18.03.2010 · Keine Shopping Malls, keine Fast-Food-Filialen, keine falschen Versprechungen, dafür lauter Originale: In den Badlands im Südosten der kanadischen Provinz Alberta ist nicht alles gut, aber alles echt.
Von Ole HelmhausenDass wir mitten auf der schnurgeraden Route56 nach Stettler nur anhalten, um das endlose Grasland zu fotografieren, will der Frau im verbeulten Truck nicht in den Kopf. Schon von weitem habe sie uns gesehen, sagt sie, und gedacht, da stimmt etwas nicht. Denn wenn es keinen Zaun zu reparieren gäbe, halte hier niemand an. Doch wir können sie beruhigen. Wir haben keine Panne, wir haben bloß Spaß. Die hilfsbereite Seele heißt Stella und ist ein imposantes Cowgirl mit langem Haar und altmodischer Hornbrille. Halb ratlos, halb belustigt, die Ellenbogen schwer auf das heruntergekurbelte Fenster gestützt, verfolgt sie unser Treiben und macht dabei Konversation.
Während wir mit den Objektiven hantieren, erzählt sie uns die Geschichte von ihrem Nachbarn Hank. Hank sei vor zwei Jahren unweit von hier mit der Hand in seinen Mähdrescher geraten. Hier? Wir halten inne. Jep, sagt sie, hier, und nickt über die Motorhaube zum Horizont hinüber. Die Route56 steigt dort einen kleinen Hügel hinauf, auf ihm wächst der einzige Baum weit und breit. Da oben, sagt Stella, habe Hank zweieinhalb Tage gelegen, mit der einen Hand im Mähdrescher, während er mit der anderen versuchte, sein Handy zu erreichen. Dummerweise sei er auf der falschen Seite der Maschine eingeklemmt gewesen, deshalb habe ihn keines der vorbeifahrenden Autos gesehen. Und? Stella macht eine Kunstpause, zweifellos hat sie die Geschichte schon oft erzählt. Am Ende habe Hank sich selbst befreit. „Er hat sich die Hand mit dem Taschenmesser abgesäbelt“, sagt sie triumphierend. Es klingt so, als wolle sie sagen: Schaut her, wir hier draußen, wir sind alle hart im Nehmen!
Die Kathedralen der Prärie
Die Südostecke Albertas ist nicht das Alberta der geschäftigen Großstädte Calgary und Edmonton, nicht das der millionenfach fotografierten Attraktionen Banff und Jasper. Dies sind die Badlands, hügelige Prärie bis hinter den Horizont, sparsame Landschaft, dünn oder gar nicht besiedelt, mit hineingestanzten Cañons und „Coulées“ genannten, meist ausgetrockneten Flussbetten. Die Badlands sind für die ersten Siedler im Wortsinne schlechtes Land geswesen, weil es hier nichts zu holen gab. Und seine Rinnen erlebt der Autofahrer von heute als tiefe, sich unvermittelt öffnende Löcher in einer Welt, die flach wie eine Scheibe ist, am Ende aber, weil nichts den Blick auf die Erdkrümmung verstellt, doch noch unmerklich rund wird. Die Menschen hier sind Insulaner in einem Meer aus Gras, mit den Insignien ihres Standes tief in der Stirn – Rancher und Cowboys tragen Stetsons, Farmer, Trucker und die Angestellten der Alberta Irrigation Projects Association Baseballmützen. Gelebt wird in verlorenen Käffern, vor denen Getreidesilos, die vielbesungenen „Kathedralen der Prärie“, Wache schieben. Die Badlands sind keine Mogelpackung, sondern eine ehrliche Haut. Wie heißt es hier so schön? „What you see is what you get.“
Touristen sind selten hier, sie fliegen immer drüber weg. Von den Cypress Hills auf der Grenze zu Saskatchewan bis zu Kanadas Boomtown Calgary, vom Milk River kurz vor Montana bis nach Red Deer im Norden: So selten ist unsereins hier, dass Einheimische sich aufrichtig um unser Wohlbefinden sorgen. Wenn uns das hier gefällt, sagt Stella und macht dabei eine vage Handbewegung Richung Nirgendwo, müssen wir unbedingt in Rowley vorbeischauen, da sei heute abend „Pizza Night“. Gesagt, getan: Am Ende des Tages rollen wir durch eine Geisterstadt wie aus „High Noon“. Außer Gary Cooper ist alles da, die Main Street, die falschen Fassaden, überraschend gut erhaltene Frontierarchitektur. Vor hundert Jahren war Rowley eine typische Train Town, eine Eisenbahnstadt, in der sich die Farmer und Rancher der Umgebung trafen, um Vorräte zu kaufen und Vieh und Getreide zu verladen. Dann aber, es war nach dem Zweiten Weltkrieg, begann der Verkehr nach und nach an Rowley vorbeizufließen. Die Silos am Stadtrand verwaisten, eine Familie nach der anderen zog fort. Die letzte Schule schloss 1965, der Bahnhof ebenso, und 1973 gab auch der General Store auf.
