum Horizont. Dunkle Adern durchziehen den Wald, es sind die peruanischen Oberläufe des Amazonas, des mächtigsten Flusses der Welt, sechzigtausend schiffbare Kilometer immerhin. Auf ihnen patrouillierte einst Unteroffizier und Steuermann Armindo mit einem kleinen Kanonenboot, flussauf, flussab. Auf ihnen kämpfte er gegen maoistische Guerrilleros, gegen marxistische Guerrilleros und gegen den Drogenhandel, aus dem Maoisten und Marxisten gleichermaßen Kapital schlugen. Doch diese alten Schlachten sind vorbei, heute fährt Kapitän Armindo für die Touristen.

Geboren und aufgewachsen ist der Kapitän in Iquitos, hier lebt er mit seiner Frau, hier kamen seine Kinder zur Welt, hier liegt der Hafen seines Schiffes. Mit 450.000 Einwohnern ist Iquitos die Hauptstadt des peruanischen Urwalds, der fast zwei Drittel des Landes bedeckt, eine Fläche doppelt so groß wie Deutschland. Erreichbar ist Iquitos nur mit dem Schiff oder mit dem Flugzeug. Eine Straße durch den Wald gibt es nicht. Und so fahren auch in der Stadt kaum Autos, stattdessen surren Schwärme von Mototaxis über den nassen Asphalt, motorisierte Rikschas mit Plastikfolien als Regenschutz. Meist drücken Wolken auf die Häuser, die Luft ist zäh und feucht, sie filtert das Licht und schafft so die passende Beleuchtung: diffus und unwirklich. Nur Fetzen der Erinnerung sind Iquitos von seinem wilden Rausch geblieben, vom Kautschukboom, der das Urwaldkaff in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts wachrüttelte. An der Uferpromenade stehen noch ein paar Villen aus dieser Zeit, die Fassaden sind gekachelt mit Azulejos, Fliesen mit bunten maurischen Mustern, handbemalt in Portugal.

Katerstimmung nach dem Exzess

Das ehemalige Luxushotel Palace zieren schmiedeeiserne Balkone, überbordender Stuck, eine Treppe aus Carrara-Marmor. Und wenig weiter an der Plaza de Armas, dem Marktplatz, steht ein zweistöckiges Haus ganz aus Eisen, entworfen vom französischen Ingenieur Gustave Eiffel für die Weltausstellung 1889 in Paris. Dort kaufte es ein Kautschukbaron und ließ es in den peruanischen Urwald schiffen, achttausend Kilometer über den Atlantik, 3700 Kilometer den Amazonas hoch. Berauscht vom weißen Saft der Kautschukbäume, den Indio-Sklaven tonnenweise aus den Wäldern holten, schwelgte Iquitos gut dreißig Jahre lang im Exzess, dann war plötzlich alles vorbei. Und noch heute, da Ölfunde und Holzhandel neue Einnahmen bringen, liegt eine merkwürdige Katerstimmung über der Stadt.

Der Hafen, in dem Kapitän Armindo auf seine Gäste wartet, liegt am Ufer des Itaya-Flusses, denn selbst der Amazonas hat sich vor etlichen Jahren von Iquitos zurückgezogen und schiebt sich nun ein paar Kilometer weiter durch den Wald. Auch spät abends herrscht im Hafen noch Betrieb. So gut wie alles, was nicht in Iquitos produziert wird, kommt über den Fluss in die Stadt, hier fahren die Linienschiffe ab und seit ein paar Jahren auch die Kreuzfahrer. Das Schiff unter Kapitän Armindos Kommando ist die „M/V Aqua“, ihr Eigentümer ist ein italienischer Geschäftsmann, und sie sieht auf den ersten Blick aus wie einer dieser modernen Büroblocks: betongraues Metall, Holzvertäfelungen und viel Glas. Leise vibrierend gleitet sie aus dem Hafen, die Lichter von Iquitos lösen sich in der Dunkelheit auf.

Der Fluss spuckt fruchtbare Erde aus

Zwölf Kabinen verteilen sich an Bord der M/V Aqua auf zwei Stockwerke, sie ist ein schwimmendes Boutiquehotel. Die Einrichtung ist edel zurückhaltend, und wenn man morgens aufwacht, vergisst man das Schiff um sich herum, dann schaut man durch die Fensterfront am Ende seines Bettes und ist plötzlich mitten auf dem Amazonas. Scheinbar träge liegen die cappuccinobraunen Wassermassen vor einem, und es dauert eine ganze Weile, bis man die Strömung erkennt, bis ein riesiger Baum mit Krone und Blättern vorbeitreibt, und man spürt, mit welcher Macht dieser Fluss seinem einzigen Ziel entgegenwalzt, dem Tausende Kilometer entfernten Atlantik.

