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Sonntag, 12. Februar 2012
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Kárpathos Wir sind die Letzten, wir werden es bleiben

21.05.2008 ·  Grüne Kiefern, weißer Sand, türkisfarbenes Meer, kleine weiße Schaumkronen: Auf der kleinen Ägäis-Insel Kárpathos hat ein Griechenland überlebt, das anderswo längst ausgestorben ist - eine Welt voller Riten, Trachten und Tänze wie in Trance.

Von Ernesto Scagnet
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Aus den Hügeln steigt plötzlich der Klang einer Lyra, rhythmisch und klagend, wild und leidenschaftlich. Irgendwo sitzt jemand vor seinem Haus und spielt. Doch es ist, als würde die Musik in den Steinen geboren, aus dem letzten Tageslicht, aus der Stille. Sie füllt das ganze Tal, schwingt sich bestimmt bis zu den Bergspitzen der Insel Kárpathos und fließt hinunter bis zur Bucht von Pigádia, aber dort wird sie versickern im Lärm des Städtchens.

Von Menetés, dem mittelalterlichen Dorf, sieht man weit über die Ebenen und Buchten des Inselsüdens. Nach Norden versperren Hügel und Berge den Blick, und je weiter man fährt, desto karger wird die Landschaft, desto stiller sind die Dörfer, bis man in Ólympos ankommt, dem mythischen Ort aus einer andern Zeit unter dem Gipfel des Profítis Ilías. Die Olymbiten waren lange abgeschlossen vom Rest der Insel. Sie haben Brauchtum, Musik und Sprache bewahrt, und jetzt, heißt es in den Prospekten, leben sie in einem lebenden Museum. Doch davon wollen sie nichts wissen. Sie gehen bewusst auf einem schmalen Grat zwischen Tradition und Moderne. Sie wollen bewahren, was sich zu bewahren lohnt. Sie reden von Stolz und von Würde. Und sie wissen, dass der Tourismus, der ihnen das Überleben sichert, ihre Eigenart zerstören kann.

Rund um die Insel Strände und kleine Buchten

Im Süden von Kárpathos kämpft kaum einer ums Überleben. Hier landen seit zwanzig Jahren die Flugzeuge aus Deutschland, Österreich, Holland, Skandinavien. Hotels, Restaurants, Banken, Geschäfte sind vor allem in Pigádia konzentriert, dem lebhaften Hauptort der Insel. Massentourismus gibt es trotzdem nicht, vielleicht, weil alles kleinräumig ist, die Insel, die Orte, die Strände - und vielleicht auch, weil Gäste gekommen sind, die nicht bloß die Nacht in der Bar und den Tag am Strand verbringen wollen. Das können sie natürlich tun: Es gibt rund um die Insel Strände und kleine Buchten, die man oft nur zu Fuß oder mit dem Boot erreicht. Ápella auf der Ostseite der Insel ist so ein Strand, von dem man eigentlich nur hinter vorgehaltener Hand reden sollte. Grüne Kiefern, weißer Sand, türkisfarbenes Meer, kleine weiße Schaumkronen. Nein, man sollte nicht mit dem Finger darauf zeigen - wenn Ápella nicht ohnehin in jedem Reiseführer angepriesen würde.

An der Südspitze, gegenüber Kássos, der kleinen Schwesterinsel, gibt es einen der besten Surfspots im ganzen Mittelmeer: guter Strand, regelmäßige Winde, nicht nur im Sommer, wenn der verrückte Meltémi bläst, auch im Frühjahr und im Herbst. Und Kárpathos ist eine Insel für Wanderer. Da und dort sind die Wege neuerdings markiert, irgendwann wird es eine Wanderkarte geben. In der Inselmitte kann man den Kalí Límni besteigen, den höchsten Berg von Kárpathos, 1215 Meter hoch. Ganz im Norden führt ein Weg hoch über dem Meer von Diafáni zum uralten Naturhafen Trístomo. Thymian und Oregano duften, ein Raubvogel kreist, es ist vollkommen still.

Kniegeige, Laute und Dudelsack

Im karpathiotischen Meer leben Delphine und beim Inselchen Saría Mönchsrobben, davon hat man gehört, und man weiß auch, dass Kárpathos die Heimat von Titanen sein soll, dass Prometheus, der Menschenfreund, hier geboren wurde, dass die Insel seit der Jungsteinzeit bewohnt war, dass in der Nähe von Trístomo das antike Vourkoúnda lag. Man weiß, dass Kárpathos viele Völker kommen und gehen sah - Minoer, Dorer, Perser, Römer, Mauren, Osmanen, Italiener, Deutsche - und auch Piraten, bis die Insel zusammen mit dem ganzen Dodekanes 1948 endgültig dem griechischen Mutterland zugeschlagen wurde.