Pizza, Bier und Country-Musik
Ganz tot ist „Rowley, Population: 6“ jedoch nicht. Stur trotzen ein halbes Dutzend Einwohner den Zeitläuften. Gemeinsam mit heimwehkranken Fortgezogenen begannen sie irgendwann damit, an jedem letzten Samstag im Monat Pizza zu backen. Im Laufe der Zeit entwickelte sich daraus die „Pizza Night“, eine Mischung aus Gemeindefest, Party und Familientreff für die ganze Region. Der Erlös fließt in die Instandhaltung der leerstehenden Häuser. Wir parken vor der alten Bank, schlendern an ein paar mit Luftgewehren auf Blechdosen schießenden Kindern vorbei, und geben in der zur Pizzabäckerei umfunktionierten Gemeindehalle unsere Bestellung auf. Danach gehen wir ins „Sam’s“ hinüber, einen echten Schwingtüren-Saloon mit niedriger Decke, Elchköpfen an den Wänden und Sägespänen auf dem Boden. „Sam’s“ ist rappelvoll, aus den Lautsprechern dudelt Countrymusic. Überall sonst in Nordamerika würden Jugendschutzverordnungen greifen. Hier nicht: Männer und Frauen in karierten Hemden stehen und sitzen bei Pizza und Bier der Marke Big Rock, zwischen den Tischen flitzen Kinder hin und her, die Theke ist im Besitz junger Mütter mit Babys. Alle stammen aus Rowley, alle hoffen, irgendwann zurückzukehren. „Keine hier lebt gern in Drumheller“, sagt eine Frau und erzählt vom Alltag in „the city“. Drumheller, muss man wissen, ist der größte Ort der Badlands und gilt mit achttausend Einwohnern als Großstadt. „Dort kennt man die Nachbarn nicht, weiß manchmal nicht, was die Kinder gerade so treiben, niemand grüßt.“ Hier hingegen kennt jeder jeden, die Stimmung ist freundlich und aufgekratzt.
Andertags unternehmen wir einen Selbstversuch: Eine Stunde lang zuckeln wir im Fußgängertempo über die Route585, so langsam wie vor hundertzwanzig Jahren die Ochsenkarren der Pioniere. Das hätten wir nicht tun dürfen. Das Haus, der Silo, der Baum, kein einziges der den Horizont punktierenden Objekte will näher kommen. Dem Drang, das Experiment abzubrechen, müssen wir schon nach fünf Minuten zum ersten Mal widerstehen. Wir sind es nicht mehr gewohnt, dass einfach nichts passiert. Noch mindestens ein Dutzend Mal sind wir drauf und dran, wieder aufs Gaspedal zu steigen. Wir trommeln auf dem Armaturenbrett herum, spielen mit dem Radio, rutschen in den Sitzen herum. Tempo fünf zerrt an den Nerven. Und plötzlich ist die Vorstellung, auf einem Ochsenkarren durch die Badlands zu schaukeln, gar nicht mehr romantisch.
Nehmt euch vor den Hoodoos in Acht!
Doch sonst fahren wir durch dieses Patchwork aus Raps- und Weizenfeldern ziemlich schnell. Viel zu schnell, um ehrlich zu sein, aber wer guckt auf solch leeren Straßen schon ständig auf den Tacho? Die Abzweigung zum Dry Island Buffalo Jump Provincial Park verpassen wir deshalb um ein Haar. Zehn Minuten später passiert es: Vor uns schmiert die Welt plötzlich ab. An einem Schild steigen wir aus. Bevor sie Pferde hatten, steht da geschrieben, trieben Cree-Indianer hier Büffelherden über die Kante. Wir treten näher und blicken in einen zweihundert Meter tiefen Cañon. Keine Absperrung, kein Zaun schützt uns vor uns. Ein Parkplatz für eine Handvoll Autos versucht glauben zu machen, dass sich mehrere Besucher zugleich hierher verirren. Unten mäandert der Red Deer River durch eine erodierte Landschaft aus Hoodoos und lichten Cottonwood-Wäldern nach Süden, auf der anderen Seite schützt der Namensgeber, eine inselartige Mesa, Fragmente ursprünglicher Prärie. Ein lauer Wind streicht durch das Gras, sonst rührt sich nichts.
