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Ko Phi Phi An einem fernen Strand

01.02.2005 ·  Auch die thailändische Ton-Sai-Bucht, wo einst „The Beach“ gedreht wurde, hat die Flut nicht verschont. Auf Ko Phi Phi bleibt den Überlebenden nur die Erinnerung an die „schönste Bucht der Welt“.

Von Andreas Lesti
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Vom Paradies ist nichts übriggeblieben. Keine Palmen. Keine Bungalows. Kein Strand. Das Auge versucht, die fehlenden Bilder zu ergänzen. Das Gehirn aktiviert die Erinnerung an damals, als wir das erste Mal hier waren; aktiviert die Bilder der Strände, an denen wir damals lebten, lange bevor Ko Phi Phi bekannt wurde durch den Film "The Beach"; lange bevor die Welle am 26. Dezember 2004 alle Träume zerstörte.

Kurz vor zehn Uhr schlich man aus dem Bungalow und blinzelte mit zusammengekniffenen Augen ins Paradies hinein. Diese Insel, mit dieser einzigartigen Bucht, genannt Ton Sai, die sogar die Thailänder als "die schönste Bucht der Welt" bezeichneten. Allmählich wurde aus dem Blinzeln ein Blick, und die Sonne und das grünblaue Meer und der Sandstrand und die Palmen brannten sich ins Gedächtnis.

Die Welle traf den „Schmetterling“ mitten ins Herz

Eigentlich hätte die Welle hier keinen großen Schaden mehr anrichten dürfen. Ko Phi Phi liegt sehr weit im Süden und, vom Epizentrum des Seebebens aus gesehen, im Schutz der Insel Phuket. Aber irgendwie hat der Tsunami seinen Weg nach Ko Phi Phi gefunden, die schmetterlingsförmige Insel im Golf von Phang Nga. Ihre Flügel, zwei Berge, ihr Körper, die flache Bucht, gerahmt von zwei Sandstränden. Genau dort - mitten ins Herz - hat die Welle den Schmetterling getroffen. Und alles zerstört. Vier Wochen später sieht es auf Ko Phi Phi noch immer aus, als hätte hier ein Krieg getobt. Schutt, Sand und Schlamm bedecken eingestürzte Bungalows. Boote klemmen in Hotelzimmern, Strommasten liegen quer über den Trümmern, und große Teile der früher mit Hotelanlagen, Restaurants und Shops bebauten Landzunge sind einfach weg. Sogar die Palmen hat die Welle abrasiert.

Die Tage auf der Insel verliefen gleichförmig. Keine Verpflichtungen, keine Pläne, keine Entscheidungen. Außer vielleicht, an welchem Strand man heute im Sand liegen und welches Buch man lesen wird. Auf dem schmalen Weg, der die beiden Strände verband, schlenderte man an den vielen CD- und Souvenir-, Schuh- und T-Shirt-Läden, Tauchschulen und Ausflugsagenturen entlang zum Meer.

Zurück blieben nur die Symbole eines Urlaubs

Ein aufgeweichtes CD-Cover der "Chill-Out-Lounge", ein rotes Spaghetti-Träger-Top mit Preisschild, 300 Bath, ein rosafarbenes Bikinioberteil, ein Vietnam-Reiseführer, ein Muschelarmband, eine einzelne Flosse, eine Dose Sonnencreme, das Herz-As eines Kartenspiels. All das liegt jetzt im Schutt dieses Weges, der kaum mehr als solcher zu erkennen ist. Symbole eines Urlaubs, die zu Ko Phi Phi gehörten wie die Rucksäcke zu den Individualtouristen, die auf dieser Insel ihr Glück gefunden hatten. Vor der ehemaligen Tauchschule räumt Georg Kereit das Schild mit der Aufschrift "Tauchen komplett auf deutsch - Gönn dir den Spaß!" zur Seite. Er ist Schweizer und hat auf Ko Phi Phi als "Divemaster" gearbeitet.

"Ich hatte Glück", erzählt er. Am 26. Dezember sei er mit den Kunden um zehn Uhr schon draußen gewesen - an einem Riff einige Kilometer vor Ko Phi Phi. "Wir wurden plötzlich fünfzehn Sekunden lang wie in einem Fluß am Riff entlanggezogen. Ich habe sofort gemerkt: Irgendwas stimmt hier nicht, und bin mit den Teilnehmern hoch." Alle haben es zurück ins Boot geschafft und die Flutwelle dort unverletzt überstanden.

Die Menschen sind voller Hoffnung

Jetzt ist Georg Kereit zurückgekommen, hilft beim Aufräumen und sucht in der Tauchschule nach ein paar Kleinigkeiten, die die Welle vielleicht nicht mitgerissen hat. Was wird aus Ko Phi Phi? Kereit überlegt, schaut in die Trümmerlandschaft. "Auch wenn es jetzt nicht so aussieht: Ich glaube, in der nächsten Saison wird es hier wieder Touristen geben." Die Menschen, die derzeit auf Ko Phi Phi suchen, arbeiten und aufbauen, sind voller Hoffnung. Die Stimmung widerspricht dem Anblick. Eine einheimische Familie lädt jeden, der vorbeikommt, zum Mittagessen ein. Einige Arbeiter hören Musik, die sich mit dem Lärm der Bagger und der Lastwagen vermischt. Keiner hier scheint den geringsten Zweifel daran zu haben, daß Phi Phi bald wieder das Paradies sein wird, das es einmal war.