Das alles und viel mehr hat man gehört, hat man gelesen, hat man von Karpathioten erfahren, weil sie einem immer die Geschichte und das Besondere ihrer Insel näherbringen wollen. Sie reden gern von ihrer Heimat, von ihrer kriegerischen Vergangenheit, von der Not, die ihre Vorfahren ertragen mussten unter den wechselnden Eroberern, vom Elend, das die Menschen immer wieder zur Auswanderung zwang, bis der Tourismus die Dinge zum Besseren wandte. Vom kargen Liebreiz reden sie, von der vielfältigen Landschaft, von Bergen und Ebenen, von Stränden und vom Meer. Sorgsamer, viel sorgsamer als anderswo hätten sie die Traditionen bewahrt, sagen sie, Feste, Lieder, Tänze, die karpathiotische Musik mit den alten Instrumenten Lýra, Laúto und Tsamboúna: Kniegeige, Laute und eine Art Dudelsack, gefertigt aus einem Ziegenbalg.

Wege hoch über dem Meer

Auch von den Mantinaden erzählen sie, den fünfzehnsilbigen Zweizeilern. Auf Kreta, Kássos und Kárpathos werden sie bei Hochzeiten, Taufen, Begräbnissen gesungen. Sie entstehen im Augenblick, erzählen von Freude und Trauer und werden nach strengen Regeln fast immer von Männern vorgetragen. Keiner darf sich ungebeten zur Gruppe der Sänger und Musikanten setzen. Er muss eingeladen werden, und es ist gegen die Sitte, dass einer von sich aus das Thema wechselt. In Dörfern, die durch Auswanderer reich geworden sind, in Apéri etwa, kommen der Bräutigam, die Väter, die Freunde mit dicken Dollarbündeln in der Hosentasche zur Hochzeit, und je mehr die Leute weinen müssen über die Verse, die den einzigartigen Sohn und seine unvergleichlichen Taten preisen, desto öfter werden Dollarscheine hervorgeklaubt und den Sängern zugesteckt.

Alles gehört, alles gelesen, und doch begreift man erst jetzt etwas vom Wesen der Insel. Erst jetzt, auf einem Wanderweg hoch über dem karpathiotischen Meer, erahnt man die ungeheure Zeitspanne, in der die Sonne auf diese Felsen gebrannt hat. Erst jetzt kann man sich den zähen Fleiß vorstellen, mit dem die Menschen der Erde ihre Nahrung abgetrotzt haben. Erst jetzt erkennt man die unbändige Schönheit von Wasser, Himmel und Fels. Man sollte so einen Weg gehen, bevor man die Insel und ihre Dörfer zu erkunden beginnt.

Dörfer und ihre Geschichte

Voll von Geschichten sind die Dörfer. Im kleinen Fischerdorf Finíki erfährt man die Geschichte von den sieben kárpathiotischen Helden, die 1944 während einer entsetzlichen Hungersnot nach Ägypten segelten, um Hilfe zu holen. Sie segelten im stürmischen Herbst los mit einer kleinen Barke ohne Instrumente, drei Tage und drei Nächte waren sie auf dem Wasser. Nach sieben Tagen kehrten sie auf zwei britischen Kriegsschiffen mit Essen und Kleidern zurück.

In Óthos lebt der mehr als neunzigjährige Maler und Musiker Ioánnis Chapsís. Er hat ein traditionelles karpathiotisches Wohnzimmer als Ortsmuseum eingerichtet. Ein altes Soúfa steht darin, von unten geheizt, ein Hochbett, das es noch immer in vielen Häusern gibt. Decken und Teppiche hängen an den Wänden, Musikinstrumente, Fotografien. Chapsís ist ein großer Lyraspieler, und er malt. Es sind naive kleine Darstellungen dörflichen Lebens. Man glaubt ihm sofort, wenn er sagt, das alles sei wirklich passiert, der Hund auf dem Bild habe tatsächlich einen Blinden vom Abgrund zurückgerissen, und auf dieser Hochzeit, genau auf dieser, habe man seinerzeit sieben Tage und Nächte lang gefeiert.

Ein Fluchtort vor Piraten

In Messochóri, dem malerischen kleinen Dorf am Fuß des Kalí Límni, sitzt der junge Kostantíno im Kafeníon. Messochóri ist berühmt für seine fruchtbaren Gärten, und es war berühmt für seinen Pinien- und Kiefernwald. Vor vier Jahren ist ein großer Teil des Waldes abgebrannt. Irgendein Idiot hat nicht aufgepasst, sagt Kostantíno. Er lebt seit fünfzehn Jahren in Amerika und kommt im Sommer immer wieder nach Hause zurück. Es war furchtbar, sagt er, die Flammen kamen bis zu den ersten Häusern des Dorfes. Ich bin traurig, sagt er und kickt achtlos seinen glühenden Zigarettenstummel weg.

Doch in Ólympos, dem Bergdorf im Norden, dem Fluchtort vor den Überfällen der Piraten, ist alles anders. Die Olymbiten haben viele hundert Jahre für sich gelebt, Verbindung zum Süden gab es nur auf Saumpfaden oder übers Meer. In ihrer Mundart sind viele dorische Wörter lebendig, und auch in ihrem Aussehen, in ihren Sitten und Bräuchen unterscheiden sie sich von den Karpathioten im Süden. Sie sind ihnen fremd geblieben, sie waren die da im Norden, und manchmal ist es noch immer so. Die Telefon- und Stromleitung wurden erst 1980 ins Dorf gelegt. Die Straße, die diesen Namen nicht verdient, wurde 1979 gebaut und ist seit bald dreißig Jahren nicht wirklich befahrbar.