Kapitän Armindo steuert die M/V Aqua von Iquitos flussaufwärts, Hunderte Male ist er diese Strecke schon gefahren, doch der Amazonas ist nie der Gleiche. Wenn es oben in den Anden regnet, wächst der Fluss, schiebt sich über die Ufer, in den Wald, die Dörfer, die Felder, unersättlich giert er nach Land. Ein paar Wochen später zieht er sich langsam zurück, spuckt fruchtbare Erde aus und Sandbänke, manchmal sucht er sich ein neues Bett, dreht eine Schleife mehr oder eine weniger. Seine alten Militärkarten korrigiert Kapitän Armindo immer wieder mit einem Bleistift.

Geduld bei der Dschungelsafari

Nach gut hundertzwanzig Kilometern erreicht die M/V Aqua den Ort, an dem der Amazonas seinen Namen erhält, an dem der Ucayali und der Maraón zusammenfließen. Zwischen den beiden Flüssen liegt das Naturschutzgebiet Pacaya-Samiria, das größte Perus. Es ist halb so groß wie die Schweiz, hat aber viel mehr Bewohner, tierische jedenfalls. Allein 527 Vogelarten leben hier, 269 verschiedene Fische, 102 Säugetiere, 69 Reptilien- und 58 Amphibienarten. Doch das Wasser der Flüsse ist trüb, und dann wachsen im Nationalpark auch noch 965 unterschiedliche Pflanzenarten, in, auf, unter, zwischen und hinter denen sich all die Tiere verstecken. So braucht man durchaus Geduld und Muße, wenn man zur Dschungelsafari aufbricht.

Die Gäste der M/V Aqua werden in einem Beiboot mit Außenbordmotor und zehn gepolsterten Sitzplätzen auf Halbtagsausflüge geschickt, begleitet von Skipper, Sanitäter und Naturführer. Vom Maraón aus rauscht das Boot in schmale Nebenflüsse, ganz nah ans Ufer, an den grünen Streifen Wald, der sich so in seine Einzelteile auflöst: Tausende Flecken Farbe. Hellgrün, Dunkelgrün, Gelbgrün, Braungrün, Smaragdgrün, Türkisgrün, Moosgrün, Farngrün, Olivgrün, Minzgrün, Grasgrün, Saftgrün, Giftgrün. Und dann flattern die ersten Vögel ins Bild, ein Pärchen Stärlinge, deren Kehlen fast schon unverschämt gelb leuchten.

Huhn mit Schopf, Delfin mit Schnabel

Ein struppiger Hoatzin glotzt urzeitlich-dämlich von seinem Ast, ohne auch nur zu ahnen, dass der Mensch ihm die Beinamen Zigeunerhuhn, Schopfhuhn und Stinkvogel gegeben hat. Kleine Fledermäuse kleben wie Abziehtatoos an einem Stamm direkt am Ufer. Und ziemlich weit oben hängt ein Dreifingerfaultier, apathisch erträgt es den Lauf der Zeit um sich herum. Eine Gruppe Spinnenaffen schwingt an grotesk langen Armen und Beinen durchs Geäst. Immer wieder gewährt der Wald Eindrücke, die einen erahnen lassen, welch unvorstellbare Vielfalt sich unter der grünen Oberfläche verbergen muss.

Mit etwas Glück zeigen sich auch die scheuen Herrscher der Flüsse, die rosafarbenen Amazonas-Delphine. Zum Luftholen müssen sie an die Oberfläche kommen, anders als ihre Artgenossen im Meer aber springen sie nicht und sind nicht verspielt, so dass man von ihnen erst einmal nur die Kreise sieht, die sie beim Untertauchen ins trübe Wasser malen. Wenn man aber lang genug aufs Wasser starrt, erwischt man irgendwann einen Amazonasdelphin beim Auftauchen, wie er sich fast in Zeitlupe aus dem Wasser hebt, mit seinem langen, schmalen Schnabel, dem gedrungenen Kopf, dem rosafarbenen-grauen Bauch, und doch blitzschnell wieder verschwindet. Kein wirklich schönes, eher ein faszinierend unwirkliches Wesen.