Nach ein paar Tagen denken wir immer langsamer, immer weniger. Irgendwann schaltet das Hirn automatisch auf Stand-by. Drüben in Amerika sagen sie „Empty your cup“ dazu. Auf einer Anhöhe im Writing-on-Stone Provincial Park gelingt uns das besonders gut. Wir werfen uns ins Gras und genießen den Blick über Cañons, Hoodoos und offene Prärie hinweg auf die zweitausend Meter hohen Sweetgrass Hills, die schon in Montana liegen. Adler kreisen am Himmel, in unserem Rücken äsen Pronghorn-Antilopen. Niemand ist da, der uns der Exklusivität dieses Moments berauben würde. Auch die anderen Sehenswürdigkeiten der Badlands brauchen wir kaum mit Besuchern zu teilen. Im Dinosaur Provincial Park, immerhin von der Unesco geadelt, weil hier massenhaft bis dahin unbekannte Dinosaurierfossilien aus den Sedimentschichten gekratzt wurden, nehmen wir ein paar der phantastischen Wanderwege durch die Wildwest-Cañons unter die Stiefel. Alles, was wir in dieser urweltlichen Kulisse hören, ist der eigene Pulsschlag. Arbeit? Beruf? Welcher Beruf?
Miese Laune wegen Zahnschmerzen
Kein Gegenverkehr, kein Sonntagsfahrer und keine Psychopathen, die einem am Heck kleben. Es gibt auch keine McDonald’s und Shopping Malls. In den Badlands gibt es nur Originale. Auch die Unterkünfte sind nicht von der Stange. In Coutts, einem von einem hohen Zaun mit Wachtürmen zweigeteilten Nest an der kanadisch-amerikanischen Grenze, sind wir die einzigen menschlichen Gäste in einer von Pferden und Hunden wimmelnden Tierpension. Im Saloon des Patricia Hotel in Patricia braten wir unsere Steaks selbst, im St.Ann Ranch Country Inn hören wir von den Eskapaden der französischen Stadtgründer. Den Vogel schießt Wayne ab. „Population then: 2490. Now: 27“, verkündet das Schild am Ortsrand. Oder warnt es? Wayne ist ein Nest vierzehn Kilometer südöstlich von Drumheller im engen Rosebud River Canyon. Auch Wayne ist also noch nicht ganz tot. Ob die Einschusslöcher im Last Chance Saloon noch zu sehen sind, wollten wir eigentlich fragen. Doch Fred Dayman, der Besitzer des Rosedeer Hotel, hat miese Laune, Zahnschmerzen sind schuld.
Heute ist er ein ungekämmter Grobian in grauem Hausmeisterkittel. Als Hotelbesitzer müsste er uns eigentlich mit offenen Armen empfangen. Stattdessen blockiert er den Korridor zum Saloon mit verschränkten Armen und starrt uns herausfordernd an. Die Einschusslöcher, Mr.Dayman, versuchen wir es noch einmal, von Lawrence Wilson, der hat doch in den sechziger Jahren hier im Saloon gearbeitet, jedenfalls hat man uns das unterwegs erzählt, und mit seiner 45er soll er Löcher in die Decke geschossen haben, wenn seine Kunden nicht zahlen wollten. Dayman kneift die Augen zusammen und mustert uns von oben bis unten. Dann rümpft er die Nase und zieht die Schultern hoch. Stand-off. Was jetzt?
Gute Nacht ohne Gespenster
Auftritt Cherry, in Badeschlappen. An einem historischen Airway-Staubsauger hängend, das Timing ist glänzend, kommt sie um die Ecke. „Die haben gebucht, Fred, lass’ mich das machen“, schreit sie über den Lärm der Höllenmaschine. Dann bringt sie das gute Stück mit einem Fußtritt zum Schweigen und schlurft hinter die Rezeption. „Ihr seid die einzigen Gäste“, verkündet sie, „sucht euch oben ein Zimmer aus.“ Gehorsam schleifen wir die Koffer die steile Treppe hinauf. „Kleiner Tipp, wenn ihr ruhig schlafen wollt“, hören wir sie noch rufen. „Nehmt eines der vorderen Zimmer. Weiter hinten spukt es, da haben sie während der Depression einen Gewerkschafter umgelegt.“ Während der Nacht bleibt der Geist des armen Kerls, wo er ist. In unseren alten Gitterbetten schlafen wir tief und fest.
Anreise: Am besten über Calgary, tägliche Flüge zum Beispiel mit Lufthansa, dann weiter mit dem Mietwagen.
Unterkünfte: Rosedeer Hotel & Last Chance Saloon, Wayne, Telefon: 001/403/8239189. Früher schliefen und tranken hier die in den nahen Kohlebergwerken schuftenden Bergleute; St. Ann Ranch Country Inn, Trochu, Telefon: 001/403/4423924. Hübsches, von den Nachfahren der franzöischen Stadtgründer betriebenes Anwesen unweit Rowley; Patricia Hotel, Patricia, Tel.: 001/403/3784647, www.thepatriciahotel.ca. Altes Frontierhotel unweit Dinosaur Provincial Park, im „Steak Pit“ grillen Gäste ihre Steaks selbst; Horse 'n' Hound Hotel, Coutts, Telefon: 001/403/3442553, www.couttscrossing.com. Einfache Unterkunft an der Grenze nach Montana. Pferdebesitzer warten hier, bis ihre Tiere die in den Vereinigten Staaen vorgeschriebenen Impfungen bekommen haben.
Touristische Auskünfte: im Internet unter www.canadianbadlands.com.