Am Strand schlug man im Palmenschatten das Buch auf. Schlug es bald wieder zu, um einfach nur aufs glitzernde Meer zu schauen: So friedlich und harmlos sah es aus. Windstill und wellenlos. Nicht mal einen Sturm hätte man dieser "The Beach"-Kulisse zugetraut. Der Film mit Leonardo DiCaprio wurde 1999 hier gedreht. Das dem Film zugrundeliegende Buch von Alex Garland war schon davor eine Art Pflichtlektüre für Rucksacktouristen, und es hat sich schnell herumgesprochen, daß die reale Kulisse dafür auf Ko Phi Phi zu finden ist. Die ideale Werbung für die Insel, die seitdem Jahr für Jahr mehr Touristen empfangen hatte.

Zeit spielte vor der Flut keine Rolle

Vor dem "Petit Paradis Restaurant" liegt neben zwei kleinen Discman-Lautsprechern und Büchern von Helen Fielding und Nicholas Sparks die DVD-Hülle von "The Beach". DiCaprios Blick in den Sepiahimmel wirkt so grotesk wie die Tatsache, daß die Garland-Geschichte bei Ko Samui spielt - auf der von der Flut nicht betroffenen Ostküste Thailands.

Zeit spielte in den Urlaubstagen auf der Insel keine große Rolle. Das Dasein war nur von spontanen Wünschen strukturiert. Ein kühles Getränk am Pool des Cabana-Hotels, ein Teller Fried Rice im Maya-Restaurant. Dann legte man sich wieder in den Schatten und betrachtete den Sonnenstand.

Schlamm im Swimmingpool, auf dem Tennisplatz landen Helikopter

David Campbell geht kopfschüttelnd am verwüsteten Strand entlang. "Hier habe ich gewohnt", sagt er und deutet auf das Cabana-Hotel. Angestellte entfernen gerade den Schlamm aus dem Swimmingpool. "Ich kann das alles gar nicht fassen." Campbell ist aus Kalifornien nach Thailand gekommen, um als "volunteer" zu helfen. Nachdem es auf Phuket nicht mehr viel zu tun gab, ist er weiter nach Phi Phi gefahren, die Insel, die er von einem früheren Urlaub kannte. Hier sind die Arbeiten noch im vollen Gange und die Thais um jede Hilfe dankbar. Campbell sagt: "Es ist furchtbar, aber, hey! Es ist gut, hier zu sein, zu helfen und die Insel vielleicht wieder zu dem zu machen, was sie einmal war."

Der Tennisplatz neben dem Hotel dient nun als Helikopter-Landeplatz und das dahinterliegende Maya-Restaurant, eines der wenigen noch intakten Gebäude, als Krisenzentrale. Oben im Restaurant koordiniert Paniehponpon Cheye, der Vizegouverneur der Region Krabi, die Aufräumarbeiten. Er sagt völlig überzeugt: "Sie werden sehen: Im November ist Phi Phi wieder aufgebaut - und zwar schöner und sicherer als vorher." Man werde solidere Gebäude bauen und einen Platz in der Mitte der Bucht als Grünfläche einplanen. Außerdem werde noch im Sommer ein Hotel mit hundert Zimmern oben in der Nähe des Aussichtspunkts eröffnet.

Der warnende Anruf kam fünf Minuten zu spät

Schräg hinter Cheye steht die Tafel mit der Auflistung der Opfer und Vermißten. Darauf steht, daß auf Ko Phi Phi 693 Menschen ums Leben gekommen sind. Und noch erschreckender ist die Zahl der Vermißten: 747, davon sind 378 Ausländer. Cheye kennt die furchtbaren Zahlen genau. Und als wollte er sagen: "Seht, es gibt Hoffnung", erzählt er seine persönliche Flutgeschichte, diese erstaunliche Geschichte am Rande der Katastrophe: "Fünf Minuten, nachdem die Welle in Phuket ankam, bin ich darüber informiert worden. Da wußte ich, daß ich noch zehn Minuten habe, um die Leute in den Buchten von Krabi zu warnen." Er habe sofort bei der Polizei angerufen und die Evakuierung der Strände angeordnet. Mit Erfolg. Ihn, den Vizegouverneur, nahm die Polizei ernst. In der Ao-Nang-Bucht ist kein Mensch gestorben. Unter normalen Umständen würde man Cheye wahrscheinlich als Helden feiern. Statt dessen steht er nun in den Trümmern von Ko Phi Phi, lächelt dieses unergründliche Lächeln der Thais und sagt: "Um auch Phi Phi warnen zu können, kam der Anruf fünf Minuten zu spät."