Leben in Ólympos

Wenn die Touristen am Nachmittag verschwunden sind, ist das Dorf wieder so, wie es immer gewesen ist. Kinder spielen in den Gassen, Männer murmeln vor den Kafenía, aus den Häusern klingen die Stimmen der Frauen, von den steilen Hängen bimmeln die Glocken der Ziegen und Schafe. Der Wind faucht. Ein Hahn kräht. Weit unten schimmert das Meer.

Was wird geschehen, wenn die Straße einmal fertig ist und die Besucher rund um die Uhr das Dorfleben mitbestimmen? Wenn es diese Pause nicht mehr gibt, in der die Leute von Ólympos zu ihrem eigentlichen Rhythmus finden? Werden sie dann noch immer abends in den Kafenía zu den Instrumenten greifen und zu ihrem eigenen Vergnügen die wunderbare Musik von Ólympos spielen? Es ist die Tourismusfalle. Wenn immer mehr Touristen kommen, ist die Lebensart der Olymbiten gefährdet, und wenn die verschwindet, kommen die Touristen vielleicht nicht mehr.

Von Ólympos nach New York

Noch tragen ältere Frauen die Arbeitstracht mit den gestickten Borten, und sie tun es nicht für die Touristen, noch backen sie die mächtigen Laibe ihres kräftigen dunklen Brotes in den Dorfbacköfen. Wenn die älteste Tochter heiratet, die Kanakará, was ungefähr „die Verhätschelte“ bedeutet, bekommt sie nach dem Erbrecht von Ólympos den größten Teil von dem, was die Mutter in die Ehe mitgebracht hat. In Ólympos, sagen die Griechen, wird das Griechische bewahrt. So haben die Griechen vor vielen Jahren gelebt, sagen sie und schauen sich jedes Jahr im Fernsehen die Riten des olymbitischen Osterfestes an, als könnten sie ihnen das ersetzen, was sie selbst verloren haben. Ólympos ist ein Traum von Griechenland, ein Mythos.

Doch Ólympos droht auszusterben. Vor fünfzig Jahren noch haben hier fast zweitausend Leute gelebt; jetzt sind es dreihundert. In der Schule sind zweihundert Kinder unterrichtet worden; jetzt sind es zwanzig. Das Leben ist hart in Ólympos, es gibt wenig Arbeit. Viele Olymbiten sind ausgewandert, nach New York, nach Baltimore. Aber manche von den Jungen wollen nicht weg, und manche kommen zurück. Mike hat die Nase voll von der Großstadt und verkauft jetzt Gewürze. Níkos hat zehn Jahre in New York als Taxifahrer gearbeitet; jetzt führt er mit seiner Frau María ein kleines Hotel und eine Taverne am Dorfplatz. Da sitzen die Männer und warten, bis der Meltémi die allzu kurzen Röcke der fremden Frauen noch höher weht. Manchmal, spotten sie, ist es besser, wenn der Wind nicht bläst.

Tanzen zu Ehren Johannes des Täufers

Es ist eine kleine Rache für das, was sich viele Besucher leisten. Viele Leute haben keinen Respekt, sagt Níkos. Er macht sich Sorgen, und manchmal wird er richtig wütend. Die wissen ganz genau, wohin sie fahren, sagt er, und trotzdem spazieren sie im Bikini durchs Dorf, das Handy in der einen, die Kamera in der anderen Hand: Wo sind die Eingeborenen? Und sieh mal, sie tragen tatsächlich Tracht. Dann kommen sich viele von uns wie Kamerafutter vor, und manche verschwinden in ihren Häusern.

In Vourkoúnda am Nordwestkap der Insel feiern die Leute von Ólympos das Fest von Johannes dem Täufer. In Kesseln dampfen Reis und Fleisch, auf den Tischen steht Retsína. In der Felsenkirche des Täufers brennen die Kerzen. Unter dem gewaltigen Sternenhimmel schwingt die Laúto, schluchzt die Lýra, jubelt die Tsamboúna. Die Frauen tragen ihre wunderbar schimmernden Festtagsgewänder, fassen sich über Kreuz an den Händen und beginnen einen uralten Tanz, der Káto Chóros heißt, langsam, monoton, und es ist, als würden Bilder und Klänge heraufgeschwemmt aus einer vergangenen Zeit. Sie tanzen bis zum Morgengrauen, Männer und Frauen, manche wie in Trance, mit geschlossenen Augen. In dieser Nacht scheint es undenkbar, dass die Kraft, zu bewahren, was zu bewahren sich lohnt, jemals versiegen könnte.

Information: Griechische Zentrale für Fremdenverkehr, Neue Mainzer Straße 22, 60311 Frankfurt, Telefon: 069/2578270, E-Mail: info@gzf-eot.de, Internet: www.gnto.gr und www.karpathos.gr.

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