Umsorgt mit Handtuchameisenbär

Wenn die Ausflügler zur M/V Aqua zurückkehren, erwartet sie schon Kapitän Armindo, dann gibt es für jeden ein Glas Saft – aus frischen Orangen, Papayas und Früchten, die Camu Camu oder Cocona heißen. Der peruanische Wald ist eine wundersame Speisekammer, ein Obst-, Gemüse- und Kräutergarten, durchzogen von Flüssen voller Fisch. Und so hält das Staunen über die unerhörte Vielfalt auch während der Mahlzeiten an Bord an. Zum Frühstück gibt es frisch gebackenes Paranussbrot und Muffins aus den Früchten der Buriti-Palme, frittierte Kochbananen und einen Obstkorb, der überquillt vor Farben und Formen, die man sich vorher nicht hätte ausmalen können. Mittags und abends serviert die Bordküche Gerichte, die einer der bekanntesten Spitzenköche Perus entworfen hat: Fettuccine aus Palmherzen; Maniok-Empanadas, gefüllt mit Büffelkäse; Ceviche, eine Art peruanisches Sushi aus rohem Amazonas-Wels in einer Marinade aus Limetten- und Kaschusaft, wildem Koriander und Charapita-Chilischoten.

Immer werden die Gäste von der leutseligen Crew um Kapitän Armindo umschwänzelt, von Ober Ricardo und Barmann Aldo, von Steward Rider, der aus den Handtüchern in den Kabinen Ameisenbären und Anakondas faltet, von den Führern Juan und Ricardo, die alles über die Tiere wissen, denen man bei den Ausflügen in den Urwald begegnet, und genauso begeistert von all den Tieren erzählen, die man nicht sieht. Insgesamt kümmern sich zwanzig Mann und eine Frau um höchstens vierundzwanzig Kreuzfahrtgäste. Die Klimaanlagen fächern unermüdlich kühle Luft zu. Es ist, als würde man auf einer Sänfte durch die Wildnis getragen.

Dieses Gefühl begleitet einen auch am Abend, wenn man im Beiboot einem kleinen Seitenarm weit in das Naturschutzgebiet hinein folgt. Als sich der Urwald zu einer großen Lagune hin öffnet, stellt der Skipper den ratternden Motor aus. Das Boot treibt auf dem Wasser, das nun silbern glänzt. Die Sonne verschwindet recht unspektakulär hinter den Bäumen, knipst das Licht aus wie bei einem Handydisplay. Der Wald am Ufer wird zu einem dunklen, schwarzen Streifen. Doch allein fühlt man sich nicht. Rundherum quakt es, zirpt, ziept, quietscht, pfeift, keift, krächzt, knurrt, jault, röhrt, piepst, brüllt, zischt und zwitschert. Man fühlt sich dem Wald plötzlich so nah wie nie zuvor. Die Begriffe Einsamkeit und Abgeschiedenheit verlieren ihre Bedeutung, allzu menschlich scheinen sie nun. Schließlich ist dieses Meer aus Bäumen gleich hinter den Anden ein wundersames Paradies des Lebens.

Eine Kreuzfahrt auf dem peruanischen Amazonas

Anreise: Iberia (www.iberia.com) fliegt täglich von mehreren deutschen Flughäfen über Madrid nach Lima und weiter nach Iquitos. Die Preise beginnen bei 1244 Euro. Alternativ bieten auch Lan (www.lan.com) und Tam (www.tam.com.br) Flüge an.

Auf dem Fluss: Luxuskreuzfahrten ab Iquitos können bei „Aqua Expeditions“ (www.aquaexpeditions.com) und „Delfin Amazon Cruises“ (www. delfinamazoncruises.com) gebucht werden. Die Preise reichen von etwa 2000 Euro (drei Nächte) bis 6000 Euro (sieben Nächte) pro Person in einer Doppelsuite; inklusive Transfer, Vollverpflegung und Ausflüge.

Iquitos: Das „Dorado Plaza“ ist ein Fünf-Sterne-Hotel (nach europäischen Maßstäben ungefähr drei). Die Übernachtung mit Frühstück kostet etwa 170 Euro (im Internet unter www.grupo-dorado.com). Rund um Iquitos gibt es mehrere Dschungel-Lodges, zum Beispiel von Explorama (www.explorama.com). Eine Übernachtung mit Zweitagesprogramm kostet ab 230 Euro.

Allgemeine Informationen erteilt die Tourismuskomission Prom Peru unter www.peru.travel/al. Details zum Naturschutzgebiet „Pacaya-Samiria“ findet man – auf Spanisch – unter der Adresse www.pacayasamiria.org

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Jahrgang 1983, Redakteur im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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