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Kommentar Im Untergang

30.12.2004 ·  Die Flutkatastrophe in Asien zeigt auch die Tourismusindustrie in Not. Die Irritation beginnt mit der Berichterstattung in den Medien hierzulande. Von Anfang an traf sie eine eigenartige Unterscheidung zwischen einheimischen Opfern und Touristen.

Von Andreas Obst
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Die Flutkatastrophe in Asien zeigt auch die Tourismusindustrie in Not. Die Irritation beginnt mit der Berichterstattung in den Medien hierzulande. Von Anfang an traf sie eine eigenartige Unterscheidung zwischen einheimischen Opfern und Touristen. Während von den einen pauschal in Zehntausenden die Rede war, wurden die Fremden nach Nationen sortiert. Und in der frühen Phase der Unglücksbilanz, als sich die Verluste ausländischen Lebens noch einstellig zählen ließen, wurde jedem einzelnen mutmaßlichen deutschen Opfer mit einer Akribie nachgeforscht, die zumindest vor dem Hintergrund des Unglücks einer ganzen Region arrogant und zynisch wirken mußte.

Doch gerade im Strudel der Selbsterregung von Reportern draußen und Redakteuren in den Fernsehstudios fiel eines auf: der komplette Ausfall von Kompetenz und Autorität hierzulande. Während hochrangige Regierungsmitglieder der betroffenen Länder um tröstende, bei aller Vorläufigkeit auch bilanzierende Worte rangen, legte das deutsche Außenministerium den ganzen ersten Tag nach der Katastrophe Wert darauf, etwaige deutsche Opfer erst gar nicht zu erwähnen. Als würde allein das Eingeständnis der Möglichkeit, Landsleute könnten zu Schaden gekommen sein, Forderungen von Betroffenen oder bangenden Angehörigen nach sich ziehen. Je länger die eigentümliche Diskrepanz währte zwischen dem Schrecken der Bilder und dem Schweigen der Beamten, desto grotesker wurde sie.

Schmutzige Flut

Wann auch immer man den Fernseher anschaltete in diesen Tagen, schwappte einem die schmutzige Flut aus den immer gleichen Amateurfilmaufnahmen entgegen. Und man mochte vor dem Fernsehgerät schier verzweifeln am Stammeln der Überlebenden und der ganz anderen Hilflosigkeit von Reportern, die nicht an die isolierten Orte des Geschehens herankamen und denen dennoch von den Heimatredaktionen ständig neue Einschätzungen der Lage abgepreßt wurden.

Aus den Satzfetzen, die auf bizarre Weise den Bildern zerstörter Küsten entsprachen, blieben Bruchstücke im Gedächtnis. Die Erleichterung einer Frau, die es schnell zurück nach Deutschland geschafft hatte und die sich dafür bei den italienischen Piloten des Flugzeugs bedankte, in dem sie mitfliegen durfte. Sie sind Europäerin, hätten die Piloten zu ihr gesagt, deswegen dürfen Sie mit. Man möchte den Umkehrschluß nicht zu Ende denken.

Tatsächlich waren es solche Bemerkungen und die Fassungslosigkeit eines anderen Überlebenden darüber, daß sich sein Reiseveranstalter auch am Morgen nach seiner Rückkehr noch nicht bei ihm gemeldet habe, die mit schmerzhafter Schärfe das fundamentale Mißverständnis bloßlegten, auf dem die Tourismusindustrie errichtet ist - nicht nur hierzulande, sondern weltweit. Sie ist ein Gigant auf tönernen Füßen, und wird einer davon unterspült, so droht das ganze Gebilde in Schieflage zu geraten. In ihrer ratlosen Angst suchten nicht wenige, gerade den Wellen entronnen, nach Verantwortlichen. Und sei es nur, um im Gespräch den ersten Schrecken zu bannen. Die Tourismusindustrie verweigerte sich ihnen. Auf dem Flughafen von Colombo sei das Verhalten der Touristen überaus aggressiv, lautete eine Meldung am Tag nach der Katastrophe. Wer wollte sich darüber wundern? Jeder, der die Flut überlebt hat, will so schnell wie möglich nach Hause. Diese Fluchtbewegung ist nicht Folge eines existentiellen Angstgefühls und wohl auch nicht begründet durch die zweifelsohne berechtigte Furcht vor Seuchen. Sie ist das Eingeständnis des Endes eines Urlaubstraums.

Zur Unzeit

Indem der Urlauber das zerstörte Paradies verläßt - tatsächlich pries die Tourismuswerbung über viele Jahre gerade diese Weltregion in immer neuen Hymnen als Vervielfältigung des Gartens Eden -, hat er mit den Folgen des Unglücks dort nichts mehr zu tun. Was kommen wird, hätte man von zurückliegenden - kleineren - Katastrophen lernen können: Die weltweiten Touristenhauptströme werden bis auf weiteres Südasien meiden, das Leid der Menschen dort wird durch das Ausbleiben der Urlauber auf eine andere, wirtschaftliche Ebene übertragen, irgendwann werden die Fremden wiederkommen. Der World Travel & Tourism Council, ein Zusammenschluß führender Tourismusunternehmen, hat bereits erste Berechnungen über die Bedeutung der Urlaubsindustrie für das Wirtschaftsleben der betroffenen Entwicklungs- und Schwellenländer veröffentlicht. Zur Unzeit? Schon heute ist abzusehen, daß diese Länder durch die Folgen der Flut in ihrer Entwicklung um Jahre zurückgeworfen werden.

Dazu fügen sich erste Reaktionen der großen deutschen Reiseveranstalter. Über wirtschaftliche Auswirkungen befragt, gaben sie an, ihr Geschäft im asiatischen Raum sei im Grunde unbedeutend. Die zu erwartenden Verluste seien es deshalb auch. Wie zur Verstärkung tönte dazu Klaus Laepple, der Präsident des Deutschen Reisebüro- und Reiseveranstalter-Verbands, bei der Flutwelle habe es sich zweifelsohne um höhere Gewalt gehandelt, für die niemand zur Rechenschaft zu ziehen sei - schon gar kein Reiseveranstalter.

Die Bilanz der Katastrophe ist noch lange nicht abgeschlossen. Die Zwischenabrechnung der Tourismusindustrie hingegen liegt vor: Es ist ein Geschäft, das reibungslos funktioniert, solange es sich ausschließlich von den Träumen seiner Kunden nährt. Und solange der Urlauber die Erfüllung seiner Träume aus dem Katalog für Geld kaufen kann. In der Sintflut ist diese Gleichung untergegangen.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30.12.2004, Nr. 305 / Seite R1
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