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Kolumbien Das Land mit der Illusion aus purem Gold

 ·  Kolumbien überfordert fast die Sinne. Hier kann man von El Dorado träumen, die schönsten, dicksten Wesen kennenlernen und die Gespenster des Kokainkriegs heulen hören.Und irgendwann will man nicht mehr weg.

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Dick und fett, feist und rosig, drall und fleischig - es ist die schönste Ansammlung von Dickwänsten, die man sich vorstellen kann: Die Gemälde und Skulpturen von Fernando Botero füllen ein Panoptikum üppiger Sinnlichkeit, aus dem bombastische Köpfe, ausladende Hüften, schwellende Oberschenkel, kugelrunde Popos und gewagte Dekolletés hervorquellen. Mollige Hausfrauen, grotesk aufgeblähte Damen der Gesellschaft, pausbäckige Kinder, Kleriker mit Schmerbauch, Musiker mit Schwellköpfen und Generäle mit Doppelkinn geben sich ein Stelldichein bei dieser Parade fülliger Rundungen. Im Museo Botero von Bogotá hat Lateinamerikas berühmtester lebender Künstler sich und seinem Werk ein großartiges Denkmal gesetzt. Mehr als hundert seiner Gemälde und Skulpturen hat er für die Ausstellung gestiftet und damit einen ehrwürdigen Kolonialpalast im Zentrum der kolumbianischen Hauptstadt in eine Galerie fröhlich-naiver Körperfülle verwandelt. Es ist, nach seinen eigenen Worten, „eine Verherrlichung des Lebens, die in der Sinnlichkeit der Formen liegt“.

Gold zur Verherrlichung der Götter

Doch die Dicken sind nur ein Teil des Spektakels. Denn Botero hat dem Museum außerdem einen großen Teil seiner Sammlung von Kunst aus dem neunzehnten und zwanzigsten Jahrhundert zur Verfügung gestellt. Mehr als achtzig Werke hochkarätiger Künstler sind hier versammelt, von Monet und Renoir über Beckmann und Nolde bis zu Bacon und Dubuffet, von Matisse und Bonnard über Kokoschka und Braque bis zu Picasso, Giacometti, Balthus und de Kooning. Die Zahl und Qualität dieser Kunstwerke mag überraschen, noch mehr freilich wundert sich der Besucher darüber, dass für eine solche Ausstellung kein Peso Eintritt zu berappen ist. Botero und die Stadt sind großzügig und, so scheint es, ausgesprochen sorglos. Denn das Eingangsportal ist weit geöffnet, Besucher strömen ungehindert hinein und heraus, ein einziger Wachmann kontrolliert sporadisch den einen oder anderen Rucksack. Das soll ausgerechnet in Kolumbien möglich sein, diesem Land, das noch immer mit einem besonders kriminellen Image zu kämpfen hat? Doch Botero und seine Sammlung sind offenbar unantastbar.

Weitaus weniger lässig ist allerdings der Umgang mit einem weiteren kolumbianischen Museumsschatz, dem Gold im Museo de Oro. Gut bewacht sind die wertvollen Schmuckstücke und Kultobjekte, die vor der spanischen Conquista von den Indiokulturen des Andenhochlandes hergestellt wurden. Es ist nur ein winziger Teil jener Goldmassen, auf die die Spanier so versessen waren und die sie zum größten Teil einschmolzen und Richtung Europa abtransportierten oder an Ort und Stelle zur Verherrlichung Gottes verwendeten. In der Kirche San Francisco zum Beispiel, dem ältesten Gotteshaus der Hauptstadt, sind der monumentale Hauptaltar, der die gesamte Apsis im Halbrund ausfüllt, sowie ein Dutzend Seitenaltäre verschwenderisch mit einer dicken Schicht Gold überzogen. Ein wenig ist dennoch erhalten geblieben von der präkolumbischen Goldschmiedekunst, und das Museum im Zentrum von Bogotá besitzt eine herrliche Sammlung dieser jahrhundertealten Artefakte: dicke Goldscheiben und zarte Plättchen, zierliche Nadeln und vollkommen geformte Ringe, Kronen, Halsketten und Diademe von Herrschern und Häuptlingen, rituelle Masken mit Puma- und Jaguargesichtern, präzise modellierte Figuren, die Vögel, Insekten, Raubtiere, stilisierte menschliche Gestalten und Phantasiewesen darstellen.

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04.12.2012, 07:20 Uhr

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