Jede Stufe der Betontreppe hinauf zum "View Point", dem Aussichtspunkt, war ihre Mühe wert. Der Blick über die Bucht und der Sonnenuntergang im Indischen Ozean - diese Insel, der perfekte Traum.

Alle Hoffnungen gelten dem Tourismus

Der Chinese George Lee betreibt seit zwei Jahren das "View Point Restaurant". Er hat geöffnet, obwohl er weiß, daß niemand kommen wird. Er sitzt auf der Terrasse und schaut auf die Bucht. "Es war ein Tag wie heute. Ich war hier oben und habe eine CD angehört - ein Weihnachtslied -, und dann hörte ich so ein Geräusch, wie ein Flugzeug. Ich dachte, der CD-Player wäre kaputt." Was er gehört hatte, war die heranrollende Welle. Er zündet sich eine Marlboro an. "Als ich dann hinunterschaute, sah ich nur noch Wasser - das ganze Ton-Sai-Dorf war überflutet, und ich wußte überhaupt nicht, was passiert war." Schon bald kamen Hunderte Touristen und Einheimische herauf. "Die Leute hatten Angst, und viele haben die Nacht hier oben verbracht." Für das, was George Lee später unten im Dorf gesehen hat, gibt es keine Worte. Er erzählt nur, daß die Antwort auf Fragen nach seinen Freunden immer dieselbe war: "Nein." Doch auch bei ihm überwiegt der Optimismus: "Es ist ja nicht alles kaputt. Im November kommen die Touristen schon zurück." Und mit ihnen die 3000 Bath, die sie bei jedem Sonnenuntergang bei ihm gelassen haben.

Zwei Touristen sind schon jetzt nach Ko Phi Phi zurückgekehrt, ins Holiday Inn. Das Resort hat 77 Bungalows und ist im Januar für gewöhnlich ausgebucht. Jetzt sind Hannelore Goetzin und Manfred Kribus aus Duisburg die einzigen Gäste. Sie wollten nicht auf ihren Urlaub verzichten. "Wir machen seit neun Jahren im Januar hier Urlaub." Sie haben im Holiday Inn angerufen, erfahren, daß dort nichts passiert ist, und einen Linienflug nach Phuket gebucht. Jetzt sitzen sie am Strand und trinken ein Shinga-Bier. Die einzigen Gäste des Hotels sagen: "So allein waren wir im Urlaub noch nie. Statt zu spenden, sollten mehr Leute hierherfahren und Ferien machen. Da haben die Thais und sie selber was davon."

Thailand verzeichnete im letzten Jahr 400000 deutsche Touristen. Mit einer Steigerung von zehn Prozent begann die Hochsaison ab November so gut wie noch nie - bis zum 26. Dezember 2004. Viele Urlauber sind nach der Flut auf die Ferienregionen in Ostthailand ausgewichen, der Westen jedoch wurde seither kaum noch gebucht.

Phuket und Krabi Auf Thailands größter Insel und dem Küstenstreifen der Region Krabi normalisiert sich die Lage zunehmend. Rund 75 Prozent aller Hotels haben bereits wieder geöffnet. Auf Phuket sind nur noch an den Weststränden Patong und Kamala deutliche Spuren der Katastrophe zu sehen.

Ko Phi Phi und Khao Lak In den beiden schwer von der Flut getroffenen Gebieten dauern die Aufräumarbeiten noch an. In Khao Lak wurden fünfzig Hotelanlagen komplett zerstört. Deshalb ist dringend von Reisen dorthin abzuraten. Während europäische Beobachter davon ausgehen, daß sich die Regionen erst in zwei bis drei Jahren erholt haben, betonen die thailändische Tourismusbehörde und Regierungsvertreter, daß bis zur nächsten Hochsaison, die im November 2005 beginnt, beide Destinationen wieder buch- bzw. bereisbar sein sollen.

Flüge Ab Februar nehmen die großen Reiseveranstalter Ziele an der Westküste Thailands wieder in ihr Programm auf. Auch die Chartermaschinen von Condor und LTU fliegen ab 5. beziehungsweise 7. Februar wieder nach Phuket. Direktlinienflüge nach Bangkok bieten Lufthansa und Thai Airways von München und Frankfurt an. Zudem gibt es wöchentlich rund 20 Umsteigeflüge - die Preise beginnen bei ca. 600 Euro. Von Bangkok nach Phuket fliegen wöchentlich rund 40 Maschinen.

Hotels Auch nichtbeschädigte Häuser an der Westküste stehen derzeit fast leer - mitten in der Hauptsaison, in der sie sonst voll ausgebucht sind - und gewähren derzeit hohe Rabatte.
Informationen über wieder geöffnete Hotels und die aktuelle Lage in Thailand unter: www.phuket.com, www.phukettourist.com und www.thailandtourismus.de. asl

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 30.01.2005, Nr. 4 / Seite V1
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